Skeptiker, Leugner und die Wissenschaft

Die Bestimmung der Realität, die Erkenntnis, ist Kernbereich der Philosophie. Im Besonderen haben sich die Naturwissenschaften zur gefühlten Königsdisziplin der Realitätsbestimmung gemausert. Auch wenn man dies berechtigt kritisieren kann als einen Bedeutungsschwund der geistigen Welt, so gilt es nach wie vor, eben jene Möglichkeiten und Inhalte der Wissenschaften immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Um mit Kant zu fragen: Was können wir wissen?

Im Besonderen der Klimawandel ist zum kontroversen Politikum geworden, in dem die Frage nach der Realität zugespitzt wird. Man spricht hierin oft von Skeptikern und Leugner. Skepsis gilt in der Wissenschaft als Tugend. Leugner sind hier unbekannt, bestenfalls als Ignoranten verschrieen. Leugner ist eher aus der Religion ein bekannter Begriff, in dem vermeintliche Wahrheiten bestritten werden. Unter Leugnen kann man die Behauptung widerlegter Falschaussagen verstehen. Unzureichend belegte Behauptungen als Fakten darzustellen, kann als Propaganda oder Betrug verstanden werden. Das Bezweifeln von Faktenbehauptungen nennt man Skepsis. Am konkreten Beispiel „die Stufen der Verleugnung“ soll dies sowohl aus sachlicher, als auch aus philosophischer Sicht diskutiert werden:

Hierbei handelt es sich um eine Illustration von Tom Toles aus Michael E. Manns Buch Der Tollhaus Effekt: Wie die Leugnung des Klimawandels unseren Planeten bedroht, unsere Politik zerstört und uns in den Wahnsinn treibt‘ Die im Text erläutert wird. Aus der Zusammenfassung von Michael Krüger:

Die erste Stufe und einfachste und primitivste Form des Leugnens ist es, den Anstieg der Temperaturen oder der Treibhausgase oder den Zusammenhang der beiden grundsätzlich abzustreiten. Dazu gehört das Gerede vom vermeintlich gesättigten CO2 und von der angeblichen, tatsächlich längst widerlegten Erwärmungspause seit 1998 […]

Hier geht es um die Beachtung der Sprache. Gibt es jene überhaupt, die grundsätzlich den Anstieg der Temperaturen bestreiten? Oder handelt es sich nicht viel mehr um ein Strohmann-Argument, indem dem Meinungsgegner eine Position angedichtet wird, die er gar nicht vertritt? In der Tat gibt es einige Menschen, die grundsätzlich einen Einfluss der IR-aktiven Gase in der Atmosphäre bestreiten. Diese wären aber eher als Ignoranten zu beschreiben, die die soliden Argumente der physikalischen Zusammenhänge nicht verstehen. Sie stellen aber keine wesentliche Fraktion jener Zweifler des menschengemachten Klimawandels dar. Es ist allerdings legitim, die Arbeiten über die Temperaturerhöhung und deren Ursache skeptisch zu überprüfen. In der Tat bleiben erhebliche Zweifel an deren Quantifizierung bestehen. Auch ist die Erwärmungspause keineswegs widerlegt, sondern bestens dokumentiert. Die Behauptung einer gültigen Widerlegung muss als Propaganda eingestuft werden. Ob es sich bei dem letzten großen El-Nino-Ereignis um das Ende der Erwärmungspause handelte oder lediglich um eine Unterbrechung, kann nicht mit Sicherheit behauptet werden. Belastbare Prognosen über zukünftige Entwicklungen sind nicht vorhanden.

Zur Behauptung der Sättigung des CO2-Anteils entspricht dies im Fall einer absolut gesättigten Wirkung nicht dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Allerdings gehen alle (!) Quellen von einer Sättigungsfunktion aus: Bei weiter steigenden Anteilen reduziert sich die Wirkung des jeweiligen Zuwachses.

Aus philosophischer Sicht ist die Verwendung der Sprache in einem Meinungsstreit kritisch zu vermerken. Wenn es lediglich darum geht, möglichst effektiv einen Grabenkampf zu führen, in dem der Meinungsgegner dämonisiert wird, kann nicht von einem seriösen Diskurs ausgegangen werden, sondern lediglich um Propaganda.

Etwas raffinierter ist schon die zweite Stufe, die Erwärmung und den gesteigerten Treibhauseffekt auf natürliche Ursachen zurückzuführen, zum Beispiel auf die schwankende Sonnenaktivität mit oder ohne Vermittlung kosmischer Strahlen […]

Es ist in der Tat eine Leugnung bekannter Tatsachen, wenn man alle anderen Ursachen eines Klimawandels grundsätzlich ausschließt. Denn es ist bekannt, dass sich das Klima auch bei konstantem CO2 Anteil änderte. Es ist nicht erkennbar, warum dies so nicht mehr stattfinden sollte. Die Vermutung, dass es sich bei dem beobachteten Klimawandel teilweise oder überwiegend um natürliche Prozesse wie auch in der Vergangenheit handelt, ist wohl begründet und bedarf einer robusten Belegführung, um dies zu bezweifeln. Was das allerdings mit einer behaupteten Raffinesse zu tun hat, erschließt sich dem Leser nicht.

Auf der dritten Stufe geben die Gegner zwar zu, dass die Erde sich erwärmt und die Menschheit etwas damit zu tun hat, beharren aber darauf, dass sich das Problem von selbst lösen wird […]

In der Vergangenheit sind immer wieder Klimaschwankungen belegt, die stets zu einem Swing Back führten. Die Annahme, dass dies auch hier der Fall sein könnte, ist nicht leicht von der Hand zu weisen. Im Besonderen, da es keine zuverlässigen Klimamodelle gibt, die hier robuste Prognosen liefern könnten. Im Gegensatz dazu ist die Behauptung, dass sich das Problem nicht von selbst lösen werde, ihrerseits unzureichend belegt. Der Einfluss durch gesteigerte CO2-Anteile in der Atmosphäre könnte zu marginalen Wirkungen führen, die von anderen ‚Antrieben‘ übersteuert werden.

Die vierte Stufe des Leugnens ist erreicht, wenn allein die vermeintlichen Vorteile erhöhter Temperaturen und CO2-Spiegel herausgestellt werden. Das Gas sei schließlich ein wichtiger Nährstoff für Pflanzen, und wenn der Eispanzer Grönlands abschmelze gebe es neue Siedlungsflächen […]

Formal hat das mit Leugnen rein gar nichts mehr zu tun, denn die vorteilhaften Wirkungen von CO2 als Pflanzennährstoff sind robust belegt. Der Subtext behauptet allerdings überwiegend schädliche Wirkungen, die allerdings weder robust belegt sind, noch in der behaupteten Summe als Faktum anerkannt werden muss. Vielmehr fordert die Wissenschaft Skepsis gegen unzureichend belegten Behauptungen und ideologisch bedingter Panikmache.

Die fünfte Stufe des Leugnens besteht darin, die Erkenntnisse der Wissenschaft auf der einen Seite anzuerkennen, aber den nötigen Klimaschutz als unmöglich darzustellen, als Jobkiller, als zu teuer, aussichtslos oder ungerecht […]

Auch dies erfüllt in keiner Weise den Vorwurf des Leugnens. Im Subtext wird implizit behauptet, dass ein effektiver ‚Klimaschutz‘ möglich sei, der nicht ‚Jobkiller, zu teuer, aussichtslos oder ungerecht‘ wäre. Dies könnte als Punkt öffentlich diskutiert werden, wird aber durch diese Darstellung im Keim erstickt. Denn wer eine These zur Wirksamkeit eines ‚Klimaschutzes‘ Apriori als eine Leugnung bezeichnet, unterbindet eine Diskussion dazu. Dies ist der Wissenschaft fremd und nur das Handwerkszeug von Propagandisten.

Als sechste und letzte Stufe des Leugnens schließlich bezeichnen es Mann und Toles in ihrem Buch, wenn man allein auf technische Lösungen vertraut, die letztlich jegliche Umstellung im Lebensstil überflüssig machen werden. Das gilt nicht nur für Solarkraftwerke, Elektroautos oder bessere Dämmmaterialien für Häuser, sondern nach den Worten der beiden Autoren auch für all die Methoden, die unter dem Stichwort „Geoengineering“ diskutiert werden […]

Wieder nichts, was sich in irgendeiner Weise als Leugnen bezeichnen ließe. Auch wenn ich die Maßnahmen des Klimaschutzes für grundsätzlich fragwürdig halte und in den vorgeschlagenen Punkten keine zielführende Lösungen erkenne, so hat doch eine mögliche Diskussion hier keine vorher fixierten Antworten.

An dieser Argumentation wird erkennbar, dass hier zwei wesentliche Brüche des gesellschaftlichen Wandels erkennbar werden. Einerseits beansprucht hier eine weltanschauliche Partei der ‚Klimaretter‘ die Deutungshoheit über die Wissenschaft und damit der Realität, die nicht nur unzureichend begründet wird, sondern entgegen dem Geist der Wissenschaft die erprobten Methoden der skeptischen Prüfung über Bord wirft und propagandistisch bekämpft. Die Begründung für diesen erkennbaren Missbrauch sei, dass auch bei unzureichender Erkenntnis der Zusammenhänge die aufziehende Not schnelles Handeln erforderlich mache, um Schaden zu vermeiden.

Es wird ein massiver Wandel gesellschaftlicher Standards – die große Transformation – für unentbehrlich gehalten, obwohl weder gesicherte Grundlagen für eine tatsächlich aufziehende Gefahr bestehen, und weiterhin die Zweifel an der Wirksamkeit der geforderten Maßnahmen bestens belegt sind. Eine Diskussion auf allen Ebenen soll unterbunden werden. Es geht also nicht nur um eine fragwürdige politische Einflussnahme im Sinne eines Totalitarismus, in dem die Deutungshoheit unumstritten jenen zukommen soll, die hier die Führung beanspruchen. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun und widerspricht dem Geist der Wissenschaft zutiefst.

Ein Gedanke zu „Skeptiker, Leugner und die Wissenschaft“

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