Propaganda und Fake News: Was ist real?

Propaganda ist vermutlich so alt wie die Kriegführung. Man versucht entweder, den Feind zu täuschen, seine Moral zu untergraben oder die eigene Kampfbereitschaft zu stärken. Wahrheit ist für die Propagandisten ein untergeordnetes Kriterium. Erzählt man eine wahre Geschichte, leidet die eigene Glaubwürdigkeit nicht, wenn ansonsten ein Schwindel auffliegt. Aber wenn die passende Geschichte nicht bei der Hand hat, so wird sie erfunden. In Kriegen ereignen sich reale Gräuel. Und es werden massenweise welche erfunden. Unter den Nazis wurde Propaganda systematisch betrieben. Aber auch danach gab es gezielte Bestrebungen der systematischen psychologischen Kriegführung. Die gleichen Methoden werden nun auch in Meinungskrigen und Wahlen eingesetzt.

Selbst der kluge Mensch, der weiß, dass Propaganda auch mit Falschnachrichten Hass schürt, kann im Einzelfall oft nicht unterscheiden, ob es eine erfundene Geschichte ist oder nicht.  Selbst der Wissende kann somit Opfer von falschen oder tendenziell verzerrten Nachrichten werden und somit zu Entscheidungen und Einstellungen manipuliert werden.

Es ist auch keineswegs so, dass die Partei, die die Gegenseite der Propaganda und Falschnachrichten bezichtigt, zwingend diese ist, die einen berichtigten Vorwurf erhebt, denn auch dieser Vorwurf kann eine Falschnachricht sein. Es ist somit wenig verwunderlich, wenn der Gegenvorwurf ebenso eintrifft. Es ist dann eine Sache von Faktenprüfung, Darstellung und Vertrauen, welcher Darstellung man folgt.

Zum Beispiel sah ich heute eine Kontroverse über die Anzahl der Zuschauer bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten. Einige amerikanische Medien behaupteten, dass bei Trump wesentlich weniger Menschen gekommen waren als zuletzt bei Obama. Zum Beweis wurden Fotos mit Luftbildern gezeigt. Eigentlich recht überzeugend.

Dann hörte ich die Darstellung des Pressesprecher des neuen Präsidenten. Dieser Präsentierte die Zahlen über die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, die eine gegenteilige Aussage belegen sollten. Andere Bilder wurden gezeigt. Die Pressebilder über eine kleinere Anzahl seien zwar echte Bilder, nur wären diese lange vor dem eigentlichen Event aufgenommen worden und geben nicht die Situation zur Amtseinführung wieder.

Später in den Tagesthemen wurde ein spitzzüngiger Kommentar geliefert, während im Hintergrund die angeblichen Beweisbilder gezeigt wurden, die eine angeblich schwächeren Besuch bei Trumps Amtseinführung zeigten. Im Brustton der Überzeugung meinte der Sprecher, dass Trumps Darstellung eben die Fake News wären. Der kritische Zuschauer weiß lediglich sicher, dass die Redaktion der Tagesthemen die Wahl einer Darstellung getroffen hat, allerdings vorenthielt, dass es Gegendarstellungen zum Thema gibt. Ist das Weglassen einer ausgewogenen Gegendarstellung nun bereits auch Propaganda und Manipulation? Oder haben die Tagesthemen tatsächlich einfach recht?

… Hmmm … die Frage ist theoretisch so noch nicht entscheidbar. Es wird auch schnell klar, dass eine erweiterte Recherche möglicherweise lediglich zwei unvereinbare Darstellungen ergibt. Eine sichere Entscheidung über das, was nun real ist, ist nicht immer ohne weiteres möglich. Im konkreten Fall wurden die Behauptungen geprüft: Laut Aussage des Nahverkehrsbetrieb Washington Metro waren die Zahlen, die Trumps Pressesprecher Sean Spicer mit Bezug zu eben jenen Nahverkehrsbetrieb nannte, falsch.

In diesem Fall konnte noch hinreichend glaubwürdig der Sachverhalt aufgeklärt werden. Allerdings macht die Geschichte eine monströse Variante deutlich: Was ist, wenn es keine hinreichend überzeugende Aufklärung gegeben hätte? Wenn es tatsächlich grundsätzlich unvereinbare Darstellungen gegeben hätte, die eben nicht aufgeklärt werden könnten?

Unabhängig davon, wie nun die Beurteilung in der aktuellen politischen Kontroverse nun lautet, führt die Beobachtung zu erschreckenden Erkenntnissen der Geschichte. Wenn in der heutigen Zeit nicht zuverlässig über ein Großereignis berichtet werden kann, trotz vieler Beweisbilder und Kredibilität erheischenden Faktendarstellungen keine robuste Klarheit erreicht werden kann … bestehen Zweifel in der Möglichkeit einer Realitätserkenntnis.

Was aber bedeutet das für das Realitäts- und Geschichtsverständnis? Wenn wir bei einer hervorragenden Quellenlage noch immer nur bedingt vermeintlich einfache Fakten feststellen können … wie viel schwieriger wird dann das Verständnis weit zurück liegender Ereignissen? Müssen wir nicht davon ausgehen, dass sich die wahre Geschichte unserer Erkenntnis verbirgt und wir Opfer von unvermeidlich fragwürdigen Erzählungen werden?

 

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