Leitkultur: Gewissens und Glaubensfreiheit

Weiter in meiner Reihe zum Grundgesetz.  Der Artikel 4 behandelt die Gewissens und Glaubensfreiheit.  Es gilt, was bereits zur Freiheit des Artikel 2 gesagt wurde:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
Die Väter des Grundgesetzes hatten dabei noch den Kirchenkampf in lebhaftem Gedächtnis. In der Zeit des Nationalsozialismus war diese Gewissensfreiheit bedroht. Aber auch Kulturkampf hatte Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Die heutige Problemlage mit einem Erstarken des Islams in Europa hatten die Väter des Grundgesetzes nicht gerechnet. Gelten die Grundsätze unabhängig davon auch für den Islam in allen seinen Spielarten?

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Wovon reden Menschen, wenn sie von Gott reden?

Ist die Frage nach Gott noch zeitgemäß? Unter dem obigen Titel hat Dushan Wegner eine interessante Diskussion angestoßen. Ich fand es so spannend, über den Tellerrand des Artikels und der Antworten etwas vertiefter der Frage nachzugehen. Das Besondere an Wegners Artikel ist, dass er im Eingangsstatement alles offen ließ, sogar seine eigene Meinung zum Thema. Er hat die  atheistische Position dahin relativiert, dass er jenen oftmals eine fragwürdige Haltung unterstellte:

Was manche Städter für „Atheismus“ halten, scheint mir mehr eine Ablenkung auf hohem Niveau zu sein. Zeigen Sie mir doch einen glücklichen Atheisten, der seinen Atheismus nicht durch Unterhaltung, Konsum, diverse Abhängigkeiten (heute z.B. Smartphones) und Dauer-Kultur-Berieselung täglich neu am Leben halten muss!

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Kränkungen der Menschheit

Sigmund Freud behauptete, dass die Wissenschaften geeignet sind, den Menschen narzistische Kränkungen zuzufügen.

In seiner Arbeit „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ aus dem Jahre 1917 stellt Freud die Widerstände dar, die der von ihm entwickelten Psychoanalyse seiner Auffassung nach entgegenstehen, bevor sie allgemein anerkannt werde. Wie jede wissenschaftliche Neuerung müsse sie sich gegen das etablierte Denken durchsetzen. Aber der „größere Anteil rührt davon her, daß durch den Inhalt der Lehre starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind.

Hmmm … allerdings kann man auch vermuten, dass Freud begründete Kritik als emotional bedingt zu denunzieren versucht. Es ist darum genauer zu prüfen, wie stichhaltig seine Argumente sind, mit der er seine These begründet. Denn es erscheint zwar einsichtig, dass es emotionale Gründe zu einer Ablehnung einer missliebigen Theorie geben kann, aber daraus folgt nicht, dass jede Ablehnung einer These auch emotionale Gründe haben muss. Im Besonderen wurde die These Freuds als ein generelles Deutungsschema vielfältig und unkritisch zitiert, unter Anderem bei Richard Dawkins in ‚Der Gotteswahn‘. „Kränkungen der Menschheit“ weiterlesen

Islamophobie und Islamkritik

Ein Neologismus hat virale Verbreitung gefunden. Der Begriff Islamophobie  ist klar negativ konnotiert.  Offensichtlich meint er dass der Islam als weltanschauliche Lehre und seine realen Erscheinungsformen bedrohlich und angsterzeugend sei. In Wirklichkeit sei dies aber sachlich unbegründet, denn eine generelle Bedrohungslage existiere nicht. Eine Phobie ist, z.B. eine Klaustrophobie, eine panische Angst vor geschlossenen Räumen, von denen ja auch keine reale Gefahr ausgeht.

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Du sollst lieben!

Die Lehre von Jesus fokussiert sich gemäß der Evangelien auf das Doppelgebot der Liebe – hier nach Markus 12:

Welches ist das höchste Gebot von allen?
29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5. Mose 6,4-5).
31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
Es ist kein christliche Erfindung, denn der Bezug zum Tanach ist offensichtlich. Aber was heißt das und wie ist denn die Umsetzung zu verstehen?
Manche sehen die Liebe als das höchste Ideal und messen ihr Denken und Tun an eben jener Forderung. Andere verstehen es als aktiven Imperativ – und kritisieren diesen.

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Leitkultur: Gleichheit oder Gleichberechtigung

Weiter in meiner Reihe zum Grundgesetz: Der Artikel 3 behandelt die Gleichberechtigung.


(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
Damit sind jedoch nicht Menschen unterschiedlicher Bürgerschaft gleichgestellt – Ausländer haben kein Wahlrecht. Auch gelten für Kinder andere Rechte als für Erwachsene. Darum geht es hier nicht, sondern um die grundsätzliche Gleichheit der Menschen. Aber ab wann ist jemand Mensch? Der lebend geborene Säugling sicherlich – aber was ist mit dem ungeborenen Menschen? Gelten jenem auch die Rechte? Was ist mit Dementen oder Komatösen? Hier besteht offensichtlich Auslegungsbedarf. Oder gilt das empfindende Tier – z.B. Schimpanse – auch als Mensch? Wenn nein, warum nicht? Oder von möglichen Cyber-Persönlichkeiten, die vielleicht ein menschenähnliches Bewusstsein tragen könnten? Es bedarf der Kriterien des Menschseins, um gerade auch in Grenzfragen belastbare Urteile zu sprechen.

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Unzulänglichkeit

Ein Kennzeichen des Lebens schlechthin, und damit auch der Erfahrung jedes Einzelnen, ist die Unzulänglichkeit. Einerseits ist es die absolute Wissensgrenze, dass es eben nicht zu erwarten sei, alle Geheimnisse des Lebens völlig erforschen zu können. Dann die relative Wissensgrenze, denn das aktuell verfügbare Wissen der Menschheit bleibt weit deutlicher begrenzt – auch wenn man noch erheblich mehr wissen könnte. Schließlich aber weiß kein lebender Mensch im Wesentlichen das, was im gesamten Menschheitswissen vorhanden ist, und die meisten Menschen wissen, dass sie weit weniger wissen, als eben gebildetere Leute wissen. Es ist somit von der Erkenntnis der Unzulänglichkeit auszugehen.

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Erstaunlich selbstverständlich … Erwählung?

Über viele Dinge denkt man gewöhnlich nicht nach. Man hält es für selbstverständlich, dass die Welt ist, was sie ist, oder das man selbst überhaupt existiert.

Warum aber ist überhaupt irgend etwas, und nicht nichts? Ein populärer Ansatz heute ist der Gedanke: Wenn ich nicht wäre, könnte ich diesen Gedanken auch nicht denken. Also wäre die eigen Existenz selbsterklärend. Ist sie aber nicht. Denn es ist nur die Tautologie, die die eigene Existenz anhand der Reflektion im Sinne Descartes erkennt: cogito ergo sum.

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Hybris und Demut

… eine Wahl zwischen Pest und Cholera? Hybris, die Überheblichkeit und Hochmut, galt seit je her als verwerflich. Nicht nur die Bibel hält diese für eine schlimme Sünde, sondern allgemein gilt sie als abstoßende Untugend und Charakterschwäche. Arroganz heißt der Verwandte der Hybris. Allerdings relativiert sich das harsche Urteil in der Praxis, wenn man dem Erfolgreichen den Respekt zollt. So mancher Erfolg aber gründete sich auf Anmaßung, die durch das Motto ‚Frechheit siegt‘ überhaupt erst den Triumph feiern konnte. Und mit der Demut ist es auch nicht besser bestellt.

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Gotteserkenntnis: Der selbe Gott … ?

Monotheistische Religionen behaupten allesamt, dass es nur einen Gott gäbe. Immerhin kann man von philosophischer Seite auf Aristoteles verweisen, der ja zum gleichen Ergebnis kam. Oder auf das Prinzip ‚Occams Razor‘, das eine nicht notwendige Multiplizierung von Entitäten ablehnt. Abgesehen von der Ansicht, dass es keinen Gott gäbe, hat dieser Gedanke etwas bestechendes. Ist es darum notwendig der gleiche Gott, dem sich die verschiedenen Lehren von unterschiedlicher Seite nahen?

Und sind darum alle Versuche, sich jenem Gott zu nahen, wenngleich auch kulturell unterschiedlich bedingt, grundsätzlich gleichwertig? Lessings Ringparabel sagt ja genau das aus. Allerdings gibt es den Unterschied zwischen Identität und Abbild. Denn vorausgesetzt, dass es jenen einen Gott tatsächlich gibt, bleibt es möglich, sich  ein Abbild zu machen, dass diesen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Unter dieser Prämisse wäre es nichts sagend, wenn man vom gleichen Gott spräche.

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