Unzulänglichkeit

Ein Kennzeichen des Lebens schlechthin, und damit auch der Erfahrung jedes Einzelnen, ist die Unzulänglichkeit. Einerseits ist es die absolute Wissensgrenze, dass es eben nicht zu erwarten sei, alle Geheimnisse des Lebens völlig erforschen zu können. Dann die relative Wissensgrenze, denn das aktuell verfügbare Wissen der Menschheit bleibt weit deutlicher begrenzt – auch wenn man noch erheblich mehr wissen könnte. Schließlich aber weiß kein lebender Mensch im Wesentlichen das, was im gesamten Menschheitswissen vorhanden ist, und die meisten Menschen wissen, dass sie weit weniger wissen, als eben gebildetere Leute wissen. Es ist somit von der Erkenntnis der Unzulänglichkeit auszugehen.

Im Persönlichen sind viele weitere Unzulänglichkeiten eklatant: Wir sind nicht so schön und charakterstark, nicht so anziehend und freundlich, nicht so gesund und sportlich, nicht so edelmütig und kultiviert … wie wir gerne sein würden. Und im Laufe des Lebens verschlimmert sich die Lage fatal: Wir werden alt und gebrechlich, vergessen immer mehr, und sind nicht mehr so präzise im Denken, wie wir vielleicht einmal waren. Manche werden sogar dement, inkontinent, entwickeln einen Tremor oder vieles anderes, worüber wir lieber nicht nachdenken.

Im Nachdenken darüber formen sich beunruhigende Gedanken: Bin ich es, der einmal sein wird? Was macht denn mein selbst aus? Bin ich die Summe meiner Möglichkeiten, oder eben der realisierten Möglichkeiten? Mit dem dahinschwinden … löse ich mich einfach auf?

Viele Religionen adressieren diese beunruhigende Erwartungen schlicht mit dem Tod. Eine Auferstehung, ein ewiges Leben, wird zur Chiffre der Überwindung der Unzulänglichkeiten. Nur Wunschdenken?

Die Frage, was nun berechtigte Hoffnung ist – und wie diese aussieht – und was davon reine Fiktion ist, von unserer Bedürftigkeit diktiert, ist gerade nicht einfach zu klären. Denn eine pessimistische Weltsicht, die eben von der Annahme des schlimmst möglichen ausgeht, hat per se keine höhere Glaubwürdigkeit als eine verträumt optimistische, die wir ebenso für zweifelhaft halten können. Wahrer Glaube identifiziert aber nicht nur reine Möglichkeiten und klammert sich an eine Version, die man sich eben wünscht. Schon gar nicht an eine Version, von der man ein Wissen hat, dass diese eben nicht plausibel vertretbar ist.

Wahrer Glaube hält nach Überprüfung aller verfügbaren Informationen das als Vertrauenswürdig, was eben besser oder zumindest gleichwertig zu einer anderen Weltsicht ist. Damit ist zwar niemand vor Illusion und Irrtum gefeit, aber der Pauschalvorwurf, dass dem eben so sei, auch wenn der Kritiker eben nicht über zwingendes Wissen verfügt, ist substanzlos. Hier aber wollen wir nicht Wahrheitserkenntnis und Glaube generell verfolgen, sondern der Frage nachgehen, wie das eigene Leben unter der Perspektive der zunehmenden Unzulänglichkeit und Tod im Kontext einer Ewigkeitshoffnung zu verstehen ist.

Auch große Denker wird diese Frage sicher ohne abschließendes Urteil beschäftigen. Nur kleine Geister werden hier eine kurzschlüssige Antwort produzieren. Das Problem besteht in der Frage nach Identität in der Schnittstelle des Kairos – des Hier und Jetzt – und der veränderlichen Zeitlichkeit unter der Annahme der Inkludierenden Ewigkeit: Wer bin ich wirklich?

Ich will eine These untersuchen:

Der Mensch ist im Kern etwas so ursächlich Lebendiges – als von Gott geschaffenes – das sämtliche Eigenschaften und Attribute, wie körperliche Merkmale, kognitive Ausstattung und charakterliche Neigungen nur die Leinwand sind, die als Träger des eigentliche Ich fungieren.

Körperliche und geistige Unzulänglichkeiten sind darin dann nicht wirklich identitätsbildend, sondern zeitliche Aufgaben, die immer über sich selbst hinausweisen. Der Behinderte, der verachtete Idiot, der gebrchliche Demente … das sind nur temporäre Erscheinungsformen – der Mensch aber, der mit jenen Erscheinungsformen verknüpft ist, lebt auf einer ganz anderen Ebene. Egal, wie stark die Freiheitsgrade jenes Menschen begrenzt sein mögen, sie sind stets größer Null – und damit ist der Mensch an sich substanziell!

Das heißt nicht notwendig, dass damit Körper und Geist völlig unabhängig eine temporäre Verbindung eingehen, wie man es im griechisch-antiken Denken zuweilen vorfindet. Dies Bindung an Körper und Herz ist vielmehr eine organische Verbindung des Geistes, der in dieser Welt nicht unabhängig sein kann. Aber es lässt offen, wie in einer anderen Dimension und Seinsebene diese Beziehung zu verstehen ist.

Viel weniger passt es zur Vorstellung, dass ‚Ich‘ und Bewusstsein , nur als Emergenz des Materiellen – dass letztlich aus zufallsbedingten Prozessen hervorging. Das Sein bestimmt das Bewusstsein – nach Karl Marx – hat sicher eine bestimmte Überzeugungskraft, führt aber letztlich vom Kern des Wesens des Menschens weg. Denn wenn man auch soziologische Untersuchungen anstellen kann, die dies Sicht bestätigen können, so erscheinen mir gerade die Ausnahmen, die in der Statistik untergehen, das Wesen des Menschen ausmachen.

Ich denke, dass man den Mensch in seiner höchsten Erscheinungsform immer als transzendentes Wesen verstehen kann. Nun nicht im banal-religiösen Sinn, der den Menschen selbst als göttlich versteht. Sondern viel mehr in seiner teils latenten, teils manifesten Streben  des Überschreitens seiner Grenzen. Unzulänglichkeiten sind darum nur Aufgaben, die den Prozess des Überschreitens, des Realisieren des Mensch-Seins, des Lebens, erst ermöglichen.

Es ist darum völlig unerheblich, dass das Genie eine absolut erstaunliche Leistung erzielen muss, um jenes Überschreiten seiner Möglichkeiten zu realisieren, oder ob der Schlaganfall-Gelähmte seine Fähigkeiten zurück erkämpft. Zweiteres mag für viele Menschen zwar des Respektes würdig, aber stets im Schatten jener Großtat zu stehen, die den herausragenden Menschen einen Platz in den Analen der Geschichte sichert. Aber für den Menschen selbst ist es ganz anders. Denn der begabte Mensch muss ebenso seine Ressourcen bis zum Äußersten nutzen, um sich von seinem Hineingeworfen-Sein in die Welt zu lösen. Der Behinderte stößt sehr viel schneller an seine Grenzen – dennoch ist auch er vor die grundsätzlich gleiche existenzielle Aufgabe gestellt: Mehr zu sein als die Summe seiner Teile.

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