Der letzte Grund und das Münchhausen Trilemma

Manche fruchtlosen Ideen werden von einigen Zeitgenossen und Medien propagiert. So findet man z.B. bei Neon einen Artikel zu

Das Münchhausen-Trilemma

Warum wir die absolute Wahrheit vergessen können.

Abgesehen, dass man das mit populärem Aufmacher ein philososphisches Thema anreißt, ist dieser Artikel nicht lesenswert. Er thematisiert nicht den Unterschied zwischen einem möglichen objektiven Grund und der Erkenntnis von diesem, bietet keine hinreichenden Schlüsse oder Denkanstöße. Eigentlich geht der Gedanke zurück auf Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft.

Aber auch dieser Gedanke ist eher fad:

Angenommen, Satz p soll begründet werden. Drei Wege scheinen hierfür möglich:

Infiniter Regress
Jede Aussage, die p begründet, muss wiederum begründet werden. Dies führt in einen „unendlichen Regress“.
Zirkel
Die Begründung verläuft im Kreis. Eine Aussage, die p begründen soll, ist identisch mit p oder kommt in der Begründungskette, die p begründen soll, bereits vor. (Beispiel nach einer Komödie Molières: Warum ist das Mädchen stumm?Das Mädchen ist stumm, weil es sein Sprachvermögen verloren hat!Warum hat es sein Sprachvermögen verloren?Auf Grund des Unvermögens, die Sprache zu beherrschen!)
Abbruch des Verfahrens
Infinitiver Regress und Zirkelschluss können sich durchaus verbinden oder endlos wiederholen, welches letztlich zum Abbruch des Begründungsverfahrens führt.

Zusätzlich, und gleichzeitig zu verstehen als Motivation für die Formulierung dieses Münchhausen-Trilemmas, fügt Albert (sinngemäß) hinzu: „Wenn es eine Letztbegründung gäbe (was glücklicherweise schlecht möglich ist), würde diese unweigerlich zu einem Dogma führen.“

Da es keine unfehlbaren Quellen der Erkenntnis gebe, sondern allenfalls Quellen, deren Unfehlbarkeit dogmatisch behauptet wird, gibt es gemäß dem Münchhausen-Trilemma keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit.

Siehe auch die Kurzdarstellung von Peter Möller.

Überraschender Weise ist in der Diskussion über diesen Gedanken vieles ungesagt geblieben:

  1. Die Annahme, dass ein infiniter Regress erforderlich oder möglich sei, ist bereits ein Dogma. Wieso sollte ein infiniter Regress existieren können,  der ohne weiteren Grund existiert?  Wenn man dies als Möglichkeit betrachtet ohne dessen reale Existenz anzunehmen ist es lediglich das Argument des Unwissens über den realen Grund, also die Ignoranz.
  2. Ein Zirkel ist schlicht ein logischer Fehler. Unsinn zu behaupten ist keine valide Antwort. Darum scheidet diese scheinbare Möglichkeit aus, und man hätte bestenfalls ein Dilemma.
  3. Der Abbruch des Verfahrens – als Chiffre für das Dogma – setzt die Gültigkeit des Verfahrens voraus. Wenn das Verfahren invalide ist, ist auch dessen Abbruch bedeutungslos. Somit bedarf es eines Dogmas, dass die Validität des Verfahrens behauptet.

Die Antwort aus dem falschen Trilemma wäre ein eindeutiger Schluss, zu dem auch Michael Schmidt-Salomon, ein Schüler Alberts, annähernd korrekt kam:

Jedes Denken gründet auf Unbegründbarem

Als Gefangene im Letztbegründungssumpf scheint es, dass wir keine andere Möglichkeit haben, als das skandalöse Verfahren des dogmatischen Abbrechens der Begründungskette in Anspruch zu nehmen.

Kritik und Erkenntnis

Wo liegt nun der eigentliche Fehler von Albert, Schmidt-Salomon und anderen? Sie haben das Erkenntnisproblem verbissen fixiert wie die berüchtigte Maus vor der Schlange. Der Ergebnis: Ein falsches Dilemma – tertium non datur .

Wir gehen davon aus, dass wir nichts sicher wissen, also auch nicht, ob es einen ersten Grund gäbe, wie ihn Aristoteles herleitete. Das schließt ein, dass wir einen ersten Grund für möglich halten müssten – uns fehlt schlicht die Kenntnis, diesen auszuschließen.

Unter diesem Umstand stellen wir uns die Frage: Gibt es einen Weg, unsere Erkenntnis zu vertiefen, so dass wir sicher oder zumindest plausibel von einer definitiven Antwort ausgehen können?

Einen Exkurs, warum ein zwingendes Wissen angesichts menschlicher Unzulänglichkeit überhaupt sinnvoll gefordert werden könnte, spare ich mir hier.  Denn es gibt ein Verfahren, mit dem wir unserer Antwort erheblich näher kommen können:

Kohärenz

Das Konzept beruht auf der der logischen Konsistenzforderung – zuweilen auch als Kohärenztheorie der Wahrheit bezeichnet:

Diese sagt aus, ein Satz sei wahr, wenn er sich widerspruchsfrei in ein System bereits vorhandener wahrer Sätze einordnen ließe.

Aber auch das wirkt nicht nur etwas trocken, sondern auch willkürlich: Wie kann man die Wahrheit jener Sätze den erkennen?

Vielmehr ist hier von zwei Grundsätzen auszugehen:

  1. Eine Arbeitshypothese ist eine Annahme, die sich als falsch erweisen kann und darum nicht den Charakter eines Dogmas hat.
  2. Die Gesetze der Logik haben universelle Gültigkeit. Sie liefern das notwendige Handwerkszeug, um Fehler zu erkennen.

Daraus folgt, dass ein System von Sätzen, das widerspruchsfrei ist, zumindest möglich ist. Ein System von Sätzen, das zu unauflösbaren Widersprüchen führt ist nicht möglich und darum zu verwerfen. Ferner gilt, dass alle Beobachtungssätze in dem System Aufnahme finden müssen. Existieren Beobachtungen, die zu unauflösbaren Widersprüchen führen, ist das System nicht gültig.

Konkrete Arbeitshypothesen

Eine Arbeitshypothese (A1) kann sein, dass es genau nur ein System gibt, dass die Konsistenzbedingung erfüllt – also eine valide und hinreichende Darstellung der Wahrheit ist, und damit die Letztbegründung inkludiert.

Vielleicht sind auch wenige alternative Systeme valide (A2). Angesichts der Unvollkommenheit menschlicher Erkenntnis kann diese Annahme aber nicht ausschließen, dass sich letztlich A1 als wahr erweisen kann. Die Gegenthese (A3), dass alle Systeme valide sind, kann leicht wiederlegt werden, indem logische Fehler in vielen Systemen gezeigt werden können.

Es bleibt aber auch A0 vertretbar, nach dem es kein System gibt dass die Konsistenzbedingung erfüllt. Immerhin kann man sich darin auf Gödel beziehen, der eine zwingende Inkonsistenz in jedem System ab einer gewissen Komplexitätsstufe behauptet. Aber auch das ist eine unbelegte Annahme, denn es kann keine vollständige Induktion geben, die die Richtigkeit von A0 beweist.

Logik und Widersprüche

Der Satz vom Widerspruch besagt,  dass zwei einander widersprechende Aussagen nicht zugleich zutreffen können.

Der Satz vom Widerspruch wird – insbesondere von den Realisten – zu den Evidenzen gezählt. Dies sind die ersten Wahrheiten bzw. Grundwahrheiten, auf denen alle anderen Wahrheiten aufbauen bzw. die von jeder anderen Einzelwahrheit impliziert werden.

Erläuterung bedarf der  unauflösbare Widerspruch. So ist 1 = 0 falsch und unvereinbar mit der Logik. Dagegen sind viele Beobachtungssätze die in einem scheinbaren Widerspruch stehen, kein unauflösbarer Widerspruch. Ein Beispiel:

Heute Nacht las Klaus eine Kurzgeschichte im Sonnenlicht. 

Gemeinhin würde man annehmen, dass nachts die Sonne nicht scheint und dass dieser Satz im Widerspruch zur Realität stünde. Tatsächlich gibt es viele Kontexte, in der der vermeintliche Widerspruch aufgelöst werden kann. Z.B.

  • Klaus ist im hohen Norden und erlebt Midsommer
  • Klaus verfügt über eine Anlage, die ein Licht mit einem synthetischen Sonnenspektrum erzeugen kann. Die Bezeichnung Sonnenlicht ist hier nicht exklusiv.
  • Klaus lebt auf Hawai, der Sprecher aber ist in Deutschland zuhause und verwendet einen lokalen Kontext.

Es gilt also, die Formulierung der Sätze zu präzisieren und z.B. den Kontext von Aussagen zu explizieren. Unter diesen lassen sich bereits viele scheinbare Widersprüche auflösen. Eine Formulierung, die zu einem nicht auflösbaren Widerspruch führen würde, wäre dagegen:

(A1) Heute Nacht las Klaus hier eine Kurzgeschichte im Licht der Sonne. 

(A2) Nacht ist die lokale Zeit zwischen Sonnenuntergang und Aufgang. 

Diese beiden Sätze sind nicht auflösbar und damit inkohärent.

Auch wenn es auflösbare Widersprüche gibt, sind andere Sätze aber dies  nicht:

Das Kausalitätsprinzip ist universell, d.h. alles hat eine Ursache.

Dieser Satz führt zu einem nicht auflösbaren Widerspruch, denn er schließt einen ersten unverurschten Grund aus. Wenn es aber keinen ersten Grund gibt, dann bleibt der Grund zu dieser Behauptung offen. Ohne ersten Grund ist aber die Existenz grundsätzlich unbegründet, was wiederum der Behauptung widerspricht. Es handelt sich also um einen performativen Widerspruch oder Retorsion:

Ein klassisches Beispiel für die performative Retorsion betrifft die global-skeptische These „Es gibt keine wahren Aussagen“. Diese Aussage kann retorsiv widerlegt werden, indem darauf verwiesen wird, dass mit der Äußerung dieser Aussage selbst ein Anspruch auf Wahrheit verbunden ist.

Gerade in der Frage nach den Grundfragen der Welt ist die Gefahr performativer Widersprüche allenthalben gegeben. Darum ist es ein gutes Mittel, viele Irrtümer und inkohärente Weltbilder als solche zu erkennen.

Unzulässige Hilfsannahmen?

Nun gibt es zuweilen die These, dass man mit beliebigen Hilfsannahmen ein inkohärentes System stützen könne, und dass diese Methode unzulässig sei, ja das gesamte System in Frage stellen könne. Die bloße Annahme allein ist allerdings nicht hinreichend. Vielmehr müsste man durch Induktion zeigen, dass dies auch stets möglich sei.

Nehmen wir ein Beispiel, das auch Stephen Hawkings in ‚Eine kurze Geschichte der Zeit‘ verwendete. Eine Dame behauptete gegenüber Hawkings, dass die Welt doch eine Scheibe sei, die auf dem Rücken einer Riesenschildkröte ruhe. Darauf die Rückfrage: Und worauf steht dann diese  Riesenschildkröte? 

Die Antwort: Auf dem Rücken einer weiteren Riesenschildkröte und immer so fort. 

Natürlich sollte die Geschichte die ganze Lächerlichkeit zeigen die sich ereignet, wenn man sich von den Beobachtungssätzen entfernt.  Mir sagt sie zweierlei: Zum einen symbolisiert sie den Ansatz des Infiniten Regresses, zum Anderen zeigt sie, dass beliebige Hilfsannahmen – Hier die weiteren Riesenschildkröten – die Plausibilität eines System eben nicht erhöht, sondern eben nur unglaubwürdiger macht. Dennoch können wir annehmen, das ein an sich inkonsistentes System in bestimmten Fällen eine Zeit lang durch Hilfsannahmen gestützt werden kann. Ein Beispiel mag das verdeutlichen:

Im Ptolemäischen System ging man von dem geozentrischen Weltbild aus. Dies bewährte sich in der Navigation weitgehend, bis man beobachtete, dass vor allem die Planetenbahnen nicht diesem Muster exakt folgten. Anstelle aber den Gedanken an geozentrische Bahnen aufzugeben entwickelte man das Konzept der Epizyklen, die man mit beachtlicher Präzision beschreiben konnte, was die Präzision der Navigation weiter erhöhte und somit das System über Jahrhunderte zum Stand der Wissenschaften erklärte.

Es war also zunächst die Inkohärenz, dass Beobachtungsdaten nicht zur Theorie passte, die durch die Hilfsannahmen der Epizyklen wieder hergestellt wurden. Und das obwohl diese ja nicht der Wirklichkeit entsprach. Den Navigatoren des Mittelalters ist da kein Vorwurf zu machen.

Das Gegenbeispiel zeigte sich in der Entwicklung des heliozentrischen Weltbildes: Es war die nicht mehr haltbare Inkonsistenz der Beobachtungssätze zu dem Modell, die eine radikale Neuausrichtung des Weltbildes führte.

Folglich ist die Konsistenzprüfung und die Revision der Annahmen eine wichtige Methode der Erkenntnis, nicht nur des abgegrenzten Bereichs der Naturwissenschaften, Inkohärenzen zu entdecken und durch entsprechende weitere Annahmen und Korrektur bisheriger Annahmen die Kohärenz wieder herzustellen. Dabei bleibt aber zunächst offen, ob jedwede Hilfsannahme tatsächlich die Erkenntnis der Realität dient oder die Illusion jener befördert. Langfristig hat sich der Kohärenzansatz allerdings bewährt. Wir können das geozentrische Weltbild als unzutreffend zurückweisen.

Somit ist der Vorwurf, man wolle durch Hilfsannahmen sich gegen die Erkenntnis immunisieren, dass ein fundamentaler Fehler vorliege, in ihrer Pauschalität ungerechtfertigt. Denn dazu müsste man ein System kennen, dass die Konsistenz besser herstellen kann. Ist nun die erkannte Inkonsistenz tatsächlich ein fundamentaler Fehler oder ein Quell der erweiterten Erkenntnis auf bestehender Basis? Dies ist apriori nicht klar. Die Methode kann dagegen sehr wohl zu einer größeren Revision des Systems führen, wenn die Menge der Beobachtungssätze oder anderer Schlüsse nicht mehr zu harmonisieren sind.

Strenge und schwache Kausalität

Ferner ist die Frage, was unter Kausalität verstanden wird, keineswegs trivial. Ich unterscheide darum bei Ursachen für Ereignisse, auch der Entscheidungsereignisse:

  1. Gesetzmäßige Ursachen (strenge Kausalität): Funktionale Beziehungen – Wenn / dann
  2. Zufälle unter Rahmenbedingungen mit Freiheitsgraden (schwache Kausalität): Welche Zahl der Würfel zeigt ist zumindest scheinbar nicht kausal bestimmt. Aber ohne Würfel und den Akt des Würfeln würde gar keine Zahl gewonnen werden.
  3. Intentionale Akte (personale Kausalität): Die Entscheidungen einer Person fallen aber weder in die eine, noch in die andere Kategorie. Der Wille, die Intention, kann Handlungen begründen. Auch wenn in der Neurowissenschaft die Frage gestellt wird, ob und inwieweit ein funktionaler materieller Zusammenhang oder eine Zufallsbandbreite die Entscheidung bedingt wurde, so scheint dies auch im Licht der Neuroforschung kein vollständig  kohärenter Ansatz zu sein.

Die Vorstellung des unbewegten Bewegers ist aber das Fehlen jeglicher Kausalität und seit Aristoteles eine logische Notwendigkeit. Alle weiteren Ereignisse, die im Besonderen durch Entstehungsereignisse charakterisiert sind, sind demnach notwendig kausal, auch wenn es nicht-notwendige Ausprägungen (Zufall) geben kann und damit ein strenger Determinismus nicht vertreten wird.

 

 

 

 

3 Gedanken zu „Der letzte Grund und das Münchhausen Trilemma“

  1. Das Münchhausen-Trilemma ist doch nur aufgeblasenes Wiederkauen das Argumentes Kants gegen Aristoteles Gottesbeweis. Denn der Gottesbeweis ist die eigentliche und spezielle Form der Letztbegründung. Die Kritik war die behauptete Möglichkeit des infiniten Regresses … und viel mehr kommt bei Albert und Epigonen da auch nicht …

    1. In dem Vortrag ‚Kalam Cosmological Argument‘ – von Dr. William Lane Craig (University of Birmingham 2015) wird zwischen der potentiellen Unendlichkeit ausgegangen – auch des infiniten Regresses – aber der Unmöglichkeit der realen Unendlichkeit. Als Beispiel erläutert er das an Hilberts Hotel: Ob das allerding hinreichend ist, die Existenz des infiniten Regresses zurückzuweisen, ist mir noch nicht klar. Ich halte das genannte Argument für stärker: Wenn es einen realen infiniten Regress gäbe, so bedürfte diese Existenz einen Meta-Grund, der wiederum nicht auf einen infiniten Regress reduziert werden kann. Darum ist die Notwendigkeit eines ersten unverursachten Grundes unabdingbar.

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