Universalien und der Nominalismus

Der sperrige Titel hört sich akademisch an und für den Alltag wenig bedeutsam. Allerdings bekommt das Thema Brisanz, wenn es als Schlüssel zum Denken schlechthin verstanden wird, der ansonsten eine fassungslose Realität und generelles Unverständnis bewirkt. Alexander Dugin sieht hier den Schlüssel zu der geistesgeschichtlichen Entwicklung des Liberalismus, der zunächst unmerklich, dann aber zu einer existenziellen Bedrohung der Menschheit führt und nachhaltig die aktuelle Politik prägt. Gerade wirkmächtige Kerngedanken erscheinen zunächst farblos, erweisen sich aber als Grundstein von Denkgebäuden.

Doch hier müssen wir tiefer graben und in die Geistesgeschichte schauen. Am Anfang unserer Betrachtungen steht hier die Ideenlehre Platons.

Peter Möller fasst das sehr gut kompakt zusammen und verweist auf eine mögliche Begriffsverwirrung durch den aktuellen Sprachgebrauch:

Der Universalienstreit war das Hauptthema der Frühscholastik. Es ging um die Frage, ob den Einzeldingen oder den Allgemeinbegriffen, den »Universalien« wahre Wirklichkeit zukomme.

Realisten: Diejenigen, die an  Platon orientiert, in den Allgemeinbegriffen die wahre Wirklichkeit oder das Primäre sahen, wurden »Realisten« genannt: »Universalia ante res«. (Heute versteht man unter Realismus etwas anderes!)

Nominalisten: Diejenigen, die in den Einzeldingen die wahre Wirklichkeit sahen und die Allgemeinbegriffe für bloße Namen hielten, die im Menschenkopf gebildet werden, wurden »Nominalisten« genannt. Nach lat. nomen. »Universalia post res«. Die Nominalisten orientierten sich an Aristoteles, gingen aber weiter als der.

Nach heutigem Sprachgebrauch würde man die Realisten  »Idealisten« und die Nominalisten  »Realisten« (oder  »Materialisten«) nennen.

http://www.philolex.de/universa.htm

Es geht also um eine Grundansicht, wie wir die Welt wahrnehmen. Platon sah die Wirklichkeit von der Idee – oder dem Wort im biblischen Sinn – bestimmt. Die wahrnehmbaren Dinge sind lediglich Schatten auf dem Schirm der Wahrnehmung. Die Begriffe sind dann eher als Erkenntnis der Realität, nicht als deren Konstruktion zu verstehen.

Ideenlehre ist die neuzeitliche Bezeichnung für die auf Platon (428/427–348/347 v. Chr.) zurückgehende philosophische Konzeption, der zufolge Ideen als eigenständige Entitäten existieren und dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Objekte ontologisch übergeordnet sind. Solche Ideen werden zur Unterscheidung vom modernen Sprachgebrauch, in dem man unter „Ideen“ Einfälle, Gedanken oder Leitbilder versteht, „platonische Ideen“ genannt. …

Platonische Ideen sind beispielsweise „das Schöne an sich“, „das Gerechte an sich“, „der Kreis an sich“ oder „der Mensch an sich“. Nach der Ideenlehre sind die Ideen nicht bloße Vorstellungen im menschlichen Geist, sondern eine objektive metaphysische Realität. Die Ideen, nicht die Objekte der Sinneserfahrung, stellen die eigentliche Wirklichkeit dar. Sie sind vollkommen und unveränderlich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ideenlehre

Universalien kann man als Synonyme der platonischen Ideen bezeichnen. So ist die Gerechtigkeit (eine Universalie) etwas Absolutes und damit real, dem sich der Mensch (wiederum eine Universalie) nur weniger oder mehr annähern kann. Rechtsprechung kann dieser Gerechtigkeit nahe kommen oder ihr völlig zuwider laufen. Allein der Begriff Unrechtsstaat – z.B. Hitlerdeutschland – setzt die absolute Gerechtigkeit voraus, denn ohne diese gäbe es keine Möglichkeit, das Recht der Nazis grundsätzlich abzulehnen. Hier sei an den moralischen Gottesbeweis von Kant erinnert.

Im Mittelalter wurde der moralische Gottesbeweis zu einer zentralen Argumentationsstrategie in der christlichen Theologie. Die Theologen argumentierten, dass die Existenz von moralischen Prinzipien und Werten eine höhere Quelle erfordert, die nur in Gott gefunden werden kann. Sie verwiesen auf die Tatsache, dass moralische Werte wie Güte, Gerechtigkeit und Mitgefühl universell sind und von allen Menschen anerkannt werden.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der moralische Gottesbeweis von verschiedenen Philosophen und Theologen weiterentwickelt und verfeinert. Im 18. Jahrhundert argumentierte der deutsche Philosoph Immanuel Kant, dass die Existenz Gottes notwendig ist, um die moralischen Pflichten zu rechtfertigen. Er behauptete, dass die moralischen Gesetze, die wir befolgen sollen, von einem höheren Wesen stammen müssen, da sie nicht auf rein menschlicher Vernunft beruhen können.

Was ist der moralische Gottesbeweis?

Als Gegenargument wird zumeist vorgetragen, dass es eben unterschiedliche, teils gegensätzliche Ansichten geben. Der Anspruch selbst in Besitz des Absoluten zu sein, hat aber ein Rechtfertigungsproblem: Wieso sollte ein Mensch glauben, dass er selbst jene absolute Wahrheit erkannt habe, der Andere aber im Irrtum sei?

Jetzt wird das ontologische Problem der Existenz der Universalien zum Erkenntnisproblem: Unter der Annahme, dass es jene absolute Wahrheit, die absolute Gerechtigkeit real existiert, kann aber genau aus diesem Grund davon ausgegangen werden, dass diese nicht sicher und vollständig erkannt werden kann – nicht zuletzt auch wegen der Begrenztheit und Unzulänglichkeit menschlicher Existenz. Das führt sehr wohl zu Problemen, die den Anspruch einer vollständigen Erkenntnis verunmöglichen. Seit jeher gilt aber Erkenntnis keineswegs als trivialer Prozess, der das Absolute erreichen könnte, sondern als Annäherung: Das Streben nach Erkenntnis erfordert Anstrengung und kann den Irrtum nicht grundsätzlich ausschließen. Allerdings beinhaltet das Erkenntnisstreben bereits die Ansicht, dass ein Fortschritt der Erkenntnis grundsätzlich möglich ist. Wäre dem nicht so, wäre jedes Bemühen um Erkenntnis sinnlos.

Der Universalienrealist kann aufgrund seiner Erkenntnis beanspruchen, dass seine Überzeugung der Wahrheit in Näherung entspricht. Das rechtfertigt nicht die Ansicht, dass nur jener selbst diese Wahrheit für sich beanspruchen kann, denn niemand ist vor Irrtum grundsätzlich gefeit. Er wird darum andere Ansichten je nach Inhalt respektieren oder tolerieren und nur in den extremen Fällen aktiv bekämpfen. So wären Mafia-Strukturen oder ein totalitärer Staat keineswegs zu tolerieren, da hier bereits grundlegende Brüche mit der erkannten Gerechtigkeit vorliegen, die unvereinbar mit der Erkenntnis der Gerechtigkeit sind.

Das Erkenntnisproblem ändert zudem nichts an der Ansicht, dass jene absolute Gerechtigkeit existiert, denn dessen Existenz bleibt von der Erkenntnis unabhängig.

Das Problem der Nominalisten

Nominalisten konstruieren sich die Welt aus den vermeintlich realen Puzzleteilen der Welt – der Partikularien, wobei letztlich auch ganz andere Konstrukte möglich und gleichberechtigt dastehen. Für Sie sind Universalien Begriffe – eben Konstrukte des Verstandes, die Universalien nur in einem zeitbezogenen kulturellen Kontext und Sprache Bedeutung haben. Universalien kommt dieser Ansicht nach keine eigene unabhängige Realität zu. Demnach gibt es keine absolute Wahrheit, keine absolute Gerechtigkeit, und alles ist relativ zum Kontext. Damit zerfallen auch alle Maßstäbe und werden letztlich Gegenstand von Vereinbarung und willkürlich. Wir erkennen, dass die vorherrschende Denkrichtung in der liberalen Gesellschaft eben jener Nominalismus ist. Die Moderne und Postmoderne basiert auf dem Nominalismus, wiewohl praktische Ansprüche auf Wahrheit nicht konsistent mit der Theorie ist.

Am Beispiel des ‚Rechts‘ unter der Naziherrschaft kann der Nominalist zwar eine engagierte persönliche Ablehnung zum Ausdruck bringen, kann sich dann aber nicht auf ein höheres Recht berufen. Damit entsteht ein performativer Widerspruch: Wenn doch alles relativ sei, wieso sollten dann die Schreckensherrschaft der Nazis nicht ebenso berechtigt sein wie unsere zeitgenössischen Werte? Aus dem Widerspruch müsste allerdings der Ruf nach Toleranz entstehen, da ein übergeordnetes Kriterium zum Urteil gerade abgelehnt wurde. Wieso sollte man irgend eine Ordnung auch für Dritte durchsetzen können, wenn man sich nur auf die eigene Präferenz berufen kann? Man kann sich auf eine Konvention, eine Übereinkunft berufen, doch das löst das Problem nicht. Denn die Übereinkunft eines Kollektivs aus Nazis würde wohl eben jenes Ergebnis erbringen. Zudem bleibt die Frage, warum ein Kollektiv, eine Mehrheit mehr Rechte haben sollten, ihre Sicht durchzusetzen als ein einzelner – zumal die Willensbildung in Kollektiven durchaus nicht dem Ideal der freien Meinung folgt.

Die Konsequenz ist, dass Nominalisten fortan inkonsequent sind: Man setzt die Ideologie durch, als ob sie die absolute Wahrheit wäre und behauptet zugleich, dass es eine absolute Wahrheit nicht gäbe.

Weiterhin bleiben auch für den Nominalisten Erkenntnisprobleme zu Hauf: Wie könnten den Partikularien sicher erkannt werden? So wissen wir bereit spätestens seit Descartes, dass eine sichere Erkenntnis außerhalb seiner selbst nicht zu haben ist. Früher musste man da auf die Sinnestäuschungen, psychischen Erkrankungen und einem nicht ausschließbaren Solipsismus verweisen. Heute genügt der Hinweis auf virtuelle Welten und eine mögliche Matrix.

Wenn ein Nominalist mit dem Verweis, die Universalien seien ja nur abstrakt und darum grundsätzlich nicht erkennbar, auf seinen bodenständigen Realismus durch die Erkenntnis der Partikularien verweist, so ist dieser auf dünnem Eis, denn jene als sicher geglaubte Realität droht ihm zu zerrinnen. So lange dies aber nur ein philosophisches Gedankenspiel bleibt, werden die wenigsten hier eine Relevanz für die Zeitgeschichte erkennen.

Eine kurze Geschichte der liberalen Ideologie

Alexander Dugin hat in seiner letzten Publikation Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset mehrere Aufsätze veröffentlicht. Unter dem Titel ‚Eine kurze Geschichte der liberalen Ideologie‘ behauptet er, dass es zum Verständnis der jüngsten Entwicklung der politischen Ideologie, der Megatrends im Westen, hier ein Schlüssel liegt. Anlass war die Wahl Bidens zum Präsidenten der USA.

Um das historische Ausmaß von Bidens Sieg und Washingtons »neuen« Kurs für den Great Reset zu verstehen, muss man die Geschichte der liberalen Ideologie von ihrem Anfang an betrachten. Nur dies befähigt, den Ernst der Lage nachzuvollziehen. …
Biden und die Kräfte hinter ihm verkörpern den Höhepunkt eines geschichtlichen Prozesses, der im Mittelalter begann, in der Modeme seinen Reifezustand mit dem Auftauchen der kapitalistischen Gesellschaft erreichte und heute in seine Endphase eintritt.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Eine steile These, da den wenigsten diese behauptete Entwicklung augenfällig erscheint.

Die Wurzeln des liberalen (=kapitalistischen) Systems reichen bis zum Universalienstreit der Scholastiker zurück. Dieser Streit teilte die katholischen Theologen in zwei Lager: Während die einen die Existenz des Gemeinsamen anerkannten (species, genus, universalia), glaubten die anderen nur an bestimmte individuelle Dinge und interpretierten deren generalisierende Namen als rein externe, konventionelle Systeme der Klassifizierung, die lediglich ein »leeres Geräusch« darstellen würden. Jene, die von der Existenz des Allgemeinen und der Spezies überzeugt waren, bezogen sich auf die klassische Tradition Platons und Aristoteles‘. Sie wurden »Realisten« genannt.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Soweit die inhaltliche Klärung. Hier hätte man sich Beispiele gewünscht. Was ist Freiheit, wenn man nur immer eine konkrete Freiheit für substanziell hält? Gibt es Gerechtigkeit, die einen konkreten gesellschaftlichen Kontext überschreitet? Ist Schönheit nur eine beliebige Geschmackssache?

Der »Nominalismus« bereitete den Boden für den zukünftigen Liberalismus, sowohl in ideologischer als auch in ökonomischer Hinsicht. Hier wurden die Menschen nur als Individuen angesehen und sonst nichts, und alle Formen der kollektiven Identität (Religion, Klasse usw.) wurden abgeschafft. Genauso wurde das Ding als absoluter Privatbesitz betrachtet, als ein konkretes, separates Ding, das einfach als Besitz dieses oder jenes individuellen Inhabers betrachtet werden konnte.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Allein die Frage und Feststellung, wie das selbstverständliche Empfinden des Lesers sich hier positioniert, weckt die Erkenntnis, dass sich das Thema nicht auf die überholte mittelalterliche Vergangenheit beschränkt. Denn die wenigsten Menschen reflektieren die Grundlagen ihres Denkens, die Kernideen. Sie halten ihr denken, dass sicher auch Ergebnis der Sozialisation und des herrschenden Zeitgeistes ist, für unhinterfragbar. Der Kerngedanke ‚Alles ist relativ‘ erweist sich als Prägend und in scheinbarer Harmonie mit der impliziten Ansicht, dass man selbst im Besitz der absoluten Wahrheit sei. Würde man dies hinterfragen, so würde eine bewusste kognitive Dissonanz bestehen.

Dugin bleibt allerdings unklar, wenn er ‚alle Formen der kollektiven Identität‘ dem Individuum entgegen stellt. Denn gerade der Prozess philosophischer Reflektion des Individuums ermöglicht doch erst, diese Zusammenhänge und Inkonsistenzen zu erkennen. Eine reife Einstellung kann sich also nicht in eine falsche Dichotomie zwischen Individualismus und Kollektivismus verzetteln, sondern muss das Individuum und sein Denken im Kontext der Kollektive verstehen, in dem sich das Individuum auch vom Kollektiv partiell emanzipieren muss. Kollektive sind darin keineswegs pauschal negativ zu beurteilen oder lediglich als Mutterboden, aus dem das Individuum sich emanzipieren muss, sondern eine prägende und identitätsstiftende Einheit, die keineswegs stets überwunden werden muss. Auf Grundlage einer positiven Identifikation des Individuum mit der Gruppe (Familie, Stamm, Volk, Glaubensgemeinschaft) hilft in der individuellen Reifung allerdings zur Verantwortung, die sich nicht bedingungslos einem Gruppendenken unterwirft.

Es bleibt eine These Dugins, wie sich der Nominalismus in alle Bereiche der menschlichen Existenz eingeschlichen hat.

Der Nominalismus triumphierte zuerst in England, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den der Neuzeit — in der Religion (individuelle Beziehungen des Menschen zu Gott), in der Wissenschaft (Atomismus und Materialismus), in der Politik (Voraussetzungen der bürgerlichen Demokratie), in der Wirtschaft (Markt und Privatbesitz), der Ethik (Utilitarismus, Individualismus, Relativismus, Pragmatismus) usw.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Es stellt sich allerdings die Frage, ob der Gedanke Dugins ihn zu einem Furor trieb, der hier entscheidend überdehnt. Denn die individuelle Beziehung zu Gott findet sich sehr intensiv bereits im Alten Testament. Gestalten wie Abraham, Jakob, Mose und die Propheten standen als Individuen stets im Kontrast zu ihrer Herkunftsgesellschaft. Im NT wurde die Beziehung stark auf die persönliche Beziehung konzentriert und gerade in ihrer individuellen Beziehung die Entwicklung zu treiben. Auch jedwede philosophische, wissenschaftliche, kulturelle und technologische Entwicklung basiert auf dem starken Individuum, auch wenn dieses nicht völlig Unabhängig zu der Herkunftsgesellschaft steht. Es kann also kaum dem Nominalismus geschuldet sein, wenn das Individuum eine zentrale Rolle auch gegen das Kollektiv bezieht.

Daher wurden viele Aspekte des Christentums — die Sakramente, Wunder, Engel, Belohnung nach dem Tod, das Ende der Welt usw. — neu bewertet und verworfen, da sie »rationalen Kriterien« nicht standhielten.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Hier sind wir auf einem theologischen Terrain, denn das Christentum war von Beginn an von der Dialektik geprägt. Ein traditionelles Denken, dass sich auf Rituale stützt, entspricht weitgehend nicht dem Neuen Testament. Jesus fragt stets nach der Innerlichkeit und weist Formalie zurück, Reflektion anstelle von Konformismus. Allerdings bleiben auch Kollektive wie das Volk und die Gemeinschaft der Gläubigen (Ecclesia) – die einen Leib bilden, und der Einzelne ist ein Glied davon – bedeutsam. Aus biblischer Sicht ist sowohl das Individuum, als auch das Kollektiv wichtig. Andererseits ist die Zurückweisung von Wundern als vermeintlich irrational nicht gut rational begründet. Denn wenn es eine Phänomenologie gibt, also die uninterpretierte Wahrnehmung der Realität, kann es keine rational begründbare Rationalität geben, die die Wirklichkeit über ihren gesicherten Deutungsrahmen hinaus bestimmen will.

Die Kirche als der »mystische Körper Christi« wurde zerstört und durch Freizeitvereine ersetzt, die durch das freie Einverständnis von unten geschaffen wurden. Dies brachte eine große Zahl miteinander streitender protestantischer Sekten hervor. In Europa und England selbst, wo der Nominalismus die größten Früchte getragen hatte, wurde dieser Prozess etwas gebändigt und die rabiatesten Protestanten eilten in die Neue Welt, wo sie ihre eigene Gesellschaft etablierten.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Dugin ignoriert hier den reformatorischen Ansatz, der seit dem ersten Jahrhundert die Christenheit umtrieb. Es geht eben sehr wohl auch um das Ringen um die Wahrheit – eine Universalie – und das Erkennen Gottes, das sich nicht in einem gruppendynamischen Prozess getragen von andächtigen Gefühlen gleichschalten lässt. Aber auch jene protestantischen Gemeinschaften feierten keineswegs das Individuum auf Kosten jedes Kollektivs, sondern bildeten Glaubensgemeinschaften, ähnlich wie die Jünger Jesus, die sich ebenso im Konflikt zur Mehrheitsgesellschaft fanden.

Der Bourgeois ersetzte alle anderen Schichten der europäischen Gesellschaft. Jedoch war der Bourgeois exakt das beste »Individuum«, ein Bürger ohne Klan, Stamm oder Berufsstand, aber mit Privatbesitz. Und diese neue Klasse begann, die gesamte europäische Gesellschaft umzubauen.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Sobald Dugin seine fragwürdigen Deutungen des Christentums verletzt, werden seine Darstellungen wieder plausibler.

Adam Smith wandte diese Prinzipien auf dem Feld der Wirtschaft an und leistete damit seinen Beitrag zum Aufstieg des Liberalismus als ökonomischer Ideologie. In der Tat wurde der Kapitalismus zu einer kohärenten und ausformulierten Weltsicht, die auf der systematischen Implementierung des Nominalismus aufbaute. Der Sinn der Geschichte und des Fortschritts lag fortan darin, »das Individuum von allen Formen der kollektiven Identität zu befreien« bis zu seiner logischen Grenze.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset

Dugin argumentiert hier wenig überzeugend, denn die Marktlehre von Adam Smith hat wenig gemeinsam mit dem multinationalen Kapitalismus heutiger Tage, auch wenn man eine historische Entwicklung nachvollziehen kann. Smith hatte das Gemeinwohl der Völker zum Ziel und nicht den Nutzen des Individuums zu Lasten der Gemeinschaft. Der Marktmechanismus (Invisible Hand) führe zur Harmonie des individuellen Interesses und dem Interesse des Kollektivs. Heutiger Kapitalismus entspricht bei weitem nicht dem freien Markt, sondern hebelt diesen durch Marktmacht aus. Dugin verkennt die moralische Grundlage des Denkens von Adam Smith, der auf dem Christentum schlechthin fußt.

Der zu Recht kritisierte Ansatz »das Individuum von allen Formen der kollektiven Identität zu befreien« ist wesentlich später zu verorten und hat keine direkten Bezüge zu Smith.

Bis zum 20. Jahrhundert, nach der Zeit der kolonialen Eroberungen, war der westeuropäische Kapitalismus zu einer globalen Realität geworden. Der nominalistische Zugang überdauerte in Wissenschaft und Kultur, in der Politik und der Wirtschaft, im Alltagsdenken des Westens und der gesamten Menschheit.

Das 20. Jahrhundert und der Triumph der Globalisierung: Die zweite Phase

Sozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten bekämpften die Liberalen mit Klassenidentitäten und riefen die Arbeiter auf der ganzen Welt dam auj: die Macht der weltweiten Bourgeoisie zu stürzen. Diese Strategie erwies sich als effektiv und in einigen größeren Ländern (wenn auch nicht in den industrialisierten westlichen Staaten, wie es sich Karl Marx und Friedrich Engels, die Begründer des sogenannten wissenschaftlichen Kommunismus, erhofft hatten) ereigneten sich siegreiche proletarische Revolutionen.

Hier erkennt man die Denkherkunft Dugins. Er ist in dem linken Denken verwurzelt. Man bezieht linke Ideologie auch auf eine Identitätspolitik, die Bevölkerung eben nicht mehr als gesamtes Kollektiv (sogenanntes völkisches Denken) versteht, sondern die Gesellschaft in Teilmengen zersplittert, die dann einen innergesellschaftlichen Kampf austragen. Heute sind Begriffe wie Arbeiterklasse oder die sogenannten Werktätigen tot und werden durch neue Identitäten ersetzt, die sich auf kulturelle Herkunft (sofern nicht autochton), Rasse (die es laut Theorie gar nicht gibt) oder vermeintliche Geschlechtsidentität gründen.

Dugin ist zu würdigen, dass er die Spannung zwischen Kollektiven und deren Zersplitterung durch einen forcierten Individualismus aufzeigt, aber Dugin bleibt damit in nur schwach begründeten Denkfiguren. Gerade die neue Identitätspolitik schafft ja neue (Pseudo-)Kollektive, die freies individuelles Denken massiv unterdrückt und einem neuen Gruppendenk unterwerfen will. Man beachte, wie Joanne K. Rowling, Autorin der Harry-Potter-Reihe und bekennende Feministin, scharf bekämpft wurde wegen ihrer ablehnenden Haltung zum Gender-Wahn. Würde es nur den zersplitternden Individualismus und Relativismus geben, wäre es kaum mehr als ein Schulterzucken zu einer einzelnen individuellen Ansicht. Der neue ‚Liberalismus‘ gewährt den Individuen keine eigenen Meinungen mehr, wenn sie nur um Haaresbreite von der vorherrschenden Ideologie abweichen. Diese ausmerzen der Freiheit sollte nicht mit dem falschen Etikett ‚Liberalismus‘ versehen werden.

Dugin ist durchaus der Verdienst zuzurechnen, dass die Entwicklungen im politischen Raum auf Denkursachen zurück geführt werden, auch wenn seine Argumentation oft nicht treffsicher und fehlerhaft ist. Denn natürliche Kollektive, wie Familie, Sippe, Volk und Glaubensgemeinschaft, stehen tatsächlich unter erheblichen Druck eines propagierten Individualismus, der sich allerdings als leere Fassade für Pseudo-Kollektive der neuen Identitätspolitik erweist. Jene bedienen sich der Denkfiguren des Nominalismus und wollen eine biologische Realität verleugnen, auch wenn sie darin oft inkohärent bleiben. Nicht nur traditionellen Denkern mag diese Entwicklung als gefährlich erscheinen, sondern wegen der ständigen Inkohärenz eine Beleidigung der Vernunft.

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