Es gibt richtiges Leben nur im Falschen

Dieser sperrige Titel ist die trotzige Gegenthese zu :

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Theodor W. Adorno: Minima Moralia, I, 18 S.42

Das dieser Satz höchst unterschiedlich verstanden werden kann, durchleuchtet Florian Roth und gibt einige Beispiele:

Wenn deine Lebensführung, deine Lebensform in ihrem internen Gesamtzusammenhang und in ihrem Eingebettetsein in einem gesellschaftlichen Kontext infiziert ist durch das Falsche, das moralisch böse, den Menschen beschädigende, in entfremdende, zur Falschheit und Unaufrichtigkeit treibende – wie können dann eben Teilbereiche, Lebensbereiche, einzelne Handlungen z.B. privater Art wahrhaftig und moralisch aufrecht sein.

Florian Roth

Das wäre gänzlich pessimistisch, da es ein ‚richtiges‘ Ganzes eben in dieser Welt nicht gibt, sondern lediglich das Streben nach der Heilung der Welt, dem Dürsten nach Frieden und Gerechtigkeit. Adorno bliebe gefangen in einem selbstgestrickten Modell, dass keine Auflösung zulässt. Denn dieses Streben mag zwar zu punktuellen Verbesserungen führen, öffnet aber zugleich neue eklatante Schwächen. Eine Welt, die sich asymptotisch dem ‚Richtigen‘ annähert, bleibt eine fragwürdige Hoffnung, die im Diesseits grundsätzlich unerfüllt bleiben muss.

Die Gegenthese verweist auf die Möglichkeit, dass trotz der Schwere der Belastungen in einer wahrlich unvollkommenen Welt sich neue Dimensionen aufspannen, die eben die Flachheit der Adorno’schen Erde hinter sich lässt. Das Richtige Leben benötigt geradezu die Emanzipation von einer unvollkommenen Welt. Dies gilt es zu erläutern.

Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Römer 12

Zunächst zu Adorno und den Kontext, im Lichte der Analyse von Florian Roth. Die Erfahrung der industriellen Vernichtung der Juden im Nazideutschland, die gar die Konsequenz der Aufklärung und der ihr innewohnenden Dialektik ist, bleibt nach Adorno kein Raum für Optimismus und naiver Lebensbejahung.

… Heimweh nach Adornos Frankfurter Kindheit in einer großbürgerlichen, bildungsbürgerlichen jüdischen Familie. Das Heimweh auch nach dem „Zeitalter des Liberalismus“ und – auch wenn das paradox klingen mag – das Heimweh nach den Hoffnungen der Jugend, den Hoffnungen, das Positive des gebildeten liberalen Bürgertums in eine gerechtere und authentischere Gesellschaft des Sozialismus mitnehmen zu können. Aber statt dieses erhofften Fortschritts, der erhofften HUMANITÄT war das Schicksal der Zeit: Die BARBAREI des TOTALITARISMUS: das Schrecken, welches mit der Chiffre AUSCHWITZ zu beschreiben ist, und auf der anderen Seite nicht etwa eine demokratische sozialistische Gegenkraft: sondern STALINISMUS und GULAGS.

Florian Roth

Adorno ist aber nicht fixiert auf diese Zivilisationsbrüche, die er keineswegs als Unfälle der Geschichte erkennt, sondern sieht hier lediglich die plakative und extreme Formen des Falschen im Lauf der Geschichte. Auch die Gesellschaften in Kalifornien, in der Asyl fand, und die Gesellschaft des Nachkriegsdeutschland stellen nicht wirklich die Überwindung der Barbarei dar, sondern liefern ein subtileres Falsches im anderen Gewand. Entsprechend finden sich auch derartige Adorno-Deutungen:

In der alternativen Zeitung taz etwa findet dieser Spruch sich auf einer Traueranzeige ebenfalls links-alternativer Provenienz. Wohl soll hier eine Widerstandsgeste in Erinnerung an einen Verstorbenen Platz finden. Doch was heißt ein solcher Satz gerade im Angesicht des Todes: Das könnte, was hier sicher nicht intendiert ist, sogar als Verbeugung vor christlicher Lebens- und Weltverachtung, die eine allgemeine Sündhaftigkeit konstatiert, gelesen werden. Dies übrigens eine interessante Lesart auch Adornos gegen den Strich.

Florian Roth

Obwohl Roth das Interessante daran bemerkt, so führt er das nicht weiter aus. Diese Weltverachtung trifft sicher nur auf einen Teil des christlichen Spektrums zu. Im Besonderen in Zeiten der Not und des Niedergangs ist es die Leinwand, auf die die Auferstehungshoffnung des Himmels gezeichnet wird. In Zeiten vermeintlichen Glücks und Wohlstands wird auf die Vergänglichkeit und innere Korruptheit verwiesen. Diese Parallele ist zutreffend, auch wenn Adorno sicher nicht von einem christlichen Antrieb beseelt war, die Gesellschaft messerscharf zu sezieren und die inneren Verwerfungen zu zeigen. Man kann durchaus die These vertreten, dass die christliche Weltsicht über Jahrhunderte das Denken, nicht zuletzt der Aufklärung prägte. Auch Denker, die die christliche Lehre ignorieren oder gar scharf ablehnen, können sich nicht völlig von dieser lösen, denn ihre eigenen Denkvoraussetzungen beruhen auf einer derart geprägten Tradition.

Wir wissen, dass es keine makellose goldenen Phasen der Vergangenheit gegeben hat. Das Griechenland der Philosophen und der Demokratie war eine Sklavenhaltergesellschaft, die den Frauen eine inferiore Rolle zuwies und einen Sokrates wegen Blasphemie hinrichten ließ. Die westlichen Nachkriegsgesellschaften mit Ausbeutung, überbordender Werbung, Entfremdung und Konsumismus mögen ‚humaner‘ sein als die totalitäre Schreckensherrschaft, aber wohl nur in dem Sinn, dass sich ein Dunkelgrau vor Tiefschwarz noch hell abhebt. Jede progressive Bewegung, die sich der Mission der Weltverbesserung verschrieben hat, und reine Utopien realisieren will, fällt mit steter Regelmäßigkeit im Erfolgsfall in ein Zerrbild, dass eine grausame Fratze offenbart. Das klassische Beispiel ist die Terrorherrschaft eines Robbespierre.

Auch die modernen ’sozialen‘ Gesellschaften vereinnehmen den Einzelnen im ‚Falschen‘, wenngleich weit weniger brutal, doch dafür um so gründlicher.

Auch eine vernunftbestimmte Welt, so die Kritische Theorie, wird keine Welt, in der das Individuum wirklich in Freiheit leben kann.

Kirsten Dietrich

Die Gesellschaftskritik Adornos ist da, wo sie schmerzhaft trifft, völlig im Einklang mit der christlichen ‚Weltverachtung‘.

Adorno ist im linksintellektuellen Biotop als Vater und Vordenker der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule bekannt. Er nimm die christliche Lehre nicht wahr als ernster Anspruch, eine wahre Weltsicht zu verkörpern.

Das Christentum ist nicht bloss ein Rückfall hinter das Judentum …
Seine Botschaft ist: Fürchtet Euch nicht; das Gesetz zergeht vor dem Glauben; grösser als alle Majestät wird die Liebe, das einzige Gebot. – Aber kraft der gleichen Momente, durch welche das Christentum den Bann der Naturreligion fortnimmt, bringt es die Idolatrie (den Götzendienst, kw), als vergeistigte, nochmals hervor. Um soviel wie das Absolute dem Endlichen genähert wird, wird das Endliche verabsolutiert. Christus, der fleischgewordene Geist, ist der vergottete Magier. Die menschliche Selbstreflexion im Absoluten, die Vermenschlichung Gottes durch Christus ist das proton pseudos (gleichsam die erste falsche Prämisse, kw). Der Fortschritt über das Judentum ist mit der Behauptung erkauft, der Mensch Jesus sei Gott gewesen. Gerade das reflexive Moment des Christentums, die Vergeistigung der Magie ist schuld am Unheil. 

Der Einfalt aber wird die Religion selbst zum Religionsersatz. Die Ahnung davon war dem Christentum seit seinen ersten Tagen beigesellt, aber nur die paradoxen Christen, die antioffiziellen, von Pascal über Lessing und Kierkegaard bis Barth machten sie zum Angelpunkt ihrer Theologie. In solchem Bewusstsein waren sie nicht bloss die Radikalen sondern auch die Duldsamen. Die anderen aber, die es verdrängten und mit schlechtem Gewissen das Christentum als sicheren Besitz sich einredeten, mussten sich ihr ewiges Heil am weltlichen Unheil derer bestätigen, die das trübe Opfer der Vernunft nicht brachten.

‚Elemente des Antisemitismus‘ Horkheimer/Adorno 1944 – nach wyss-sozialforschung

Kurz nach Adornos Tod 1969 jedoch machte sein Freund von sich Reden:

Umso größer der Schock, als Horkheimer 1970, im Vorfeld seines 75. Geburtstags, dem „Spiegel“ ein Interview gab unter der Überschrift „Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“. Gott sei für ihn zwar kein Grund der Hoffnung, sagt Horkheimer, aber, immerhin, einer der Sehnsucht.

Man kann sich heute kaum vorstellen, welch erhitzte Debatte auf das Interview folgte. Von einer „Bekehrung“ Horkheimers sprachen die einen, andere nannten es Verrat an der kritischen Philosophie der Frankfurter Schule.

Pascal Eitler wertet sowohl Horkheimers Schriften als auch die Debatte um dessen sogenannte religiöse Wende aus. Dabei entsteht ein überaus interessantes zeitgeschichtliches Dokument — zeigt es doch nicht nur einen Philosophen, der sich zwar nicht persönlich bekehrt, dafür in seinem Denken langsam, aber konsequent von einem ausgesprochen politischen Sprachgebrauch in einen religiösen überwechselt. Statt von Hoffnung, Revolution, Veränderung, Praxis, Gerechtigkeit und Gesellschaft redet Horkheimer von Sehnsucht, Reform, Erinnerung, Theorie, Freiheit und Individuum — und alles dies sei eben Grundlage von Religion, speziell: des Christentums.

Kirsten Dietrich

Die Gründe für diesen Skandal, die hier gar nicht inhaltlich durchdrungen werden, können nur auf einen antichristlichen modischen Konsens zurück geführt werden. Ausgehend von der Annahme, dass die christliche Lehre entgegen der kritischen Meinung zutiefst wahr ist, zumal sie ja durchaus ein gewisse Kongruenz in der kritischen Theorie hat, wäre es natürlich das ‚Falsche‘, die Wahrheit zu verwerfen. Im Besonderen, wenn der Diskurs über den Wahrheitsanspruch der christlichen Lehre nicht geführt wird und von den Beteiligten nur noch in Ressentiments, Ahnungen und Vermutungen zurück gewiesen wird.

Im Text einer antifaschistischen Gruppen, wohl im Bereich junger Autonomer anzusiedeln, findet dies Zitat Verwendung: Wieder wohl die Radikalität eines Widerstands, der keine halbe Sachen, keine Kompromisse, kein Sich-Arrangieren mit einem angeblich latent faschistischen System zu dulden vorgibt.

Florian Roth

Dies ist in der Tat nun naiv und eher dümmlich, das weder der Realität noch Adorno genüge tut. Das Feindbild auf einen vermeintlichen Faschismus zu reduzieren, der dann die Aktivisten zu heroischen Kämpfern stilisiert, ist im Kern eher eine unpolitische pubertäre Verirrung und Suche nach Identität, die allerdings gerne von der Realpolitik instrumentalisiert wird.

Am häufigsten wird aber in der Publizistik dann auf Adornos Satz angespielt, wenn es um das Leben in totalitären Staaten und Diktaturen gibt; in den letzten Jahren meist in Bezug auf die DDR. Der große Antipode von Adorno wäre hier eigentlich Günter Gaus, der ehemaliger Ständige Vertreter der Bundesregierung in der DDR, der immer sehr einfühlsam und aufs Positive bedacht, das Leben der normalen DDR-Bürger schilderte. Sein Schlüsselbegriff war der der „Nischengesellschaft“: Weil das Gesamtsystem keine positiven Möglichkeiten für den Einzelnen bot, hat man sich Nische der individuellen und partikularen Gruppenexistenz im Privaten, von den Zugriffsmöglichkeiten des Staates abgeschirmten Raum gesucht, in der man sozusagen ein richtiges Leben im falschen System führen konnte.

Florian Roth

Natürlich schließt Adornos Diktum auch diesen Fall ein, aber die kritische Theorie geht hier umfassender vor und hat vor allem die westlichen Nachkriegsgesellschaften im Blick. Es wäre also ein sträfliche Verzerrung, das ‚Falsche‘ exklusiv auf totalitäre Staaten zu beziehen.

Adorno und auch der Aufsatz von Florian Roth aber bleiben bei einem ‚flachen‘ Wirklichkeitsverständnis. Eine normative Realität – repräsentiert durch die reale Gesellschaft – liefert den alleinigen Bezugspunkt für das Leben des Einzelnen: Entweder versagt sie ihm die Freiheit oder lässt sie zu. Durch brutale Repressalien oder subtile Manipulation wird der Lebensraum und das Bewusstsein der Menschen entscheidend geprägt.

Adorno wählte als Untertitel zur Minima Moralia: ‚Reflektionen aus dem beschädigten Leben‘, mit dem er total alles Leben meint. Diese pessimistische Weltsicht, die nicht wirklich einen Ausweg kennt, drückt er in wohl gesetzter Sprache auch schon im Vorwort (Zueignung) aus:

… die Lehre vom richtigen Leben. Was einmal dem Philosophen Leben hieß , ist zur Sphäre des Privaten und dann bloß noch des Konsums geworden, die als Anhang des materiellen Produktionsprozesses, ohne Autonomie und ohne eigene Substanz, mitgeschleift wird.

Theodor W. Adorno: Minima Moralia, S. 7

Dieses Verständnis scheint bis zu einem Punkt durchaus plausibel, trifft aber letztlich nicht die Realität. In dieser haben Menschen oft völlig unterschiedlich Sichtweisen auf die Welt. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Unvereinbarkeiten der Sichtweisen letztlich auf Irrtümer zur Beschaffenheit der REALEN Welt weisen, so bleit es schwierig zu entscheiden, wer nun im Irrtum sei. Im Zweifel wird derjenige, der eine klare Vorstellung von der Welt hat, seine eigene Sicht für die Zutreffende halten. Wäre dem nicht so, würde er oder sie ihren Standpunkt ändern. Einige Sichten kann man mehr oder minder stark als naiv und in Ignoranz unterschiedlicher Fakten, schlicht inkohärent, verwerfen. Unreflektierte Vulgärphilosophien, mehr oder minder unkritische Adaptionen von Bildungsangeboten und Massenmedien, vermögen einer kritischen Prüfung kaum stand zu halten. Der Begriff der Ideologie kann sowohl als neutrales Synonym von Weltanschauung verstanden werden, als auch als Negativzuschreibung eines Konstrukt, welches die Realität verzerrt. In letztem Sinn disqualifizieren vor allem linke Vorstellungen von der Welt alle abweichenden Vorstellungen abwertend als ‚Ideologie‘:

Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber Betrügt, daß es keines mehr gibt

Theodor W. Adorno: Minima Moralia, S. 7

Adorno, dem wohl zu recht eine Meisterschaft der Sprache anzuerkennen ist, wirkt hier selbstentlarvend. Vermutlich wollte er jene Ideologie kritisieren, die die bestehenden Produktionsverhältnisse und den Konsumismus als die Imitation des Lebens verschleiern. Tatsächlich aber sagt er, dass der Betrug darin besteht, dass es kein Leben mehr gäbe. Der einzige hier, der aber jene reale Existenz des Lebens verneint, ist Adorno mit seiner Ideenwelt. Ideologie kann tatsächlich eine Verzerrende Wirkung haben, die den Menschen vom Leben trennt, aber per se alle anderen Ansichten so zu titulieren, immunisiert gegen andere Gedanken, die doch bereichernd sein könnten.

Es ist ignorant, Sichten, die im Widerspruch zu der Eigenen stehen, pauschal in diese Kategorie einzuordnen. Es gibt definitiv ernstzunehmende alternative Weltanschauungen, die geeignet sind, das eigene Verständnis in Frage zu stellen. Natürlich können und müssen die Anschauungen, die sich nach Prüfung als inkohärent, falsch, oder wenig plausibel erwiesen haben, verworfen werden. Dosch manches urteil bedarf der späteren Nachprüfung. Unterbleibt der Diskurs mit anderen Weltanschauungen und wird die eigene Weltsicht exklusiv normativ gesetzt, ist die Gefahr einer akuten Realitätsverkürzung und systematischem Irrtum virulent.

Vielmehr erscheint der Möglichkeitsraum der Ansichten, bei dem eben nicht per se und Apriori klar ist, was nun wahr und was falsch ist, eine Mehrdimensionalität aufzuzeigen, die einer Verengung auf ein exklusives Deutungsschema eine klare Absage erteilen. Das heißt nicht, dass es viele Wahrheiten parallel gäbe, in der alle recht hätten, oder das der Selbstanspruch, ein gültige Weltdeutung zu vertreten, unrecht sei. Aber es mahnt zur Vorsicht.

Würde dann Adorno nicht nur jenes Recht in Anspruch nehmen, dass er glaubt, am zutreffendsten die Wirklichkeit zu beschreiben? Das kann nur bedingt bejaht werden, denn sein Punkt ist apodiktisch und zugleich ein vernichtendes Pauschalurteil über alle, die für sich selbst davon ausgehen, das wahre Leben gefunden zu haben. Wäre die Aussage bescheidener formuliert, wäre dieser Vorwurf nicht aufrecht zu erhalten. So aber immunisiert sich Adorno gegen andere Ansichten, in dem er alles andere als (realitätsferne) Ideologie nicht ernst nehmen braucht, ohne sich jedoch zu fragen , wieso seine eigene Ideologie denn verbindlich für Dritte sein sollte.

Die eingangs genannte Gegenthese – Es gibt richtiges Leben nur im Falschen! – basiert auf der einfachen Feststellung, dass objektiv die real existierenden Gesellschaften in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weit vom Ideal der Gerechtigkeit entfernt sind und somit einen ‚falschen‘ Druck auf das Individuum erzeugen. Das Falsche, nun in stets unterschiedlicher Gestalt und nicht gleichermaßen bedrohlich, ist aber nie absolut zerstörerisch. Auch in totalitären Systemen fand sich ein heroischer Widerstand, der einerseits zum Opfer des Systems wurde, zugleich aber das Zeichen der Menschlichkeit aufrichtete, die wahrlich Mut zur Hoffnung gibt. Andere richteten sich auch unter widrigsten Verhältnissen in ‚Nischen‘ ein und fanden ein persönlichen Sinn und Glück. Wer will es ihnen verdenken? Mit welchem Recht will ein Dritter da behaupten, dies sei nicht das wahre Leben? Auch heute ist die Suche nach dem kleinen Glück legitim.

Wem der Sinn nicht nach dem großen Wurf, die Weltrettung und Anerkennung durch Massen steht, wer aber zugleich auch nicht zum Opfer von Illusionen und Scheinwelten sein will, also das wahre Leben für sich selbst sucht und nicht das Leben Dritter als darüber stehender Richter beurteilen will, fragt sich aber, wie sich das nun mit Inhalt füllen lässt. Angesichts einer allzu berechtigten scharfen Kritik der Gesellschaft und des Zeitgeistes, bei dem fatale Verwerfungen manifest werden, ist dies auch nicht trivial. Denn ein Leben, dass sich explizit im Privaten versteht, lässt nicht nur die gesellschaftliche Verantwortung und mögliche Gestaltungsspielräume fahren, sondern läuft Gefahr, auch innerlich unkritisch dem Zeitgeist zum Opfer zu fallen.

Eine brilliante Analyse des Zeitgeistes finden sich bei Eva Rex. Sie hat in Rettet den gesunden Menschenverstand! ein engagiertes Plädoyer in der Tradition von Kant und Hannah Arendt gegeben. Der Zeitgeist nagt an unserer Urteilskraft:

Warum werden wir den Eindruck nicht los, dass immer größere Teile unserer Mitmenschen in einer Parallelwelt leben? Wie kommt es, dass die meisten Mitglieder der westlichen Gesellschaften so merkwürdig apathisch und desinteressiert an ihrem eigenen Geschick agieren und ihrer eigenen Verdrängung (als Volk, als Nation, als Kultur) entgegensehen, ja diese sogar beklatschen? Woher kommt die Verblendung und Leichtgläubigkeit gegenüber den Gaukeleien der etablierten Medien, oft entgegen besseren Wissens? Warum sind moderne Menschen trotz ausdifferenzierter „Individualisierung“ und „Aufgeklärtheit“ so empfänglich für ideologische Großkonzepte wie Gleichstellung, Multikulturalismus und den Kampf gegen den Klimawandel und lassen sich entgegen ihren eigenen Interessen für deren Etablierung mobilisieren? Warum begegnen uns gerade in Gestalt von Intellektuellen und Künstlern die fanatischsten Befürworter dieser neuen Ideologien, statt dass die geistige Elite, wie es ihrer Aufgabe entspräche, diese kritisch und distanziert hinterfragt?

Wie kommt es, dass so viele sich nicht mehr auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen und auch nicht den Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, sondern darauf, was vermeintliche „Autoritäten“ ihnen vorbeten? Warum lassen sie sich weismachen, dass Hinwendung zu den denkbar Enferntesten Nächstenliebe sei, aber die Sorge um das Wohl der Nächsten purer Hass? Warum lassen sie sich immer häufiger die absurdesten Lügen auftischen und glauben mit verzweifelter Inbrunst an sie? Kurz gesagt: Wie kommt es, dass bestimmte verrückte Ideen massenhaft Plausibilität gewinnen, ohne dass ihnen unbeschadet widersprochen werden kann?

Eva Rex

In der Beantwortung dieser Fragen rekurriert Rex auf die Analysen zum Totalitarismus von Arendt. Diese geht davon aus, dass eine ideologische Durchdringung einer zunächst atomisierten Masse von Menschen möglich wurde und so durch eine subtile Totalisierung bedroht wird.

Im Gegensatz zur herkömmlichen Tyrannis beruhe die totale Herrschaftsform nämlich nicht auf dem Prinzip der einschüchternden Gewaltausübung, sondern auf einer den Menschen mobilisierenden Ideologie.

Nach Arendt kann sich jede beliebige Ideologie zu einem totalitären System auswachsen. Als Voraussetzung für die Ausbildung eines solchen Systems nennt sie die Durchdringung aller Lebensbereiche mit eben jener Ideologie und deren Anspruch auf allumfassende Geltung. Die politische Durchsetzung wird durch eine Massenbewegung (und nicht durch einen Staatsstreich) in Gang gesetzt und läuft auf freiwillige Unterwerfung hinaus.

Grundlage und Voraussetzung der totalitär strukturierten Herrschaft ist eine atomisierte Gesellschaft, die die moderne Massengesellschaft bildet. Sie besteht aus einem unzusammenhängenden Gefüge, das nach der Zerschlagung der Klassen- und Ständegesellschaft entstanden und weder nach Klasseninteressen noch sonstigen Interessen organisiert ist. Kennzeichnend für den modernen Massenmenschen ist, dass er in einem sozialen Vakuum lebt – er hat keine Bindungen, ist nicht einmal in eine feste familiäre Struktur eingebunden. Kontaktlosigkeit und der Verlust gemeinsamer Werte (Tugenden, Moral, Normen, Sitten und Eigentümlichkeiten) führen zur Isolation des Individuums.

Eva Rex

Dies alles kulmuniert in der Analyse, deren Schärfe – wenn auch nicht die politische Orientierung – an Adorno erinnern lässt:

Aus dieser spezifischen Orientierungs- und Bindungslosigkeit ergibt sich ein dem modernen Massenmenschen „eigentümlicher Mangel an Urteilskraft„. Dieser wiederum führt dazu, dass der Einzelne sich in seiner Meinungsbildung über alle eigene Erfahrung hinwegsetzt, Wahrheit nicht mehr von Fiktion unterscheiden kann und sich alles Mögliche vormachen lässt, so dass geschickt angelegte Propaganda leichtes Spiel hat, im großen Maßstab Fälschungen als Tatsachen zu etablieren. Es kommt zu einem eklatanten Wirklichkeitsverlust und einer Abkehr vom „gesunden Menschenverstand“, der die Funktion eines verlässlichen Kompasses verliert.

Vor diesem Hintergrund wirkt sich die dem modernen Großstadtmenschen innewohnende Mischung aus „Leichtgläubigkeit und Zynismus“ verheerend aus, da die Massen angesichts der Undurchschaubarkeit einer überkomplex gewordenden Welt Gefahr laufen, Irrealitäten für wahr zu nehmen, wenn diese als objektiv-wissenschaftliche Erkenntnis ausgegeben werden. Der moderne Mensch, für den nichts neu ist, der schon alles kennt, ist jederzeit bereit, sich belügen zu lassen, wenn es nur sein Bedürfnis nach Zerstreuung und blasiertem Sich-Überlegen-Fühlen stillt. Die Inkaufnahme von bewußt herbeigeführter Täuschung, der Verzicht auf eigenes Urteilen, die Vernachlässigung der eigenen Wahrnehmung ist das, was Arendt „die Revolte der Massen gegen den Wirklichkeitssinn des gesunden Menschenverstandes“ nennt. Diese Revolte ist nicht gleichbedeutend mit Dummheit. Im Gegenteil. Vermeintliche Aufgeklärtheit und dünkelhaftes Besserwissen sind vor allem in Großstadtmilieus mit hohem Bildungsstandard zu beobachten, wo moderne Mythenbildung einen besonderen Resonanzraum erfährt

Eva Rex

Was sind also die Waffen, derartige Korruption des Geistes zu entgehen? Ein heroischer Kampf im Untergrund gegen üble Nazi-Schergen ist hier nicht denkbar. Aber es muss doch den archimedischen Punkt geben, mit dem der Widerstand gegen diesen fatalen Druck bestehen kann.

Als überaus bemerkenswert sticht bei Hannah Arendt der Topos des gesunden Menschenverstandes hervor, der ihre gesamte Argumentation wie ein roter Faden durchzieht. Postmodern verdorbenen Gemütern mag dies anstößig erscheinen. Ehemals ein Zeichen für Reife und allgemeine Erkenntnisfähigkeit, wird dieser Begriff heutzutage wie selbstverständlich als Ausdruck für vor-rationales und vorurteilsbeladenes Denken diffamiert und gern in die Nähe des Nazi-Vokabulars gerückt. Stets wird auf seine missverständliche und missbräuchliche Verwendung hingewiesen, um am Ende zu dem Schluss zu kommen, dass es das Klügste sei, ganz auf ihn zu verzichten.

Eva Rex

Allerdings bleibt Rex die differenzierende Darstellung jenes gesunden Menschenverstandes schuldig. Eine vermeintliche Intuition, ein Gefühl ist eben nicht unkorrumpierbar. Das Verwurzelt-Sein in einer Identität, die in Kohärenz mit der globalen und persönlichen Geschichte und der wissenschaftlichen Erkenntnis steht, liefert ein unverzichtbare Basis. Das Eigeninteresse wird auch bei Jesus nicht völlig negiert, sondern als selbstverständlichen Ausgangspunkt der Moral verstanden, die erst auf dieser Grundlage in der Liebe über sich hinaus wächst. Die Frage, ob denn eine liebender, aber unreflektierter Mensch dem lieblosen Denker überlegen sei, wird hier nicht geantwortet. Klar sollte aber sein, dass es weniger um die Alternative zwischen einem vorbewussten ‚richtigen‘ Leben und einer kühlen Reflektion gehen kann, auch nicht um das moralische Urteil über unterschiedliche Denk- und Lebensvoraussetzungen. Der Appell richtet sich an die Möglichkeiten dessen, der auf die Frage stößt. Ein Opfer der Vernunft kann nicht als ein Rezept empfohlen werden. Vielmehr macht sich die Vernunft den gesunden Menschenverstand zu nutze … oder anders herum.

Der vorbewusst Liebende mag sich nicht oder nur in geringem Maß als defizitär lebend erkennen. Er wird sich nicht mit derartigen Reflektionen beschäftigen und bedarf auch keines Urteils Dritter. Der reflektierende Mensch wird dagegen über die Wahrnehmung der Dissonanz der Welt, dem ‚Falschen‘, auf die Defizite aufmerksam, die sich letztlich auch in persönlichen Defiziten kristallisieren. Er kann nicht qua Wunschdenken in jenen paradiesischen Zustand der Reinheit zurück kehren. Genau so wenig wie die bewusste Wahl der Illusion zum wahrhaft befriedigenden Lustgewinn führen kann – Siehe den Film ‚Matrix‚ und die Wahl von Cipher.

Lust ist dann ohne Reue, wenn sie im Einklang steht mit dem umfassenden Sinn. So sieh die Schöpfungsordnung die Vereinigung von Mann und Frau vor – ein äußerst lustvolles Erlebnis, das zudem mit der Zeugung verbunden ist, welche das Leben fortführt und damit bejaht. Lustfeindlichkeit kann erklärt werden, wenn die Lust abgetrennt wird von ihrer Einbettung in das Leben: Wenn es nicht mehr in Harmonie steht und man der Lust um der Lust willen sucht, wird sie selbst zum Feind des Lebens. So gewinnt dann das eigentlich gute einen morbiden Klang. Am deutlichsten ist dies in der Nekrophilie erkennbar. Die Lust durch Akzeptanz der Illusion liegt auf dieser Linie. Aber es gibt graduelle Unterschiede, die das Leben und dessen Beurteilung schwer macht. Liegt eine Liebesbeziehung vor, die nicht ganz der vorgenannten Schöpfungsordnung entspricht, ist eben nicht stereotypisch eine radikale Ablehnung sachgerecht. Liebe ist nicht erst durch ihre biologische Funktion gerechtfertigt. Liebe ist der Selbstzweck, dem die Biologie dienen kann.

Die Aufgabe ist dann die Suche nach der großen Synthese: Jene Sehnsucht nach dem richtigen Leben, nach der Liebe, gilt es in Einklang zu bringen mit dem realen Leben und seinen Grenzen, dem gesunden Menschenverstand, Wissenschaft und Erkenntnis. Reflektion und kritisches Denken erweisen sich genau dann als hilfreich, wenn die entsprechenden Voraussetzungen zur konsequenten Umsetzung vorliegen und auch genutzt werden. Vor allem schließt dies ein, nicht auf halben Wege stecken zu bleiben. Der Abbruch der Reflektion, das Verharren in der Hybris vermeintlichen Besserwissens, ist eher mit dem Bild Dantes von der Wanderung durch die Hölle zu verstehen, die eben durchquert werden muss um das Wahre zu gewinnen. Wird die Wanderung abgebrochen, bevor das Ziel erreicht ist, bleibt man eben in jener Hölle stecken. Ob nun Adorno in dieser Hölle stecken blieb ist höchst sekundär verglichen mit der Frage, ob ich selbst darin stecken bleibe.

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