Von Lemmingen und Megatrends

Bei der Beobachtung der Zeit kann das Gefühl überhand nehmen, dass es kollektiver Wahn ist, der die Interessen einer Nation zum Schaden der Mitglieder oftmals antreibt. Bekannt ist dieses Phänomen in der Massenpsychologie oft als Kriegsbegeisterung. Scheinbar ein ganzes Volk will etwas, dass es in den Untergang treibt, oder zumindest ein äußerst gefährliches Unterfangen ist – und dem profunden Risiko steht bestenfalls ein schwacher Nutzen gegenüber.

Aber nicht nur bei Krieg und Frieden sind diese verheerenden Wirksamkeiten zu vermerken. Die Metapher der Lemminge steht für ein Massensterben, gegen die eine ‚Schwarmintelligenz‘ nichts entgegen stellt. Die Entscheidungen der Massen sind oft kein Korrektiv gegen die Irrtümer von Einzelnen, sondern können fatale Wirkungen entfalten.

Dem rationalen Anleger darf man bei seinen Investitionsentscheidungen unterstellen, dass er Chancen und Risiken abschätzt. Bei einem unglücklichen Verhältnis wird er von dem Investment absehen. Nicht so die fatalen Megatrends – und das betrifft keineswegs nur den Klassiker der Kriegseuphorie. In vielen Politikfeldern, sei es Währungs- und Marktpolitik, sei es die Energiepolitik oder Bevölkerungspolitik. Scheinbar gibt es flächendeckende Megatrends, die eine rationale Erklärung vermissen lassen.

Der konkrete Anlass und Beispiel: Annalena Baerbock

Bei der  Neuwahl des Parteivorsitzes der Grünensetzte sich Annalena Baerbock durch. Sie galt als Expertin für die Energiewende und gab dem DLF ein Interview, in dem sie  als  zentrale Aufgabe ansah: „das Klimaziel für das Jahr 2020 zu erreichen“. Und das am 21.01.2018, als völlig klar war, dass es eine weite Verfehlung von dem Klimaziel unvermeidlich ist. Auf die Probleme angesprochen meinte sie:

Schmidt-Mattern: Ein beliebtes Argument der Gegner eines schnellen Kohleausstiegs lautet ja immer wieder, dass man sagt, wenn Deutschland allzu schnell aus der Kohle aussteigt, sind wir im Zweifel an Tagen, wo nicht genug Sonne und Wind herrscht, angewiesen auf Stromimporte aus dem Ausland, sprich Atomstrom zum Beispiel aus Frankreich. Wie wollen Sie dieses Argument entkräften?

Baerbock: Das ist ein Dreiklang. Und es ist aber so – und das ist einfach Fakt, da kommt man nicht drum herum – wir haben massiv Stromexporte. Wir exportieren ein Zehntel unseres Stroms ins Ausland, in andere Länder. Die osteuropäischen Staaten haben schon gesagt: ‚So geht das nicht weiter, ihr verstopft unsere Netze.‘ Deswegen haben wir gesagt, diese zehn Prozent Export die können wir an Kohle vom Netz nehmen. Und natürlich gibt es Schwankungen. Das ist vollkommen klar. An Tagen wie diesen, wo es grau ist, da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien. Deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet. Ich habe irgendwie keine wirkliche Lust, mir gerade mit den politischen Akteuren, die das besser wissen, zu sagen, das kann nicht funktionieren.

Tatsächlich ist es ausgerechnet von ausgewiesenen Experten wie Prof. Hans-Werner Sinn – u.a. in seiner Rede Energiewende ins Nichts – allerdings im Gegensatz zur Ansicht von Baerbock kommt er zu dem erschütternden Ergebnis, dass es schlicht nicht funktioniert. Speicher sind nur zu einem verschwindenden Bruchteil vorhanden und wirtschaftlich nicht in dem Umfang zu betreiben, der den Anforderungen entspräche.  Und seit dem Vortrag hat sich auch nichts wesentliches geändert.

Auf Rückfragen wegen ihrer Äußerungen veröffentlichte Annalena Baerbock auf Ihrer Homepage den Artikel ZUM THEMA NETZE UND SPEICHER auf dem sie die Behauptung wiederholte, dass Speicher eine durchführbare Lösung sei, allerdings ohne Berechnung oder konkreten Verweis auf Studien. Lediglich der Verweis auf „Power to Gas“ wird gebracht, der erkennbar hierzu keine wirtschaftlich tragbare Lösung liefern kann.

Das es sich bei Frau Baerbock, den Grünen insgesamt und allen anderen Energiewendern um gefährliche Unwissende handelt, die die Infrastruktur, Wohlstand und Konkurrenzfähigkeit des Landes nachhaltig schädigen wollen, ist selbst halbgebildeten, die über marginale Fähigkeiten verfügen, sich selbst sachkundig zu machen, glasklar. Ich glaube zwar, dass es notwendig ist, sich immer wieder gegen den Strom des Wahns zu stellen und aufzuklären, selbst wenn das zuweilen an eine Don Quxoterie erinnert. Aber ich frage hier, wieso das so vehement doch von Leuten vertreten wird, die weder komplett verblödet sind, noch dass man diesen eine sinistre Verschwörung unterstellen müsste.

Dies wurde auch prägnant in Roger Letschs Artikel Antwort von „Team Baerbock“ thematisiert. Ich antwortete in einem Kommentar, den ich hier erweitert einbringe.

Für mich handelt es sich aber weniger um eine einzelne Verfehlung einer Politikerin, sondern um ein wiederkehrendes Muster, dass auch in anderen Themenzusammenhängen wiederkehrt.

Irrationale Muster der Megatrends

Es setzt mich allerdings immer wieder in ungläubiges Erstaunen, wie die besten Gegenargumente ungehört und unbeantwortet an der Phalanx der verblendeten Lemminge abprallt. Sie marschieren weiter und beanspruchen mit geballter Medienmacht Deutungshoheit. Im Besonderen viele aus der Riege der Journalisten und angeblichen ‘Faktenfinder’ verbreiten stets den gleichen Unsinn. Aber mir fehlen die überzeugenden Erklärungen für die allseits durchgängigen Beobachtungen. Ich vermute, es handelt sich um ein selbstimunisierendes Knäuel des Establishments aus folgenden Elementen:

  1. Gesinnungsethik aka. Gutmenschentum: Man will ja das Gute, und da ist es nicht mehr wichtig, dass man das schlechte schafft. Denn wenn die Intention alleine einen heilig spricht, ficht das das Gewissen nicht mehr an.
  2. Ideologie als Massenhysterie – wer denn zutiefst überzeugt ist, dass die Erderwärmung zur schlimmsten Katastrophe der Menschheit wird, wird jeden Aktivismus, der hiergegen vorgehen will, unterstützen, egal ob die Ursache überhaupt korrekt ist und ob die Maßnahmen sinnvoll sind. Auch nutzloser und teurer Aktivismus, der oft mehr schadet als nutzt, wird somit gerechtfertigt.
  3. Lagerdenken und Peer-Group Druck: Wenn vermeintliche Wahrheiten in der Peergroup fest verankert sind, führt eine Distanzierung von diesem Credo zur Exkommunikation und zwangsläufig zur Zuordnung zu den dämonischen Feinden. Wer will sich das denn antun?
  4. Geld: Mittlerweile gibt es einige aus dem Energiewende-Mainstream, die sich eine goldene Nase an dem Megatrend verdient haben, zumindest lukrative Pöstchen oder halbwegs auskömmliche Jobs die Menge hängen daran. Ein Ausscheren wäre, dass man den Ast absägt, auf den man sitzt. Oft wird das vielleicht gar nicht bewusst reflektiert, denn das könnte ja zu solcherart Zweifel führen, die man braucht wie Zahnschmerz. Und auch ohne Reflektion der eigenen Motive kann man das Selbstbild des moralisch überlegenen Menschen aufrecht erhalten. Frei nach dem Motto:
    Dem Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen, sind sie auch zu sauer.
  5. Macht: Der Megatrend der Politik ist, sich einer rollende Woge nicht in den Weg stellen, sondern sie als Surfer nutzen, um eben den Erfolg der Kraft zu nutzen. Ganz gleich, ob es ein mediengemachter Hype ist, oder ob es die Menschen aus anderen Gründen umtreibt, ganz gleich, worum es geht: Setze dich an die Spitze der Bewegung und sauge daraus die Macht. Denn Demokratie heißt bekanntlich nicht, dass die Vernunft regiert, sondern die Masse.
  6. Propaganda und Massenmanipulation: Haben tonangebende Menschen eine gewisse Programmatik im Sinn, können sie die Trends steuern. Sie können Themen setzen, Behauptungen durch schiere Wiederholung glaubwürdig erscheinen lassen und durch Auswahl bestimmter ‚Experten‘ eben jene Laien überzeugen, die sich nicht selbst kritisch sachkundig machen. Sie schwingen sich zu Blindenführern auf, diskreditieren die Kritik  und befeuern das Verbreiten der Megatrends.

Vielleicht gibt es noch weitere Momente, die diesen und andere absurde Trends antreibt, oder andere Erklärungen, wie es zustande kommt … aber ein offener Diskurs zu Sachthemen spielt sich auf Gesellschaftlicher Ebene nicht ab, sondern bestenfalls in kleinen Zirkeln.

Was folgt daraus?

Ein klares Rezept habe ich nicht. Denn gegen das Argument als probates Mittel des Diskurses sind Megatrends immun. Man stößt auf die Mauer der Ignoranz.

Ein durchführbares, aber wohl unzureichendes Mittel ist die Aufklärungsarbeit. In der kleinen eigenen Einflusssphäre kann man das Seine beitragen, Argumente vorzutragen. Wesentliche Hoffnung auf Änderungen verbinde ich damit aber nicht. Aber es ist nicht auszuschließen, dass eine sich entwickelnde Gegenöffentlichkeit langsam doch Wirkung zeigt. Das Motto dieses Ansatzes ist:

Der Tropfen auf den heißen Stein,
kann Anfang eines Regens sein. 

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