Auf einer Demo fielen mir einige Teilnehmer mit bedrohlichen Verhalten auf. Den beunruhigten Anwohnern und Passanten sicherten sie zu: ‚Keine Sorge, wir gehören zu den Guten!‘
Für viele mag es eine Trivialität und Selbstverständlichkeit sein, dass man sich selbst natürlich den Guten zurechnet. Bei näherem Betrachten aber scheint man sich eher in einem Minenfeld des Selbstverständnisses wiederzufinden. Denn die Überheblichkeit, seine eigene Position mit dem moralischen Urteil ‚gut‘ zu verknüpfen, kann für alles mögliche stehen, so für Bigotterie und Heuchelei, Überheblichkeit oder Selbstüberschätzung. Vielleicht aber ist es ein nüchternes Urteil nach intensiver Suche nach dem Guten, dass natürlich nicht pauschal diskreditiert werden sollte. Auch ist nicht jede Selbstkritik immer gut und zielführend. Gibt es hier einen Ausweg, um die Tretminen zu vermeiden?
Ist es nicht wichtiger, einfach gut zu handeln, anstelle das nur zu sagen oder darüber zu grübeln? Es mag schlichte Menschen geben, die genau danach handeln und kein großes Aufheben darüber machen. Aber wie unterscheiden sich diese von jenen, die einfach nur skrupellos ihren eigenen Interessen und spontanen Gefühlen dienen? Ist das ‚Gut-Sein‘ dann so was wie Schicksal, zu dem man geboren oder gemacht wurde? Oder ist bereits der Anspruch, gut sein zu wollen, ehrenhaft und ein Schritt genau dorthin? Für den normalen Menschen, der nicht immer einfach gut handelt, ist es darum unverzichtbar, diesen Anspruch zu reflektieren und sich ernst zu fragen: Was ist eigentlich Gut? … sowohl grundsätzlich und im Allgemeinen, als auch in dieser konkreten Situation.
18 Einer von den führenden Männern fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? 19 Jesus antwortete ihm: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott. 20 Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen; ehre deinen Vater und deine Mutter! 21 Er erwiderte: Alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.
Lukas 18
Dieser Text überrascht, denn Jesus weist hier die Attribuierung ‚gut‘ zurück und sieht eine Distanz zwischen sich selbst und Gott, obwohl er doch an anderen Stellen meinte, dass er und der Vater eins seien. Auch erscheint die Reaktion Jesus harsch, denn der Fragesteller scheint keineswegs zu den Selbstgerechten zu gehören, die bar jedes Selbstzweifels ohnehin bereits alles wissen. Er scheint ernsthaft dem Guten nachzujagen. So auch Paulus:
Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin; ich jage ⟨ihm⟩ aber nach, ob ich es auch ergreifen möge …
Philipper 3,12
Das erscheint als ein gute Lösung des Problems: Dem Guten nachzustreben, aber nicht in fatale Selbstüberschätzung verfallen, und jede gesunde Selbstkritik fahren zu lassen. Es ist hier aber eher ein Vorgriff, denn derartige nominelle Richtigkeit ist leicht daher gesagt, aber es kommt darauf an, diese aus vollem Herzen eingedenk einer offenen Bereitschaft zur Reflektion (Die Bibel nennt das Bußfertigkeit) zu leben.
Moderne Helden
In zeitgenössischer Literatur und Filmen ist es meist nicht der Gutmensch, der mit überhöhten Anspruch auch Held sein will, sondern der lakonische Selbstkritiker, der Heuchelei scharf bekämpft, letztlich aber genau das Richtige tut. So mitreißend diese Vorstellung auch sein mag und eher zur Identifikationsfigur für viele Menschen werden kann, liegen auch hierin Fallstricke. Denn dieses Selbstbild kann ebenso eine bloße Fassade sein wie die des gutmenschlichen Heuchlers, der sich selbst und andere belügt. Natürlich würde jeder den gut Handelnden, der Heuchelei vermeidet, applaudieren – woher kommt aber dieser moralische Kompass, der das gute Handeln auszeichnet, wenn man doch skeptisch moralische Ansprüche zurück weist?
Ist also die Selbstlosigkeit und unbedingte Wahrheitsliebe der Leitstern, der das Gute garantiert? Sicher kann das Eigeninteresse dem Folgen des wahren Guten korrumpieren. Aber dieses simplifizierende Ideal kann ebenso in die Irre führen und letztlich die gesunde lebensbejahende Einstellung diskreditieren und zum moralinsauren Eifern verführen, die in zerstörerischer Selbstzerfleischung zum Götzen wird. Denn nicht jedes Eigeninteresse ist moralisch verwerflich, sondern kann auch zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Diese mögliche Harmonie von Eigeninteresse und Gemeinwohl ist das Bild, in dem Adam Smith den Wert des Marktes nicht nur in der Ökonomie erkannte, sondern auch als Muster im Leben schlechthin für anstrebenswert hielt. Eine Askese und Enthaltsamkeit von eigenen Wünschen ist darum keineswegs stets moralisch geboten, auch wenn es oft der Egoismus ist, der der Moral entgegen steht.
Entscheidend ist dann also die Balance, die sich nicht von vermeintlich guten Extremen verwirren lässt, sondern keinen Heldenstatus anstrebt und in Liebe und Demut das Gute zu suchen. Dieser kann sowohl die Gaben des Lebens genießen, als auch auf diese verzichten bereit ist, wenn es denn erforderlich ist … aber auch nur dann. Jesus konnte auf der Hochzeit feiern als auch sich selbst opfern. Nur wer auf heroische Selbstbilder verzichtet, wird seinem moralischen Kompass folgen können und nicht auf Trugbilder hereinfallen. In Demut kann er hoffen, bereit zu sein den Eigenwillen loszulassen, wenn es gefragt ist. So ist es auch mit dem letzten Gang eines jeden Menschen, der sein Leben auf Erden loslassen muss.
