Gerechtigkeit, Gott und das Glück

Wer von Gerechtigkeit spricht meint heute ein Empfinden, dass allen Menschen gleiche Chancen zuspricht und Regeln, deren Verletzung einer Ahndung oder ‚Heilung‘ bedürfen. Dennoch bleibt unklar, ob dieses Empfinden ein Gewordenes und damit Kulturrelatives bleibt, oder ob es an das Absolute heranreicht. Früher sprach man von den Universalien: Gibt es die Gerechtigkeit, die Liebe, das Glück, die Freiheit etc. überhaupt? … oder ist es nur ein Attribut, eine Zuschreibung. Würde es die Gerechtigkeit als Absolutes nicht geben, so bliebe sie willkürlich und verfügbar. Jeder, der im Namen der Gerechtigkeit oder der Freiheit irgendetwas fordert, hätte nicht nur einen leeren Satz produziert, sondern man könnte jenem Irrelevanz unterstellen, weil ja sein Gegenüber eben ein anderes Empfinden habe … und was mache dann des Einen Empfindung gegenüber des Anderen vorzüglich?

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Der Wille zu Glauben

Willst du Glauben oder nicht? Willst du, aber kannst du nicht? Überraschende Fragen, denn Glaube ist für mich weniger eine Frage von Gefühl und Fähigkeit, sondern von Überzeugung und Entscheidung. Wir wissen weit weniger, als wir es gerne hätten, und dennoch gehen wir quasi von Gewissheiten aus. Reines Wunschdenken, wenn es als solches erkannt wird, kann nicht funktionieren: Wer will sich schon selbst betrügen?

Da, wo eine tiefe Überzeugung, z.B. wegen Erfahrungen, fehlt, steckt die Frage des Glaubens in einem Denkraum: Glauben kann man nur, was man zumindest für möglich hält. Unter Ungewissheit trifft man dann die Entscheidung, ob man sein Vertrauen auf das Geglaubte setzen will. Selbstverständlichkeiten sind dagegen weniger ein Maß des Glaubens. Denn das, was selbstverständlich erscheint, ist oft nur geprägte Meinung und Gewohnheit. Auch Plausibilitäten alleine können oft keine hinreichende Gewissheit verschaffen, die einer Überprüfung stand hält. Letztlich ist Vieles eine Frage des Glaubens. Die Adaption vermeintlicher Selbstverständlichkeiten, die letztlich schwach begründet sind, können zwar auch geglaubt werden, aber warum?

William James veröffentlichte 1896 ein religionsphilosophisches Essay mit dem Titel The Will to Believe. Das englische Original ist leider nur über ein VPN erreichbar, z.B. über den Opera Browser. Einige Aspekte daraus lohnen eine nähere Betrachtung.

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Einheit und Vielfalt der Christen

DAS Christentum … gibt es das überhaupt? Wo doch die Christen so unterschiedlich sind? Und wie kann man diese überhaupt fassen? Offensichtlich gibt es Gemeinsamkeiten, die sie von anderen, namentlich Buddhisten, Muslimen oder Atheisten unterscheiden, aber was macht diese Kategorie wirklich aus? Zunächst aber vom Ziel und Sinn einer Kategorienbildung: Zu welchem Zweck will ich diese Kategorie überhaupt nutzen? Geht es darum, ein historisches Urteil zu bilden, eine geistesgeschichtliche Strömung zu beschreiben, den Glauben von einer Gruppe von Menschen diskutieren?

Zunächst einmal hat sich die frühe Kirche mit dem Problem der Identifikation in Abgrenzung von Sekten und stark abweichenden Lehrmeinungen herausgefordert erkannt. Ergebnis war schließlich das apostolische Glaubensbekenntnis, das bis heute Bestand hat und die Kernpunkte der christlichen Lehre umreißt. Aber auch unter Christen ist dies oft nicht mehr unumstritten. Ist das Gesuchte der kleinste gemeinsame Nenner? Es geht im Folgenden um die Relevanz von Abgrenzungen, und warum dennoch vehement die Einheit beschworen wird, obwohl doch die Unschärfe evident ist. Besonderen Anlass zu diesem Text lieferte Kurt Flasch Warum ich kein Christ bin:

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Monotheismus zukunftstauglich?

Dushan Wegner, einer meiner Lieblingsphilosophen, die eine völlig andere Ansicht zur Frage nach Gott wie ich vertreten, stellte diese Frage in erweiterter Form:

Der Mensch sehnt sich nach Spiritualität, doch sind monotheistische Weltsichten der geeignetste spirituelle Ansatz für die Zukunft?

Die Frage allein impliziert vieles für mich fragwürdiges: Sehnen sich wirklich alle Menschen nach Spiritualität? Oder doch nur einige Menschen? Und verstehen diese ihre Sehnsucht tatsächlich vergleichbar?
Blaise Pascal – und auch Ernesto Cardenal , wie auch andere Mystiker – beschrieb es so:

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Das Lob des Undogmatischen

Da war es wieder: In einem kleinen Bericht über einen Vortrag von
Prof. Rolf Lessenich über die Philosophie von Anthony Ashley Cooper, des 3. Grafen von Shaftesbury
war zu es zu lesen.

Der Schüler John Lockes bevorzugte in seinen Schriften den lebendigen Dialog gegenüber der trockenen systematischen Abhandlung. Diese undogmatische, anti-systematische, literarische Form seines Philosophierens faszinierte neben anderen auch bedeutende deutschsprachige Schriftsteller wie Wieland, Herder, Goethe und vor allem Schiller

Aber im gelobten Undogmatischen stecken gleich zwei Ansichten: Zum einen versteht der Leser, dass es eben um eine unmittelbare Erfahrung geht, die sich nicht von vornherein in ein Korsett einer weltanschaulichen Lehre zwängen lässt. Zugleich aber verweigert er sich der Schlussfolgerung aus der Beobachtung. Warum?

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Darwins Dilemma – Das Geheimnis des Kambrischen Fossilberichts

Das gleichnamige Video weist auf Probleme, die zu den Grundfragen zu unserem Grundverständnis führen. Es führt auch für Laien gut verständlich in die Thematik ein: Während es in vergangenen Jahrhunderten als selbstverständlich galt, dass die Welt, das Leben und der Mensch die Schöpfung Gottes seien, versteht sich die westliche Intelligenzia seit über einem Jahrhundert überwiegend als Ergebnis einer ungeplanten Evolution. Aber der wissenschaftliche Befund, im Besonderen in der kambrischen Explosion, lässt diese Ansicht keineswegs als logisch zwingend erscheinen, sondern eher als fragwürdig.

Darwins Theorie ging von einer langsamen schrittweisen Entwicklung von zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion aus. In der kambrischen Explosion, aber auch an vielen anderen Stellen der vermeintlichen Entwicklung, sind aber riesige Sprünge dokumentiert, die nicht zu der Eingangsthese passen und auch 150 Jahre nach deren Entdeckung zu keiner überzeugenden Erklärung führten. Was bedeutet das ganz praktisch für unser Selbstverständnis?

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Dogmen, Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit

Es ist nun schon über 2 Jahre her, dass ich die Artikel Wehe und Wohl des Dogmas und Prüfkriterien für Dogmen schrieb. Im Kommentarbereich fand ich jüngst einen ansonsten unkommentierten Hinweis auf einen anderen, gleich titulierten Artikel mit den Verweis auf meinen Text in dem Blog
HEIMDALL WARDA – Die das Gras wachsen hören 

Dort wurde auf Thomas Metzinger verwiesen, der 2013 einen interessanten Text veröffentlichte: Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit – Ein Versuch Der Text geht über das enge Thema des Dogmas hinaus und setzt bei der Veränderung im modernen Selbstverständnis an. Gerade am Dissens dazu entzündete sich das Verlangen nach der Klärung zwischen expliziten und impliziten Dogmen.

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Universalität der Logik

Einst galt die Logik als philosophische Disziplin, oft wird sie umgangssprachlich als Synonym für Einsichtigkeit verwendet. Genauer ist sie beschrieben bei Wikipedia:

Mit Logik (von altgriechisch λογικὴ τέχνη logiké téchnē ‚denkende Kunst‘, ‚Vorgehensweise‘) oder auch Folgerichtigkeit[1] wird im Allgemeinen das vernünftige Schlussfolgern und im Besonderen dessen Lehre – die Schlussfolgerungslehre oder auch Denklehre – bezeichnet. In der Logik wird die Struktur von Argumenten im Hinblick auf ihre Gültigkeit untersucht, unabhängig vom Inhalt der Aussagen. Bereits in diesem Sinne spricht man auch von „formaler“ Logik.

Zuweilen wird die Logik in verschiedene Bereiche untergliedert, Modallogik, mehrwertige Logik etc. aber der Kern bleibt unangetastet. Widerprüche werden ausgeschlossen. Auch wird der Satz vom Widerspruch auch nicht durch die Dialektik der scheinbaren Widersprüche ausgehebelt. In wie weit die Logik etwas urtümliches ist, dass auch nicht von einer Allmacht Gottes ausgehebelt wird, wird in dem Allmachtsparadoxon diskutiert:

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Wovon reden Menschen, wenn sie von Gott reden?

Ist die Frage nach Gott noch zeitgemäß? Unter dem obigen Titel hat Dushan Wegner eine interessante Diskussion angestoßen. Ich fand es so spannend, über den Tellerrand des Artikels und der Antworten etwas vertiefter der Frage nachzugehen. Das Besondere an Wegners Artikel ist, dass er im Eingangsstatement alles offen ließ, sogar seine eigene Meinung zum Thema. Er hat die  atheistische Position dahin relativiert, dass er jenen oftmals eine fragwürdige Haltung unterstellte:

Was manche Städter für „Atheismus“ halten, scheint mir mehr eine Ablenkung auf hohem Niveau zu sein. Zeigen Sie mir doch einen glücklichen Atheisten, der seinen Atheismus nicht durch Unterhaltung, Konsum, diverse Abhängigkeiten (heute z.B. Smartphones) und Dauer-Kultur-Berieselung täglich neu am Leben halten muss!

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Christentum unethisch?

Philipp Möller, bei Sandra Maischberger (ab 4:50): ‚Ich persönlich halte das Christentum vor allen für eine unethische Lehre, weil sie die Selbstbestimmung verhindert, und damit auch persönliches Glück verhindert.‘ Es erscheint vor dem inneren Auge ein verknöchertes und moralinsaures Männchen, das anderen Menschen und sich selbst das Leben schwer macht und in ein rigides Joch zwängen will. Eine zulässige Meinungsäußerung, gar eine treffende Analyse, oder doch ein absurdes Zerrbild?

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