Selbstverständnis und Identität

Was ist der Mensch? … so lautet eine der philosophischen Grundfragen, auch in der Ausprägung: Wer oder was bin ich?

Dies lässt sich auch nicht trennen von soziologischen und entwicklungpsychologischen Aspekten. Aber es ist keine exklusive Frage der Adoleszens, sondern eine existenzielle Frage. Hier will ich einen Aspekt daraus betrachten: Einbettung des Einzelnen in die Gemeinschaft – der Mensch als soziales Wesen. Gerade durch die Anerkennung in der Gemeinschaft erhält so mancher Mensch seine Identität. Alleine in die Welt geworfen mag ihn die Einsamkeit und Leere umfangen, aber in seiner Verortung als Teil einer Gemeinschaft versteht er sich selbst erst als Person in einem Sinnzusammenhang.

So mag es eine oder mehrere Bezugsfelder geben, die den Menschen erst sich selbst identifizierbar macht. Diese sind offensichtlich nicht für alle gleich in Priorität und Bedeutung, sondern können sich teilweise gegenseitig substituieren:

  • Eheliche Gemeinschaft oder Liebesbeziehung mit einem Partner
  • Familie und Sippe
  • Freundeskreis
  • Dorfgemeinschaft oder Nachbarschaft
  • Politische, berufliche oder Interessengemeinschaft oder Verein
  • Religiöse Gemeinschaft
  • Kulturelle Zugehörigkeit
  • Nationalität und Staatsbürgerschaft
  • Die Menschheit als Ganzes

Es wäre müssig, die Interaktionen und Substituierbarkeit der jeweiligen Bereiche zu identifizieren. Allerdings kann gerade in der Postmoderne empfindlicher Wandel festgestellt werden. Darum sollen hier schlaglichtartig auf einige Zusammenhänge verwiesen werden.

Die Geschichte kennt keine homogenen Verhältnisse, aber tendenziell war auch in Deutschland die Familie ein Kernpunkt der Identifikation. Durch den gesellschaftlichen Wandel zerfallen allerdings Familienbilder. Kinderlose Ehen, ein-Kind-Familien oder zerstrittene Verbünde atomisieren weitgehend die Familie als Identifikationsfigur. Wir begegenen Dieser durchaus noch, aber keineswegs mehr als Selbstverständlichkeit und starke Bindung. Eher bei anderen Kulturen. Und auch wirtschaftliche und politische Gründe führen zum Bedeutungsverlust der Familie. Denn in früheren Zeiten war die Familie auch eine Wirtschafts- und Not-Gemeinschaft: Man kümmerte sich auch und gerade dann, wenn ein Mitglied der Hilfe bedurfte. Dies Rolle übernahm mehr und mehr der Sozialstaat. Er kümmert sich fortan um Menschen in Not.

Dennoch übernahm der Staat keineswegs die Rolle der Familie oder Sippe. Weitgehend anonym und durch gesetzliche Regelungen bestimmt, entwickelt man eine Anspruchshaltung. Das, was einem rechtmäßig zusteht, kann man auch einfordern. Im Gegenüber sind hier aber zumeist keine Menschen im personalen Sinn, sondern Funktionsträger, Beauftragte und Beamte, die ihren Dienst und Verpflichtung gegen Geld zu erledigen haben – und deren Entscheidungskompetenz durch Gesetze und Verordnungen stark limitiert ist. Funktional mag man das als Fortschritt in der Grundsicherung ansehen, aber hinsichtlich der Identitätsbildung eine mitunter katastrophale Belastung: Man muss sich als Anspruchsteller oder Leistungsverpflichteter gegen eine anonyme Institution ansehen.

In der Theorie sollte die Demokratie sich als gemeinschaftlichen Entscheider verstehen und über eine Beziehung von Verantwortung und Hilfeempfang als große Gemeinschaft wahrnehmen. Das aber trifft zumeist nicht das Lebensempfinden. Zu anderen Zeiten oder an anderen Orten galt Patriotismus als große Tugend. Für sein Land und deren Verteidigung, für den König oder den Herrscher empfand man tiefe Loyalität.

Dagegen findet man heute den Staat als anonyme Macht, die eher ungeliebt Verpflichtungen ausübt und Ansprüche befriedigt. Die Herrschaft bestimmter Eliten wird zwar hierzulande in repräsentativer Wahl legitimiert, bleibt aber weitgehend in abgehobenen Zirkeln dem gemeinen Bürger fremd. Im Zweifel fühlt er sich entmündigt, wenn seine Stammtische als grundsätzlich verdächtig denunziert werden und die Mittel der Herrschaft bei weitem nicht mehr einsichtig sind. Eine gesellschaftliche Teilhabe findet heute meist eher rudimentär statt.

Ein Verweis auf die Gräuel der deutschen Geschichte tut ein Übriges, eine Identifikation mit dem Staatsvolk zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Wer ist nun der Bürger, der Familie und dem Land entfremdet? Worin findet er ein Selbstverständnis?

Auch andere Identifikation-Fixpunkte verlieren in der postmodernen Gesellschaft ihre Bedeutung: Die einende Kraft eines gemeinschaftlichen Glaubens ist heute längst nicht mehr flächendeckend zu finden. Durch Abkehr von der Kirche und Glauben, die manche nur noch für eine Krücke halten, fällt eine weitere Identifikationsfigur oft flach.

Aber auch das Vereinsleben mangelt auch oft an Unterstützung: Viele Traditionsvereine kämpfen um Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu tragen. Der Trend geht statt dessen zu anonymer und individualisierter Lebensweise, die sich durch Konsum und Zerstreuungen, wie z.B. einem bereiten Unterhaltungsangebot darstellt. Wir haben einen Boom der sogenannten sozialen Medien wie Facebook, in der sich die sozialen Interaktionen wesentlich verändert darstellen. Zugleich gewinnt ein Konformitätsdruck in Sachen Mode und politischen Positionen (Political Correctness) – vermittelt über die Massenmedien – einen starken Impuls.

Parallel zerfällt die Gesellschaft in Subkulturen, nicht nur unter den stark gewachsenen Zuwanderer-Gruppen, die mit einer derartigen Postmoderne nicht viel anfangen können, sondern auch unter jenen, die an einer Gestaltung der Gesellschaft interessiert sind. Traditionelle politisch Parteien leiden unter Mitgliederschwund, ähnlich der Vereine. Gruppierungen an den Rändern, die in dieser Gesellschaft keine Identifikationsfigur mehr finden, waren traditionell entweder einer systemkritischen Sozialbewegung Anhänger, klassischer Linksorientierung, seit einigen Jahrzehnten nun auch mit ökologischem Schwerpunkt oder neuerdings verstärkt nationaler Prägung.

Die identitäre Bewegung

Ein gewisses Momentum als Protestbewegung erhalten die Identitären, weil sie sowohl die Defizite der Identitätsvermittler direkt erkannten. Ob aber eine Restauration des Volksbegriffes, der Kultur oder der Nation tatsächlich ein Heilmittel gegen die Ratlosigkeit in der Identitätssuche sein kann, kann unter funktionalen und moralischen Aspekten untersucht werden. Doch zunächst zu deren Selbstverständnis:

Wir wirken meinungsbildend im öffentlichen Raum, wo gesellschaftliche Debatten und Diskussionen stattfinden. Wir agieren auf dem kulturpolitischen Feld und wir setzen Begriffe und inhaltliche Botschaften, die den gesamtgesellschaftlichen Diskursraum umfassen. Dadurch sind wir demokratischer Akteur, in einem vielfältigen politischen Spektrum und positionieren uns als eine patriotische Gegenstimme zum allgemeinen Mainstream. Wir wollen auf friedliche und gewaltfreie Art, auf politische und gesellschaftliche Missstände hinweisen und treten dabei als Lobbygruppe für die Jugend mit einem patriotischen Bewusstsein für ihre eigene ethnokulturelle Identität auf.

Gerade durch gewaltfreie Aktionen des politischen Aktivismus bekommen sie das Momentum, die einst die sogenannte Sponti-Bewegung inne hatte. Wenn das Establishment tendenziell linke Ideologien verpflichtend vorgibt, zugleich aber bestehende Missstände nicht effektiv adressieren kann, ergibt sich einer inneren Logik gemäß die Notwendigkeit einer Alternativen als Systemkritiker. Das mag wenig mit einer originären nationalen Orientierung zu tun haben, sondern mehr mit einer Oppositionshaltung, die sich durch ihre Bestimmung des Widerspruchs ihre Inhalte sucht. Hier einige Punkte

Erhalt der ethnokulturellen Identität
– Bewusstsein für die eigene ethnokulturelle Identität –
Wir wollen endlich eine offene Debatte über die Identitätsfrage im 21. Jahrhundert. Das etablierte Meinungsspektrum verengt diese Frage lediglich auf die Utopie einer einheitlichen One-World-Ideologie. Wir hingegen fordern eine Welt der Vielfalt, Völker und Kulturen. Die Bewahrung unserer ethnokulturellen Identität muss als Grundkonsens und als Grundrecht in der Gesellschaft verankert werden.

Natürlich drängt sich zugleich die Frage auf, wie dann diese Identität denn gedacht werden kann? Denn wenn eine Mehrheitsgesellschaft diesen Ansatz radikal ablehnt, ist völlig unklar, welche Ethnie gemeint ist, was unter Kultur verstanden wird, und wie sich dieser gegen eine Mehrheitsgesellschaft denn überhaupt darstellen lässt. Denn Kulturen waren nie statisch, immer gab es Migrationsbewegungen … und wenn sie doch statisch wurde, versank sie in Bedeutungslosigkeit. Andererseits heißt das aber auch nicht, dass jedwede Veränderung ein Wandel zum Guten hin ist. Ein Interesse an der Gestaltung der Gesellschaft, dieser eine Richtung zu geben, erscheint dagegen nicht nur nachvollziehbar, sondern auch des Applauses würdig. Soweit zum Ansatz, aber der Zweck heiligt darin weder Mittel noch Inhalte.

Aber immerhin: Es bieten sich Anregungen zu einer offenen Diskussion, die m.E. längst überfällig ist. Einen Eindruck dieser Bewegung bekommt man z.B. durch den Video-Beitrag von Martin Sellner – Monumente der Macht. – 18 Minuten für verdächtige Botschaften?

Ethnie im Sinne einer erweiterten Sippe, einer Rasse oder ähnliches erscheint allerdings völlig überholt und einem Geruch eines finsteren Zeitalters anzuhaften. Genetische Reinheit ist eine Ideologie, die eine nicht haltbare These widerspiegelt. Es ist darum auch nicht grundlos irgend jemanden zu unterstellen, denn eine Identität, die sich auf das Blut bezieht, ist in sich lächerlich. Gerade die europäische Geschichte weist eine weitgehende Durchmischung auf.

Kulturelle Ethnie?

Eher ist von einer kulturellen Ethnie auszugehen, die zum Einen durch Sprache und Gebräuche, vor allem aber durch gemeinsame Werte charakterisiert werden kann. Aber ist ein derartiger Volksbegriff gerade in der Postmoderne noch haltbar?

Erkennbar ist, dass sich Brauchtum sowohl im lokalen dörflichen Leben herausgebildet hat und in tradierten Ritualen niederschlägt. Trachten, Musik, Speisezubereitung, ein besonderer Dialekt … es scheint, als ob viele Menschen ein Bedürfnis haben, sich mit ihrer Herkunft zu identifizieren, von anderen abgrenzen zu wollen und gerade ihrer persönlichen und sozialen Geschichte treu zu bleiben. Erkennbar ist hier das Motiv der Identifikation. Meist aber geht der Begriff der Volkszugehörigkeit aber weit über Folklore hinaus oder wird keineswegs in der Folklore gefunden.

Offensichtlich wird es als Problem empfunden, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen. Hier mischen sich unterschiedliche Impulse. Zum Einen wird die Vielfalt und Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden als Bereicherung gesehen, zum Anderen als Bedrohung der eigenen Interessen. Es bilden sich oft Ressentiments und Stereotypen aus, bis hin zu Hass und offenen Konflikten. Dies erscheint dann als die hässliche Fratze des Nationalismus, der bis hin zu abscheulichen Kriegen führte. Um diese zu vermeiden scheinen sich unterschiedliche Einstellungen ausgeprägt zu haben, die sich vor allem in einer politischen Ausrichtung niederschlägt.

Multikuluralismus

Um jedwede Ressentiments und Konflikte zu vermeiden, soll der Bürger der eigenen ethnischen Identität so weit entfremdet werden, dass er kein Bedürfnis nach einer Abgrenzung mehr verspürt und im Anderen vor allem das Individuum erkennt, dass ja in völlig persönlicher Einstellung höchst vielgestaltig sein kann. Toleranz und Mitmenschlichkeit sind die Kardinaltugenden.

Das Problem jener Einstellung ist die Inkonsequenz, dem Fremden seine eigene kulturelle Identität zuzubilligen, den ‚eigenen‘ Leuten aber nicht und somit sogleich gefährliche Tendenzen zu unterstellen. Dies führt zu gesellschaftlichen Verwerfungen und Spaltungen. Denn viele Bürge wollen nicht in dieser Weise entmündigt werden und sich sagen lassen, was sie gefälligst zu denken haben. Es ist wie die Beraubung der eigenen Identität.  In einer Gegenreaktion, die oft nicht reflektiert ist, sondern einem mehr oder minder dumpfen Gefühl entspringt, können sich aber gerade diese negativen Exzesse eines superioren Denkens herausbilden. Der Multikuluralismus produziert genau dann sein Gegenteil, wenn er sich von dem Empfinden der Menschen ablöst.

Im Besondern wird das genau dann zum Konflikt, wenn sich verschiedene negative Eindrücke verfestigen. Eine Frage der Fremdbestimmung, des Aussetzen von Hoheitsrechten, der einseitigen Kosten und verschiedener persönlicher Erfahrungen befördert ein unreflektiertes Verhalten.

Multikulturell Identität erfährt eine seltsame Melange, wenn sie auf das Phänomen jener muslimischen Demonstrantinnen trifft, die für ihr Recht auf das Tragen des Kopftuches bei Richterinnen auf die Straße gehen, aber zur Unterdrückung und Verbrechen wie Ehrenmorden schweigen oder bei einem unhörbaren Protest belassen.  Zum einen möchte der Multikulturalist jene unterstützen, da sie ihre persönliche Freiheit mit demokratischen Mitteln suchen. Ist das nicht ein Akt der Emanzipation?Oder werden nicht gerade jene abermals instrumentalisiert, um ihre eigene Unterdrückung zu zementieren?

Das Kopftuch ist für jene oft ein Identifikationsobjekt, die ihr So-Sein als Muslima plakativ gegen eine Mehrheitsgesellschaft verkündet. Sie ist eine Kulturkritik: Zu euch ungläubigen Frauen, die nicht wissen, wie sie sich schamhaft zu kleiden haben, gehöre ich nicht!

Es ist eine Absage an eine Gesellschaft, die ein Frauenbild einer beruflich erfolgreichen, emanzipierten und zugleich attraktiven Erscheinung propagiert. Als Gegenentwurf ist die ehrbare Frau, die gar nicht von dritten Männern begehrt werden will, sondern ihre Rolle als inferiore treue Gattin und Mutter bejaht. Das ist eine potenzierte Form jenes westlich traditionellen Frauenbildes, das von der Emanzipationsbewegung aufs Schärfste bekämpft wurde. Nun aber, im Gewand eine verpflichtenden Multikulturalität wird auch jenen, die sich diesem kulturellen Diktat nicht beugen wollen, die Rechtfertigung genommen.

Prioritäten des Wertegefüges zeigen sich im konkreten Verhalten. Selbstverständlich haben in dieser Ordnung traditionelle Christinnen mit ähnlichem Grundverständnis weit weniger Duldung zu erwarten und bleiben Zielscheibe des Spottes und der Ablehnung.

Dies führt zur Identifikationsfigur des progressiven Multikulturalisten: In der Peer Group der Kollegen, Nachbarn und Freunden pflegt man einem Bild zu entsprechen, welches am ehesten Akzeptanz vermuten lässt. Darin vermengen sich Motive wie der gesellschaftlichen Akzeptanz und der moralischen Ausrichtung, die der Toleranz und Vielfalt die höchsten Werte zumist. Am Ende steht ein zufriedenes Gefühl, zu den ‚Anständigen‘ zu gehören. Verstärkt wird dieses Bild durch die Vermittlung der volkserzieherischen Medien. Summarisch leistet dies ein Beitrag zur Identifikationsfunktion.

Patriotismus

 

Zumeist gilt es als Tugend, zu seinem Vaterland zu stehen und dessen Interessen zu verteidigen. In Deutschland ist vor allem die Fragwürdigkeit einer derartigen Einstellung mit Blick auf die Geschichte dominant geworden. Man gönnt sich ausschließlich im sportlichen Wettkampf derartige Parteilichkeit. Dort werden nationale Symbole gezeigt, ohne in den Geruch eine unakzeptablen politischen Ausrichtung zu kommen. Aber offensichtlich haben auch Deutsche jene Bedürfnisse der Identifikation. Dies nur unter der Quarantäne des Sports ausleben zu können, führt zunächst zu einer Entlastung, dann aber zur Verstimmung: Warum darf ich sonst nicht mit meiner Kultur, mit meinem Staat identifizieren?

Es bleibt ein intuitiver Balanceakt zwischen einer gefühlten Identifikation mit nationaler Gruppenzugehörigkeit, und der Exkommunikation wegen des Verdachtes rechter Gesinnung. Erst eine Peer Group oder Gegenöffentlichkeit – wie z.B. Pegida – vermitteln die Identität als jener Mensch von der Straße, der eben ein Teil identitätsstiftender Gemeinschaft wird.

Im Patriotimus und seiner gesteigerten Form des Nationalismus finden wir zwei Momente in jeweils unterschiedlicher Ausprägung.

Negativer Nationalismus heißt Ausgrenzung

Dieser bedient sich bestimmter Mechanismen, die sowohl im Tierreich, als auch unter Menschen zu beobachten sind: Markiert man ein Mitglied einer Gruppe als erkennbare Außenseiter, so werden jene von der Gruppe ausgestoßen, zuweilen auch gewalttätig verfolgt. Diese Beobachtungen, die auch in Tiergesellschaften oft nachgewiesen wurden, lassen auf zwei Merkmale schließen: Instinktiv getriebenes Verhalten, das sich nicht einer kulturellen Kontrolle unterworfen hat.

Bewusstes moralisches Verhalten hat offensichtlich geringe Bedeutung bei jenen, sondern lassen auf mangelhafte Reflektion und affektive Steuerung vermuten. Also etwas, dass dem Bild des Menschen als mündigem Wesen widerspricht. Es ist eine Hilfsfunktion, der in der Abgrenzung und stereotypen Feindseligkeit dem eigenen unterentwickelten Selbstbewusstsein abhelfen will.

Positiver Patriotismus sieht Verantwortung und Aufgeben

In diesem Sinn ist nicht das Feindbild des Anderen die Identifikationsfigur, sondern der positive Wert, der sich aus der Zugehörigkeit zu einem sozialen Verbund inklusiver der Verpflichtung ergibt. Jener Patriotismus appelliert wie einst John F. Kennedy: Frage nicht, was dien Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst. 

Diese Geisteshaltung wurde auch als Parole im deutschen Kaiserreich propagiert: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!

Das klingt verstaubt paternalistisch und trifft oft auf Menschen, die sich keinerlei Bevormundung wünschen. Die Sensibilität, die uns von derartigen Parolen Abstand nehmen heißt, ist allerdings völlig verschwunden, wenn wiederholt auch von Repräsentanten des Staates und der Medien die Vorreiter-Rolle Deutschlands in Sachen Weltrettung gefordert wird. Das kling bei näherer Betrachtung nur als modernisierter Aufguss des ersteren, wird aber offensichtlich akzeptiert oder gar als moralisches Imperativ angesehen.  Wir erkennen, wie dich die Tretminen am Pfad der Tugend lagern.

Realität, natürliche Ordnung oder künstliche Krücken?

Wir haben einige Identifikationsfiguren in unterschiedlichen Ausprägungen angerissen, aber dies Frage bleibt:

Ganz gleich, ob man nun seine Identität als Mitglied einer in vielen Belangen diffusen Mehrheitsgesellschaft bezieht, aus eine religiösen Gemeinschaft oder aus der Anhängerschaft eines Konstruktes wie Volk … so stellt sich doch die bange Frage: Gibt es jenes Recht … jene Nation … jene Werte überhaupt?  Oder handelt es sich um mehr oder minder willkürliche Zuschreibungen, die eher als Fiktionen anzusehen sind anstelle Ausdrucks der Realität?

Auch im geistesgeschichtlichen Kontext ist die Frage allgemein nicht zu beantworten. Auch nicht mit dem Verweis auf – fragwürdige – Ideologien,  die den Menschen für sich einnehmen wollen … denn das wäre ein andere Geschichte. Aber auch die Antithese erscheint nicht weniger virulent: Die moderne Konsumgesellschaft will von jenen regiert werden, die sich an der Individualisierung ihre Machtbasis sichern. Ein Zusammenschluss könnte der großen Konsumgesellschaft als wenig hilfreich verstanden werden. Darum ist der Verdacht, synthetisch einen Volksbegriff zu etablieren, keineswegs zwingend als ideologisch motiviert zu disqualifizieren, das eine Vertauschung des Argumentes ebenso viel oder weniger  vor dem gespiegelten Vorwurf zutrifft.

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