Große Lebensentwürfe – kleines Glück

Was fange ich mit meinen Leben an? Vorwiegend in der Jugend stellen sich Menschen die Frage. Viele wollen was bedeutendes tun. Forscher, Entwickler sein, die Welt und die Gesellschaft voran bringen. Vielleicht ein Held, der die Welt verbessert. Es muss nicht der einsame Held sein, der sein Leben opfert, aber Teil von etwas Großem zu sein … das wäre doch was. Vor allem die Postmoderne, die traditionelle Lebensentwürfe gering schätzt, dürstet nach Auswegen aus der Sinn-Leere.

Früher war es die Revolution und der Freiheitskampf in fernen Ländern, heute ist es die Klimarettung, der Kampf gegen Rechts und Rassismus, der sich in beachtlichen Jugendbewegungen zeigt … und Menschen, die sich selbst als junggeblieben verstehen. Ein psychosoziales Phänomen?

Dagegen verblassen kleinbürgerliche Lebensentwürfe mit Familie, Enkel und Eigenheim. Peter Fox überzeichnet es in Haus am See als ein Glück, das ihm zufällt. Für viele ist es weniger das spektakuläre Glück, sondern etwas, das man sich erarbeiten muss … wenn es denn überhaupt als Ziel erkannt wird. Was aber ist tragfähig? Was ist erstrebenswert? (Einige weitere Songs illustrieren das Thema …)

‚Weltverbesserer‘ ist ein Spottwort, dass Haltungen als unrealistische Träumer kennzeichnet. Es ist nach meinem Geschmack aber viel zu pessimistisch, den Zustand der Welt nicht als verbesserungsbedürftig und verbesserungsfähig zu verstehen. Ich halte es darum für ehrenhaft, dies durchaus anzustreben. Aber es wäre lächerlich, wenn man diese Weltverbesserung nur als Attitüde und Haltung praktiziert, ohne einen faktischen Nutzen erreichen zu können. Die meisten der Bewegungen erweisen sich als zwiespältig und letztlich als schädlich. Revolutionen führten oft zu Blutbädern und brutalen Diktaturen. Und auch die Aktionen zur Klimarettung haben keine realistische Chance, etwas positives zu bewirken:

Der Anteil der potentiellen Einsparungen an CO2 Emissionen durch persönlichen Lebensstil oder Landespolitik ist wesentlich zu gering, um irgend welche Wirksamkeit zu entfalten.Deutschland produziert etwa 2 % der weltweiten anthropogenen CO2 Emissionen. Eine wachsende Weltbevölkerung, die nach Ernährung und Wohlstand strebt, führt zu einem weiteren Ansteigen der Emissionen. Die Neuauflage von ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen‘ bleibt hohl. Denn die vermeintliche Klimarettung ist nicht nur ruinös teuer und gefährdet den Wohlstand des Landes und die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft und Versorgungssicherheit, sondern führt auch in Naturzerstörung durch flächendeckende riesige Windkraftanlagen, monokulturellen Energiepflanzenbau und Ausbeutung seltener Rohstoffe. Weltweit wird der deutsche Weg weniger als die ersehnte Vorreiterolle gesehen, sondern eher als abschreckendes Beispiel. Andere Länder können sich diesen Unsinn in diesem Umfang nicht leisten, noch weniger als Deutschland.

Die Weltrettung durch psychisch belastete Teenager findet zwar dennoch überraschend viel Applaus von Mächtigen der Welt, aber eine Erfolg im Sinne jener Weltverbesserung ist nicht zu erwarten. Ein großer Lebensentwurf verpufft und verschlechtert praktisch die Welt?

Traditionelle Lebensentwürfe und die Postmoderne

In vielen Ländern galten unterschiedliche Formen der Familie als Musterlebenslauf. Teil war stets, dass Kinder den Fortbestand der Gesellschaft sicherten. Dazu kam der Wunsch nach Wohlstand auf Basis einer Existenzsicherung. Untrennbar verbunden war dies stets mit einer religiösen Tradition, die das Leben eingebettet in ein großes Ganzes verstand. Auch jene, die sich nicht aktiv an jener Ideologie mit Inbrunst beteiligten, sich gar inhaltlich abgrenzten, sogen die damit verbundenen Einstellungen quasi mit der Muttermilch auf.

In der westlichen Welt bildete sich das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie heraus. Natürlich galt dies unter den Progressiven als spießig – also abzulehnen. Die bürgerliche Existenz war verächtlich und kitschig. Aber das Lebensglück war auf dem Weg der Progressiven zumeist nicht zu erreichen. Am deutlichsten drückt dies ein Werbeclip für Bausparverträge aus. Was stimmt an diesem Video nicht? Heutige Menschen des sogenannten progressiven Milieus haben wenige oder gar keine Kinder … und keine Zukunft.

Die Postmoderne ist durch das Ende allgemein anerkannter großer Ziele gekennzeichnet. Religion als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit existiert nicht mehr. Sinnsuche ist ein individuelles Hobby und keineswegs mehr das Finden universeller Wahrheit. Weltrettung ist da nur das Aufbäumen gegen die Individualisierung und den damit verbundenen Zerfall. Eine Randnote, die vorübergehend viel Aufmerksamkeit erhält.

Postmoderner Individualismus kann zwar auch beliebige Ideologien, einschließlich der Weltrettungsphantasien beherbergen, wohl unter der Einschränkung, dass es letzte Wahrheiten nicht gibt, man aber dennoch so tut als ob. Der Kern des postmodernen Individualismus äußert sich in zwei Ausprägungen:

Individueller Hedonismus fragt nicht nach dem Morgen. Warum die Zukunft der Welt für wichtig halten? Lasst uns feiern, denn morgen sind wir tot. Kinder? Die hindern uns doch nur an der Selbstverwirklichung und der Freude am Leben. Sie sind extrem anstrengend und teuer. Außerdem leidet die Welt doch ohnehin an der Überbevölkerung und verschlechtert die Klimabilanz. Für wen also soll die Welt gerettet werden? Für die immer weiter wachsende Weltbevölkerung, die sich gegenseitig totschlägt und Elend leidet? Genuss und Kaufrausch sind dagegen enorm attraktiv. Shopping Queens sind neue Idole.

Epikuräischer Hedonismus findet seine Freude in der sozialen Einbettung der Familie.

Epikur schließt an die Begrifflichkeit des Aristipp an. Aus den wenigen überlieferten Äußerungen wird geschlossen, dass er mit dem Wort ‚Lust‘ die Lebenslust als Prinzip gelingenden Lebens beschreibt. So nannte er auch die Ataraxie als Lust, sogar als höchste Lust. ‚Ataraxie‘ bedeutet u. a. Gelassenheit, die sich einstellt, wenn man für sich die wichtigsten Lebensfragen geklärt hat. Er unterscheidet folglich zwischen vorübergehenden Lustgefühlen (dynamische Lust) und der Zustandslust (katastematische Lust). Das wache Dasein allein, insofern es frei von Schmerz ist, ist höchst lustvoll. Forscher beschreiben diese epikuräische Lebenslust heute als „natürliche und gesunde Verfassung aller vitalen Funktionen“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hedonismus

Es geht hier also nicht um ein einmaliges Glücks-erleben und die Extase, sondern um der Befriedung der Vorstellungen von Dauer und Beständigkeit im sozialen Verbund. Die vorhandenen Mittel werden nicht in prestigeträchtige Symbole wie Luxusautos, teure Reisen oder aufwendige Kleidung investiert, sondern in ein Eigenheim und die Ausbildung der Kinder. Für dieses Ziel erträgt man die Härten des Familienlebens, einschließlich des unvermeidbaren Zwists, der Einschränkung persönlicher Vorlieben und vieles mehr.

Das kleine Glück

Der Traum nach einem familiären Glück bleibt zerbrechlich und erlebt oft auch Schiffbruch. Dennoch finden wir oft Menschen, die einen Erfolg in ihrem Ziel erleben. Eine beeindruckende Ode der Kleinbürgerlichkeit und des kleinen Glücks lieferte Paul Young in Love of the Common People … auch in Armut. Es lohnt sich, die rührenden Lyrics zu studieren. Hier nur im Auszug:

Daddy’s gonna buy you
A dream to cling to
Mama’s gonna love you
Just as much as she can
And she can

Living on a dream ain’t easy
But the closer the knit
The tighter the fit
And the chills stay away

‚Cause we take ‚em in stride
For family pride
You know that faith
Is in your foundation
With a whole lot of love
And a warm conversation
But don’t forget to pray
It’s makin‘ it strong
Where you belong

Man mag diesen Traum abseits des Wohlstands und der großen Lebensentwürfe als amerikanische Ausprägung des mittleren Westens verstehen, zumal auf die Grundlage des Glaubens verwiesen wird. Der Glaube ist hier nicht ein wahlfreies tradiertes Element, sondern findet sich stimmig zum Gesamtkontext: Das Leben muss nicht neu erfunden werden. Nicht selbstbewirkte Größe und Leistung ist das höchste Ziel, sondern die Einbettung in die Liebe Gottes, die sich in der Liebe zum Nächsten, vor allem der Familie, niederschlägt. Es genügt, sich den täglichen Herausforderungen zu stellen, denn das Leben ist aus Gnade.

Aber ist dies, was wie quergebürstet zum postmodernen Zeitgeist aussieht, falsch, kitschig, überkommen oder antiquiert? Ich denke nicht, denn ist es nicht die Liebe und das Leben, auf das es wirklich ankommt?

Und die Freiheit?

Kleinbürgerlichkeit wird oft mit dem Attribut ‚Mief‘ versehen, ein Moder, der an engen Vorstellungen klebt. Die Sehnsucht nach Freiheit aus bedrückenden Verhältnissen erscheint weit besser bekannt zu sein. Und tatsächlich ist eine enge Familienbindung keineswegs nur ein Segen, selbst wenn sie intakt ist. Natürlich ist gewisser Freiraum, selbst wenn er erkämpft werden muss, unverzichtbar.

Im Zuge der musikalischen Beispiele denke ich an die Ballade der Beatles (Paul McCartney) She’s leaving Home. Hier ein Auszug:


Stepping outside, she is free
She(we gave her most of our lives)
Is leaving (sacrificed most of our lives)
Home (we gave her everything money could buy)
She’s leaving home, after living alone, for so many years (bye bye)

Die Freiheit und Auflösung von Bindungen und dessen Heroisierung ist aber kein Programm, dem sich Paul McCartney verschrieben hätte . Denn noch trauriger ist der Text von Eleanor Rigby. Erzählt wird hier die Geschichte von zwei einsamen Menschen, die nicht zusammen finden:

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?

Das Problem der bindungslosen Freiheit wurde als deutsche Replik auf David Bowies Space Oddity von Peter Schilling in Major Tom als Bild inszeniert:

Völlig losgelöst von der Erde
Schwebt das Raumschiff
Völlig schwerelos

Natürlich kommt es zum Abriss der Bindung und damit auch zum Tod von Major Tom. So will es auch Mahnmal sein für alle, die eine bindungslose und grenzenlose Freiheit suchen.

Das Thema des kleinen Glücks bleibt die Balance zwischen einer familiären Bindung in Lebensfreude und der Bewahrung eines Freiheitsrahmens.

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