Gefühl, Glaube und Verstand

Erkenntnis der Wahrheit und Wirklichkeit gilt als eines der höchsten Ziele menschlichen Strebens, im Besonderen der Philosophie. Aber dazu gehört auch, dass wir die Grenzen der Erkenntnis erkennen. Platon, Kant, Popper … sie alle wussten, dass es unzweifelhafte Erkenntnis für Menschen nicht gibt. Menschen sehen dagegen Gefühle recht unterschiedlich, wenn es um Erkenntnis geht. Manche halten sie für subjektiv und irrelevant für die Erkenntnis. Immerhin können diese täuschen und sind Einfallstor für Propaganda und Manipulation. Andere meinen, nur durch diese zur Erkenntnis gelangen. Im Besonderen der Gottesglaube wird vermehrt dem Gefühl zugeschrieben, worüber der Verstand sich erhebt.

Andererseits gibt es viele Hinweise, das auch säkularer Glaube und Gefühle die eigentlichen Triebkräfte fast aller Menschen sind und der Verstand nur die Funktion hat, den gefühlsgetriebenen Glauben zu rechtfertigen. Es ist darum wichtig, diese Fragen zu durchdringen.

Gefühl … was ist das eigentlich?

Eigentlich handelt sich hier um viele komplexe Phänomene. Eine einheitliche Definition oder Verständnis ist nicht zu finden. Entsprechend wenig überzeugend sind populäre Versuche, diese zu beschreiben.

Gefühl ist ein psychologischer Oberbegriff für unterschiedlichste psychische Erfahrungen und Reaktionen wie etwa  Angst, ÄrgerKomikIronie sowie MitleidEifersuchtFurcht, Freude und Liebe, die sich (potenziell) beschreiben und damit auch versprachlichen lassen. Obwohl es vielseitige neurophysiologische Ansätze der Messung von Gefühlen gibt, sind diese nicht als einheitlich und überindividuell gültig anerkannt. Dies wiederum legt die Deutung von Gefühlen als individuelle oder subjektive Bewusstseinsqualitäten oder Ichzustände nahe.[1] Gefühle sind das Produkt der Verarbeitung von Reizen, die ihren Ursprung in unseren Sinnesorganen nehmen. Sie vermitteln damit ein Bild von der uns umgebenden Welt, aber auch von Vorgängen unseres eigenen Körpers. Gefühle sind nicht nur Ausdruck äußerer Tatsachen, sondern auch unserer eigenen Beurteilung.

Wikipedia, nach Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon

Tatsächlich reichen Gefühle vom Schauer, wenn etwas unsere Haut berührt, bis zur Gewahrwerdung von Erhabenheit, oder dem Gefühl, das Richtige zu tun, oder jemanden Vertrauen zu können. Aber auch das beinhaltet stets eine gewisse Unschärfe, die die Frage zwischen objektiv und subjektiv nicht klären. Ist es nur ein rein subjektives Gefühl, hat es mit objektiver Erkenntnis nicht viel zu tun. Worauf beruht aber sonst die gesuchte objektive Erkenntnis, wenn man das Gefühl grundsätzlich diskreditiert? Allein, dass Gefühle auch täuschen können oder Opfer Manipulation sein kann, erlaubt nicht jene Disqualifizierung, denn auch jedes vernunftgetrieben Argument kann sich irren.

Sehr hilfreich ist auch der Artikel von Peter Möller:

Gefühl ist ein unklarer Begriff, der für verschiedene körperliche und seelische Erscheinungen benutzt wird: Sinnesempfindungen, Gemütsbewegungen und -verfassungen, Selbstgefühl und weiteres.

Folgende Beschreibungen überlappen sich.

* Die Gefühle sind wie die Wahrnehmungen, die Gedanken, die Vorstellungen, der Wille und die Bedürfnisse eine wichtige Gruppe von Bewusstseinsinhalten.

* Gefühle sind die verschieden als negativ oder positiv empfunden subjektiven Zustände, die man grob unter die Oberbegriffe »Lust und Unlust« ordnen kann. Positive Gefühlen sind z. B. Freude, Triebbefriedigung, bzw. das Ausleben von Trieben, wozu auch der Aufbau von Triebspannungen gehören kann (zum Beispiel beim Sexualtrieb), das Gefühl Erfolg zu haben, von anderen anerkannt zu werden, das Erringen neuer Erkenntnisse. Negative Gefühle sind z. B. Schmerz, Trauer, Angst Peinlichkeit, Schuldgefühle, Triebunterdrückung, Langeweile.

* Gefühle als Grundlage von Ethik, Moral und Sittlichkeit. Menschen glauben auf Grund von Gefühlen mit Sicherheit oder abgemildert mit Wahrscheinlichkeit ein Urteil darüber abgeben zu können, ob bestimmte Dinge oder Handlungen richtig, andere falsch sind. ( Gefühlsethik)

* Gefühl als Gegensatz zum Denken oder zumindest als eine andere Art von Bewusstseinsinhalt. (Die nicht kognitiv und nicht volitional sind, besonders ethische und ästhetische Gefühle.)

* Gefühl als wage, unklare Erkenntnis.

* Gefühl als unmittelbares klares Wissen. Ein Gefühl, welches so stark, so intensiv ist, dass man überzeugt ist, durch dieses Gefühl objektives Wissen zu haben. (Ähnlichkeit zur Intuition.)

* Gefühl als Ahnung. (Das Gefühl haben, dass etwas bestimmtes passiert.)

* Gefühl als Kompetenz (Ein Gefühl, ein Geschick haben, für eine bestimmte Sache oder Tätigkeit.)

Philolex. Gefühl

Man könnte auch den Willen und alle Motive als Unterfunktion der Gefühle deuten:

  • Das Gefühl, Macht zu erlangen ist die Triebkraft, denn die Macht an sich ist bedeutungslos, so lange sie nicht wahrgenommen wird. Zudem sind die vermeintlich Mächtigen oft in fatalen Abhängigkeiten gefangen und nur scheinbar mächtig.
  • Das Gefühl von Liebe und Mitleid treibt uns zu Taten der Menschlichkeit, auch wenn sich diese oft als nicht zielführend erweist. Es lässt den Menschen sich aber gut fühlen.
  • Das Gefühl, sich selbst in moralischer Überlegenheit zu sehen ist manchen wichtiger, als einer begründeten Ethik zu folgen, oder gar selbstsüchtige Wünsche zu erfüllen.
  • Gefühle der Lust werden gesucht und treiben den Menschen, ob nun beim Gaumenschmaus, Urlaubserlebnissen, Sexualität, Ästhetik, Gottesglaube oder Drogenkonsum.

Ich denke, man sollte sich aber nicht von einer derartigen Sicht vereinnehmen lassen. Denn sie reduziert menschliches Denken und Wollen als Sklave von Trieben. So mag das Gefühl eines Sadisten oder Machtmensch ihn treiben, andere zu schädigen, oder das des Liebenden bis zur Selbstlosigkeit sich für andere zu opfern. Wenn diese Gefühle aber einfach da sind, vollständig das Handeln steuern, oder gar Befindlichkeiten, die rein genetisch und/oder sozialisationsbedingt wären, wäre die Vernunft und Ethik entmachtet und bedeutungslos. Der Mensch wäre keine moralische Instanz mehr und kann keine Würde beanspruchen, denn er wäre kaum mehr als eine zufallsgeprägte kybernetische Maschine, der auch nicht wirklich verantwortlich für sein Handeln wäre. es gäbe demnach auch keinen Maßstab für Gut und Böse.

Andererseits wäre das vollständige Negieren der Gefühle als mächtige Triebraft und ein Selbstverständnis als mehr oder minder reiner Verstandesmensch offensichtlicher Unsinn. Es gilt in der Wahrheitssuche darum, sich selbst zu erkennen, Gefühle bewusst wahrzunehmen und zu respektieren, aber auch zu reflektieren und ggf. zu bekämpfen und zu steuern.

Ein Erkenntnismodell

Das Gefühl hat stets mit Wahrnehmungen und Bewusstseinsinhalten zu tun. Auch unterbewusste Gefühle und unreflektierte Motive können nur dann relevant sein, wenn sie ggf. in einer maskierten Form das Bewusstsein beeinflussen. Die bekannten Wahrnehmungsorgane wie Augen, Ohren, Tastsinn, Temperaturfühligkeit, Riechen und Schmecken sind keine exklusive Liste. Denn Hunger, Müdigkeit, sexuelles Verlangen, Durst, Gleichgewicht und einiges mehr gehört zum menschlichen Grundvermögen.

Darüber hinaus können wir sowohl im Tierreich, als auch mittels der Wissenschaft und Instrumenten eine Menge von physikalischen Befindlichkeiten erkennen, die unserer Wahrnehmung fern ist: Magnetismus und elektromagnetische Wellen in Frequenzen, die wir nicht wahrnehmen können … entsprechendes auch bei Schallwellen. Die Physik hat Grenzen der Erkenntnis: Auch wenn man nun Neutrinos und sogar das Higgs-Boson nachweisen konnte, wissen wir nur aus der Theorie von dunkler Materie und dunkler Energie, aus denen das Universum überwiegend besteht. Wir können um so weniger mögliche Befindlichkeiten erkennen, von der wir gar keine Theorie haben.

Im Sinne der Parapsychologie und Intuitionsforschung versucht man Phänomene zu untersuchen, die jenen Gefühlen sehr nahe kommen, die in der Überzeugung vieler Menschen entscheidende Bedeutung haben. Sicher haben wir hier noch keine wissenschaftliche hinreichende Evidenz, aber ein Positivismus, der nur das Messbare für real hält, ist offensichtlich arrogante Ignoranz. Wir können darum davon ausgehen, dass die Wirklichkeit viel weiter ist, als wir wissen und nachweisen können. Möglicherweise geben uns einige Gefühle hier weitere Erkenntnis der Realität, die wir aber nur schwer sicher einordnen können.

Wir sollten uns darum klar machen, wie der Gefühlsapparat funktioniert. Ausgehend von Sinneswahrnehmungen können wir diese bewusst beachten oder unterdrücken. In jedem Fall aber gelangen jene über mehrere Verarbeitungsstufen zu unserem Bewusstsein. Zunächst gibt es das Training der Sensitivität von Sinneswahrnehmungen. Diese ‚rohen‘ Signale werden dann in einem ersten Interpretationsprozess, der vermutlich genetisch bestimmt ist gedeutet. Gerade beim Menschen wird dieser in einem Sozialisationsprozess erlernt und ausgeprägt. Die Kultur, persönlichen Beziehungen und die interessgeleiteten Weiterbildungen ermöglichen uns dann eine Verfeinerung der Gefühle. Auch wenn die Grundreize der Sinneswahrnehmungen eines Inuit oder eines australischen Aboriginees den unsrigen vermutlich ähneln, werden wir diese in völlig anderem Deutungsraster erkennen. Aber auch zwischen Individuen gibt es große Unterschiede. Während die ‚Zauberflöte‘ bei dem einen Staunen und höchste Entzückung beschert, ist es für andere nur Geschrei … und das, obwohl beide die gleiche Grundwahrnehmung haben.

Gefühle sind somit von einer Menge von Einflüssen bestimmt. Kulturelle Prägung, persönliche Erfahrung und individuelle Weiterbildung ermöglichen unterschiedliche Deutungen, die keineswegs gleichwertig sind. Zu Recht schätzen wir Bildung und Erkenntnis, die uns zu weiterreichend Leistungen befähigt als nur vorbewusstes animalisches Sein. Diese ist gar Voraussetzung zur Mündigkeit und zu ethischem Handeln, dass von der Menschenwürde ausgeht.

Haben wir also eine objektive Grundlage von Wahrnehmungen, so führt das keineswegs zu einer gleichen Verarbeitung und Beurteilung. Eine bewusste vernunftgemäße Reflektion der Gefühle kann hier die Qualität der Deutung deutlich verbessern. So kann man sich dazu entscheiden, bestimmte Gefühle besonders zu fördern, zu unterdrücken und zu bezweifeln, oder weiter auszubilden.

Religion und Gefühle

Peter Möller schreibt:

Die Religion hat für die meisten religiösen Menschen etwas mit Gefühl zu tun, nicht mit Vernunft. Die Philosophen und Theologen, die eine Vernunftreligion betrieben, waren immer und in allen Religionen in der Minderheit. (Siehe z. B. Deismus.)

http://www.philolex.de/gefuehl.htm

Dies greift erheblich zu kurz, zumal der Begriff Religion viel zu unscharf ist, um eine bedeutungsvolle Unterscheidung zwischen einem religiösen Menschen und einem nicht-religiösen Menschen zu machen. Der Verfasser schreibt dazu in einem anderen Artikel:

Religion hat meiner Einschätzung nach sechs analytisch trennbare Aspekte:

1. Dogmatismus: Über das empirisch und rational Erkennbare hinaus werden bestimmte Glaubenssätze aufgestellt, von deren Richtigkeit ohne jeden Zweifel ausgegangen wird. (In der Regel – aber nicht notwendiger Weise! – beinhalten Religionen den Glauben, dass ein Gott  oder mehrere Götter existieren.)

2. Unkompliziertheit: In der Regel handelt es sich dabei um eine sehr einfache, dem Auffassungsvermögen der großen Mehrheit der Bevölkerung angepasste, mythenhafte, märchenhafte Seinsdeutung und Voraussagen, was mit dem Menschen bzw. seiner Seele in Zukunft passieren wird.

3. Trostpflasterfunktion: Mit dem Glauben an eine jenseitige Vergeltung, ewiges Leben, Wiedergeburt etc. tröstet die Religion viele Menschen über die z. T. gewaltigen Lebensprobleme hinweg.

4. Ethik: Verbunden mit den religiösen Glaubenssätzen sind Angaben darüber, was gut und böse ist und damit verbunden die Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten.

5. Kulthandlungen: Verbunden mit diesen Glaubenssätzen werden bestimmte Kulthandlungen durchgeführt, wie zum Beispiel Gottesdienste, Gebete, Rituale etc.

6. Kirche: In der Regel gibt es eine Organisation, in der die Gläubigen zusammengefasst sind, und die über die Reinhaltung der Lehre und über die Kulthandlungen wacht.


Nur diese sechs Punkte zusammen machen Religion aus. Würde man z. B. bereits das Aufstellen nicht nachprüfbarer Glaubenssätze Religion nennen, wäre auch ein politischer Fanatiker religiös und eigentlich schon jeder etwas beschränkte, sture Mensch. Dann verlöre der Begriff Religion seinen Erklärungswert. Die sechs Aspekte – möglicherweise gibt es weitere – sind allerdings bei den verschiedenen religiösen Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Der Dogmatismus hat besonders in den fortgeschritteneren, freieren Ländern an Bedeutung verloren. Das starre Festhalten an Glaubenssätzen hat bei vielen religiösen Menschen nachgelassen. Oft bleibt als letztes Dogma nur noch die Existenz eines nicht näher bestimmbaren Gottes.

Peter Möller: Religion und Philosophie

Ich halte diese Definition zwar für hinreichend stringent, aber macht dennoch eine Unterscheidung zu anderen Ideologien beliebig. Warum sollte die Gruppierung eines Buddhismus, Christentum und Islam als ‚Religion‘ entscheidende Unterschiede zu politischen Lehren aufweisen? Es gibt die Tränen im Lenin-Mausoleum und Jugendweihen. Der Glaube an die menschengemachte Globale Erwärmung ist mit der Zukunftshoffnung der Weltrettung verknüpft, wenn nur die Umwelsünden vermieden werden uvm. Aber auch in den einzelnen Punkten der Definition liegen zweifelhafte Aussagen:

Der Begriff »Dogmatismus« (von Dogma) bezeichnet die Einstellung, dass es bestimmte unbezweifelbar sichere Auffassungen und Aussagen gibt.

http://www.philolex.de/dogmatis.htm

Viele Richtungen im Christentum werden das bestreiten, zumal die Empirie ganz klar zeigt, dass viel Dogmen eben bezweifelt wurden. Der Glaube, das manche Lehrsätze richtig sind, kann darum nicht unbezweifelbar sein. Vertreter derer bestätigen sie oft erst nach eine zweifelnden Prüfung … und die anderen glauben eben etwas anderes. Schließlich sagt auch das Neue Testament:

20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt.

1.Thessalonicher 5

Dann würden bereits jene Christen, die sich darauf beziehen – so auch ich -, nicht mehr in die Definition von Religion passen.
Siehe auch: Wehe und Wohl des Dogmas

Zu Unkompliziertheit: Natürlich muss sich eine Weltanschauung bemühen, dass deren Inhalte auch von Menschen verstanden wird, die unterschiedliche Bildung und Kultur haben, um Wirksamkeit zu entfalten. Nicht alles, was vermittelbar ist, muss auch wahr sein, aber eine offenbarte Wahrheit muss vermittelbar sein, denn sonst wäre der Gedanke der Offenbarung fragwürdig. Das Christentum ist in Gänze – also über die Kernsätze hinaus – keineswegs einfach, was die Bibliotheken theologischer Literatur belegen. Auch bei anderen ‚Religionen‘ bildet sich zuweilen eine erhebliche Komplexität aus.

Zur Trostpflasterfunktion: Allein die pejorative Wortwahl impliziert bereits den Zweifel an der objektiven Grundlage des Trostes. Die jeweilige Glaubenslehre geht jedoch von deren Wahrheit aus. Warum sollte also ein sogenanntes Trostpflaster nur ein wahres Leiden bemänteln, anstatt wirksamen und begründeten Trost zu spenden? Der Zweifel ist zulässig, aber der implizite Ausschluss des Wahrheitsanspruchs ist bereits eine Glaubensentscheidung.

Wenn Möller aber hier aber einen Gegensatz des Gefühls zu der Vernunft in der ‚Religion‘ postuliert, bezieht er sich wohl nur auf einen Teil jener so bezeichneten Gruppe. Die theologische Literatur liefert einen beredeten Gegenbeweis. Tatsächlich gibt es jeweils unterschiedliches Verhältnis zwischen Gefühl und Vernunft in jedem Menschen. Siehe: Philosophie und christlicher Glaube

Auch der Philosoph, der sich an keine ‚Religion‘ bindet, kann sich nicht auf eine unzweifelhafte Letztbegründung beziehen. Er glaubt also an ein gewisses So-Sein der Welt, die ihn zu zutreffenden Aussagen ermächtigt. Und dieser Glaube lässt sich sehr wohl auf ein Gefühl zurück führen.

Gefühle und Gottesglaube

Glaube an Gott bezieht sich stets auf eine Vorstellung jener unverfügbaren Wesenheit, die meist als Urgrund allen Seins verstanden wird. Siehe auch: Wovon reden Menschen, wenn sie von Gott reden?

Der Gottesglaube bezieht sich aber stets auf existenzielle Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle. Oft eigene Erfahrungen, aber stets auf die Erfahrungen Dritter, die in grundlegenden Schriften bezeugt sind. Und damit kommen wir wieder zum Erkenntnismodell:

So kann man sich auch die unterschiedlichen ‚religiösen‘ Deutungen numinöser Erfahrung herleiten. Allein aus der Unterschiedlichkeit der Deutung erklärt sich dann kein genereller Irrtum, sondern bestenfalls eine mehr oder minder zutreffende Deutung der Realität. Die Annahme, dass alle derartigen Erfahrungen ausnahmslos Irrtümer und menschliche Fabrikation seien, ist per se ein Anspruch, die Wahrheit eben besser zu kennen als jene, die hier von einer Gotteserfahrung überzeugt sind. Darüber hinaus kennt die Bibel durchaus Götzen und falsche Götter. Im NT wird gewarnt, dass sich der Satan als Engel des Lichts präsentieren könne.

Ein Gott, der sich in definierten Verhältnissen beschränken will, hätte nicht stets neue und unerwartete Begegnungen geschenkt, die kaum einem vorgegebenen Muster entsprachen. Jakobs Kampf am Jabbok (1.Mose 32,25-32), die Begegnung des Mose am brennenden Dornbusch (2.Mose 3) gleicht keiner vorgegebenen Definition und ist auch nicht geeignet, ein neues Begegnungsmuster zu konstituieren. Gott bleibt in vielen biblischen und außerbiblischen Zeugnissen stets der Lebendige und Unfassbare, der uns dennoch sucht. Auch die Erfahrung des Jona, der vor dem Auftrag Gottes flieht, ist weder gewöhnlich, noch eine Regel. Jesus selbst tritt immer wieder unerwartet in die Begegnung, so auch bei den Emmausjüngern (Lukas 24,13-32).

Jeder Glaube ist zugleich Entscheidung und Wagnis. Er nähert sich damit der Erkenntnis jener Wahrheit, die sich der reinen Vernunft verschließt und riskiert, sich zu irren. Was aber, wenn man in Distanz verharrt? Es ist, als ob Moses den brennen Dornbusch sah, aber sich diesem aus lauter Vorsicht nicht näherte. Er wäre nicht der Begegnung Gottes teilhaftig geworden, oder hätte seine Stimme gehört, diese aber für Einbildung gehalten. Diese Zurückhaltung hätte ihn in Ignoranz und Unkenntnis bis zu seinem Tod gefangen. Mit welchem Recht soll aber eine andere Deutung als der überlieferten zutreffender sein?

Die erfahrene Gottesbegegnung aber kann mit Hilfe des Verstandes verfeinert und von Irrtümern bereinigt werden. Religiöser Glaube ist somit selten reine ‚Gefühlssache‘, die jenseits unserer eigenen Erfahrung und Vernunft liegt. Gottesglaube fordert daher, dass es eine Prüfung des eigenen Glaubens gibt – um eben jenen Verführern nicht zum Opfer zu werden. Am Beispiel des brennenden Dornbusches fällt auf, dass in dem Dialog Mose wie ein Kind seiner Zeit äußerte. Er fragt nach dem Namen. Aber die Antwort Gottes nach der revidierten Elberfelder:

Da sprach Gott zu Mose: „Ich bin, der ich bin.“

2.Mose 3,14

Was sich auf den ersten Blick wie eine eher enttäuschende Tautologie anhört und keineswegs wie ein gesuchter Name, so wird beim Nachdenken klar: Gott kann durch nichts anderes als an seiner Selbstreferenz identifiziert werden. Alles, auch die Schöpfung in ihrer Gesamtheit, sind von Gott abhängig, der wahre Gott kann auch nicht vom Menschen ersonnen werden, denn er bezieht seine Existenz aus einer Unbedingtheit … und unterscheidet sich darum von allem Anderen, dass eines Grundes bedarf. Sowohl der unbedarfte Mose, als auch der Erzähler als Kinder ihrer Zeit wirken eher naiv und lassen eben nicht vermuten, dass jene anders konnten, als in Ehrfurcht zu erstarren. Nicht, dass man diesen Abschnitt als der Bibel nicht hinterfragt werden dürfte, macht die Geschichte zum Offenbarungstext, sondern weil sich eine enorme Spannung mit unerwarteten Ergebnis zeigt, die die Dimensionen von Moses und dem Erzähler deutlich übersteigt.

Skeptische Prüfung

Die Methoden der Werbung, Betrügern und Propagandisten, nutzen die Möglichkeiten, um bei Dritten gewünschte Gefühle, Eindrücke und Überzeugungen zu erwecken. Und das funktioniert oft genug auch. Der Übergang von einer begründeten Wissensvermittlung, zulässiger Meinungsäußerung und Manipulation ist zuweilen fließend. So mag ein Mensch von einem Sachverhalt, bzw. einer Ideologie, nach bestem Wissen und Gewissen überzeugt sein und diese so gut zu vermitteln, dass er auch Dritte davon überzeugt. Wenn diese sich aber als unzutreffend erweist, sind seine Nachfolger offensichtlich in die Irre geführt. In der Wirkung unterscheidet es sich dann nicht von dem übelwollenden Betrüger, der bewusst und erfolgreich einen falschen Eindruck vermittelt.

Es bleibt darum die nicht-delegierbare Aufgabe eines jeden Menschen zu entscheiden, was er für Wahrheit und was er für Irrtum und Trug hält. Die Entscheidung, wem er vertrauen schenkt, ist sicher nicht in gleichem Maße bei jedem ein rationaler Prozess. Dies ist vielmehr eine Folge von Entscheidungen und persönlicher Kompetenz in kulturellem Kontext. Die Gefühle sind darum stets eine mehr oder minder bedeutende Komponente. Eine Prüfung sollte darum reflektiv stets durchgeführt werden, um sich vor Trug und Irrtum so gut als möglich zu schützen. Siehe: Prüfkriterien für Dogmen

Mancher möge der Ansicht sein, dass ein möglichst radikaler Skeptizismus der sicherste Weg sei, aber dieser verhindert dann jede Erkenntnis. Wahrheit hängt schließlich an einer Letztbegründung. Denn wenn alles, was wahr zu sein beansprucht, letztlich unsicher und darum nicht vertrauenswürdig ist, dann zerfällt die Welt zu einem dekonstruiertem Bild aus fragwürdigen Sätzen. Faktisch aber halten Skeptiker dennoch einiges für zutreffend, und das bezieht sich auf ihre Gefühle, die sie für wahr halten … also jene Gefühle, die wiederum andere für unzuverlässig einstufen. Darum erscheint es weit angemessener, aus der Menge der Erfahrungen, Deutungen und Vorstellung diese zu wählen, die dem Kriterium der Wahrheitserkenntnis am nächsten kommt und dieser zu vertrauen. Siehe: Was ist Wahrheit?

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