Kränkungen der Menschheit

Sigmund Freud behauptete, dass die Wissenschaften geeignet sind, den Menschen narzistische Kränkungen zuzufügen.

In seiner Arbeit „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ aus dem Jahre 1917 stellt Freud die Widerstände dar, die der von ihm entwickelten Psychoanalyse seiner Auffassung nach entgegenstehen, bevor sie allgemein anerkannt werde. Wie jede wissenschaftliche Neuerung müsse sie sich gegen das etablierte Denken durchsetzen. Aber der „größere Anteil rührt davon her, daß durch den Inhalt der Lehre starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind.

Hmmm … allerdings kann man auch vermuten, dass Freud begründete Kritik als emotional bedingt zu denunzieren versucht. Es ist darum genauer zu prüfen, wie stichhaltig seine Argumente sind, mit der er seine These begründet. Denn es erscheint zwar einsichtig, dass es emotionale Gründe zu einer Ablehnung einer missliebigen Theorie geben kann, aber daraus folgt nicht, dass jede Ablehnung einer These auch emotionale Gründe haben muss. Im Besonderen wurde die These Freuds als ein generelles Deutungsschema vielfältig und unkritisch zitiert, unter Anderem bei Richard Dawkins in ‚Der Gotteswahn‘.

Freud nennt drei große Einschnitte, die der naive Narzissmus des menschlichen Bewusstseins durch den historischen Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis erlitten habe:

  1. Die kosmologische Kränkung: Die erste Erschütterung sei die mit dem Namen Kopernikus verknüpfte Entdeckung gewesen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist (vgl. Kopernikanische Wende).

Victor Frankl hält das Argument für äußerst schwach. Denn auch Freud selbst lebte nicht im Wiener Zentralbezirk, sondern in einer Vorstadt. Der Mensch, auch der Gebildete, verstand sich stets als einem sozialen System untergeordnet. Nie musste eine Zentralstellung geographisch begründet werden. Dass das geozentrische Weltbild bis Kopernikus und Galilei ein Standard unter den Gebildeten war, hatte für das breite Volk wohl eher untergeordnete Rolle. Lediglich die Orientierungsfunktion, die ein wie auch immer geartetes Weltbild liefert, führt im konservativen Denken eher zu einem Beharren an liebgewonnenen Vorstellungen. Wenn man als narzistische Kränkung verstehen will, sein Weltbild zu revidieren, dann mag es durch allerlei Gründe immer wieder derartige ‚Kränkungen‘ geben. Letztlich ist die Begegnung mit Menschen anderer Philosophie oder Religion, die durch ihr schieres Anders-Sein oder Anders-Denken das eigene Weltbild in Frage stellen, viel mehr und spürbarer Objekt einer solchen Kränkung.

Die kopernikanische Wende als Großereignis in der innerpsychischen Verfassung zu stilisieren, halte ich für reichlich überzogen.

2. Die biologische Kränkung: Die zweite Kränkung lag in der Entdeckung, dass der Mensch aus der Tierreihe hervorgegangen ist (Charles Darwin und andere).

Man ist geneigt, auch das als überzogen zu verstehen, denn nach der tradierten biblischen Lehre wurde der Mensch aus Staub gemacht. Seine Würde erhielt er als Schöpfung Gottes. Für das Selbstverständnis des Menschen ist darum weniger bedeutsam, ob er direkt aus Staub gemacht sei, oder ob es tierische Zwischenformen gab. Bedeutsam ist vielmehr, ob der Mensch von Gott geschaffen und damit gewollt sei, und dann spielt das Wie keine besondere Rolle. Die Evolutionstheorie behauptet zwar Zufall und Notwendigkeit reichten aus, um die Vielfalt des Lebens und die Existenz des Menschen zu erklären, aber ein schlüssiger Beweis wurde hier noch nicht erbracht. Aber selbst wenn es eine hinreichende Erläuterung wäre, ist damit noch immer ungeklärt, ob sie auch zutraf.

Auch unter Kenntnis der Evolutionsbiologie gibt es einen großen Anteil der Menschen, die sich nach wie vor als Schöpfung Gottes verstehen. Nur über das Wie gab es veränderte Ansichten, und das reicht für eine große Kränkung nicht aus.

Die psychologische Kränkung: Die dritte Kränkung sei die von ihm entwickelte Libidotheorie des Unbewussten; ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens entziehe sich der Kenntnis und der Herrschaft des bewussten Willens. Die Psychoanalyse konfrontiere das Bewusstsein mit der peinlichen Einsicht, (…) daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.

Und da liegt wohl das Motiv für die These Freuds: Er will einen besonderen Rang seiner Lehre herausstellen und bedient sich der Assoziation als fadenscheinige Methode. Selbst Wikipedia fällt das auf.

Freud stellt seine Lehre des Unbewussten damit in einen Kontext mit den wissenschaftsgeschichtlich umwälzenden Theorien Kopernikus‘ und Darwins.

Es ist vermutlich eher ein narzistischer Akt Freuds, eine derartige Theorie zu präsentieren. Tatsächlich gehörte das Unvermögen, stets ein Leben selbstbestimmt nach eigenem Wollen zu führen oft an seine Grenzen stößt, seit Jahrtausenden zum Grundwissen der Menschheit:

Paulus in Römer 7

19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
21 So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an.

Später findet sich allerlei Dämonenglauben uvm. Wie kommt Freud dann darauf, dass es eine bemerkenswerten Kränkung gleich käme wenn anstelle von Dämonen oder der im Menschen innewohnende Sünde nun die Libido und das Unbewusste sei. Gibt er den Dämonen nicht einen neuen Namen? Der begriff der Dämonen taucht früher als die Vorstellung auf, unsichtbare Wesen entfalten eine schädliche Wrung auf die Menschen. In neuerer Zeit – und meist in der Literatur – werden diese aber überwiegend abstrakt gedacht. Innerpsychische Befindlichkeiten der Massenpsychologische – soziologische Trends werden durch den Begriff symbolisiert. Nicht wenige interpretierten die Theses Freuds völlig konsistent mit den biblischen Texten. Eine Kränkung, gar der Menschheit, ist da nicht auszumachen.

Menschheit als Abstraktum

Verblüffend ist auch der Gebrauch des Begriffes Menschheit als konkrete Einheit bei Freud und anderen. Kann man die Menschheit kränken? Und … was ist die Menschheit überhaupt, und wer kann für sie sprechen?

Wenn man sich der Vielfalt der Menschen und Kulturen bewusst wird, die eben die Menschheit ausmachen, erscheint es überheblich und anmaßend, über die Kränkungen der Menschheit Aussagen machen zu wollen. Es wirkt eher skurril, wenn man der Mehrheit der Menschen, die weder ein geozentrisches Weltbild als Identifikationsfigur kannten, noch die kopernikanische Wende als irgend ein wichtigen Einschnitt ansehen können, eine Kränkung zu unterstellen. Wenn es gewisse Kreise Gebildeter zu einer Epoche in einer Kultur gab, die durch den Wandel im Denken herausgefordert war, so bleibt es eine seltsame Ferndiagnose, dies als Kränkung zu bezeichnen. Bestenfalls kann man eine Kritik des Zeitgeistes, der aber nur kulturspezifisch identifiziert werden kann, mit derartigen Attributen belegen. Aber auch jene Interpreten von gesellschaftlichen Trends bleiben in der Regel auf dünnem Eis. Keine sozialwissenschaftliche Forschung kann jenen Zeitgeist sicher einfangen. Auch jene Aussagen zum Zeitgeist stellen unentrinnbar Deutungsversuche unter Vorbehalt dar.

Allerdings findet sich der Begriff der Menschheit vermehrt gerade auch im Zeitgeist. Immer mehr Menschen sehen jenes Wohl und Wehe der Menschheit als Ganzes im Fokus. Ob es sich um globale Bedrohungen wie einen Atomkrieg handelt, globale Umweltverschmutzung oder Klimawandel, Großkatastrophen oder evolutionäre Trends … Die Menschheit wird zum Objekt von Denkfiguren. Es ist fortan nicht mehr von zentraler und exklusiver Bedeutung, ob das eigene Leben, dass der Familie und Nachkommen, der Sippe oder des Volkes bestand hat, sondern nichts geringeres als die Menschheit wird zur Identifikationsfigur. Dieser Trend ist vor allem erst seit der Mitte des letzten Jahrhunderts sehr stark geworden.

Auch wenn Religionen und Philosophen die Menschheit als Ganzes adressierten, so blieb das konkrete Denken der Menschen im Allgemeinen doch sehr lokal. Zu Zeiten Freuds musste die Menschheit doch allzu abstrakt erscheinen – vermutlich hatte sein eurozentristisches Denken noch nicht wirklich den Schock erkannt, dass es völlig andere Kulturen gab. Vermutlich ist der Begriff der Menschheit bei Freud eher eine Projektion seines Menschenbildes auf alle andere Menschen und Kulturen. Um so erstaunlicher, dass es viele Epigonen gibt, die in jenen angeblichen Kränkungen der Menschheit eine gültige Aussage sehen, die gar selbst-evident sei und darum auch in das eigene Selbstverständnis Eingang fand.

Erst mit der modernen Kommunikationstechnik werden globale Ereignisse greifbar. Hungersnöte oder Katastrophen am anderen Ende der Welt wirken zuweilen auch auf unser Leben mit Macht. Globale Bedrohungen können tatsächlich auch die Menschheit als Ganzes treffen. Aber inwieweit ist das nun eine Selbstverständlichkeit, die zu Recht auch unser Denken und Fühlen prägt? Historisch war die Menschheit nie mehr als eine Projektionsfläche des eigenen Denkens. Eine Verantwortung für andere Menschen jenseits der eigenen Einflusssphäre wurde nicht wirklich empfunden – und kann auch schwerlich gerechtfertigt werden.

Im Sinne der Ökoideologie der Nachhaltigkeit wird aber immer stärker propagiert, dass alles, was wir tun, globalgalaktische Auswirkungen hat. So sollte der Gebrauch von Plastiktüten moralisch verwerflich sein, denn diese würden ja letztlich zu Müll, der dann die Weltozeane nachhaltig schädigt, damit auch die Erde und die Menschheit. Unwichtig wird dann, dass es in Deutschland ein funktionierende Abfallwirtschaft einschließlich Recycling gibt, die wirksam verhindert, dass deutsche Plastiktüten die Ozeane verseuchen. Rationalität ist dann auch nicht mehr wichtig, wenn man doch den großen Erzählungen und Bilden folgen kann.

Zur Zeit ist das Thema der Klimaerwärmung immer wieder ein vermeintlicher Problembereich, der die ganze Menschheit betrifft. Durch Energieverbrauch, Heizen und Mobilität, ja auch durch Nahrungsgenuss und Atmen, führt jedes Menschenleben zu einer CO2-Emission. Diese würde sich aufsummiert zu einem Steigen der CO2-Emission in der Atmosphäre führen, welches das Weltklima in katastrophaler Weise erwärmt. Auch an dieser Erzählung sind viele sachliche Fragen zu stellen und die Logik dahinter zu bezweifeln, aber die entsprechenden Interessenvertreter haben es geschafft, dieses Bild in den Köpfen vieler Menschen zu verankern. Und damit ist die Menschheit als Identifikationspunkt des eigenen Denkens gesetzt.

Als Gegenmodell kann man sich die Frage stellen, was es denn bedeuten würde, wenn wir wüssten, dass in 100 Jahren ein Meteorit alles Leben auf der Erde vollständig zerstören würde. Würde es entsetzen auslösen? Immerhin wüssten wir, dass wir selbst bis dahin schon tot sind und vermutlich auch unsere Kinder und bereits geborenen Enkel. Dennoch würde die Kenntnis eines jenen Endes vermutlich unser Denken und Leben jetzt schon verändern.

Die Erwartung des Weltendes ist aber in vielen Kulturen und Religionen verankert. Manche glauben, dass es sehr schnell hereinbrechen kann. Dass uns das sichere Ende der Welt in 100 Jahren aber dennoch massiv beeinflussen kann, zeigt, dass sich unsere aktuelle Kultur und Zeitgeist auf eine lange Entwicklung zum Guten hin ausrichtet. Ewigkeitshoffnungen und Jenseitsorientierung  sind weniger prägend. Stattdessen wird eine art positive säkulare Entwicklung erhofft. Die Menschheit und die Zukunft werden Projektionsfiguren des jeweils eigenen Denkens.

 

 

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