Glaube und Philosophie – (k)eine Abgrenzung

Manch einer, der Interesse an Philosophie hegt, wird den Glauben, bzw. den Gläubigen abschätzig kategorisieren. Dabei ist es m.E. gar nicht möglich, nicht zu glauben. Es unterscheiden sich lediglich Glaubensinhalte, die Stärke der Überzeugung und der Grad der Reflektion.

Gerade Agnostiker, Naturalisten und Atheisten wehren sich teils vehement gegen die Feststellung, dass auch sie Gläubige sind. Denn der Glaube erscheint ihnen als etwas Minderwertiges, und die Charakterisierung als Gläubige beleidigend. Zugleich aber wehren sie sich, wenn sie in manchen Kontexten als abwertend als Ungläubige bezeichnet werden. Richtig aber ist folgendes:

Warum jeder ein Gläubiger ist:

Sicheres Wissen ist zumeist nicht erreichbar. Jedes Denken gründet sich auf Unbewiesenes – also für wahr halten / glauben. Der Versuch, sich von dieser Einschränkung zu lösen, schlägt fehl. Dennoch versuchen Einige Kunstgriffe, um das von ihnen für wahr gehaltene doch als unbestreitbare Wissen zu klassifizieren, oder aber dass es eben sich in irgend einer Weise vom Glauben unterscheide.  Auch ein negativer Glaube – also die Ablehnung eines Glaubenssatzes – ist ein Glaube, ebenso wie eine negative Zahl auch eine Zahl ist. Auch ohne explizites Bekenntnis oder Stellungnahme besteht unvermeidlich ein Glaube, nämlich dass die Welt, in der der vermeintlich Ungläubige lebt und sich verhält, glaubt, dass eben jene Welt real sei. Erfahrungswissen aber ist kein sicherer Grund, wenngleich auch hinreichend verlässlich – nur, auch der bekennende Gläubige beansprucht oft derartiges Erfahrungswissen. Wie sollte der Skeptiker nun jene Erfahrung begründet ablehnen, aber seine eigenen Ansichten gegen Kritik immunisieren?

So geht der Agnostiker davon aus, dass eben die Dinge der Letztbegründung nicht erkennbar sind. Allerdings fehlt der Beweis, dass die glaubende Akzeptanz gewisser Dogmen denn die Realität nicht zutreffend abbilden. Wenn nun jene Gläubige also mit der Wahrheit an sich korrespondieren, ist die Grundannahme der Agnostikers falsch. So lange sie nicht beweisen können, dass dies immer und ausnahmslos zutrifft, ist auch deren Grundannahme ein unbegründetes Dogma oder vorläufige Annahme, mit der sie freilich als grundlegenden Lehrsatz leben.

Kurz: Auch Agnostiker sind Gläubige.

Biblische Rechtfertigung der Philosophie

Was aber macht den Philosophen zu einem solchen? Der Philosoph ist der Freundschaft zur Weisheit verpflichtet. Und diese sagt, dass jeder Glaube auch irren kann, nicht nur der Glaube der Meinungsgegner. Darum sind die Dinge auch zu reflektieren und zu prüfen. Er wird also sein eigenes Denken stets überprüfen und in Frage stellen – Getreu dem paulinischen Imperativ (1.Thessalonicher 5,21):

Prüft alles, das Gute behaltet!

Vorbehalte

Das aber macht nicht jeden Gläubigen zum Philosophen, ebenso wenig wie es einen klaren Gegensatz zwischen Philosophie und Glaube gibt. Es gibt lediglich einen Gegensatz von bestimmten philosophischen Lehren und einigen Glaubenspositionen.

Ebenso stehen auch viele Gläubige der Philosophie mit Misstrauen und Skepsis gegenüber. Bei manchen ist es die kaum verhohlene Angst, der eigene gehegte Glaube würde durch die philosophische Reflektion beschädigt. Die damit begründete Aversion beruht auf durchaus vorhandenen Erfahrungen, dass jene Gläubige, die sich mit Philosophie beschäftigten, zuweilen ihren bisherigen Glauben aufgaben. Ich würde diesen Befund doppelt deuten:

  1. Auch wenn die Philosophie die Wahrheit sucht und die Prüfung zum Programm erhoben hat, ist sie keineswegs vor Irrtum gefeit. Auch unter namhaften Philosophen finden sich oft unbegründete Aussagen und logische Fehler – oder gar leere Worte weltanschaulicher Propaganda. Wer darauf herein fällt, kann als Betrogener angesehen werden.
  2. Manch ein Glaube ist in der Tat naiv und in sich nicht konsistent. Im besten Fall bleibt das harmlos, aber die Gefahr schlimmer Irrtümer bleibt nicht auszuschließen. Es ist gut, wenn derartiges erkannt werden. Ent-Täuschungen haben etwas heilsames und führen näher zum Licht – auch wenn es schwer fällt, lieb gewordene Vorstellungen aufzugeben. Ein so geläuterter Glaube ist dann ein besserer Glaube.

Dennoch gibt es auch ehrbare und völlig nachvollziehbare Gründe, warum der kritisch-philosophische Ansatz nicht etwas für zwingend alle Menschen ist:

  1. Wer in einer intakten Liebesbeziehung Misstrauen sät, darf kein Lob erwarten. Die Innigkeit und Unmittelbarkeit der Erfahrung wehrt sich zu Recht gegen eine Profanisierung. Sie versteht sich als heilig. Wenn der Liebende durch stetige Befragungen in seiner Liebe bezweifelt wird, gar die Prämisse spürt, dass es keine Liebe sei, wird er sich nicht grundlos abwenden.
  2. Der Mystizismus geht von dem Geheimnis des Glaubens aus, der dem analytischen Geist verschlossen bleibt. Er wäre wie ein Vorschlaghammer, mit dem man eine Uhr reparieren wollte. Offensichtlich ein unpassendes Instrumentarium.
  3. Manche Menschen sind sich der Grenzen ihrer persönlichen kognitiven Fähigkeiten sehr bewusst. Bevor sie einem Betrüger mit verführerischen Worten folgen, bleiben sie treu bei dem als gut erkanntem.

Unterschiedliche Wege, ein Ziel

Aber manche Menschen – wie ich – meinen, dass es nur eine absolute Wahrheit geben kann. Jeder Zugangsweg – ob, über den Mystizismus, den kindlichen Glauben oder die analytische Philosophie – muss dann letztlich zu dem gleichen Ergebnis kommen, wenn sie nicht dem Irrtum anheim fällt, wenn auch von unterschiedlichen Seiten. Und wenn sie nicht zum gleichen Ergebnis kommen, ist es entweder nicht das Letzte, sondern nur Vorläufiges, oder es gibt unerkannte Irrtümer.

Ich glaube, dass die Vernunft eine göttliche Gabe ist, die uns hilft, Fehler zu erkennen und zu vermeiden – aber nur dann, wenn wir sie mit aller Sorgfalt einsetzen.

Bekenntnisbindung und Diskurs

Das größte Unbehagen bei der Begegnung mit bekennenden Gläubigen hat der Philosoph mit der Vorfestlegung, die im Bekenntnis liegt. Er hat den nicht unbegründeten Verdacht, dass wegen eben jener Bekenntnistreue ein offener Diskurs gar nicht möglich sei. Denn es gibt natürlich auch Fundamentalisten, bei denen der Dialog fruchtlos erscheint.

Der normale Gläubige weiß aber gerade wegen seinem Bekenntnis als Glaubender, dass sein Glaube sich nicht auf objektives Wissen stützen kann und darum nicht vor Irrtum schützen kann. Die Treue im Glauben lebt von der sich ständig aktualisierenden Entscheidung, das Geglaubte auch für wahr zu halten. Es kann nicht das Interesse des Gläubigen sein, einer Illusion oder Lüge zu folgen. Immunisierungsstrategien gegen Kritik sind zunächst Schutzwälle, um keinen weiteren Betrug aufzusitzen. Denn nicht nur der eigene Glaube kann irrtumsbelastet sein, sondern auch die Kritik.

Ähnlich wird auch jeder Philosoph, ganz gleich welcher Couleur, keineswegs in unbegrenzter Offenheit seine bisherigen Denkergebnisse auf den Haufen zu werfen. Auch wenn er diese nicht unter ein formales Bekenntnis packt, so bleiben doch seine Einstellungen funktional mit dem eines Bekenntnisses vergleichbar. Nicht umsonst gilt es als Lob, sich selbst treu zu bleiben.

Im Diskurs treffen unterschiedliche Ansichten und Glaubenseinstellungen aufeinander, zumeist auch unter Glaubenden der gleichen Denomination. Nicht umsonst sind theologische Streitgespräche oft so erbittert. Es ist keineswegs ein Frontstellung zwischen Gläubigen und Philosophen auszumachen, die Grenzverläufe liegen meist ganz wo anders.

Der Philosoph sieht die Prüfung der Ansichten als unabdingbar – aber damit sieht er sich nicht notwendig im Gegensatz zum Gläubigen, dem ebenso die Prüfung ins Stammbuch geschrieben wurde. Nichts eignet sich hierzu besser als der Diskurs, der eine perspektivische Verengung vermeiden kann.

Dazu ist aber ein Mindestmaß an Offenheit unabdingbar. Sowohl die eigene intellektuelle Redlichkeit ist zu befragen, als auch dem Gegenüber ähnliches zu unterstellen. Nur wenn der Ansicht des Gegenüber genügend Raum gegeben wird, um sich selbst auch schlüssig erklären zu können, besteht die Chance des fruchtbaren Austausches. Ansonsten besteht die Gefahr des gegenseitigen Lehrgespäches, in dem Anderen Ansichten aufgedrängt werden, die er aber nicht bereit ist, aufzunehmen.

Die inneren Voraussetzungen des Diskurses sind nicht zuletzt im Pluralismus zu sehen, die eine Akzeptanz unterschiedlicher Ansichten und gegenseitigen Respekt fordert. Das ist keineswegs die Aufgabe des eigenen Wahrheitsanspruches oder das Propagieren eines Subjektivismus in Beliebigkeit, sondern lediglich die Grundlage des Glaubens schlechthin: Zu wissen, dass es die persönliche Entscheidung ist, die die offene Frage nach der Wahrheit löst. Es ist die Freiheit, sowohl die eigene als auch die des Anderen, die uns glauben lässt, was wir selbst verantworten.

Welche Rolle spielt die Theologie?

Theologie ist die vernunftgemäße Beschäftigung mit den Fragen des Glaubens. Zu deren Diziplinen gehört u.a. die Exegese, Homiletik, Kirchengeschichte, Seelsorge und weitere Hilfswissenschaften. Aber sie überlappt auch mit der Philosophie in der Fundamentaltheologie. Theologie ist oft an ein Bekenntnis gebunden, aber zuweilen lösen sich Theologen von jenem, so wie es auch der philosophische Ansatz fordert.

Manchen Gläubigen ist darum nicht die Theologie als übergeordnete Lehrinstanz unbedingt zu akzeptieren, sondern trifft auf Argwohn. Ähnlich derer, wie wir sie aus der Philosophie kennen. Denn Glaube lässt sich nicht in ein Kalkül zwängen. Die Theologie ist somit eher ein Zwitterwesen, mit einem Fuß steht sie dem wissenschaftlichen und denkerischen Ansatz der Philosophie nahe, mit dem anderen ist sie der Welt des Glaubens zugetan.

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