Ganz offensichtlich ist es eine Grundfrage für jeden, wer er eigentlich sei. Manchmal explizit und bewusst, oftmals implizit durch die Suche nach Identifikationsfiguren. Zumeist ist darin die Einordnung in die soziale Bezugsgruppe ausschlaggebend. Dies ist für gewöhnlich verbunden mit Adaption des vorherrschenden Gruppen-Selbstverständnis. Stabilisierend für diese gruppendynamische Prozesse ist die Beimessung der Loyalität zu dieser Gruppe als hohen Wert. Wie weit passt dies zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit des Menschen?
Da viele gruppendynamische Prozesse unabhängig von der konkreten Ideologie und Wertvorstellungen ablaufen, stellt sich die Frage: Sind Ideologien zumeist nur ein Überbau, der inhaltlich fast keine Bedeutung hat, sondern sozioökonomische und politische Prozesse das Denken prägen? Frei nach der marxistischen These: Das Sein bestimmt das Bewusstsein?
Tatsächlich gibt es viele Beobachtungen, die diese These zu bestätigen scheinen. Allerdings erscheinen die Beobachtungen in hohem Maße abhängig von der Brille des Beobachters. Denn andererseits kann in der hohen Varianz der individuellen Einstellungen und stark divergierenden Lebensläufen innerhalb der Bezugsgruppe festgestellt werden, die durch diesen Ansatz kaum erklärt werden können, andererseits haben die unterschiedlichen Peer Groups jeweils stark unterschiedliche Zielerreichung: Wenn denn unterschiedliche Ideologien bedeutungslos wären, würde es eine Erklärungsnot geben, warum sich unterschiedliche Peer Groups stark divergierend verhalten. Entsprechend lautet die Gegenthese:
Bei gegebenen gruppendynamischen Prozessen macht die Ideologie und die individuelle Leistung den Unterschied aus!
Gerade die Individualisierung im Selbstverständnis und dessen Reflektion ermöglicht eine Dynamik, die einen gewollten gesellschaftlichen Wandel zur Folge hat. Erst die Distanz zur Gruppenidentität löst aus der Tendenz zur Erstarrung. Dies aber steht in enger Beziehung zur Gruppenideologie, deren Ausprägung und dem vermittelten Selbstverständnis.
Gruppenidentität und soziale Bezugsgruppen
Soziale Bezugsgruppen können zunächst als unmittelbare Interaktionsbeziehungen verstanden werden. Also zunächst die Kleinfamilie, die Sippe oder Clan, später der Freundeskreis – dann aber verstärkt alle anderen sozial wirksamen Kriterien der Gruppenabgrenzungen. So die Ethnie oder Nation, Hautfarbe oder Geschlecht, Religionszugehörigkeit oder politisch/weltanschauliches Bekenntnisse. Durch die überlappende Identifizierung mit unterschiedlichen Gruppierungen entstehen Spannungen, wenn diese für jeweils abweichende Werte stehen. Wenn sich z.B. ein bekennender Moslem zu einer sozialistischen Bewegung zugehörig fühlt, deren Moralauffassung aber im Gegensatz zu seinem religiösen Bekenntnis führt, muss er entscheiden, welchen Weg er für sich als wichtiger erachtet.
Peergroup [engl. peer Ebenbürtiger, Gleichaltriger, group Gruppe], [EW, SOZ], die Peergroup ist eine vor allem im Jugendalter bedeutsame Gruppe von Gleichen, denen sich ein Individuum zugehörig fühlt und an denen es sich orientiert, wobei sich eine im Prinzip gegebene Gleichrangigkeit oft durch ungefähre Altersgleichheit herstellt
Lexikon der Psychologie
Bestimmungsfaktoren, wie sich die Dynamik innerhalb von Peer-Groups sich auswirkt, sind vielfältig. So können einzelne dominante Persönlichkeiten sowohl einen Druck zur Konformität erstellen oder eben die Freiheit und Dynamik fördern. Die Persönlichkeiten der Mitglieder, die sowohl von der angeborenen Mentalität, als auch von der kulturellen Sozialisation geprägt sind, können der Akzeptanz innerhalb der Gruppe einen dominanten Wert zuweisen, oder aber mit der individuellen Differenzierung und dem Rebellentum starke Werte entgegen setzen. Vor allem aber ist die Gruppenideologie und Ethik ein starker Treber. In einer Schamkultur wird die persönliche Würde und Loyalität weit höher bewertet als in einer Schuldkultur, die den moralischen Wert des Guten Priorität einräumt und vom Einzelnen fordert, sich im Konfliktfall gegen die Gruppe zu stellen.
Aber auch die ideologiegetriebene Moral hat einen subtilen Einfluss. So sind Gesellschaften, die der Solidarität und Zusammenhalt einen sehr großen Wert zumessen, ihrerseits aber durch Bigotterie und Heuchelei an Glaubwürdigkeit verlieren, einer inneren Spannung ausgesetzt, die entweder offen, oder aber als stiller Protest diese Werte in einer Anti-Haltung negiert.
Bei der Betrachtung gesellschaftlicher Dynamiken fällt auf, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen häufig in Schüben vollzieht. Konservative Kräfte wollen die Errungenschaften, Wohlstand und jeweils Macht nicht erodieren lassen. Progressive Kräfte wollen eine Veränderung, die sie vor allem als Verbesserung anstreben. Negative Veränderung sind allerdings möglich und darum vor allem bei Konservativen gefürchtet. Aber auch die innere Verfasstheit einer Ideologie hat einen starken Einfluss: Eine Ideologie, die dem Wesen nach eine Verfestigung der Herrschaft bis in die inneren Wirkungsweisen der Werte zementiert, wird sowohl die Lehre an sich, als auch die gesellschaftlichen Verhältnisse stabilisieren. Im Gegensatz dazu stehen Lehren, die durch eine innere Dialektik und beständige Reformen einer Erstarrung entgegen wirken.
So fällt auf, dass es in der Geschichte der Menschheit eine Reihe von Hochkulturen gab, die eine Blütezeit von wenigen Jahrzehnten bis zu einigen Jahrhunderten gab. In Bauwerken und anderen Errungenschaften finden wir noch Zeugnisse, die den Glanz untergegangener Kulturen belegen. Doch warum erstarren Kulturen und gehen unter? Im einzelnen kann man auf äußere Einflüsse, Eroberungen, Naturkatastrophen oder persönliche Fehler einflussreicher Personen verweisen. Die hier vertretene These sieht allerdings die vorherrschende Ideologie als das Schlüsselelement. So führen hierarchische Systeme ohne intrinsische Dialektik notwendig zur Erstarrung, die auf kurz oder lang zum Untergang führt. Christlich geprägte Kulturen existieren nun fast 2000 Jahre und sind durch wiederholte Reformen zu einer weiten divergenz und Dynamik gelangt. Staatsformen änderten sich, Gesellschaftliche Moral erfuhr Änderungen großen Ausmaßes, aber der christliche Kulturkreis ist auch durch enormen Druck wie dem Mongolensturm, der Islamischen Expansion und verheerender innerer Kriege (z.B. Dreißigjähriger Krieg, Weltkriege) nicht zerbrochen, sondern hat sich auch in Naturkatastrophen (z.B. kleine Eiszeit) erstaunlich robust geblieben. Der Verfasser sieht hier vor allem die Dialektik, die unterschiedliche Interpretationen der Kernlehre des Neuen Testaments zulässt, als das entscheidende Mittel gegen eine innere Erstarrung.
Langfristige Wirkungen finden wir auch in der Fertilität. So ist eine Gesellschaft mit Kinderreichtum eher geeignet, den Mitgliedern eine wachsende Bedeutung und Dauerhaftigkeit zu vermitteln als eine Gesellschaft, die selbst kein Interesse an ihrem Fortbestand hat. Aber auch die Fertilität steht in engem Zusammenhang mit der Ideologie. Wird dem persönlichen Lebensglück Dominanz gegenüber einer langfristigen gesellschaftlichen Teilhabe mit Kindernachwuchs eingeräumt, so hat das statistische Wirkungen. In unserer aktuellen Zeit wird dem Recht auf Abtreibung, das auch hunderttausendfach ausgeübt wird, Priorität eingeräumt. Das die Bevölkerungsdynamik dann zu einer sterbenden Kultur und Gesellschaft führt, erscheint zwangsläufige Folge davon.
Subjektive Perspektiven
Distanzierte Kulturbetrachtungen haben nur einen geringen Einfluss auf das persönliche Empfinden und die Lebensgestaltung. Auch wenn die Analyse einen starken Einfluss von Megatrends nahe legt, so ist dies aus individueller Sicht wohl zumeist nicht bewusst wahrnehmbar. Die analytische Sicht ist als kulturelle Außenbetrachtung wertvoll, korrespondiert aber nur eingeschränkt mit der bewussten Innensicht. Keine Frau wird ihren Kinderwunsch befeuern, weil sie der Kultur oder dem Volk eine geschichtliche Dauerhaftigkeit verleihen will. Das ist subjektiv völlig irrelevant.
Relevant ist hingegen, ob die Mutterrolle eine gesellschaftliche Achtung oder Ächtung erfährt. Wenn die Frau die Mutterschaft, die mit allerlei Entbehrungen verknüpft ist, dennoch als Glück empfinden soll, geschieht dies zumeist durch die Achtung, die sie in ihrer Peer-Group und der Gesellschaft erfährt. Wird sie jedoch als Ausgestoßene rein praktisch an gesellschaftlichen Teilhabe gehindert, wird sie weit eher daran interessiert sein, diesen Abstieg durch eine Abtreibung zu entgehen. Die Identität als potentielle Mutter wird dann nachvollziehbar abgelehnt.
Die Bildung eines subjektiven Wertekanons ist untrennbar mit dem Empfinden der eigenen Identität verknüpft. Manche Theorien gehen davon aus, dass Genetik und (kulturelle) Sozialisation den Menschen vollständig bestimmen. Dieses eher kybernetische Menschenbild entspricht aber weder dem Empfinden vieler Menschen – dass sie nur Produkte äußerer Einflüsse seien -, noch dem Befund, dass es eine große Bandbreite von identitätsstiftenden Eigenschaften gibt, auch wenn die Ausgangslage nahezu gleich ist. Dabei kann nicht bestritten werden, dass die Einflüsse auf die Identität und Wertebildung enorm sind. Entscheidend ist jedoch eben jene Ich-Identität, die auf diese Einflüsse bestätigend und verfeinernd, in Ergebung oder in der Rebellion reagiert. Wir beobachten, dass stets Menschen aus scheinbar vorgegebenen Biographien ausbrechen und ein völlig anderes Verhalten auf Grundlage einer ganz anderen Identität entwickeln. Leider sind dies statistisch zwar eher Ausnahmen, aber sie belegen, dass sich die Frage der Identität weder aus der subjektiven Innensicht, noch aus der biographischen Sicht in der Summe seiner Einflüsse erschöpft.
Was also treibt den Einzelnen, sich anders zu verhalten? Oder wird er gar nicht getrieben, sondern ist selbst Kraft der ihm innewohnenden Würde und Identität eine moralisch Instanz, die nicht mehr zum bloßen Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse wird?
Viele wissenschaftliche Ansätze und auch einige philosophische Betrachtungen basieren auf einer Sicht, die die Welt – einschließlich des Menschen – vor allem als Kette kausaler Ereignisse versteht. Dies führt dazu, dass man die Identität des Menschen auf seine genetisch-sozialen Faktoren reduziert. Zugleich aber führt dies zum Paradox, dass auch jener Wissenschaftler, Analytiker und Theoretiker kein Deus-ex-Machina ist, sondern ebenso ein Mensch, der der Theorie zufolge nur ein Rad im Getriebe der Welt ist. Seine Theorie ist also weder originell noch ’seine‘ Leistung im engeren Sinn, sondern weitgehend determiniert durch die Faktoren, die auch den Wissenschaftler treiben. Der schwache Determinismus entwertet allerdings die Theorie, denn nicht mehr der vorurteilsfreie Schluss einer möglichst umfassenden Realitätserkenntnis führt demnach zur Theorie, sondern ein intrinsischer Determinismus, der auch die Vertreter gegensätzlicher Positionen ebenso treibt. Diese vorgeblichen Mechanismen würden die Theorie, das Denken und die eigene Identität vollständig hervorrufen.
Die Gegenthese besagt, das der Mensch eine im Kern eigenständige Entität ist, die zwar mehr oder minder starken Einflüssen ausgesetzt ist, aber letztlich selbst als Akteur das Weltgeschehen beeinflusst. Diese Vorstellung bestimmt natürlich auch die Identität und Selbstverständnis. Sie beinhaltet auch, dass der Mensch zwar auch von sozialen Einflüssen nicht völlig unabhängig denkt und agiert, aber dennoch nicht vollständig von seiner Gruppenidentität bestimmt ist.
Diese Vorstellung ist kohärent mit dem subjektiv eigenen Erleben und dem gewöhnlichen Ich-Bewusstsein. Sie ermöglicht eine positive Identifikation mit dem sozialen und geschichtlichen Kontext, ohne sich darin zu erschöpfen.
Manche andere bezeichnen dies als Ich-Illusion, die dem Menschen eine Eigenständigkeit nur vorgaukelt. Aber auf welcher Grundlage basiert dieser Ansatz? Es ist letztlich ein dogmatischer Glaubenssatz, der felsenfest davon ausgeht, dass der Mensch nur ein Produkt seiner Einflüsse sei. Dies ist aber weder belegbar, noch plausibel. Vor allem die Frage des Selbstverständnis des Vertreters jenes Dogmatismus führt in ein Dilemma:
Entweder wird jener Mensch sich ebenso als Mensch durch seine Einflüsse determiniert selbst verzwergen – und damit sich jeder Überzeugungskraft berauben. Denn jede Aussage, die letztlich auf einem externen Determinismus beruht, wird bedeutungslos, wenn auch die Gegenansicht existiert … die dann ja auch extern determiniert sei. Wie könne man dann unterscheiden, welche Position wahr oder zumindest plausibler wäre? Eine Faktenprüfung könnte ja dann auch nicht frei und ergebnisoffen sein, denn immer wäre der Prüfer ja durch fremde Einflüsse bestimmt und käme demnach zu einem fremdbestimmten Urteil.
Oder aber, der Vertreter eines kybernetischen Menschenbildes nimmt die Rolle eines externen Beobachters ein und sieht sich dieser ‚menschlichen‘ Bestimmung nicht unterworfen. Er beansprucht damit eine Rolle, die er aber grundsätzlich für die Menschen schlechthin abgelehnt hat. Auch die Vorstellung, dass aus einer determinierten komplexen Ausgangslage eine zufallsbestimmte Emergenz als freies Ich-Bewusstsein entsteht, rettet das Grundkonzept nicht, denn einen Determinismus durch einen nicht-personalen Zufall zu ersetzen unterliegt der gleichen Schwäche. Erst wenn man der Persson substanzielle eigene Bedeutung zumisst, die sich nicht vollständig aus seinen Einflüssen speist, kann man ein kohärentes Weltbild vertreten.
Kohärenz
Die kohärente Erhärtung der Vorstellung, dass der Mensch eine Identität hat, die einerseits starken Einflüssen unterliegt, aber dennoch sich nicht in diesen erschöpft, lässt weiter nach der Natur der Welt und der eigenen Person fragen: Woher kommt dann diese Person, die sich als ‚ich‘ und frei empfindet? Die Vorstellung einer zufälligen Weltentstehung und einer blinden Evolution würde ja nur die Beliebigkeit der eigenen Person unterstützen, die letztlich zum Nihilismus führt.
Religiöse Vorstellungen, die den Menschen einschließlich der eigenen Person als gewollt und Werk Gottes ansieht, leidet demnach nicht an der Inkohärenz. Aber nicht jede gottgläubige Vorstellung kommt hier zum gleichen Ergebnis und ist stets kohärent. Das christliche Verständnis vom Geist, den der Mensch auch unabhängig von Gott zumindest eine temporäre Existenz ist, wird gepaart vom Geist Gottes, der in Kommunikation mit dem menschlichen Geist ist. Auch wenn das einem Andersdenkenden zunächst fremd erscheint, so wird er doch mit nur Mühe eine Inkohärenz entdecken können … und diese Inkohärenz nur bezüglich seiner eigenen Dogmen erkennen.
Ziel bleibt die Erkenntnis, dass der Mensch eine positive Identifikation innerhalb seiner Peer-Group erlebt, die sich nicht im Gruppendenken erschöpft.
