Manche Ansichten erscheinen selbstverständlich … aber nur, solange man nicht darüber nachdenkt. Diese Frage nach der eigenen Identität, dem Selbst, ist eine grundsätzliche philosophische Frage … und eine Frage des Glaubens.
4 Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: 5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? 6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. 7 Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan
Psalm 8,5
Neben dieser dialogischen Form, die den Menschen in seiner Beziehung zu Gott verstehen will, gibt es weitere Ansätze:
- Generische Betrachtungen basierend auf dem Weltbild
- Monistische Fragen basierend auf dem eigenen Erleben
- Dualistisches Verständnis aus dem Beziehungscharakter des Menschseins
Gerade in der Vielschichtigkeit der Perspektiven zeigt sich eine Goldgrube der Erkenntnis … aber auch Irrwege, die allzu populär sind. Nicht zuletzt leiten sich aus den unterschiedlichen Ansätzen auch massive Konsequenzen für die Ethik ab.
Die differenzierende Reise, die auch die Verwirrung auflösen will, die durch Vermischung der Ansätze, soll mit dem vermutlichen ‚Common Sense‘, der Selbstverständlichkeit, die eigentlich keine ist, begonnen werden.
Generische Betrachtungen
Ein Satz scheint unwidersprochen ein Leitstern zu sein.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes
Wohl niemand wird hier etwas anderes behaupten, aber es bleibt unklar, was damit gemeint ist. Wer und was ist der Mensch? Ist es auch der Embryo, der im Mutterleib zerstückelt wird, weil sein Recht auf Leben anderen nicht passt? ist es der dreimonatige Säugling, der atmen, an der Brust seiner Mutter saugt, schreit und schläft? Ist es der demente Alte, der sich kaum noch artikulieren kann?
Gesellschaften durch Raum und Zeit fanden hier oft gegensätzliche Antworten, und auch die gelebte Praxis in unserer Zeit ist keineswegs alternativlos.
Für die Genannten gilt sicher nicht eine populäre Bestimmung – Der aufrechte Gang unterscheidet uns vom Affen – der offensichtlich nicht für alle Menschen gilt. Aber man versuchte hier, den Begriff Würde mit einer Unterscheidung zu versehen. Aber auch hier stellen sich Fragen, die nicht nur radikale Tierschützer stellen: Ist das Leben des Hundes, der uns treu in die Augen blickt, nicht vielmehr wert als der, der im Wachkoma durch Maschinen am Leben erhalten wird?
So stellen sich Fragen des Ich-Bewusstseins: Wären dann Tiere, die ein menschenähnliches Verhalten zeigen und vermutlich eine ähnliches Bewusstsein tragen, dem Menschen gleich zu setzen? Aber würde man damit faktisch die besondere Würde des Menschen aushebeln, die man eben noch als unwidersprochene Grundlage erachtete?
Aus biologisch-evolutionärer Sicht ist der Mensch ein nakter Affe, die eigentlich wenige Besonderheiten gegenüber anderen Tieren aufweisen. Sowohl den Werkzeuggebrauch, soziale Interaktionen und Ordnungen und vieles mehr finden sich auch im Tierreich.
Die letzten Jahrzehnte werden Menschen verstärkt mit künstlicher Intelligenz konfrontiert. Maschinen simulieren ein Ich-Bewusstsein und vollbringen intelligente Leistungen, mit denen sie Menschen überlegen sind. Romanautoren und viele Film fragen sich, ob aus der Simulation eines Ich-Bewusstseins nicht doch ein echtes Bewusstsein und Individualität erwächst, die den Status eines Menschen gleich kommt. Aber auch aus der Wissenschaft gibt es Zweifel, ob ein simuliertes Ich einer KI jemals tatsächlich etwas menschliches haben könne. Denn dem Leben haftet inhärent der Wunsch vor dem Selbsterhalt an, der Furcht vor dem Tod. Diese organische Bestimmung hat tiefe existenzielle Bedeutung und kann zwar auch simuliert werden … aber das beruht dann nicht mehr auf dieser existenziellen Erfahrung der Vergänglichkeit. Zudem sei die Funktion eines biologischen neuronalen Netzwerks hinsichtlich der Komplexität jeder Maschine weit überlegen, so dass eine Analogie wohl fehl geht. Siehe auch das Gespräch zwischen Prof. Gerd Ganteför und Dr. Dr. Dietmar Hansch.
Nicht zuletzt gibt es Bestrebungen des Transhumanismus, der die Ausweitung des Menschseins über die biologischen Grenzen hinaus als evolutionäre Aufgabe versteht. Da wird von Cyborgs phantasiert oder das menschliche Bewusstsein auf eine Maschine übertragen. Die Frage bleibt dann offen, warum es denn natürliche Menschen überhaupt noch braucht … was wieder die Dystopie akut werden lässt, dass die Maschinen zu Feinden der Menschheit werden.
Das Nachdenken über das Wesen des Menschen schlechthin führt zumeist in die Sackgasse, in der keine Antwort wirklich befriedigend ist. Ist der Mensch also genetisch-biologisch bestimmt? Oder doch eher von seinen Eigenschaften und Fähigkeiten? oder ist die Dimension der Seele und des Geistigen der Eckstein des Menschen?
Monistisches eigenes Erleben
Descartes berühmter Satz ‚cogito ergo sum‚ – „Ich denke, also bin ich“ – geht gerade von der Ich-Erfahrung als dem eigentlich verlässlichen aus. Die Kritik an diesem selbst-evidenten Ansatz bleibt blass, auch wenn im Artikel große Namen genannt werden. Denn es bleibt akademisch und wenig bedeutsam, hier einen performativen Akt von einer Substanz an sich unterscheiden zu wollen.
Das Ich ist demnach das Unhinterfragbare, das erst dem Universum und dessen Erkenntnis seinen Sinn verleiht. Gerade die subjektive Betroffenheit ist ein völlig anderer Startpunkt als die Position einer vermeintlichen Objektivität, die die eigene Existenz zunächst zurück stellt. Im Extremen weiter gedacht ist sogar ein Solipsismus denkbar und nicht widerlegbar:
Nur die Existenz des eigenen denkenden Ichs ist erkenntnistheoretisch gewiss. Darüber hinaus gegeben sind uns nur Bewusstseinsgehalte. Descartes betonte: „Die Außenwelt könnte ein bloßer Traum sein.“
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Da unsere Sinneswahrnehmungen nicht sicher sind, wie wir aus dem Traum und virtuellen Realitäten wissen, könnte natürlich die Welt auch eine Illusion sein, die wir (eigentlich nur: ich) uns nur vorspiegeln. Varianten von einer virtuellen Welt die uns von der Realität entkoppelt, finden wir prominent in Matrix-Filmreihe. Hier aber ist es nicht das eigen Selbst als Ursprung, sondern die vermeintlichen Ich-Erfahrungen finden auf einem von Maschinen erzeugten Spielfeld statt, dass dann für die Realität gehalten wird.
Auch wenn derartige Gedankenspiele zuweilen anregend und unwiderlegbar erscheinen, so gibt es ebenso kein zwingendes Argument, warum die Realität nicht weitgehend dem entspricht, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen. Es wäre dann lediglich ein Hindernis, die Realität in ihrer Funktionsweise und Substanz zu erkennen, wenn man sie nicht mehr für real hält. Man nennt es zu Recht ‚Realitätsverlust‘. Es kann darum als funktionales Dogma gewertet werden von einer objektiven Realität auszugehen, in der wir als erkennende Subjekte ihren Platz suchen. Allerdings bleibt die Perspektive als denkende Subjekte zentral.
Es entsteht die Spannung, dass ich einerseits als Subjekt einer objektiven Realität unterworfen bin, andererseits eine losgelöste Betrachtung in der Suche nach objektiver Erkenntnis den wichtigsten Bezugspunkt verliert. Das Ich bleibt auch dann, wenn ich von einer objektiven Realität ausgehe, der archimedische Punkt, den ich bei Fragen nach der eigenen Identität nicht ignorieren kann.
Aus dieser Perspektive stellt sich weniger die Frage, was denn den Menschen vom Tier oder der künstlichen Intelligenz unterscheidet, denn wenn ich mich eben als Person erkenne, benötige ich keine theoretischen Modelle, die meinen Wert erst konstituieren. Dennoch ist damit nicht geklärt, wer oder was ich bin. Aus diesem Denken entspringt die Idee, man müsse sich eben selbst erfinden – und loslösen aus vermeintlicher Fremndbestimmung.
Der Beziehungscharakter des Menschseins
Es macht wenig Unterschied, ob ich vom eigenen Erleben und der Erinnerung des Lebenslauf die engen Beziehungen zur Familie als wesensbestimmend erlebe, oder ob ich entwicklungspsychologische Argumente vortrage. Immer erst ist meine Sein und Erleben an die Beziehung geknüpft: Zuerst an die Beziehung zu den Eltern und Geschwister, dann zu den Dingen dieser Welt und schließlich an die Beziehung zu Gott. Erst in der Beziehung wachse und werde ich. Meine isolierte Existenz lässt mich verkümmern.
Die Dialogphilosophie Martin Bubers sieht gerade in der Begegnung das Wesentliche des Menschseins und der Existenz schlechthin. Nicht eine Substanz, ob nun materiell oder geistig, ist in der isolierten Betrachtung wesenhaft, sondern Leben und Existenz gewinnt erst in der Begegnung seine Bedeutung. Dieses Du ist nicht auf Begegnungen mit anderen Menschen reduziert, oder final auf Gott, sondern Begegnungen finden auch mit der belebten und unbelebten Natur statt.
So sehr der Ansatz Bubers auch bestechend sein mag, so selten wird er völlig geteilt. Was Menschen aber verbindet ist die Identitätsfindung in einer sozialen Gruppe. Der Familienverband, ob nun als Kleinfamilie oder Sippe, ist nach wie vor ein wesentliche Grundlage der Sozialverfassung. Vor allem in archaischen Gesellschaften haben sich ausgeprägte Clan-Strukturen gebildet, die sich auch der Moderne gegenüber erstaunlich resilient erwiesen, zuweilen ihr sogar als überlegen erschienen. Einheiten wie das ‚Volk‘ oder die ‚Kultur‘ erscheinen für einer Minderheit bedeutsam zu werden. Eine neurechte Gruppierung nennt sich selbst Identitäre Bewegung und sieht sich als Gegenbewegung zu aktuellen Trends, die sie für bedrohlich hält:
Die Identität Deutschlands gründet sich auf seinem Volk (griechisch: Ethnos) und der über Jahrtausende gewachsenen, einzigartigen Kultur, die dieses Volk hervorgebracht hat. Die von Massenmigration verursachte Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung, bedroht sowohl das deutsche Volk als auch seine kulturelle Kontinuität in seiner Existenz.
IB: Unsere Ziele & Forderungen
Postmoderne und Wir-Identität
Die Moderne und vor allem Postmoderne individualisiert die Menschen, und wirft sie auf ihre isolierte Existenz zurück. Ob man dies als erstarktes Ich-Bewusstsein und Emanzipation vom Gruppendruck deuten mag, oder als politisch gewollt im Sinne einer besseren Beherrschbarkeit, ist zumindest in einer Beziehung sekundär: Traditionelle Bindungen lösen sich auf – die Identität des Einzelnen ist fluide … und ein gesellschaftlicher Zusammenhalt wird fragwürdig. Immer mehr bekommen Ersatz-Identitäten Wirksamkeit.
Einerseits sind da die klassischen Religionen jeweils gesellschaftliche Fundamente: Sie bildeten mit gewachsenen sozialen Beziehungen einen Verbund und stabilisierten die Gesellschaft. Progressive sahen darin die Wurzel der Zementierung einer ungerechten Gesellschaft. Machtverhältnisse, die letztlich als Unterdrückung und Ausbeutung beschrieben werden konnten, erhielten darin ihren Überbau. Um einen für notwendig erachteten Wandel zu erreichen, mussten die stabilisierenden Elemente zerschlagen werden, also Kleinfamilie, Kirche und Konservativismus. Und dies wurde in vielen westlichen Gesellschaften weitgehend erreicht.
Heute sind die Folgen auch klar erkennbar: Die Geburtenraten in westlichen Gesellschaften ist nahezu überall weit unter dem Maß, in dem sich eine Gesellschaft und Kultur selbst erhalten kann. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist stark eingeschränkt, beziehungsweise fragmentiert. Sinnkrisen und psychische Erkrankungen wachsen stark. Der angestrebte gesellschaftliche Wandel hat tatsächlich Licht- und Schattenseiten hervorgebracht. So stieg der Wohlstand und auch die individuellen Freiheiten deutlich an – obwohl wir in beidem zur Zeit wieder Rückgänge erkennen können. Gleichberechtigung, Anti-Rassismus und zumindest vordergründige Liberalität mögen als wichtige Errungenschaften verstanden werden. Zugleich aber sind die Kehrseiten erkennbar: Vereinsamung, Depression und Existenznöte. Die Menschen haben keine großen Ideen mehr, die sie einen.
Ersatz-Bewegungen adressieren dieses Vakuum an Sinngehalt. Zunächst waren da Umwelt- und Naturschutz, die vielen Menschen eine Sinn-Perspektive zu geben schien. Aber immer mehr entfernte sich der Naturschutz von seinen organischen Grundlagen und wandelte sich in einen ideologisierten Klimaschutz: Mann müsse das vermeintliche Problem des angeblich menschengemachten Klimawandels mit allen Mitteln bekämpfen. Zu diesem Zweck müssen alle anderen Ziele des Naturschutzes in den Hintergrund treten. Für riesige Windkraft-Anlagen – die in vielerlei Hinsicht schädlich sind – werden massenhaft Bäume gefällt, Naturschutzgebiete verletzt, Menschen Infraschall ausgeliefert und Vögel geschreddert. Klimaschutz ist für viele zur Ersatz-Religion geworden, für den kaum ein Opfer zu groß sein kann. Rationale Überlegungen wie die Fragen nach Effizienz, soliden wissenschaftlichen Analysen und Prioritätsabwägungen gelten immer mehr als häretisch. Kritiker werden als Feinde und Klimaleugner markiert.
Aber den Neu-Gläubigen verschafft es eine so dringend benötigte Identität und Wir-Gefühl. Innerhalb der Gemeinschaft der Klima-Schützer erfahren die Mitglieder eine Selbstbestätigung: ‚Wir gehören zu den Guten‘.
Wie wenig hier Inhalte prägend sind, sondern die Irrationalität von Parolen und neuen Gruppen-Identitäten, erkennt man an deren Austauschbarkeit. Ist es nicht das Klima, so wird man von einer Bewegung gegen den Rassismus und gegen Rechte mitgerissen … oder zur Bekämpfung einer Corona-Pandemie. Vor allem die sexuelle Selbstidentifikation ist Kernpunkt der Identitätspolitik.
Identitätspolitik (englisch identity politics) bezeichnet eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei der Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses. Um die Mitglieder einer solchen Gruppe zu identifizieren, werden kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale verwendet.
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Demonstrationen und Aktionen stehen in der Tradition von traditionellen Prozessionen – wobei gleicherweise Rationalität lediglich als dünne Firnis über die Wir-Gefühle gebreitet wird. Aber auch ähnliche Bewegungen, wie das Fußball-Fan-tum, Rock-Konzerte oder Techno-Paraden, linke und rechte politische Bewegungen oder das Erstarken des Islam haben mehr oder minder große Ähnlichkeiten. Stets gibt es das Wir der Guten, und die bösen Feinde, die bekämpft werden müssen. In allen Fällen ist es wie das Aufbäumen gegen eine Postmoderne, die den Menschen zum lenkbaren Konsumenten reduziert … um sie dann in einen Teil einer lenkbaren Masse zu überführen. Vielleicht sind diese neuen Gruppen-Identitäten, die sich nicht aus gewachsenen Strukturen speisen und scheinbar der Postmoderne widerstreben, doch nur eine Spielart der Postmoderne, um sich alter Mechanismen und vermeintlicher Gegensätze zu bedienen.
Der Verdacht, dass sich diese Trends als Mittel des sozialen Engineering und der politischen Macht erweisen könnte, ist nicht unbegründet. Die Prinzipien ‚Teile und Herrsche‘ und ‚Brot und Spiele‘ sind seit dem alten Rom im Handbuch der Herrscher bekannt. Bewegungen dürfen auch herrschaftskritisch sein, solange diese unter Kontrolle bleiben und nur emotionale Befindlichkeiten kanalisieren. Die Pflege von Feindbildern hat gerade jetzt Konjunktur. Allerdings kommen Zweifel an der Kompetenz der Herrschenden auf. Immer weniger sind diese in der Lage, reale Probleme zu lösen und finden immer weniger Zustimmung in den Ländern des Westens.
Deutungsschlüssel
Die Komplexität der Welt und die Vielfalt der Einstellungen zu dieser ist für viele verwirrend. Man kann die Weltanschauungen versuchen zu klassifizieren. Zuweilen wird ‚Ideologie‘ (Ideenlehre) wertfrei als Synonym zu Weltanschauung verwendet, zum Teil auch abwertend als falsches gedankliches Konstrukt. Der Kontext entscheidet dann über die Wortbedeutung. Tatsächlich aber sind nicht alle Weltanschauungen Ergebnis gedanklicher Prozesse oder theoretischer Lehren. Manchmal ist die Einstellung mehr oder minder gewachsen oder schlicht tradiert. Um Weltanschauungen zu klassifizieren ist zu unterscheiden, ob ein Deutungsschlüssel vorliegt oder nicht.
Ein Deutungsschlüssel für die Welt liegt klassisch in den Religionen. Zumeist ist hier ein Gott der Schöpfer der Welt, an dem sich Menschen in ihrem Glauben und Verhalten zu orientieren haben. Dieser vermittelt dann auch die eigene Identität als geschaffene und geliebte Wesen.
Mit der Ablehnung von Religionen im Allgemeinen sind Ersatzlehren entstanden, die oft eine ähnliche Funktion erfüllen. Oft wird eine Art Wissenschaftsgläubigkeit als Gegenmodell angeführt. Echte Wissenschaft ist um die systematische Erforschung des Gegenstandes bemüht und sich der Grenzen ihres Wissens meist sehr bewusst. Der Wissenschaftsgläubige überschreitet diese Grenze und hält wissenschaftliche Arbeitshypothesen für Glaubenssätze, an denen man nicht mehr zweifeln darf. Der ontologische Naturalismus ist oft der unreflektierte Denkhintergund:
In einer generellen Klassifikation naturalistischer Positionen wird häufig zwischen einem ontologischen (auch metaphysischen) und einem methodischen Naturalismus unterschieden. Während der ontologische Naturalismus eine These über die Natur der Welt formuliert (etwa: Die Welt besteht allein aus physischen Teilchen und ihren Eigenschaften), betrachtet der methodische Naturalismus die Orientierung an den Methoden der Naturwissenschaften als zentrales Merkmal des Naturalismus.
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Aus dem Naturalismus folgt jedoch herzlich wenig für das Selbstverständnis. Darum nimmt dieser, auch wenn man ihm folgt, noch nicht die Rolle eines Deutungsschlüssel für die Welt ein. Aber es bauen sich andere Richtungen darauf auf. So ist die Identifikation eines zentralen Problems, dass das volle Engagement fordert, weit eher der Deutungsschlüssel, der das Denken und Handeln von Menschen bestimmen kann.
Die oben bereits genannte Klimarettung ist ein solcher Deutungsschlüssel, denn alles ordnet sich der Bekämpfung einer vermeintlichen Gefahr unter. Entsprechend können politische Bewegungen diesen Platz einnehmen oder sich mit derartigen Zielen amalgieren. So sind sowohl rechte Narrative – die Nation / das Volk / die Kultur gilt es zu schützen – oder linke Narrative denk- und handlungsbestimmend. Letztere halten den Sozialismus für das zentrale Ziel der Gerechtigkeit.
Um Deutungsschlüssel zu sein braucht es keine vollständige Welterklärung, sondern die zentrale Idee, die das Denken und Handeln prägt.
Viele Weltanschauungen sind aber nicht von zentralen Ideen bestimmt, sondern verzichten weitgehend auf große Deutungen und sind eher pragmatisch einzuschätzen. Darunter fallen hedonistische Lebenseinstellungen, die das eigene Glück in den Mittelpunkt stellen. Diese sind oft auch mit einem Naturalismus kompatibel, leiten von diesem aber keine Handlungsmaximen ab. Auch konservative und moralische Positionen kann man eher in den Bereich des Pragmatismus ohne Deutungsschlüssel einordnen. Der Wunsch ‚anständig‘ zu sein ist eine Variante: ‚Tue recht und scheue niemand‘ ist eine Maxime die sich an der Goldenen Regel orientiert. Andere Formen des Pragmatismus ist das Streben nach Reichtum und Karriere, sozialer Anerkennung, der Suche nach sexuellen Erfüllung oder Drogenrausch. Meist finden sich die Motive pragmatischer Einstellungen in gemischter Form vor, die ohne einen identifizierbaren Deutungsschlüssel auskommen, .
Pragmatiker können auch Kulturpessimisten und Skeptiker sein, die alle Ideologien ablehnen und diese grundsätzlich für schädlich und organisierten Irrtum halten, der dann eben Machtmittel ist. In der Regel sind aber jene, die sich gerne als Agnostiker und Ungläubige bezeichnen, blind hinsichtlich ihrer eigenen Grundüberzeugungen – Hier wenden sie die Prinzipien ihres Skeptizismus nicht an.
Man verwendet dann selektiv das Wort ‚ideologiefrei‘, um den Anspruch zu behaupten, man sei eben nicht einer Idee auf den Leim gegangen, sondern sehe die Welt, wie sie nun mal ist … und bleibt dann dennoch offen für jede Idee, die mehr oder minder überzeugend behauptet, eben jene Realität zu repräsentieren.
Der Deutungsschlüssel steht und fällt an der Frage, ob dieser zutreffend ist oder nicht, also der Wahrheitsfrage. Ist es schlicht zutreffend, dass Gott die Welt geschaffen hat und Jesus, sein Sohn, gestorben und auferstanden ist und uns erlöst hat, ist es keine verschrobene Ideologie mehr, sondern der zutreffende und wichtigste Deutungsschlüssel.
Ist es wahr, dass der Klimawandel bedrohlich ist, vor allem von Menschengemacht sei und es in der Macht der Menschen liegt, diesen aufzuhalten, wäre es keine fragwürdige Ideologie – sondern es wäre die konsequente Reaktion auf ein großes Problem. Trifft aber eine der Annahmen nicht zu – z.B. dass die Menschen den Klimawandel gar nicht wirksam bekämpfen können, wird aus dem Deutungsschlüssel ein Irrweg und eitles Haschen nach dem Winde.
Freiheit und Verantwortung
In der Reflektion über verschiedene Einstellungen und Anschauungen drängt sich nicht ein Königsweg auf, der aus dem Labyrinth der Ungewissheit führt. Manche leben einfach so unreflektiert vor sich hin in einer Mischung aus Pragmatismus und Tradition, bzw. in der Nachfolge gesellschaftlicher Trends und Medienkonsum. Aber die Verantwortung für das eigene Leben wird dadurch nicht delegiert, sondern bleibt letztlich bei jedem einzelnen. Wenn es einem gleichgültig ist, ob man selbst in Nihilismus und Depression versinkt, oder ob man sein Leben dadurch vergeudet, eitlen Zielen hinterherzujagen, dann wird er kaum sein Leben reflektieren wollen und Verantwortung für sein eigenes Leben bewusst zu übernehmen. Aber auch das wäre eine faktische Entscheidung, die ihn nicht von der Verantwortung befreit.
Besser wäre es, über sein eigenes Leben nachzudenken und zu fragen, was man mit der Zeit tut, die einem gegeben ist. Es sind Entscheidungen erforderlich, wem oder was ich vertrauen will. Und dann erkenne ich, wer ich bin.
