Glaube vs. Rationalität?

Glaube hat stets ein irrationales Element. Da, wo es robustes rational begründetes Wissen gibt, ist für Glaube kein Raum, im besonderen nicht gegen das Wissen. Andererseits lehrt vor allem der kritische Rationalismus, dass es gesichertes Wissen zumeist nicht gibt. Überzeugungen erweisen sich oft als fester Glaube, der durchaus begründete Zweifel zulässt. Das schließt jeden religiösen Glauben, aber auch den Skeptizismus, Agnostizismus, Naturalismus und Szientismus ein.

Heißt es, dass die Ratio dem Glauben grundsätzlich entgegen steht? Oder anders: Kann der Glaube durch die Ratio befruchtet werden? Oder sind Glaube und Vernunft getrennte Welten, die sich gar nicht schneiden? Dies erfordert eine detailliertere Betrachtung.

Grenzen der Ratio

Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, dass vieles in der Welt nicht hinreichend wissenschaftlich ergründet ist. Der Glaube fängt da an, dass man davon ausgeht, dass die offenen wissenschaftlichen Fragen in der Zukunft geklärt werden … vielleicht erst in ferner Zukunft. Interessanterweise verbindet sich diese Annahme damit, dass das eigene – zumeist naturalistische – Weltbild damit zementiert wird. Eine kurze Überlegung zeigt aber, dass dieser positivistische / szientistische Ansicht unplausibel ist:

Mit der Menge der wissenschaftlichen Erkenntnis wächst auch die Menge der Fragen, die offen bleiben. Es ist somit ein Irrglaube anzunehmen, dass irgendwann alle Fragen geklärt werden. So greifen die neuen offenen Punkte zumeist ins rein Spekulative: Ob es Fragen nach der konkreten Ausgestaltung der Evolution und der dafür erforderlichen Wahrscheinlichkeiten sind, Fragen nach der Multidimensionalität der Quantenphysik geht, einschließlich der String-Theorien, Branes etc., und natürlich Fragen des Urknalls. Letztlich stößt die Wissenschaft an die Grenze der reinen Imagination. Gerade der Belegstatus an der Forschungsfront wird immer schwächer. Das letzte bahnbrechenden Forschungsergebnis ist der Nachweis des Higgs-Boson. Ein robust belegtes Wissen zu grundlegenden Fragen kann gar nicht mehr erwartet werden. Da das verlässliche Wissen damit stark zusammenschrumpft, ist der Glaube, also das Vertrauen auf Sachverhalte, die letztlich ohne zwingenden Beweis bleiben, unvermeidbar.

Zumeist handelt es sich bei der Meinung, die Wissenschaft mache den Glauben überflüssig, um einen reinen Kategorie-Fehler: Naturwissenschaft kann oft Licht in die Frage nach dem Wie bringen, aber wohl kaum in die Frage nach dem Warum. Hier einfach diese Frage unbeantwortet zu lassen oder mit einem Verweis auf einen nicht näher begründbaren Zufall zu quittieren, erscheint äußerst irrational und eher Ausdruck eines Glaubens zu sein, der das Wesen des beschworenen Zufalls gar nicht ergründen will. Siehe: Sinn des Lebens … und der Zufall

Nun reagieren erfahrungsgemäß jene, die einen religiösen Glauben ablehnen, sehr empfindlich auf die Feststellung, dass sie einen anderen Glauben hätten, und dass das auch legitim sei. Sie empfinden es dennoch als einen Angriff auf ihre vermeintlich überlegene Position, die jedweden Glauben als minderwertig ablehnt.

Agnostizismus und Skeptizismus – ein Ausweg?

Ob man es Selbstbetrug nennt oder nicht – es bleibt eine Mogelpackung:

Agnostizismus ist eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens, Verstehens und Begreifens betont. Die Möglichkeit der Existenz transzendenter Wesen oder Prinzipien wird nicht bestritten. Agnostizismus ist sowohl mit Theismus als auch mit Atheismus vereinbar, da der Glaube an Gott und die Ablehnung von Gott möglich ist, selbst wenn die Gewissheit seiner Existenz oder Inexistenz fehlt. Ebenso ist die Auffassung, wonach atheistische Thesen wahrscheinlicher sind als theistische, mit dem Agnostizismus vereinbar.

https://de.wikipedia.org/wiki/Agnostizismus

Natürlich schließt jedes Glaubensbekenntnis das Nichtwissen ein. Jeder bekennender Gläubige kann die Gewissheit nur als persönliches Vertrauen nennen, denn wasserdichte Gottesbeweise gibt es nicht. Damit wären alle Gläubige nach dieser Definition auch Agnostiker. Wer aber sich selbst als Agnostiker bezeichnet, meint damit, dass er nicht auf einen Gott vertraut, auf diesen hofft oder sein Leben an diesem orientiert. Er unterscheidet sich damit nur unwesentlich von beliebigen anderen ‚Ungläubigen‘ in Form von bekennenden Atheisten. Was sollte denn jener Gott, den der Agnostiker für möglich hält, von jenem Menschen halten, der ihn ablehnt? Wäre es eine hinreichende Entschuldigung – Ich habe dich nicht sicher erkennen können – oder doch eher nur eine Ausflucht. Viel mehr ist es ein Bekenntnis: Ich glaube nicht an diesen Gott.

Der Begriff der Wahrscheinlichkeit, den manche ‚bekennende‘ Agnostiker nennen, erscheint darin besonders dubios. Wahrscheinlichkeit wird im mathematischen Sinn als Dezimalzahl zwischen 0 und 1 benannt. Man kann auch die Prozentschreibweise wählen. Die Statistik kennt dann noch die Konfidenzintervalle, die der Wahrscheinlichkeit einem Fehlerbalken zuweisen. Wer also nun als Agnostiker behauptet, dass die Wahrscheinlichkeit gegen die Existenz Gottes größer sei, muss sich zwei Fragen stellen:

  • Wie viel größer? Liegt diese bei 51%, 90 % oder 99,9%?
  • Wie ermittele ich dies Wahrscheinlichkeit?

Vor allem jedwede Beantwortung zweiter Frage würde vermutlich im Wiederspruch zur angeblichen Nichterkennbarkeit stehen. Vermutlich ist also gar nicht die Wahrscheinlichkeit im wissenschaftlichen Sinn gebraucht, sondern eher die subjektive Einschätzung der Plausibilität – was nicht viel anderes als eine Verbrämung des Wortes ‚Glaube‘ ist. Der Eindruck der Unehrlichkeit einer derartigen Argumentation kann kaum entschuldigt werden, dass der vorgebliche Agnostiker eben selbst daran glaubt. Einen derartigen logischen Fehler vor sich selbst zu verbergen, der doch gerade die Vernunft zu vertreten vorgibt, lässt schaudern.

Der Verweis auf die Wahrscheinlichkeit ist dagegen immer eine Verweis auf eine Unsicherheit, die jedoch her entscheidungsrelevant sein soll. Frühe entscheidungstheoretische Grundlagen lieferte Blaise Pascal mit der Pascalschen Wette – siehe auch: Ein philosophischer Elefant

Einen Schritt weiter geht der Skeptizismus. Aus der begrenzten Erkennbarkeit der Welt verneint er jedwede Erkenntnis. Der Irrtum nimmt hier seinen Lauf:

Als Erkenntnis dürfe nur ein solches Wissen bezeichnet werden, das absolut wahr, unwiderlegbar und unbezweifelbar sei. Da aber alle unsere Kenntnisse historisch relativ, von den konkreten geschichtlichen Bedingungen des Erkenntnisprozesses abhängig sind, seien echte Erkenntnisse nicht möglich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Skeptizismus

Wie wohl es akzeptabel ist, dass der zwingende Beweis im positivistischen Sinn nicht möglich ist, so ist doch eben jener Schluss, dass es echte Erkenntnis nicht möglich seie, unzulässig. Nehmen wir an, es gibt einen wahren Sachverhalt A und eine Ansicht zur Sache B, die aber nicht zutreffend sei. Wenn nun der Mensch keine Möglichkeit erkennt, die Wahrheit von A sicher gegen die Ansicht B zu trennen, so mag er dennoch Argumente sammeln, die ihm bei seiner Unterscheidung helfen. Gerade die Ratio vermag ggf. starke Argumente zu liefern, selbst wenn Restzweifel bestehen bleiben. Auch wenn eine Akzeptanz von A und eine Zurückweisung von B damit nicht absolut vor einem möglichen Irrtum schützt, so wäre die entsprechende Einschätzung dennoch eine wahre Erkenntnis.

Darum bleibt Erkenntnis stets subjektiv und nicht vor Irrtum gefeit. Die objektive Wahrheit ist von der subjektiven Erkenntnis zu unterscheiden. Eine echte oder wahre Erkenntnis ist dann jene, die sich auch in der Zukunft nicht als falsch erweist.

Ein radikaler Skeptizismus, der alles anzweifelt und jeden Glauben zurück weist, entbehrt somit der Grundlage und führt in den performativen Widerspruch. Denn wenn ein (beliebiger) Glaube möglicherweise in Übereinstimmung mit der Realität sei, kann es keinen rational vertretbaren Grund geben, diesen Glauben als unwahr zu verwerfen. Dass es keine sichere Erkenntnis gibt, ist also nicht dem Sachverhalt der Wahrheit geschuldet, sondern lediglich der Begrenztheit unserer Erkenntnismöglichkeiten. Vielmehr würde die Behauptung, dass dieser konkrete Glaube falsch sei, beanspruchen, über ein besseres Wissen zu verfügen, dass man jedoch aufgrund des Anspruchs des Skeptizismus gar nicht haben kann.

Rationaler Glaube

Eingedenk der Grenzen der Ratio ist nun nicht nur ein Glaube, der nicht im Widerspruch zur Ratio steht, zulässig, sondern geradezu unvermeidbar. Leben erfordert das Vertrauen auf Sachverhalte, die man auch anzweifeln kann. Im Alltäglichen ist dies eine selbstverständliche Methode. Menschen vertrauen auf die Naturgesetze, selbst wenn diese nur einen vorläufigen Status haben. Menschen vertrauen einander, wählen Regierungen, heiraten, selbst wenn dieses Vertrauen enttäuscht werden kann. Dagegen wäre es absurd, an Glaubenssätzen festzuhalten, die man klar widerlegen kann.

Angst und Zweifel: Mancher Gläubige fürchtet sich vor der verstandesgemäßen Durchdringung seines Glaubens. Es könnte sein, dass seine liebgewonnene Überzeugung sich nicht als tragfähig erweist. Immerhin gibt es sehr geschickte und kluge Menschen, die eine überzeugende Argumentationskette vortragen können, ohne jedoch wirklich die Wahrheit zu treffen. Angst davor, zu irgend etwas überredet zu werden, haben vor allem jene, die sich ihrer eigenen kognitiven Grenzen allzu bewusst sind. Und jene, die sich für klug dünken, verkennen, dass es vielleicht Menschen gibt, die noch ein wenig klüger sind.

Andererseits ist allzu klar, dass Menschen in Fragen des Glaubens zu höchst unterschiedlichen, oft unvereinbaren Positionen gelangen. Das heißt, dass nicht alle recht haben können und häufig im Irrtum sein müssen. Wer aber will einem Glauben anhängen, der sich wahrhaftig als Irrtum erweist? Wer will eine fromme Lüge der Wahrheit vorziehen?

Auch die Bibel kennt den Zweifel und die rationale Prüfung:

Prüft aber alles und das Gute behaltet.

1.Thessalonicher 5,21

Natürlich kann das Gute nicht unwahr sein. Aber die Erkenntnis der Wahrheit alleine bleibt oft unsicher. Die Unterscheidung des Guten vom Bösen lässt zwar oft auch eine Grauzone offen, aber erscheint zuweilen einfacher und klarer. Sie ist damit ein gutes Hilfskriterium. Jedwede Prüfung ist ein rationaler Akt. Gläubige Denker haben zu recht die Vernunft als Gottesgabe verstanden. Denn wenn Gott den Menschen geschaffen hat, dann hat er ihn auch mit dem Verstand beschenkt. Diesen Verstand gilt es angemessen zu nutzen. Und da gilt gerade auch für die geistliche Erkenntnis und den Glauben.

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Römer 12

Es mag überraschen, dass es gerade hier einen Verweis auf die Vernunft gibt. Tatsächlich weist hier der griechische Urtext das Wort logikos / rational auf. Das heißt, der Verstand ist Teil des Gottesdienstes.

Der altgriechische Ausdruck logos (λόγος lógoslateinisch verbum, hebräisch דבר davar) hat ein außerordentlich weites Bedeutungsspektrum. Er wird unspezifisch im Sinne von „Wort“ und „Rede“ sowie deren Gehalt („Sinn“) gebraucht, bezeichnet aber auch das geistige Vermögen und was dieses hervorbringt (wie „Vernunft“), ferner ein allgemeineres Prinzip einer Weltvernunft oder eines Gesamtsinns der Wirklichkeit.

Wikipedia

Eben jene Vernunft wird dann zum Wertvollem Gut, wenn sie nicht durch Betrug entwertet wird. Wie aber soll der Betrug entlarvt werden, wenn nicht die Mittel der Vernunft eingesetzt werden?

In der Philosophie ist Vernunft sowohl etwas subjektives, ein Teil des Erkenntnisapparates des Menschen (theoretische oder epistemologische Vernunft), als auch etwas objektives, ein die Welt durchwaltendes und ordnendes Prinzip. (Metaphysische oder kosmologische Vernunft, Weltvernunft, logosnousWeltgeist.)

Als Teil des menschlichen Erkenntnisapparates wird Vernunft (siehe auch intellectus) seit Kant nach Wahrnehmung (siehe auch EmpiriePerzeption) und Verstand (siehe auch ApperzeptionratioRationalismus) als die oberste menschliche Erkenntnisinstanz angesehen.

Philolex

Die Ratio kann sich als scharf geschliffene Waffe erweisen, den Irrtum einzudämmen. Alles, was zu Widersprüchen führt, kann als falsch erkannt werden. Das funktioniert jedoch nur, solange die Ratio auch sachgerecht eingesetzt wird. Da Denkfehler nicht grundsätzlich vermieden werden können und manche Sachverhalte erst dann hinreichend klar werden, wenn künftige Ereignisse dies zulassen, kann auch die Ratio nicht als die letzte Instanz der Erkenntnis gelten … aber sie wirkt mit als dynamisches Moment auf dem Weg der Erkenntnis.

Welche weiteren Elemente gibt es noch auf dem Weg der Erkenntnis? Zum einen ist die Wahrnehmung und Intuition zuweilen äußerst wichtig. Ein irrationaler Zugang kann helfen, sich der Wahrheit zu nähern, aber ebenso kann sie auch in die Irre leiten. Darum ist diese, wie auch bei jeder Phantasie und Spekulation, rational zu prüfen, um das Irrtumsrisiko zu minimieren.

Beziehung und Dialog

Martin Buber identifizierte den rationalen Umgang mit den Dingen dieser Welt als den Modus der Orientierung. Die persönliche Beziehung liegt dagegen in einem völlig anderen Modus. Hier ist die Begegnung – ob nun mit anderen Menschen, Dingen, Situationen oder Gott – wichtig. Das Subjekt ist nicht mehr der außen stehende Beobachter, der alles kühl analysieren kann, sondern hineingenommen in das Leben selbst. Begriffe des Verstandes haben hier eine untergeordnete Rolle, werden aber nicht außer Kraft gesetzt. Es wirkt schizophren, wenn Glaube nicht mehr der Ratio korrespondiert. Das schließt aber ein, dass die Ratio in einigen Bereichen nichts beitragen kann. Realität kann nicht in völlig getrennte Bereiche zerfallen, wohl aber unterschiedlich ausgeleuchtete Bereiche haben.

In diesem Sinn bedeute Glaube nicht nur das Vertrauen und Fürwahr halten von Sachverhalten, sondern ein persönliches Engagement, das gar nicht in der Distanz möglich ist. Die philosophische-rationale Meditation kann dies nicht ersetzen, aber genau dahin führen.

Ein Widerhall, wie das Thema Glauben oder Nicht-Mehr-Glauben sich auch jenseits der denkerischen Ebene darstellt, findet man in den Arbeiten von Martin Hofmann.

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