Problemlos war das Verhältnis zwischen den Geschlechtern nie. Es ist meist als Machtkampf aufzufassen, der mit ungleichen Mitteln ausgetragen wird und maßgeblich von den vorherrschenden Standards einer Gesellschaft bestimmt wird. Einerseits gibt es rohe Gewalt, die auch heute noch unter dem Stichwort ‚Häusliche Gewalt‘ für Entsetzen sorgt – zumeist, aber nicht immer, sind Männer die Täter. Andererseits gibt es die Soft-Power, wie mit unterschiedlichen Methoden Druck und Herrschaft aufgebaut wird, vor allem die Hilfsbedürftigkeit, die den Anderen verpflichtet.
Das hierzulande aktuell vorherrschende Idealbild ist die des selbstständigen, berufstätigen geschlechtsneutralen Menschen, der keinen anderen mehr braucht, und möglichst erfolgreich ist, auf jeden Fall aber Steuern zahlt. Das passt natürlich wenig zu einer Familie, die durch mehrere Kinder den langfristigen Erhalt der Gesellschaft und der Sozialsysteme sichert. Denn die Belastungen des Kinderbekommens und der Erziehung lassen sich nur schwerlich mit dem vorherrschenden (nicht-)Rollenbild vereinbaren.
Entsprechend ist eine Kinderarmut die Konsequenz. Eine deutlich geringere Geburtenrate unter 2,1, die für den Fortbestand einer Gesellschaft erforderlich ist, führt zu einer sozialen Fragilität, denn die Versorgung der Alten ist nicht mehr durch die nachwachsende Generation sichergestellt. Heute versucht man durch Migration diesem Umstand zu begegnen, wobei fragwürdig bleibt, ob dies überhaupt funktionieren kann. Im Besonderen verändert sich die Gesellschaft, denn die Zuwanderer haben ihr eigenes kulturelles Verständnis und Wertesystem, die zumeist wenig zu der gewachsenen Gesellschaft passen.
Aber auch das persönliche Verständnis der Menschen wandelt sich. Während in traditionellen Gesellschaftsstrukturen die Familie mit Kindern das Ideal darstellte und Quelle des persönlichen Glücks, für die man auch bereit war, Entbehrungen in Kauf zu nehmen, wird dies immer seltener akzeptiert. Zwar besteht noch der Wunsch nach Familie und Geborgenheit, aber die Bereitschaft, dafür Einschränkungen und Risken in Kauf zu nehmen, schwindet. Das wirkt massiv in das Geschlechterverhältnis ein.
Im Folgenden wollen wir auf die historische Entwicklung im Besonderen der Ideologie, gerade im christlichen Abendland betrachten.
Christliche Lehre und die praktische Historie
Zu Beginn der Bibel heißt es:
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau
1.Mose 1,27
Es fällt auf, dass diese hier gleichberechtigt das Bildnis Gottes sind. Eine mögliche Reaktion kommt dann: Aber ist das nicht in 1. Mose 2 bereits entkräftet worden?
Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
1.Mose 2,7
Zunächst fällt auf, dass hier vom Menschen die Rede ist. Das hebräische Wort ist hier Adam, das in der revidierten Luther Übersetzung nicht als männlicher Eigenname steht, sondern in seiner generischen Bedeutung. Das wurde in der Kirchengeschichte oft anders gedeutet.
18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.
1.Mose 2
…
21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.[2] 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.
In der Tat wurde diese Stelle oft so gedeutet, dass die Frau eine untergeordnete Stelle habe. Im Besonderen, da man ‚Hilfe‘ oft untergeordnet versteht. So wie Fachkraft vs. Hilfskraft, Koch vs. Küchenhilfe.
Aber das entspricht nicht dem hebräischen Text. Denn das hier verwendet Wort für Hilfe ist hier ‚êzer, abgeleitet von ‚âzar, das auch für die Hilfe Gottes gebraucht wird – z.B. in 1.Mose 49:25, 1.Samuel 7:12 und 1. Chronik 12:19. Hilfe kann im biblischen Sprachgebrauch auch die Hilfe des Stärkeren für den Schwachen und Hilfsbedürftigen bedeuten.
Bei der Paradies-Erzählung handelt es sich vermutlich auch nicht um eine historische Begebenheit, sondern um eine Gleichnis, dass Menschen aller Kulturen und Bildungsgrade einen Sachverhalt vermitteln will, der in sachlicher Definition wohl kaum darstellbar ist. Die Mitteilungsabsicht war auch nicht die Begründung einer Hierarchie, sondern die organische Gleichartigkeit:
23 Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.
1.Mose 2
Tobias Riemenschneider (siehe unten) argumentiert hier (10:25) recht problematisch mit Paulus:
7 Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. 8 Denn der Mann ist nicht von der Frau, sondern die Frau von dem Mann. 9 Und der Mann wurde nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen.
1. Korinther 11
Diese Stelle verwundert, denn Paulus scheint weder 1. Mose 1:27 zu berücksichtigen, noch den Umstand, dass der Mensch (hebr. ‚âdâm – kein Eigenname) noch ungeteilt in 1.Mose 2:21 war. Das Wort Mann (‚iysh) taucht erst nach der Teilung in V.23 auf. Es scheint daher eine zweifelhafte Auslegung von Paulus zu sein. Paulus appelliert weiter an das zeitgebundene Verständnis der Natur der Briefempfänger und beruft sich nicht auf eine göttliche Offenbarung in den Versen 13 und 14.
Paulus bekommt aber wieder die Kurve in den Folgeversen:
11 Doch im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau; 12 denn wie die Frau von dem Mann, so ist auch der Mann durch die Frau; aber alles von Gott.
1. Korinther 11
Im Gegensatz seiner zeitgebundenen Vorstellung von der Überlegenheit des Mannes erkennt er hier die organische Verbindung der Geschlechter, die einer Hierarchie widerspricht.
Unterordnung?
Im Neuen Testament werden Frauen mehrfach aufgefordert, sich ihren Männern unterzuordnen. Allerding ist diese Empfehlung kein Gesetz, dass unbedingt zu befolgen wäre. In der Regel ist diese Aufforderung verbunden mit entsprechender Aufforderung an die Männer, nämlich der gegenseitigen Unterordnung.
Allerdings zog sich durch die Kirchengeschichte oft ein misogynes Verständnis von der untergeordneten Rolle der Frau. Dies aber gibt der Grundtext nicht her, denn es geht da um die gleiche Ebenbildlichkeit und die Aufforderung zur freiwilligen Unterordnung. Erzwungene Unterordnung ist aber Unterdrückung, auch wenn diese in sozialen Druck verpackt wird.
Freiwillige Unterordnung ist etwas völlig anderes, nämlich die Souveränität eines befreiten Menschen.
Es ist auch in konservativ christlichen Kreisen nicht ungewöhnlich, wenn Frauen ihre Männer wie Hunde dressieren , wenngleich mit subtileren Mitteln. Die erfolgreiche Dressur erkennt man darin, dass der Mann dann das Vorzeigeobjekt wird – diese Wortwahl stammt übrigens von einer Frau. Offiziell heißt es dann, dass der Mann für die großen Dinge, z.B. Weltpolitik und Fußball, zuständig sei, während die Domäne der Frau die kleinen Dinge sind, der Haushalt, also was angeschafft wird und wohin die Urlaubsreise geht. Man erkennt: Die Aufforderung zur Unterordnung wird zuweilen recht eigentümlich verstanden.
Einige konservative Christen sehen in der Frauenrechtsbewegung ein unbotmäßiges Aufbegehren. Allerdings muss man jenen Konservativen vorwerfen, dass die Notwendigkeit dieser Bewegung auf Jahrhundertelangen Versäumnissen beruhte, die biblische Gleichstellung auch umzusetzen.
Dennoch erscheint aus heutiger Sicht die Aufforderung zur Unterordnung als Relikt aus patriarchalischen Zeiten und für heute eher abstoßend. Sieht man aber, dass der Machtkampf in einer Ehe auch dann ausgetragen wird, wenn er gar nicht beabsichtigt wurde, und dass auch den Männern eine besondere Fürsorge oder gar gegenseitige Unterordnung aufgetragen wird, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Zu allen Zeiten sind dauerhafte Beziehungen zwischen Männern und Frauen nicht unproblematisch – im Besonderen: wenn eine Seite massiv Macht ausüben will. Das ist nicht nur bei Männern verwerflich, sondern auch bei Frauen, die sich praktisch mit der Unterordnung keineswegs leicht tun. Eine Empfehlung zur gegenseitigen Unterordnung kann dagegen eine gesunde Grundlage einer lang anhaltenden Ehe sein. Das gilt auch gerade heute, in der Ehen oft nur eine begrenzte Dauer haben oder erst gar nicht mehr eingegangen werden. Es darf aber keineswegs als einseitige Verpflichtung verstanden werden, die als Waffe im Kampf der Geschlechter eingesetzt wird – was leider allzu oft war und ist.
Rechtliche Gleichstellung
Tatsächlich wurden Frauen auch rechtlich unterdrückt. Eine völlige Gleichstellung wurde in Deutschland nur schrittweise erreicht:
- 1919: Frauen erhielten das aktive und passive Wahlrecht
- 1949: Grundgesetz Artikel 3 Absatz 2 ‚Männer und Frauen sind gleichberechtigt‘
- 1958: Das Gleichberechtigungsgesetz
- 1977: Die große Eherechtsreform – bis dahin war die Berufstätigkeit der Frau unter den Vorbehalt des Mannes gestellt.
Diese Errungenschaften waren erst aus der Emanzipationsbewegung entstanden. Aus heutiger Sicht und auch aus biblischer Sicht ein Skandal, dass das so lange dauerte. Auch nach erreichter rechtlicher Gleichstellung sehen einige Frauenrechtlerinnen faktische Mängel in der Gleichberechtigung, z.B. bei der Vergabe von begehrten Posten und bei der Bezahlung.
Es kann diskutiert werden, ob die Emanzipationsbewegung über ihr berechtigtes Ziel hinausgeschossen ist. Jedoch wurde die Frauenbewegung durch den modernen Genderwahn bereits massiv in Frage gestellt. Nachdem auch Männer quasi per Sprechakt sich zu Frauen erklären können, fallen sämtliche Schutzräume für Frauen weg, einschließlich Frauensauna, Frauensport, Frauengefängnisse, Frauenhäuser etc. Die erstrittenen Frauenrechte werden entwertet, da der Begriff Geschlecht und Frau durch die behauptete beliebige Vielzahl bedeutungslos wurde. Selbstredend ist dies zwar in keiner Weise mit dem biblischen Text vereinbar, aber viele liberale Christen unterstützen diese Entwicklung sogar noch oder stehen ihr indifferent gegenüber.
Petrus und Tobias
Tobias Riemenschneider ist ein konservative Pastor, der auf YouTube durch seine konsequente Bibelauslegung auffällt – er bezeichnet sich selbst als Fundamentalist. Ihm ist es ein wichtiges Anliegen, biblische Texte nicht dem Zeitgeist unterzuordnen. Auch wenn er darin nicht nur bei liberalen Christen auf Widerspruch stößt, erscheint er mir hier die biblischen Aussagen weitgehend in Reinform wiederzugeben. Im Besonderen geht es hier um das Video Unterordnung und Unterdrückung der Frau, in dem Tobias Riemenschneider diesen Text auslegt:
1 Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch die, die nicht an das Wort glauben, durch den Wandel ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, 2 wenn sie ansehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. 3 Euer Schmuck soll nicht äußerlich sein – mit Haarflechten, goldenen Ketten oder prächtigen Kleidern –, 4 sondern der verborgene Mensch des Herzens, unvergänglich, mit sanftem und stillem Geist: Das ist köstlich vor Gott. 5 Denn so haben sich vorzeiten auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten und sich ihren Männern unterordneten, 6 wie Sara Abraham gehorsam war und ihn Herr nannte; deren Töchter seid ihr geworden, wenn ihr das Gute tut und keinen Schrecken fürchtet. 7 Desgleichen ihr Männer, lebt vernünftig mit ihnen zusammen und gebt dem weiblichen Geschlecht als dem schwächeren Ehre, denen, die Miterben der Gnade des Lebens sind, auf dass euer gemeinsames Gebet nicht verhindert werde.
1.Petrus 3
Der Petrus-Text an sich ist bereits erstaunlich, denn an der Abrahamsgeschichte wird deutlich, das Sara in der Beziehung den Kurs angab und sagte, was Abraham zu tun hatte. Eine vorgebliche Unterordnung von ihr erscheint eher als List, um ihre Herrschaft zu verschleiern. So weit der jederzeit nachlesbare Bibeltext in 1.Mose 16, 1. Mose 21:10ff etc.
Auch macht der Text klar, dass eine missbräuchliche Machtausübung seitens des Mannes nicht akzeptabel ist. Folglich ist eine patriarchalische Eheführung oder häusliche Gewalt mit diesem Text unvereinbar.
Riemenschneider findet einige bemerkenswerte Gedanken:
- Unterdrückung der Frauen mit der Bibel in der Hand (4:12) ist ein Problem, denn damit gibt man den Feministinnen recht.
- Es ist die Aufforderung an Frauen, sich jeweils ihren eigenen Männern unterzuordnen (5:50). Das heißt ausdrücklich nicht, dass irgend welche Männer von Frauen erwarten dürfen, dass dies sich ihnen unterordnen.
- Riemenschneider meint (7:00) , dass sich Töchter ihren Väter unterzuordnen haben. Das lese ich aber nicht in diesem oder einem anderen Text.
- Unterordnung sei nach der Bibel sei Gehorsam mit Ehrerbietung (8:05), und zwar nicht widerwillig. Allerdings ist der Begriff ‚Gehorsam‘ im Kontext der Ehe keineswegs klar. Anders als Kindern, die Anweisungen zu befolgen haben zum Zweck der Erziehung, ist die Ehe ein Ort von Gleichberechtigten.
- Auf die problematische Auslegung der Hierarchie nach 1. Korinther 11 (ab 10:10) wurde bereits oben hingewiesen.
- Eine Ehe zwischen einer gläubigen Frau und einem ungläubigen Mann hätte keine Grundlage – ab 12:00. Riemenschneider trennt hier scharf nach dem Bekenntnis. Dennoch solle die Frau sich unterordnen, so lange der Mann sich scheiden lässt.
Das weckt Erinnerungen an den Roman ‚Ansichten eines Clowns‘ von Heinrich Böll – Der Protagonist war stark monogam und atheistisch, aber seine katholische Frau trennte sich von ihm aus Glaubengründen. Er litt entsetzlich. - Unterordnung fängt erst da an, wo man unterschiedlicher Meinung ist – ab 16:58. Das aber heißt nicht, dass man falsches richtig nennen soll. Es geht nicht darum, die eigenen Gedanken zu unterdrücken. Riemenschneider meint aber, die Frau solle ihre Gedanken dennoch unterordnen. Hier kann Riemenschneider nicht überzeugen, denn es erscheint wie ein unaufgelöster Widerspruch.
- Ab 19:30 verweist auf den Kontext aus 1. Petrus 2, in dem sich der Christ unter die staatliche Gewalt und der Sklave unter seinen weltlichen Herrn zu unterwerfen hätte. Riemenschneider liest hier unkritisch und scheint die gesellschaftlichen Verhältnisse im 1. Jahrhundert mit den heutigen Verhältnissen weitgehend gleich zu setzen. Hier ging es allerdings um die Orientierung, dass der Christ bereits ein Himmelsbürger ist, der darum auch unter ungerechte Verhältnisse ertragen kann, um damit unter Umständen auch andere Menschen überzeugen kann. Dies kann zwar auch wegweisend in schwierigen Situationen sein, ist aber bereits weit ab von einer Zielvorstellung.
- Ab 22:10 verstärkt Riemenschneider die Aufforderung der Unterordnung auch unter einen ungerechten Ehemann, denn er bezeichnet die Aufforderung als Gottes Gebot (22:30). Hier wird die Grenzlinie überschritten, denn mit dieser moralischen Keule wird die Freiheit zur Unterordnung mit einem Zwang vertauscht.
Wir erinnern uns, dass Christen zur Freiheit berufen sind, die nicht mehr unter dem Joch des Gesetzes steht. Somit könnten auch die Aufforderungen von Petrus durchaus als hilfreiche Empfehlungen verstanden werden, aber nicht als Gesetz durch die Hintertür. - Die Methode der Unterordnung unter einen untergläubigen Mann solle mit Ziel und Hoffnung verknüpft sein, den Mann für Christus zu gewinnen. Natürlich funktioniert das eher selten.
- Ab 28:30 die Frage des Schmucks sei nicht absolut zu verstehen, sondern sollte durch Bescheidenheit und Sittsamkeit als Ideal verstehen. Schönheit und Attraktivität ist vergänglich.
- Sanftes und stilles Fügen als den Schmuck der Frauen (33:35) … meint Riemenschneider in Bezug auf den Text. Diese Vorstellung ist in der Tat aus der Zeit gefallen. Heutzutage ist es keineswegs ein gesellschaftliches Ideal, wenn eine Frau das Gegenteil eine selbstbewussten Person darstellt. Sie würde weit weniger respektiert, sondern verachtet. Oder man argwöhnt, dass sie Manipulationstechniken einsetzt … und das wäre keineswegs eine offene Kommunikation.
- Riemenschneider zitiert Paulus in Epheser 5:22 – 24 ab 36:33
Tobias und Paulus
22 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. 23 Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist – er hat sie als seinen Leib gerettet. 24 Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen.
Epheser 5
Dies scheint den Petrustext und Riemenschneiders Auslegung zu bestätigen. Bei näherer Betrachtung ist es aber eine verzerrende Zitation. Denn die Aufforderung steht unter der generellen Regel:
21 Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.
Epheser 5
Die gegenseitige Unterordnung ist das Prinzip, nicht die einseitige Unterordnung, wie man fälschlich bei der selektiven Zitation meinen könnte. Paulus meint hier, dass die gegenseitige Unterordnung in der antiken Gesellschaft nicht gleichartig ist, sondern trägt diese in anderer Form auch den Männern auf:
25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich selbst für sie dahingegeben, 26 um sie zu heiligen. …
Epheser 5
28 So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst.
Hier fordert Paulus die vollständige Hingabe des Mannes an seine Frau. Mit diesem Bild vor Augen geht es offensichtlich nicht mehr um Herrschaftsausübung, sondern um gegenseitige Unterordnung in ungleichen Rollen. Davon spricht Riemenschneider hier nicht.
Furchtbar und schrecklich
Riemenschneider hält sich sklavisch an den Bibeltext und meint, dass diesem unbedingt folge geleitet werden soll. Er spricht lange über die Situation, in der eine gläubige Frau mit einem ungläubigen, ungerechten und dummen Mann verheiratet ist. Er nennt die Forderung der Unterordnung hier furchtbar und schrecklich. Aber er glaubt dennoch, dass eine sanfte und stille Unterordnung der Wille Gottes sei. Er sieht die Möglichkeit, dass dadurch die Ehe trotz heftigen Belastungen gelingt und der Mann sich ändert und für Gott gewonnen werden kann. Aber auch Riemenschneider ist nicht so naiv, dass er davon ausgeht, dass dieses Rezept auch stets funktioniert. Die Auflösung dieser furchtbaren und schrecklichen Anforderung sieht Riemenschneider in der Bewahrung Gottes in der Himmelshoffnung.
Hier bekommen zwei unterschiedliche Ansichten zum Bibelverständnis – die von Tobias Riemenschneider und die meinige – stark zum Ausdruck. Ich denke, dass es in der Freiheit der Frau steht, ob und wie sie die Empfehlung von Petrus und Paulus in ihrer Situation umsetzen will. Es ist zu berücksichtigen, dass Frauen in der antiken Gesellschaft weitgehend schutzlos waren. Das verstärkt den Drang, durch ein unterwürfiges Verhalten eine schwierige Lage zu ertragen.
Zum Glück – und nicht zuletzt auf Grundlage des christlichen Verständnis von der Gleichwertigkeit der Frauen – haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse gewandelt. Frauen sind nicht mehr schutzlos der Willkür von Männern ausgeliefert. Eine Scheidung ist für die Frau kein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Selbstmord mehr. Das eröffnet ihr Handlungsoptionen im Umgang mit schwierigen Situationen. Es ermöglicht ihr aber dennoch, auch das Ertragen eine schwierigen Lage im Glauben zu wählen – wenn sie sich selbst dazu entscheidet. Riemenschneider hält diese Entwicklung offensichtlich nicht für einen Grund, den Bibeltext im Kontext zu lesen, sondern hält ihn eher als Gesetzestext, der buchstabengetreu zu beachten ist.
… und die Männer?
Ab 1:05:10 spricht Riemenschneider von der Rolle der Männer. Dies adressiert vor allem gläubige Männer. Er berichtet davon, dass auch diese zu Tyrannen werden können, die das Wort Gottes missbrauchen. Hier spricht er vom Zorn Gottes, dass die Verantwortung des Mannes auch streng beachtet wird. Hier bekommt Riemenschneider die Kurve, die ansonsten in der Tendenz zur Unterdrückung der Frau ausdrückt. Die Frau ist eine Königstochter und Erbin der Welt zum ewigen Leben. Wenn Männer Frauen nicht mit der angemessenen Ehrfurcht behandeln, so werden sie dafür Konsequenzen tragen. Riemenschneider findet auch hier starke Worte.
Riemenschneider warnt eindringlich vor der Unterdrückung der Frauen. Auch wenn er im Verlauf des Vorgenannten oft einen anderen Eindruck vermittelt. Riemenschneiders Auslegung bleibt an mehreren Punkten durchaus kritikwürdig, aber durch seine klare Orientierung der Ehrung der Frauen findet er sehr wohl zu dem biblischen Gedanken zurück, dass die Ehe kein Institut sei, das die Unterdrückeng von Frauen rechtfertigt.
Schlussbemerkung
Männer und Frauen – im Besonderen in einer Ehe – können gegenseitig das Leben bereichern. Manchen mag es als der Himmel auf Erden erscheinen. So auch in einem Duett in der Zauberflöte. Allzu oft aber bereiten sich die beiden die Hölle auf Erden. Der Kampf wir meist mit ungleichen Mitteln ausgetragen. Dies wächst dann meist zur persönlicher Tragöde mit viel Schmerz – und meist gibt es nicht nur einen Verlierer. In der Masse wird es auch zum gesellschaftlichen Problem: Zu wenige Kinder führen zu einem schleichenden Niedergang, der Dekadenz.
Die Empfehlung zur Unterordnung der Frauen fällt aus der Zeit und schreckt heute viel Frauen, zuweilen auch Männer, ab. Dagegen ist das Ideal der christlichen Ehe, in der sich beide gegenseitig unterordnen in unterschiedlichen Rollen, durchaus vielversprechend. Es ist gebunden an die Tugend der Demut und dem Glauben, auch Härten und Enttäuschungen durchzustehen. Ohne den Glauben, dass Gott die letzte Instanz sei und nicht das eigene Denken und Wollen, wird es jedoch nur sehr selten gelingen.
Konkrete Empfehlungen in Problemsituationen sind allerdings recht schwierig. Traditionelle Vorstellungen, die Ehe dadurch zu retten, dass die Frau klein beigeben solle, funktioniert auch in weiten Teilen unter christlichen Frauen nicht mehr. Ein guter Rat ist dann zumeist auch nicht willkommen – und könnte die Lage sogar noch verschlimmern. Dennoch sollte man sich nicht mit Grundsatzfragen beschäftigen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, sondern vorher.
