Ignoranz, Überheblichkeit, Selbstbetrug

Es gibt viele Menschen auf der Welt, die sind klüger und besser gebildet. Wissenschaftler und Intellektuelle, aber auch einfache Menschen können mit erstaunlichen Fähigkeiten und Kenntnissen aufwarten, die den eigenen überlegen sind. Dennoch wird himmelschreiender Unsinn die Menge zum Besten gegeben, auch von vermeintlichen Koryphäen. Einiges davon kann man klar erkennen, bei anderen Dingen liegt der Verdacht nahe. Wie kann das sein? Die intellektuellen Fallstricke scheinen da bei vielen ein akutes Problem zu sein, natürlich nur bei den anderen … wirklich?

Hier will ich über die Frage nachdenken, wie ich es verhindern kann, dass ich derartigen intellektuellen Lastern erliege. Offensichtlich ist niemand, auch nicht der Klügste, davor gefeit, und man kann auch für die eigene Zukunft nicht garantieren. Um so wichtiger ist die theoretische Überlegung, die eigene Reflektion und die Lehren, die man daraus zieht. Brennend wäre ich daran interessiert, was Sie, lieber Leser, dazu herausgefunden haben. Vielleicht Kritik an meinem Denken, eigene Erfahrungen oder praktische Tipps. Und schon sind wir beim Thema …

Denn eine Kommunikation mit Dritten ist ein Mittel der kritischen Rückfrage. Was mir in meiner Betriebsblindheit entgeht, kann vielleicht durch einen Dritten zu Bewusstsein gebracht werden und somit einige der Fallstricke umgehen. Aber da auch Dritte ein Perspektive einnehmen, die ihrerseits nicht über dem Irrtum steht, muss nicht jede Kritik auch zutreffend sein, vor allem nicht vom Meinungsgegner. Sie kann aber ein Anregungen liefern, die auch dann wertvoll sind wenn sie unbequem sind.

Aber auch ohne Rückmeldungen von Dritten gibt es Möglichkeiten, sich selbst zu prüfen. Dazu ist ein wenig nachdenken hilfreich. Zwar gibt es Menschen, die mit einer natürlichen Weisheit und Demut gesegnet sind, dass sie auch ohne geistige Anstrengung alles richtig machen und nicht in eine der Fallen tappen. Aber Normalsterbliche müssen sich intellektuell wappnen, dass sie nicht auf diesem verhängnisvollen Weg landen. Zu diesem Zweck werfen wir einen Blick auf die Fallen in unserem Weg:

Ignoranz

Ignoranz wird gemeinhin als die Verweigerung gegen schlagende Argumente genannt. Aber auch einfache Unwissenheit kann so bezeichnet werden. Nun ist es offensichtlich, dass unangenehme Argumente der Gegenseite das eigene Weltbild erschüttern könnten und natürlich abgewehrt werden müssen. Da ist aber zu unterscheiden, ob es sich hier um ein zutreffendes Argument handelt, dass zudem auch Relevanz hat, oder ob das Argument falsch oder bedeutungslos ist.

Als intellektuelle Tugend gilt, sich dem besseren Argument und der Wahrheit zu beugen. Ignoranz führt in eine Scheinwelt. Nun haben wir ein zweifaches Problem: Wie kann ich erkennen, ob das unerwünschte Argument denn überhaupt zutreffend ist? Kann hier ein vertrauenswürdiger Dritter mir die Entscheidung abnehmen?

Nun wissen wir, dass Vertrauen unabdingbar ist, denn es wäre überheblich, sich selbst als den einzigen oder wichtigsten Ort der Weisheit zu verstehen. Aber auch Dritte können irren oder sich als Betrüger erweisen. Der Erfolg von Schlangenölverkäufern beruhte auf deren Fähigkeit, vertrauenswürdig zu erscheinen.

Wir kommen also um den Erwerb einiger Kenntnisse nicht herum. Das mag mühsam sein, wie uns wohl nicht nur aus Schultagen in Erinnerung bleibt. Sich einer Meinung Dritter ohne Grundkenntnisse anzuschließen, erscheint allzu blauäugig, und ist eine Form der Ignoranz.

Natürlich können wir kaum wesentliches Wissen zu allen möglichen Themenbereichen erwerben, da der Umfang des verfügbaren Wissens um Zehnerpotenzen zu umfangreich ist. Eine gewisse Beschränkung bleibt unausweichlich. Erschwerend kommt hinzu, dass das verfügbare Wissen durchsetzt ist von Vorläufigkeiten und Irrtümern. Es ist darum bereits unbeantwortbar, was genau man überhaupt wissen kann und was nicht.

Diese unübersichtliche Grundlage dient nun einigen dazu, gar nicht mehr Grundkenntnisse zum jeweiligen Thema zu erwerben, es sei ein hoffnungsloses Unterfangen. Dabei sind Grundkenntnisse, die man auch als Laie in einem Fachgebiet erwerben kann, oft gar nicht so schwer zu erkennen. Ein Beispiel zum kritischen Vergleich auch bei geringen Grundkenntnissen liefert  Gunnar Kaiser mit seinen 12 Fragen an Harald Lesch – Ein offener Brief. Offensichtlich kann man auch mit wenig Grundkenntnissen durchaus die Ignoranzfalle vermeiden. Erforderlich ist lediglich ein Minimum der Bereitschaft, selbst dazu zu lernen und Fragen zu stellen.

Überheblichkeit

Die Ansicht, man wüsste eigentlich alles besser, wird zu recht als überheblich verstanden. Zwar gibt es Menschen, die wirklich mehr als andere wissen, aber auch die sind vor Irrtum nicht gefeit … und damit ich auch nicht. Das Wissen um die eigene Irrtumsanfälligkeit und Begrenzungen führt in die Demut und beugt der Überheblichkeit vor.

Der klassische Fall der Überheblichkeit oder Hybris ist die Ansicht einiger, sie könnten Gott beurteilen und sich über Gott stellen. Nun gibt es ja die seltsame Haltung, dass viele Glauben Gott gäbe es gar nicht und sei nur eine Erfindung. Das wäre noch keine Überheblichkeit, auch wenn darin die Überzeugung steckt, dass sie es eben besser wüssten als jene, die von der Existenz Gottes überzeugt sind, denn jeweils fest Überzeugungen sind auch dann, wenn sie nicht zwingend belegt sind, nicht gleich überheblich.

Die Überheblichkeit fängt genau dann an, wenn jene meinen, dass (ein gütiger) Gott nicht existieren können, da die Vorstellung zu unauflösbaren Widersprüchen führt. Sind vermeintliche Widersprüche aber auflösbar, so wäre das Argument nichtig. Das es also vertreten wird schließt ein, ein finales Wissen über die Beschaffenheit von Welt Recht und Güte zu haben, dass der jener Dritten so weit überlegen sei, dass die Frage damit beantwortet würde. Dabei zeigt schon Leibnitz in der Theodizee, dass es sehr wohl eine kohärente Lösung für das Problem gibt – sie auch hier. Ein keiner aber wichtiger Unterschied ist nun: Man kann zwar von der Nichtexistenz eines gütigen Gottes überzeugt sein, aber wenn man dies durch das Argument des Widerspruchs begründen will, leidet man an Überheblichkeit.

Selbstbetrug

Dem Gottgläubigen wird dagegen nicht erst seit Feuerbach unterstellt, er würde sich sein Gottesbild selbst fabrizieren und sich damit betrügen. Bereits das Alte Testament kennt das Problem der selbstgemachten Götzen. Und zuweilen gab es auch messbare Wirkung jener Götzen, da diese einem tiefen Verlangen entsprachen. Heute sprechen wir selten von Kulten und unsichtbaren Wesenheiten. Aber das Grundproblem ist in modernen Ideologien aufzufinden. Das, wonach die Menschen verlangen haben, materialisiert sich oft genug durch Menschenhand.

Nicht nur Wohlstands-Wunschdenken, verzweifelt gesuchte Welterklärungen oder Sozialutopien sind damit gemeint, sondern auch Katastrophenängste können eine zentrale Rolle in einer Ideologie einnehmen. Es ist die Paarung einer Überzeugung, die einer bestimmte emotionale Befindlichkeit entspricht, und dem rationalisierten Überbau.

Wird erst mal eine Welterklärung als zutreffend erachtet, so gibt es stets die Tendenz der gesuchten Bestätigung und damit der Verhärtung der Ansicht. Auch jener, der eigentlich das Ideal der Wahrheit sucht, ist nicht frei vom Trend, das (vermeintlich) Erkannte zu verteidigen. Und das ist a priori auch nicht falsch. Denn es gibt durchaus die Möglichkeit, dass das Erkannte faktisch wahr ist. Warum sollte ich mich dann verwirren lassen? Andererseits bleibt die Gefahr, dass ich mich selbst betrüge, denn ich nehme die entgegenstehenden Argumente nicht mehr unvoreingenommen wahr. Ein hin und her geworfen werden wie ein Blatt im Wind erscheint dann auch nicht wünschenswert.

Wie aber unterscheidet sich nun der Betrug von der zutreffenden Wahrnehmung der Realität? Auch hier kann die Antwort manchmal sehr kompliziert sein. Aber es gibt den oft gewünschten Königsweg zumeist nicht. Wenn wir jemand vertrauen könnten, der verbindliche Antworten lieferte, wäre das doch schön … aber dies führt zur berechtigten Frage, ob wir dann nicht Verführte werden, wenn wir alle weiteren Kontrollen abschalten. Als Betrogener braucht man dann keinen Selbstbetrug mehr fürchten, ist aber der Ignoranz aufgesessen.

Skeptizismus

Nach all dem mag man versucht sein, radikal alles skeptisch zu betrachten, einschließlich der Wissenschaft, der Traditionen und vor allem sich selbst. Aber auch das ist kein Garant den Gefahren zu entkommen, denn die Ansicht, alles kritisieren zu können ist seinerseits eine Mischung aus Überheblichkeit und Ignoranz. Denn das Dilemma bleibt: Wir können nicht alles wissen, aber wir müssen uns entscheiden um zu leben. Darum wachsen auch Überzeugungen, die nicht völlig abgesichert sein können. Und das ist unvermeidlich.

Überzeugungen

Überzeugungen – manche nennen sie auch Dogmen – haben Wahrheitsanspruch, können diesen aber nicht final belegen. Es wäre fatal, wenn wir diese nicht mehr vertreten würden, denn es würde uns unserer Menschlichkeit berauben. ‚Irren ist menschlich‘ wird meist genannt, wenn ein Irrtum entschuldigt werden soll. Aber es steckt viel mehr dahinter. Der Mensch gewinnt sein Leben aus der Möglichkeit des Irrtums. Wir wollen zu recht den Irrtum vermeiden und einhegen, aber wenn wir diesen erfolgreich vollständig eliminieren könnten, so wäre der Mensch nicht mehr er selbst.

Mein Appel ist darum nicht, einem radikalen Skeptizismus zu folgen, sondern weiter seinen Überzeugungen anhängen, so lange diese nicht unhaltbar geworden sind. Aber genau dafür muss ich auch bereit machen: Wegen des nicht-ausschließbaren Irrtums bleibt in jeder guten Überzeugung ein Restzweifel.

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