Die vernunftbegabte Person im irrationalen Kollektiv

In der Reihe Lesefrüchte verweise ich hier auf Der Ausschluss des eigenen Urteilsvermögens und Propaganda macht das Leben leichter, aber es bleibt nicht bei diesem Textverweis:

Entfremdet zu sein heißt, anders (alienus) als man selbst zu sein, doch es kann ebenso bedeuten: zu einem anderen als einem selbst zu gehören. Und noch grundlegender: seiner selbst beraubt, um einem anderen unterworfen (oder gar einverleibt) zu sein. Im Endeffekt hat Propaganda diese Wirkung. Sie beraubt das Individuum, entledigt es zwar eines ganzen Teils seiner selbst, lässt es aber gleichzeitig ein simuliertes, fremdes, künstliches Leben führen – sodass das Individuum, das dieser Propaganda unterworfen wird, ein anderer ist und zugleich Triebregungen gehorcht, die ihm fremd sind, sprich, einem anderen gehorcht.

Jacques Ellul

Propaganda dient auch der künstlichen Befriedigung realer Bedürfnisse oder, daraus folgend, die reale Befriedigung künstlicher Bedürfnisse (Etwa in der Werbung). Auszug aus Jacques Ellul „Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird„.

Denn die Mechanismen, die durch die Propaganda instrumentalisiert werden, funktionieren nur, weil es eine gewisse Spannung in der Natur des Menschen gibt. Interessant ist, ob das Thema Hingabe tatsächlich klar und stets negativ bewertet werden muss. Doch bleiben wir zunächst beim Anlass, der Analyse der Propaganda.

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Ein Symptom des Zeitgeistes?

Eine eher skurrile Geschichte über einen seltsamen Menschen, der sehr gerne zum Influencer werden wollte und damit tatsächlich Geld verdient. Und von Haidern (fränkisch für Hater), die diesen jungen Mann mit verminderter Intelligenz und eine narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit viel Aufwand verfolgen. Schrille Töne, die Aufmerksamkeit erheischen sind eher nicht Gegenstand des Interesses. Aber das führt zu tieferen Fragen in dem Text „Drachenlord“: Ein YouTuber und seine Hater:

Ohnehin wirkt fast alles an dieser seltsamen Story irgendwie „zeitgeistig“. Allein schon die Vorstellung, mit langatmigen Onlinevideos voller Banalitäten, Geschmacklosigkeiten und „too much information“ seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. So eine Monetarisierung der eigenen Selbstdarstellung hätte es vor zehn oder 15 Jahren nicht gegeben, nicht nur, weil die technischen Plattformen dafür weniger entwickelt waren, sondern vor allem, weil kaum jemand auf diese Idee gekommen wäre.

Kolja Zydatiss 

Wenn sich derartige Phänomen in unserer Gesellschaft zeigen, dann ist das ein Indikator für eine rasche Verändung nicht nur an der Oberfäche, sondern reicht tief in das Verständnis der Menschen hinein.

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Wahrheit und Konsens

Die Unterstellung, dass es den meisten Menschen um die Erkenntnis der Wahrheit geht, kann als hinreichend plausibel gelten. Dennoch tun sich zuweilen Zweifel auf. Wenn Interessen oder Ideologie im Spiel ist, wird man der Wahrheitserkenntnis möglicherweise eine geringere Priorität einräumen. Dennoch erscheint eine Behauptung vielen Menschen glaubwürdig, wenn sich die Fachleute zum Thema scheinbar einig sind. Dies ist im Besonderen dann der näheren Betrachtung wert, wenn es um komplexe Sachverhalte geht, die dann Gegenstand der Wissenschaft werden. Also traut sich ein Fachfremder selten ein eigenes Urteil zu. Der vermeintliche Konsens wird dann zum Gegenstand unbestreitbarer Wahrheit.

Im Besonderen zum sogenannten Klimakonsens wird häufig zum Hauptargument weitreichender politischen Entscheidungen heran gezogen. Bedenklich daran ist, dass es zunehmend weniger um das fachliche Argument geht, dem die Menschen nicht mehr trauen wollen, sondern eine Ersatz-Wahrheit auf den Sockel gesetzt wird. Gleichsam gilt es als weitgehend akzeptiert, dass es ein absolute Wahrheit nicht gäbe. Natürlich könne man sich auch irren, aber durch hohe Werte der Gewissheit versus der Irrtumswahrscheinlichkeit wäre dies praktisch von geringer Relevanz.

Die folgende Untersuchung bezieht sich einerseits auf sprachliche und wissenschaftliche Grundlagen, wie auch auf die aktuelle Studie Greater than 99% consensus on human caused climate change in the peer-reviewed scientific literature von Mark Lynas, Benjamin Z Houlton and Simon Perry – Published 19 October 2021. Dieser Veröffentlichung wurde bereits das Beitragsbild entnommen, das eigentlich selbst den Schlussfolgerung dieser Arbeit widerspricht.

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Verschwörungsleugner und Framing

Können toxische Begriffe aus dem öffentlichen Diskurs durch Offenlegung entschärft werden? Denn allenthalben wird mit pejorativen Begriffen der Meinungsgegner diskreditiert und ausgegrenzt. Argumente scheinen nicht mehr zu zählen. Argumenten wird generell mit Skepsis begegnet: Seien diese nicht grundsätzlich nur Ergebnisse von tendenzieller Positionen – vor allem, wenn sie der eigenen Meinung widersprechen? Negative Attribuierung stößt dagegen seltener auf pauschale Zurückweisung, sondern zeigt Wirkung.

Wir erinnern uns an das aus der Mode gekommene Ideal der Erkenntnis und des Diskurses: Wir suchen möglichst offen und vorurteilsfrei nach der Wahrheit, auch wenn wir Irrtümer nicht ausschließen können. Der Diskurs kann durch einen offenen Austausch der Argumente helfen, die Erkenntnis fortschreiten zu lassen und eigene Fixierungen in Irrtümern zu lösen. Tendenziell aber finden wir dagegen einen Grabenkrieg, in dem vorgefertigte Meinungen mit allen Mitteln verteidigt und durchgesetzt werden. Ist das der gordische Knoten, den es zu durchschlagen gilt?

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Der Reiz des Aktuellen

Ist es nicht eine Binsenweisheit, dass eben das, was gerade on Vogue ist, viel mehr begeistert? Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Neugier nach News den Hang zu Banalem und Oberflächlichen verstärkt. Immer weniger ist die Grundlagenforschung Thema, denn die kostet Zeit und Anstrengung. Sie ist nicht Hipp und passt auch nicht zu den Top-Themen des Tages. Zumindest bei mir selbst habe ich diesen Trend wahrgenommen. Wie angenehm, wenn man ein wenig über den Tellerrand der eigenen Kurzsichtigkeit gehoben wird. Einen derartiger Artikel von Rob Henderson, der beim Aktuellen startet, dann aber mehr nach den Gründen fragt, habe ich unter dem Titel Wer ist leichtgläubiger: Feine Leute oder gemeines Volk? gefunden.

Er schreibt: „In den 1980er Jahren entwickelten die Psychologen Richard E. Petty und John T. Cacioppo das „Elaboration Likelihood Model“, um zu beschreiben, wie das Überzeugen funktioniert.“ Und da steht dann doch sehr wichtiges, auch wenn der Ausgangstext schon rund 40 Jahre alt ist.

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Ungewissheit, Ungehorsam und der freie Wille

Alle diese Begriffe haben nicht nur gemeinsam, dass sie eine gewisse Ambivalenz verbindet, sondern dass sie auf eine seltsame Weise untrennbar verknüpft sind .. wie wir im Folgenden sehen werden. Einerseits gibt es einen Dualismus zwischen Gut und Böse, andererseits das falsche Dilemma zwischen zwei Extremen, die sich aber beide als schlecht erweisen. Einerseits ist das Streben der Menschen stets nach Gewissheit über das Vertrauen hinaus … und das ist auch gut so. Andererseits führt das Verwerfen des Vertrauens in eine kalte Leere, in der der Mensch stirbt, und zudem jene Gewissheit nicht erreichen kann.

Um diese Spannungen ein wenig zu erleuchten werden wir höchst seltsame Quellen zu Rate ziehen, nicht nur die Aporien des Platon, die Kritik der reinen Vernunft und Poppers kritischen Rationalismus, sondern auch die Bibel, zeitgenössische Philosophen wie Gunnar Kaiser und Hollywood-Produktionen wie Assassin’s Creed. Fangen wir von hinten an …

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Klimakirche

Mich beschäftigen Fragen nach Gott, Kirche und Klimawandel. Darum ist es unvermeidlich, sich mit der Predigt von Luisa Neubauer, prominente Klimaaktivistin, am Abendgottesdienst in der Fastenpredigtreihe, Sonntag Reminiscere, 28.02.2021, 18 Uhr (32:57 bis 50:04 ) zu befassen. Im Umfeld und in der Kritik wurde das jugendliche Alter, der persönliche Lebensstil und die Ideologie kritisiert und die Frage nach der Rolle der Kirche in der Politik. Dies alles mögen berechtigte Fragen sein, aber man muss den Beitrag direkt wahrnehmen, anstelle durch Vorurteile nicht mehr zuzuhören. Darum ist die Originalquelle unverzichtbar.

Vorab: Die Predigt ist besser als zu befürchten war, zumindest formal. Sie hat einen klaren Bezug zum christlichen Glauben und ist rhetorisch kaum zu kritisieren. Sie ist eine differenzierte Beschäftigung mit der Sorge, der Vorsorge und der Fürsorge. Die Kritik muss sich zuerst mit den Inhalten beschäftigen. Theologische Aussagen, Tatsachenbehauptungen und Konsequenzen für das eigene und gesellschaftliche Leben sind zu prüfen. Und da tut sich Bedenkliches auf.

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Was treibt die Menschen an?

Menschen verhalten sich zuweilen seltsam. Nicht nur bei Dritten erscheint es so, dass sich ihr Verhalten oft nicht nach ihren vermeintlichen Interessen ausrichtet. Wäre nicht ein Leben in Liebe und Frieden das höchste Ziel? Warum suchen sie dennoch nach Streit, Gefahr, Krieg und Ungemach? Wer kennt nicht streitende Kinder? Wer wundert sich nicht über Drogenabhängige oder Menschen, die sich Horrorfilme anschauen? Freud sprach vom Destruktionstrieb und die Religionen geben dem Bösen einen Namen. Gibt es eine Lust am Bösen? Doch stets bleiben alle Erklärungen unbefriedigend: Was treibt den Menschen wirklich an, und vor allem: Warum?

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Fake – Philosophen

Kann es wahr sein? Der von mir hoch geschätzte Gegenwarts-Philosoph Gunnar Kaiser schockierte mit der Forderung nach einem staatlichen Gütesiegel zur Berechtigung von Philosophen zum Auftritt in Massenmedien. Die Kritik an Zeitgeist-Adlaten wie Precht, und auch die inhaltlichen Forderungen wirkten durchaus bedenkenswert. Er wollte Fake-Philosophen disqualifizieren … Tatsächlich sind die Prediger der regierungsamtlichen Wahrheit und des Zeitgeistes fragwürdige Gestalten, wenn sie gar den Duktus der autoritativen Wahrheit vermitteln wollen. Aber eine staatliche Prüfung? Das kann doch nur im Missbrauch enden! Natürlich war es tatsächlich eine Persiflage basierend auf seinen Beitrag maiLab liebt die Technokratie.

Da es aber nicht nur komisch war und eine Überzeichnung, hat er die Argumentation der zu recht kritisierten Positionen von Mai Thi Nguyen-Kim umgedreht. Die ernst gemeinten Argumente verdienen die Diskussion.

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Es gibt richtiges Leben nur im Falschen

Dieser sperrige Titel ist die trotzige Gegenthese zu :

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Theodor W. Adorno: Minima Moralia, I, 18 S.42

Das dieser Satz höchst unterschiedlich verstanden werden kann, durchleuchtet Florian Roth und gibt einige Beispiele:

Wenn deine Lebensführung, deine Lebensform in ihrem internen Gesamtzusammenhang und in ihrem Eingebettetsein in einem gesellschaftlichen Kontext infiziert ist durch das Falsche, das moralisch böse, den Menschen beschädigende, in entfremdende, zur Falschheit und Unaufrichtigkeit treibende – wie können dann eben Teilbereiche, Lebensbereiche, einzelne Handlungen z.B. privater Art wahrhaftig und moralisch aufrecht sein.

Florian Roth

Das wäre gänzlich pessimistisch, da es ein ‚richtiges‘ Ganzes eben in dieser Welt nicht gibt, sondern lediglich das Streben nach der Heilung der Welt, dem Dürsten nach Frieden und Gerechtigkeit. Adorno bliebe gefangen in einem selbstgestrickten Modell, dass keine Auflösung zulässt. Denn dieses Streben mag zwar zu punktuellen Verbesserungen führen, öffnet aber zugleich neue eklatante Schwächen. Eine Welt, die sich asymptotisch dem ‚Richtigen‘ annähert, bleibt eine fragwürdige Hoffnung, die im Diesseits grundsätzlich unerfüllt bleiben muss.

Die Gegenthese verweist auf die Möglichkeit, dass trotz der Schwere der Belastungen in einer wahrlich unvollkommenen Welt sich neue Dimensionen aufspannen, die eben die Flachheit der Adorno’schen Erde hinter sich lässt. Das Richtige Leben benötigt geradezu die Emanzipation von einer unvollkommenen Welt. Dies gilt es zu erläutern.

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