Wovon reden Menschen, wenn sie von Gott reden?

Ist die Frage nach Gott noch zeitgemäß? Unter dem obigen Titel hat Dushan Wegner eine interessante Diskussion angestoßen. Ich fand es so spannend, über den Tellerrand des Artikels und der Antworten etwas vertiefter der Frage nachzugehen. Das Besondere an Wegners Artikel ist, dass er im Eingangsstatement alles offen ließ, sogar seine eigene Meinung zum Thema. Er hat die  atheistische Position dahin relativiert, dass er jenen oftmals eine fragwürdige Haltung unterstellte:

Was manche Städter für „Atheismus“ halten, scheint mir mehr eine Ablenkung auf hohem Niveau zu sein. Zeigen Sie mir doch einen glücklichen Atheisten, der seinen Atheismus nicht durch Unterhaltung, Konsum, diverse Abhängigkeiten (heute z.B. Smartphones) und Dauer-Kultur-Berieselung täglich neu am Leben halten muss!

Natürlich erntete er darauf hin auch heftigen Widerspruch, worauf er erläuterte, dass es auch ernsthafte Atheisten geben müsse. Oft aber bleibt darin völlig offen, ob dieses reflektierte Selbstbild tatsächlich ein tieferer Zugang zur Suche nach Wahrheit oder dem wahren Leben ist, oder doch nur eine Ebene der Illusion, die man sich auch als Nicht-Gott-Gläubiger machen kann. Natürlich wäre es genau so wenig sinnvoll, jenem Ungläubigen eine Illusion zu unterstellen, wie dem, der von einer Gotteserfahrung berichtet. Hier – im Innersten – verlaufen sich alle Deutungen und Illusionsvermutungen, denn nur aus einem Weltbild, dass eben mehr oder minder der Realität entspricht, kann eine Deutung gewagt werden.

Wegner formulierte in einem anderen Essay:

Das ist ein Problem, doch das spiegelbildliche Gegenteil zu tun, das ist auch keine Lösung. Die Antwort auf militantes „Gehorche diesem Gott!“ ist doch nicht „Gehorche jenem Gott!“ – um des leeren Himmels willen!

Hier macht er gerade das Recht des Atheisten deutlich, keinem Gott zu folgen oder dessen Existenz für gegeben zu halten. Aber das berührt nicht die Grundfragen nach der Deutung der Realität und des Lebens.

Der Deuter bleibt darin in seinem Weltbild gefangen. Auch wenn er sich um objektive Wahrheitserkenntnis müht, so wird er sich dieser im besten Fall annähern, aber die Irrtumsmöglichkeit kann er methodisch nicht ausschließen. Einen Gottesbeweis – positiv wie negativ – wird er nicht bekommen.

Ontologische Arbeitshypothesen

Auch wenn die gesuchte Gewissheit nicht so gewiss sein kann, wie es erhofft wird, so ist doch eine Vorstellung vom Sein stets mit im Verein, wenngleich oft unreflektiert. Gemeinhin hält man seine Sinneserfahrung für eine verlässliches Zeugnis der realen Welt. Da wir aber von Sinnestäuschungen wissen, fragen wir uns: Kann es nicht sein, dass uns unsere Sinne nicht nur gelegentlich täuschen? Gibt es einen systematischen Fehler? Oder sind wir, wie Platon im Höhlengleichnis meinte, nur im Reich der Schatten verhaftet, die die Wirklichkeit erst erschließen muss?

Mitunter wird auch bezweifelt, ob es die objektive und damit für Alle verbindliche Welt überhaupt gibt, oder ob diese dem Wesen nach gar nicht existiere. Jeder habe sein eigenes Universum, wobei auch die Existenz jener Anderen sogar fraglich sei. Extremer Subjektivismus endet im Solipsismus. Und dieser ist zum weitere Erkenntnisgewinn eine Sackgasse und dysfunktional. Ohne jenen formal widerlegen zu können, darf er getrost zurück gewiesen werden.

Viel weiter verbreitet ist die Vorstellung, dass es eine objektive Welt tatsächlich gibt, wir aber diese perspektivisch unterschiedlich wahrnehmen. Das aber setzt voraus, dass es nicht nur eine objektive Welt, sondern auch einen objektiven Ursprung geben mag. Ein realer Gott, der mit meiner Vorstellung nicht notwendig irgend etwas zu tun hat, ist darum sehr wohl denkbar. Man kann sich der wahren Erkenntnis nähern und die Irrtümer vermeiden. Auch wenn diese Annahme auf Sand gebaut ist, so soll sie dennoch so lange als Prämisse akzeptiert sein, bis es zu unauflöslichen Widersprüchen kommen mag.

Darum ist der Begriff ‚Glaube‘ ein ehrlicher. Denn wie wohl er etwas für wahr hält, so kann er sich nie zweifelsfrei auf eine Gewissheit verlassen. Ist die Welt nicht doch nur ein Schein, ein Samsara, eine Matrix, eine solipsistische Illusion – nur eben sehr perfekt konstruiert? Die Wirklichkeit bleibt dann dahinter. Jedes Weltbild, ob in der Vergangenheit oder in einer denkbaren Zukunft, wird sich wegen neuer Erkenntnisse voraussichtlich wandeln, auch wenn man nun die eigene Sicht für ziemlich sicher hält. Das glaubten sowohl Menschen mit der Vorstellung einer Erdscheibe, als auch die Geozentriker, heute glauben wir, dass die Erde die Sonne als ein unwichtiger Stern einer unwichtigen Galaxis umkreist. Aber viele, die sich mit der Quantentheorie und mehrdimensionalen Räumen beschäftigt haben, teilen weit weniger die Vorstellung einer Space Opera. ‚Glaube‘ geht nun das Wagnis ein, etwas für vertrauenswürdig zu halten, was aber nicht wasserdicht sicher ist. Zugleich lässt die Glaubensgewissheit die Möglichkeit des Irrtums offen.

Glaube – eine Beliebigkeit?

Nicht wenige Menschen haben eine mehr oder minder scharfe Vorstellung von einer unsichtbaren Geisterwelt, zumal sie auch seltsame Erfahrungen gemacht haben, die sich nur schwer mit der wissenschaftlichen Rationalität beantworten lassen – zum Beispiel Berichte von Nah-Tod-Erfahrungen. Die Vorstellung eines normierten Weltbildes mit unzweifelhaften Wahrheitsanspruch bleibt darum eher absurd. Was also meinen Menschen mit ‚Gott‘?  Es ist also Glaube, aber dennoch darf er nicht beliebig sein, sonst kann man daran auch nicht glauben.

Der Glaube ist dem Menschen angeboren, wie auch die Liebe und das Atmen. Dem Menschen muss es erst antrainiert werden, nicht zu glauben.

Wegner referenziert damit ausdrücklich Blaise Pascal, aber auch viele andere Denker entsprechen. Ob nun die Scholastiker oder Mystiker, ob nun eher linksorientierte Menschen wie Ernesto Cardenal, oder Philosophen wie Søren Kierkegaard oder Martin Buber … sie gehen genau davon aus. Natürlich ist das kein Gottesbeweis, denn es könnte ja – wenn es denn stimmte – auch eine evolutionäre bedingte Marotte des Menschen sein. Aber es liefert sehr wohl einen Hinweis, dass der Mensch zu Gott hin geschaffen sein könnte. Aus dieser geglaubten Bestimmung resultiert aber, dass es eine externe und objektive Bestimmung gibt, über die man sich allerdings irren kann, und die durchaus auch vielgestaltig sein kann, ohne sich exklusiv zu widersprechen.

Erkenntnistheoretische Auswege aus der Beliebigkeit

Wenn weder Philosophie noch Wissenschaft, weder eigene Erfahrungen, Authoritäten, Überlieferungen noch Überzeugungen eine sicher Grundlage liefern können, könnte man meinen, dass man Beliebiges glauben könne. Ist das gerechtfertigt? Ist das befriedigend für jemanden, der die Illusion verabscheut und die Wahrheit sucht?

Nun, eigene Erfahrung ist ein starkes Argument, dass vielleicht keine absolute Gültigkeit hat, aber zumindest für den Betroffenen eine überragende Bedeutung gewinnen kann. Nicht zuletzt sind aber dennoch Menschen offensichtlichen Illusionen und Irrtümern aufgesessen, die wir nicht abermals wiederholen wollen. Es bedarf der rationalem Annäherung, die das Glaubensmögliche und das Glaubwürdige von dem Unglaublichen, Illusionen und Irrtümern unterscheidet. Zumindest können durch diese Annäherung viele Varianten eliminiert werden, und nur zwischen wenigen Ansichten muss unterschieden werden. Eine Ähnlichkeit mit der Pascalschen Wette, dem Begründer der Entscheidungstheorie unter Unsicherheit, bleibt bestehen, aber wir wollen durch Vorüberlegungen eben keine Entscheidungen im Beliebigen treffen, sondern versuchen uns mit den Mitteln des Verstandes so weit als möglich anzunähern.

Wir denken daran mit zwei verwandten Werkzeugen:

  • Plausibilität: Halb intuitiv, halb reflektiert prüfen wir Aussagen und Behauptungen ob diese denn eine eigene Überzeugungskraft haben. Das reicht von dem äußeren Eindruck dessen, der eine Ansicht vertritt, über seinen Lebensstil und charakterliche Beurteilung bis hin zu echten oder vermeintlichen Widersprüchen zu unserer Alltagserfahrung.
  • Konsistenzprüfung: Von dem Wissen ausgehend, dass unsere eigenen Ansichten auch irrtumsbehaftet sein können (vgl. den kritischen Rationalismus), ist die Prüfung einer alternativen Weltsicht zwangsweise schwierig. Denn es ist zu erwarten, dass diese eben nicht mit jener anderen Weltsicht  völlig konform gehen kann. Vielleicht sind diese bis zu einem gewissen Punkt kompatibel und ergänzen sich wie ein fehlendes Glied. Vielleicht existieren unvereinbare Widersprüche. Wenn wir aber selbst nicht auf sicheren Grund stehen, so besagen jene Widersprüche herzlich wenig. Ein wesentlich disziplinierterer Ansatz der Prüfung ist hier angezeigt. Sie beruht auf der Idee, dass die Gesetze der Logik auch hierin ihre Gültigkeit bewahren – ansonsten aber nur bekannte und prüfbarer Fakten und ausgewiesene Prämissen (Glaubenssätze) zur Grundlage dienen dürfen. Wenn sich Ansichten in Widersprüche verheddern, wird man diese zu beheben vermuten und eliminiert damit bereits eine Vielzahl von Varianten, die eben inkonsistent und nicht glaubwürdig sind. Zuweilen wird sich aber auch eine ganze Denkrichtung oder die auf den grundlegenden Glaubenssätzen als nicht mehr logisch behebbar als Sackgasse erweisen. Dann kann man diese Denkrichtung guten Gewissens auch ganz eliminieren aus dem eigenen Denken, denn dies erwies sich als fruchtlos. Nur, was nicht an den eigenen Widersprüchen erstickt, besteht den Test und ist glaubensmöglich.
Methode der Konsistenzprüfung

Natürlich gibt es auch bei dieser Methode Grenzen und man muss mit Eingangshypothesen arbeiten, z.B. dass eine Matrix-Welt oder der Solipsismus keine zutreffende Beschreibung der Welt sind. Ebenso ist die Welt der Logik nicht immer so robust, dass eine Prüfung stets zuverlässige Aussagen ergibt. Denn auch der Satz vom Widerspruch kann in einigen Fällen – im Besonderen in der dialektischen Spannung -nicht immer zu einfachen Antworten führen: Sind scheinbare Widersprüche von unbehebbaren Widersprüchen sicher zu trennen? Dennoch darf der Wert dieses Ansatzes nicht unterschätzt werden:

  1. Die Konsistenzprüfung kommt mit sehr wenigen Prämissen als Arbeitshypothesen aus. Falls es der Anlass gebietet, können auch diese revidiert  oder verworfen werden.
  2. Ein spezifisches Weltbild ist nicht erforderlich, denn das Urteil wird aus den eigenen Sätzen generiert.
  3. Wird ein Weltbild geprüft, dass die gewöhnlichen Eingangshypothesen – u.a. Gültigkeit des Satzes vom Widerspruch – nicht unterstützt, können diese modifiziert werden.
  4. Als externe Referenz können beobachten und anerkannte Fakten herangezogen werden.
  5. Ignoriert ein Weltbild die Existenz oder Einordnung jener Fakten, oder sind die akzeptierten Prämissen dysfunktional, kann dieses Weltbild verworfen werden.
  6. Führt die Prüfung des Weltbilds zu scheinbaren Widersprüchen, so kann das Weltbild zur Klärung modifiziert werden. Das schränkt die Freiheitsgrade eines Weltbildes erheblich ein.
  7. Führt die Prüfung des Weltbilds zu unhebbaren Widersprüchen – also solchen, die zu keiner akzeptablen Modifikation der Behebung des Widerspruchs führt, kann dieses Weltbild, bzw. diese Variante, verworfen werden
  8. Ein Weltbild strebt nach Vollständigkeit, aber muss keineswegs bereits vollständig sein. Offene Fragen führen nicht zwingend zur Inkonsistenz. Bleiben aber zu viele Fragen offen, sinkt dessen Vorzüglichkeit gegenüber konkurrierenden Weltbildern.
  9. Bezugnahme auf bekannte Fakten darf nicht mit Positivismus verwechselt werden. Denn der Positivismus kann die Welt nicht hinreichend erklären oder basiert auf impliziten Glaubenssätze und wird damit inkonsistent.

Durch dieses Verfahren werden nur wenige Varianten in einer Prüfung bestehen bleiben – vielleicht nur eine einzige mögliche Weltsicht. Dies korrespondiert mit dem Kalkül von Leibnitz:

Wir leben in der Besten aller möglichen Welten.

Selbst bedeutende Denker meinten, dass es leicht vorstellbar sei, dass eine Welt – und zwar vom Ende her gedacht, nicht nur in ihrem aktuellen Zustand – besser sein könnte. Allerdings konnte kein Nachweis erbracht werden, dass eine andere Welt denn möglich sei, also nicht an ihren inneren Widersprüchen scheitern würde. Es gibt viele Varianten des Narrativs, dass die eigene Weisheit unzureichend ist, eine konsistente bessere Welt zu erschaffen. Denn wer lediglich mit Inbrunst eine Verbesserung der Gesellschaft, des Staates, des technischen Fortschritts, des künstlerischen Ausdrucks oder der wissenschaftlichen Erkenntnis strebt, bleibt damit der Welt immanent: Diese Welt hätte immerhin Menschen hervorgebracht, die die Welt zu ihrer Vervollkommnung führen will.   Und damit – vom Ende her gedacht, ist es ein guter Weg. Der unvollkommene Zustand ist ja nicht das Ziel, sondern der Prozess, das Gute zu befördern

Auch die Hypothese von Leibnitz kann dies nicht zeigen, jedoch postulieren als einen validen Deutungsansatz der Welt.

In Analogie könnte die zutreffende Weltdeutung sich als eine erweisen, der man sich mit dieser Methode der Konsistenzprüfung nähern kann.

Dennoch bleiben Grenzen der Konsistenzprüfung bestehen – es kann keine analytische Vollständigkeit erwartet werden.

Liebe – Leben – Wille – Irrationalität

Logik kann irrationale Beweggründe nicht vollständig sezieren. Der Verstand hat eine Erkenntnisunschärfe. Vielleicht liefert die Heisenberg’sche Unschärfe eine treffende Metapher. Aber die Vernunft kann ihre Grenzen erkennen – diesen Raum der Irrationalität identifizieren und zu ihrer Essenz führen. Und sie muss das auch:

Ein möglicherweise logisch konsistentes Weltbild, dass eben jenes Irrationale, das Leben, die Liebe und den Willen als nicht existenziell weg erklärt hat, kann aus eben jenen existenziellen Gründen verworfen werden, so es denn eine befriedigende Alternative gibt. Aber ohne Alternative ist die Beliebigkeit eine mögliche gültige Antwort auf die große Frage zu verwerfen, sträflich und dumm.

Viele Denker haben entscheidende Impulse erkannt, die nicht unter der Rubrik ‚eine unwichtige Variante‘  abzuurteilen sind. In Martin Bubers Dialogphilosophie wird die Beziehung, die Begegnung mit dem Du zum wesensstiftenden, ja konstituierenden Modus der Existenz. Und die ultimative Begegnung, von der sich alle Begegnungen zwingend ableiten, ist die Beziehung zu Gott.

Das Dao und die Offenbarung

Es bedarf nicht der Mystiker um einiges über Gott schließend zu erkennen. Aristoteles schloss auf den unbewegten Beweger, und dies führt zu einigen Eigenschaften Gottes als dem monotheistischen Schöpfer: Alles ist durch ihn geschaffen – so die Überlieferung, so Aristoteles. Darum kann Gott nicht in den Begriffen der geschaffenen Dinge verstanden werden, auch das Universum kann ihn nicht fassen, aber er umfasst das Universum, sowohl in seinen gewaltigen Ausdehnungen als auch den Mikrokosmos subatomarer Teilchen. Alle Bilder können bestenfalls Metaphern sein, auch von ER zu sprechen, erscheint eine kaum zutreffende Krücke der Sprache.

Die Alternative zu diesem spirituellen Urgrund wäre der Zufall, der sich des infiniten Regresses bedienen könnte. Was aber sind die Bedingungen, die zu dem Urknall, mehr noch zu den infiniten Regress beitrugen? Hier einen geistlosen Zufall zu postulieren erscheint wenig plausibel, denn wir wissen, dass sich Komplexität nicht aus einem geistlosen Prozess entwickeln kann. Auch eine postulierte chemische und biologische Evolution bedarf sehr spezifischer Bedingungen. Eine derartiges Weltbild liefert keine plausible Grundlage zur Klärung der Grundfragen. Es ist somit begründet, einen Schöpfer des Universums anzunehmen, wenngleich nicht bewiesen.

Der Schritt liegt nahe, dem Daodejing / Tao Te King zu folgen: Das Dao bleibt unfassbar, jeder Versuch, es zu beschreiben oder mit dem Namen ‚Gott‘ zu versehen, muss fehl gehen.

Der SINN, der sich aussprechen läßt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde,
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.

Zweifellos liegt viel Weisheit in diesen Betrachtungen, und auch Mystikern ist oft dieser Gedanke nicht fern: Es ist nicht Gott der mit den Worten eingefangen werden kann, der gefügig gemacht werden kann, sich den Gedanken unterworfen werden kann. Gott oder das Dao – obwohl allumfassend, kann nicht umfasst werden. Die negative Theologie kommt zu keinem anderen Ergebnis.

Und doch gibt es den Gedanken der Offenbarung: Also, nicht der Mensch erdenkt sich Gott, sondern Gott spricht und offenbart sich. Der schlichte Mensch wird sich an dem Bild die Vorstellung klammern, auch wenn diese nur Chiffre für Gott sein kann, nur ein Symbol oder Formel.

Ist aber der Gedanke des Dao nicht völlig inkompatibel zur Offenbarung? Wollte das Denken des Dao die Offenbarung verwerfen, denn Gott kann nicht fassbar sein, aber die Offenbarung will doch das Unfassbare fassbar machen? Dann könnte sie das aber nur, in dem sie wiederum die Eigenschaft der Unfassbarkeit dogmatisch fixieren wollte. Genau dies führt aber zu einem performativen Selbstwiderspruch: Das Dao kann auch nicht auf diese Rolle fixiert werden, sondern liefert inhärent die Möglichkeit der Offenbarung.

Der Anspruch der Offenbarung alleine ist aber nicht hinreichend, dass es auch jener unfassbare Gott ist, der sich offenbart. Vielleicht sind es Irrtümer, Illusionen oder schlichter Betrug, die Fabriziertes für die Botschaft Gottes glauben machen will. Jede Religion kennt den fabrizierten, falschen Glauben, das menschengemachte goldene Kalb, das religiöse Bedürfnisse befriedigt. Andererseits kann die Offenbarung nicht grundsätzlich verworfen werden, sofern kein höheres Wissen beansprucht werden kann, dass grundsätzlich im Dogma sein Ende hat.

Und was wäre dann gewonnen?

Plausibiltätskriterien der Offenbarung

Mit dem Werkzeug der Konsistenzprüfung können wir den Ansprüchen von Offenbarungen an den Leib rücken. Denn alles was uns als Offenbarung präsentiert wird oder als solches erscheint,kann zwar sehr wohl intuitiv geglaubt oder zurückgewiesen werden. Nur ist ziemlich sicher, dass Intuition in vielen Fällen versagt. Um dieser beizuhelfen ist die Prüfung gegen Arbeitshypothesen ein angemessenes Mittel. Hier einige Prüfhypothesen:

  1. Menschen erfinden oder halluzinieren Offenbarungen, die keine Schnittmenge zum Anspruch aufweist. Die vollständige Erklärbarkeit der vermeintlichen Offenbarung legt diesen Schluss nahe.
  2. Es gibt echte und reine Offenbarungen, die nicht durch den Menschen und seinen Erfindungen verunreinigt sind. Der Mensch ist lediglich Mittler und Träger der Botschaft.
  3. Es gibt eine echte Offenbarung, aber diese ist in einer irrtumsbehafteten, kultur-und zeitbezognenen Form verpackt. Das Verständnis vor allem der Offenbarungsanteile erfordert ein vertieftes Verständnis.

Ansprüche, dass eine Botschaft Offenbarungscharakter haben, müssen sich auch prüfen lassen. Nichts weniger fordert auch Paulus im NT.

Der brennende Dornbusch

In 2. Mose 2,2-3 wird eine seltsame Beobachtung berichtet:

Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

Offensichtlich wurde eine außergewöhnliche Beobachtung von Moses gemacht. Die Deutung in V.2 Namens der ‚Engel‘ des Herrn erscheint seltsam: Es ist eine ex post Zuordnung, die aber nicht dem Text zu entsprechen scheint, denn Moses sah nicht mehr als eine Flamme und die Worte, die er zu hören meinte, passen nicht zu einem Boten, sondern nur zu Gott selbst. Es kann also kein Engel als abgetrennte Wesenheit gewesen sein, denn dieser könnte sich nicht so vorstellen, wie er es tat.

Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

In dieser Rede wird ein historischer Bezug hergestellt und auf eine Tradition verwiesen, die Mose in einem sehr persönlichen Bezug adressiert. Hier ist eine Projektion nicht auszuschließen, denn es könnte sich um eine gesuchte Erwartung handeln. Allerdings scheint Moses eher keine Erwartung nach einer Gottesbegegnung zu haben. Vielmehr erwartete er, einem Engel zu begegnen. Dies spricht für die Authentizität des Textes.

13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?
14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.
Hier wird die Erwartung des Menschen – die Frage nach dem Namen = Verfügbar-Machung – mit einer Antwort konfrontiert, die dem Wesen nach dem naiven Auftreten Moses in keiner Weise entspricht. Stilistisch erscheint die Antwort eben darum keine Fabrikation zu sein, weil sie den Anforderungen nicht entspricht.
Das Sein-Werden im Futur der Luther-Übersetzung kann man auf die zu erwartende Erkenntnis beziehen. Das Hebräische gibt eine derartige Klarheit der grammatischen Form nicht her. In anderen Übersetzungen und Fussnoten wird hier genannt – hier nach der revidierten Elberfelder:
14 Da sprach Gott zu Mose: „Ich bin, der ich bin.“
Was sich auf den ersten Blick wie eine eher enttäuschende Tautologie anhört und keineswegs wie ein gesuchter Name, so wird beim Nachdenken klar: Gott kann durch nichts anderes als an seiner Selbstreferenz identifiziert werden. Alles, auch die Schöpfung in ihrer Gesamtheit, sind von Gott abhängig, der wahre Gott kann auch nicht vom Menschen ersonnen werden, denn er bezieht seine Existenz aus einer Unbedingtheit … und unterscheidet sich darum von allem Anderen, dass eines Grundes bedarf. Sowohl der unbedarfte Mose, als auch der Erzähler als Kinder ihrer Zeit wirken eher naiv und lassen eben nicht vermuten, dass jene anders konnten, als in Ehrfurcht zu erstarren.
Nicht, dass man diesen Abschnitt als der Bibel zugehörig als Offenbarung tituliert, die nicht hinterfragt werden dürfte, macht die Geschichte zum Offenbarungstext, sondern weil sich eine enorme Spannung mit unerwarteten Ergebnis zeigt, die die Dimensionen von Moses und dem Erzähler deutlich übersteigt.
Konsequenzen der Offenbarung Gottes

Wenn wir also die Möglichkeit ernst nehmen, dass es sich hierbei um eine echte Offenbarung handelte, dann folgt daraus, dass es jenen Gott als personales Wesen gibt. Dieser kann sehr wohl die Multidimensionalität seiner Existenz sehr wohl auch so modifizieren, dass er in die Zeit einzelne Menschen adressieren kann und mit ihnen in eine Beziehung treten kann. Es folgt nicht, das Gott sich auf dieser Rolle beschränken lässt, oder dass hier exklusive Botschaften entstehen. Sondern – entsprechend überragende Intelligenz vorausgesetzt – wird sich Gott in so weit auf Menschen einlassen, dass er auch verstanden wird. Die Form der Offenbarung muss darin einen zeit- und kulturbezogenen Rahmen haben, die Botschaft muss einer Funktion entsprechen. Ansonsten wäre die Offenbarung sinnlos.

Weiter folgt aus der Offenbarungsgeschichte, dass sie außergewöhnlich ist. Gott offenbart sich auf diese Weise nicht ständig, sondern eher selten. Aus der Ansprache folgt auch nicht, dass es nicht andere Offenbarungsereignisse gegeben hat, auch außerhalb der biblischen Tradition. Im Gegenteil: Wenn es denn eine Offenbarung gab, dann ist davon auszugehen, dass es auch vorher Offenbarungen gab: Warum sonst sollte Gott mitten im Geschichtsverlauf sich erstmals äußern?

Es ist darum konsequent, an vormalige Offenbarungen anzuknüpfen. Gänzlich neue Offenbarungen ohne Geschichtsbezug wären dagegen unplausibel.

Merke:

  • Wenn es Offenbarungsereignisse gibt ist zu erwarten, dass sie im Kontext einer langen Überlieferungskette stehen.
  • Die Offenbarungsereignisse dürfen und müssen zwar deutliche Unterschiede aufweisen, denn sie adressieren unterschiedliche Zeiten und Kulturen und bedürfen einer entsprechenden Ansprache.
 Wie geht es weiter mit Gott?
All die Betrachtungen zum Wesen Gottes und der Möglichkeit zur Offenbarung ist noch kein Glaube, sondern lediglich eine Vorstufe dazu. Wenn denn denkmöglich ist, die Begegnung mit Gott zu denken, dann ist es eine Frage der Entscheidung, sich auf diesen Gott einzulassen und in Beziehung zu ihm zu treten. Denn wenn der Verstand in jeder Offenbarung Gottes lediglich eine ideologisch fixierte Illusion zu erkennen meint, ist der tiefe Glaube blockiert. Kaum ein Mensch will einer Illusion folgen, sondern will die Wahrheit erkennen. Wenn diese Wahrheit aber auf die Möglichkeit der Gottesbeziehung weist, wird ein Glaube erst möglich.
Ohne persönliche Beziehung kein Glaube. Davon kann man dann aber weit weniger schreiben. Und diese bekommt dann eine besondere Qualität, wenn Gott Mensch wurde.

Ein Gedanke zu „Wovon reden Menschen, wenn sie von Gott reden?“

  1. Es ist natürlich lobens- und ehrenwert, wenn man sich im Sinne eines allgemeinen Denkens, und mittels tendenziell widerspruchsfreier Weltbilder Gott nähern möchte. Vielleicht kann das einem ( suchenden ) Atheisten eine Hilfe sein oder werden. Konkret aber ist im Falle des Christlichen Glaubens festzuhalten, daß hier niemand „gesucht und gefunden und erfolgreich auf Widerspruchsfreiheit geprüft“ hat, sondern daß Gott der aktive Part war und ist. Er hat sich gezeigt. Ganz passend daher die obige Referenz auf den brennenden Dornbusch. Aber es gab tausend andere Offenbarungen mehr – bis hin zu privaten Gottserlebnissen, für die es aber ( leider ) freilich keine Gewähr gibt, daß der Mensch das Erlebte im nachhinein „richtig“ deutet, verarbeitet und weitererzählt. Für den Bereich von Bibel und ( kath ) Kirche ist diese Sicherheit allerdings gegeben. Das sollten Atheisten wissen ( oder eben deutlich gesagt bekommen ). Hier wäre dann auch der Punkt 3 im Essay von Dushan Wegner zu korrigieren. Wenn er schreibt: „Christliche Kirchen in Deutschland (die sowieso immer mehr wirken wie an die jeweiligen Wohlfahrtskonzerne angeschlossene PR-Abteilungen denn wie theologisch und rituell firme Bewahrer und Verteidiger eines Glaubens) haben ein vollständig beliebiges und damit unbrauchbares Gotteskonzept.“ dann verkennt er die Substanz der katholischen Kirche. Sie ist die wirkliche Bewahrerin all der göttlichen Offenbarung, und das inklusive einer lehrhaften Deutung aller einzelnen Texte. Prototpisch und wunderbar kompakt steht das alles im „Katechismus der katholischen Kirche“ von 1993. Wenn es um eine Charakterisierung der heutigen katholischen „Führung“ geht ( Papst, Bischöfe, Fakultäten, Akademien ) dann gebe ich Wegner sogar recht. Aber das ist ( unglaublicherweise ) nicht (!) „die“ Katholische Kirche ! Die wahre Katholische Kirche besteht in dem Willen Gottes ( „die Pforten der Unterwelt werden Dich nicht überwinden“) und in ihrer ewiggültigen Lehre. Diese zerstört zu haben, indem man sie in die Hände des Individuums gelegt hat, ist der Kardinalfehler des Protestantismus ( gleichzeitig Keimzelle seines mittlerweile absehbaren Untergangs ). Wenn gläubige Katholiken von Gott reden, dann sind ihre Gotteserfahrungen ( bspw im Gebet, aber auch andere ) immer synchronisiert mit der Lehre der Kirche. Sie wissen von Gott, daß er die Größe hat, sich eines Stückchens Brot zu bedienen um sein Wesen derart zu erniedrigen, einzig weil er auch leiblich vereint sein möchte mit den ( hinfälligen ) Menschen die er liebt. Die meisten gläubigen Katholiken, die ich kenne, erleben das, ohne es sprachlich fassen oder wiedergeben zu können. Gott überrascht alle Denker. Er liebt eben diese Geringen, Unwissenden, Unmündigen mehr als die Intellektuellen. Das ist die Antwort. Das ist das große Geheimnis, was sich dennoch in einfachen oder gar einfältigen Worten ausdrücken läßt ( wie es dieser mein Beitrag wohl beispielhaft belegt )

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