Wehe und Wohl des Dogmas

Ein schlechtes Wort mit klar negativer Konotation, das Dogma. Der Undogmatische wird gelobt, und der Andere? Vielleicht ein Fundamentalist, Heuchler, Engstirniger, Geistloser, Starrer …

Man denkt heute eher in Wolken und Assoziationen, nicht mehr über klare Begrifflichkeiten nach. Denn das Dogma war ursprünglich der geschätzte grundsätzliche Lehrsatz. Was ist grundsätzlich und prinzipiell falsch an einer grundlegenden und normativen Lehraussage – bevor man dessen Inhalt kennt?

Der falsche Zungenschlag ist verknüpft mit: … deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird.

Derartige apriori-Festlegungen lehnen wir ab. Aber ist notwendig das Dogma treffend so zu attributieren? Wie nennt man dann jene grundlegenden Lehrsätze, zu denen sich jemand bekennt, diese aber durchaus auch unter kritischen Vorbehalt stellt? Auch Dogma? Hmmm …

Dogmen als praktisch nicht hinterfragbare Sätze werden oft von jenen so bezeichnet, die sie eben nicht für wahr halten, dies aber Dritten unterstellen, und zwar pauschal. Es ist die Schublade, jene auszugrenzen. Also man selbst wähnt sich frei des Dogmas, in dem man andere dessen denunziert. Und natürlich gibt es auch Fundamentalisten, die tatsächlich so mit ihrem Dogma umgehen, wie sie nur schlimmste Alpträume hervorbringen.

Die meisten Menschen, auch in der Postmoderne, haben aber jeweils eine Weltanschauung entwickelt, die sich natürlich auf gewisse Dogmen stützen. Diese werden zumeist weder reflektiert, noch als solche erkannt. Also etwas, was man unbedingt für wahr hält, ohne es der kritischen Vernunft zu stellen. Es ist eine Immunisierungsstrategie, die eigenen Dogmen eben nicht als Dogma zu bezeichnen, denn somit kann man sich der Illusion wähnen, selbst ganz undogmatisch zu sein. Oder eben die Prinzipienlosigkeit zur Tugend zu erheben.

Die fallibilistische Chance

Allein mit der Identifikation eines Satzes als Dogma wird dieses sogleich entzaubert und prinzipiell unter jenes kritische Licht gestellt, das nach Prüfung schreit. Nur wenige würden sich weigern, das Dogma zu hinterfragen. Dazu zunächst ein Einschub:

Fundamentalisten sind das Gegenteil der Fallibilisten und der Gläubigen. Der Gläubige nennt sich so, weil er sein Vertrauen in ein Sachverhalt oder Person setzt, ohne einen zwingenden Beweis dafür zu haben. Der Gläubige weiß das und entscheidet sich dennoch für das Vertrauen, das auch irren kann. Aber der Gläubige ist auch ein Hörer, der seine Irrtümer über Bord werfen will, wenn er sie erkennt. Der Fallibilist hat aus der einfachen Erkenntnis, dass er stets irren kann, ein Programm gemacht: Unter Irrtumsvorbehalt kann er Positionen auch glühend vertreten.

Der Fundamentalist ist dagegen von Kritikimmunisierung  gekennzeichnet – Dogmatismus ist dem Fundamentalismus sehr nahe und kann auch synonym verstanden werden . Er hat Angst, sich kritischen Prüfungen zu stellen, denn sie könnten sein gehegtes Weltbild zerstören und ihm seine kostbare Sicherheit rauben. Dies führt dann zu einer immer engeren Fixierung auf ein Dogma, das zunächst selbst als heilig und unverletzlich gilt. Das führt in die Selbstbestätigung und schließlich zum Verrat am Dogma selbst. Denn das Dogma wird in seinem Inhalt immer mehr beliebig und auf seine psychosoziale Funktion reduziert.

Das Dogma aber entspricht dem Leben nicht darum, weil es einen felsenfesten Fixpunkt setzt, sondern weil es einen Kontrapunkt zur Indifferenz setzt. Denn das Leben ist stets parteilich, es dient dem Individuum, der Familie oder Bezugsgruppe … und ist nie indifferent wie der Tod. Es ist ein Irrtum, die Indifferenz und Unparteilichkeit als philosophisch wertvoll anzusehen. Es suggeriert, das sich ein derartiger Philosoph den Dingen und der Parteien enthoben ansieht, als würde er der Niederung des Lebens entkommen sein. Natürlich sitzt auch jener gewissen grundlegenden Sätzen auf, nur nennt er sie nicht Dogma, sondern Weisheit.

Dogmen differenzieren !

Spätestens jetzt ist es an der Zeit zu unterscheiden. Es gibt Dogmen, die dem Leben und der Erkenntnis nutzen und darum durchaus respektable Optionen liefern, wie wohl es auch destruktive und schädliche Dogmen gibt, die es zu recht zu verachten gilt. Das etwas ein Dogma ist, macht es weder grundsätzlich positiv und respektabel, noch pauschal negativ und verächtlich. Es bedarf der näheren Analyse.

Und genau das macht das Dogma so interessant. Im Gegensatz zu jenem, der sich einem Pudding gleich rein situativ entscheidet, und letztlich keine Substanz halten kann, bietet das Dogma die Chance der Ablehnung oder der gewinnbringenden Akzeptanz. Ein kritischer Zugang ist nicht gleichbedeutend mit einer Ablehnung. Aber es ist kein naiver Zugang zum Dogma, sondern ein reflektierter.

Fallbeispiele

Nehmen wir aus dem offenen Kontinuum drei Szenarien beliebig heraus:

  1. Ein Postmoderner, der Dogmen und normative Vorgaben ablehnt hält das eigene Wohlergehen für die oberste Maxime (sein implizites Dogma). Aber gerade das, was ihm alleine wichtig ist erreicht er nicht, denn aus Mangel an Sinn führt es ihn in Verzweiflung, Leere und Alkoholismus.
  2. Ein Mitglied der Amish-Community steht treu und unkritisch zu den Lehren, in denen er erzogen wurde. Er kann darum als Fundamentalist bezeichnet werden. Er hilft der Gemeinschaft und ist glücklich dabei.
  3. Ein Intellektueller, der aufgrund seiner Erziehung der Muslim-Bruderschaft nahe steht, hinterfragt zwar die Dogmen, bejaht sie aber dennoch und wird zu einem Funktionär des Terrorismus.

Sicher extreme Stereotypen, aber keineswegs unrealistisch. Es zeigt, dass die Ablehnung von Dogmen keineswegs unbestritten positiv ist, dass eine fundamentalistische Einstellung grundsätzlich abzulehnen wäre oder das eine kritische Position ein sicheres Heilmittel gegen üble Ideologie ist. Es zeigt, dass Dogmen sehr unterschiedliche Qualitäten haben können und dass man eben nicht mit einfachen Rezepten seine Schubladen befüllen kann.

Eingedenk dessen rate ich dennoch zu einer kritischen Einstellung, auch wenn diese nicht immer zielführend ist. Denn wenn der Amish (2.) das Glück hatte, in einer behüteten Umgebung aufzuwachsen, die ihn zu einer positiven Lebenseinstellung kommen ließ, so ist er damit nicht sicher von jenem Lebensweg zu unterscheiden, der von einer Kultur des Hasses geprägt wurde. Es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, sich von seiner Herkunft zu emanzipieren, um entweder einen völlig anderen Weg zu gehen oder das Ererbte bewusst zu kultivieren oder zu erweitern. Das macht den Menschen erst verantwortlich und realisiert seine Würde – es ist seine Entscheidung!

Das notwendige Handwerkszeug ist darin zumeist die kritische Vernunft. Sie muss sich dem Diktum beugen:

Prüfe alles, das Gute behalte.

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