Es ist wohlfeil, über dem ‚Fundamentalismus‘ die Nase zu rümpfen und deren Vertreter als naive Ideologen scharf zurück zu weisen. Dabei war der Fundamentalismus als christliche Reformbewegung zunächst positiv konnotiert. Auch Grüne hatten anfangs keine Probleme, die Fraktion derer, denen die Grundlagen zentral blieben, als ‚Fundis‘ zu bezeichnen. Dennoch kann man trotz einer inhaltliche Kritik auch zu einem respektvollem Dialog kommen. Hier soll beides versucht werden, der Glanz und Elend des christlichen Fundamentalismus diskutiert werden. Als einer der markantesten Vertreter des christlichen Fundamentalismus wird Tobias Riemenschneider angesehen, der konsequent den christlichen Glauben umsetzen will.
Doch zunächst zur Begriffsklärung …
Definition und Geschichte
Der Duden definiert knapp:
https://www.duden.de/rechtschreibung/Fundamentalismus
- geistige Haltung, Anschauung, die durch kompromissloses Festhalten an [ideologischen, religiösen] Grundsätzen gekennzeichnet ist [und das politische Handeln bestimmt]
- streng bibelgläubige Richtung des amerikanischen Protestantismus
In der öffentlichen Wahrnehmung wird allerdings zumeist der Fundamentalismus mit dem gewalttätigen Islamismus assoziiert, die dann wieder rückwärts übertragen auch dem christlichen Fundamentalismus eine gefährliche Gewalttätigkeit unterstellt. Dies kommt im Politlexikon des bpd eher zum Ausdruck:
Bezeichnung für das Beharren auf festen politischen und v. a. religiösen Grundsätzen, i. d. R. auf der Basis einer buchstäblichen Interpretation göttlicher Überlieferungen (z. B. Bibel, Koran).
So formierten sich etwa zum Ende des 19. Jhs. in den USA (Vereinigte Staaten von Amerika) starke protestantische Bewegungen, die die Heilige Schrift unmittelbar als Gottes Wort ansehen (heute noch von politischer Bedeutung).
Der islamische F. fordert die wörtliche Befolgung der Vorschriften des Korans. Fundamentalistisch verstandene Religionen und daraus entspringende soziale Bewegungen betrachten ihre Interner Link:Überzeugungen und Vorstellungen als umfassende, absolute Lösung für alle (politischen, wirtschaftlichen und sozialen) Lebensfragen. Der F. birgt somit immer die Gefahr eines religiösen oder politischen Fanatismus in sich.
Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 7., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz 2020. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
Tatsächlich stammt der Begriff – wie Wikipedia erklärt (wenn auch gefärbt) – aus einer christlichen Reformbewegung:
Die Bezeichnung Fundamentalismus wurde erstmals im Zusammenhang mit einer von Reuben Archer Torrey herausgegebenen Schriftenreihe The Fundamentals. A Testimony to the Truth[5] verwendet. Diese Schriftreihe wendete sich gegen liberale Theologie und insbesondere die historisch-kritische Methode. Zu den Autoren gehörten namhafte konservative Theologen wie Benjamin Breckinridge Warfield. Die fünf wesentlichen Punkte ihrer Haltung wurden 1910 von der Generalkonferenz der presbyterianischen Kirche zusammengefasst:[6]
- die Irrtumslosigkeit und Autorität der Bibel
- die Jungfrauengeburt und Wunder
- die Gottheit Jesu Christi
- sein Tod für die Sünden der Menschen
- seine leibliche Auferstehung und seine Wiederkunft
Die in den Fundamentals vertretene Haltung genügt nicht, um den christlichen Fundamentalismus trennscharf zu definieren. Von anderen Strömungen unterscheidet sich der christliche Fundamentalismus durch eine biblizistische Auslegung der Bibel, die so eng mit dem Heilsglauben verbunden ist, dass andersdenkenden Christen ihr Christsein abgesprochen wird.
https://de.wikipedia.org/wiki/Fundamentalismus#Begriff
Bis auf den ersten Punkt entsprechen die Punkte dem apostolischen Glaubensbekenntnis, dass von nahezu allen christlichen Kirchen zumindest nominal Grundlage sein soll.
Wikipedia unterschlägt den Reformgedanken, denn jeder Reformer, im Besonderen Martin Luther, hatte einen ähnlichen Ansatz: Die Kirche oder weite Teile davon irren vom Evangelium, der Botschaft von der Errettung durch Jesus Christus, ab und lehren ein anderes Evangelium. Bei Luther waren es die vierfachen ‚Sola …‘ – Im Besonderen ‚Sola scriptura‘. Torrey sah in der modernen Theologie seiner Zeit eine ähnliche Bedrohung des christlichen Glaubens, wie Luther ihn in der Lehre der römisch-katholischen Kirche seiner Zeit sah.
Motiv und Kerngedanke ist hier die Abwehr einer Beliebigkeit, mit der die Bibel nach den eigenen Wünschen umgedeutet und verdreht würde. So wird von nicht wenigen modernen Theologen und ‚Gläubigen‘ der Offenbarungscharakter der Bibel bestritten. Was aber macht dann das Evangelium noch aus? Worin besteht noch eine normative Kraft und ein klar erkennbarer Glaubensinhalt?
Dieser Ernst, die Bibel als verbindliche Grundlage zu respektieren, ist ein Zeichen der Demut, sein eigenes Denken eben nicht als die letzte Instanz der Erkenntnis zu halten. Fraglos ist es ein respektabler Wunsch, sich Gott unterzuordnen und sein Superiorität anzuerkennen. Bei aller berechtigter Kritik muss sich jeder die Frage stellen lassen, in wie weit der implizite Vorwurf, durch Beliebigkeit die Botschaft der Bibel zu verdrehen, zutreffend sei. Wenigstens darin ist die Mahnung der Fundamentalisten an die eigenen Überzeugungen wertvoll.
Irrtumslosigkeit?
Ohne Frage wurde der Bibel, sowohl im Judentum als auch im Christentum, ein Offenbarungscharakter zugeschrieben. Allerdings ist der Selbstanspruch nur sehr schwach ausgeprägt. So gibt es zwar in mehreren Büchern der Bibel Aussagen, dass es sich zumindest in einigen Aussagen explizit um Offenbarungen handelt, während weite Teile sich um geschichtliche Darstellungen, um Weisheitsliteratur, menschliche Reflektionen und Dichtung handelt. Diese wurden erst rückblickend durch die Kanonisierung in den Rang einer verbindlichen Glaubensgrundlage versetzt.
Im Gegensatz dazu ist der Selbstanspruch des Koran, ein göttliches Buch zu sein, das von Allah direkt stammt und durch den Engel Gabriel herabgesandt wurde. Der Koran nennt auch die Thora und das Evangelium als herabgesandte Bücher. Die Vermutung bleibt daher wohl begründet, dass das islamische Schriftverständnis dem christlichen Fundamentalismus Pate gestanden hat – was allerdings dessen Vertreter wohl kaum einräumen würden. Statt dessen werden eine Reihe von Schriftstellen als Kronzeuge dieser Haltung angesehen:
Nicht durch den Willen eines Menschen wurde jemals ein Prophetenwort hervorgebracht, sondern von heiligem Geist getragen, haben heilige Menschen Gottes gesprochen
2.Petrus 1,21
Es ist keine Spitzfindigkeit festzustellen, dass nur wenige Stellen in der Bibel klar als Prophetenworte identifiziert werden. Zudem wird vor falschen Propheten gewarnt und zur Prüfung aufgefordert. Nicht zuletzt sind die Deutungen der Prophetenworte keineswegs trivial. So haben alle Propheten, auch Jesus oft in Gleichnissen gesprochen, die offensichtlich interpretationsbedürftig sind. Was bedeutet dann die Attribuierung ‚irrtumslos‘ ?
Darum danken wir auch Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Wort Gottes, der in euch wirkt, die ihr glaubt.
1.Thessalonicher 2,13
Auch hieraus kann zwar ein Offenbarungsanspruch der Kernlehre hergeleitet werden, die aber keineswegs ohne weiteres für alle kanonisierte Schriften beansprucht wird. Selbiges gilt auch für:
16 Jesus antwortete ihnen und sprach: Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich aus mir selbst rede.
Johannes 7
Erkenntnistheoretisch ist dies bemerkenswert, denn Jesus rekurriert offensichtlich nicht auf ‚objektive‘ Beweise, sondern auf ein individuelles Gewahr Werden, dass an die Haltung des Menschen gebunden ist. Es kann kein Anspruch einer vollständigen irrtumsfreien Offenbarung aller kanonisierten Schriften daraus abgeleitet werden.
… dass du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die dich unterweisen können zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.
2.Timotheus 3,16
Dies wird als das stärkste Argument der Fundamentalisten vorgetragen, im Besonderen da es wörtlich heißt: gottgehaucht; griech. theopneustos. Offensichtlich ist aber der Bezugspunkt nicht so klar, denn es kann sich hierin nur um Schriften des alten Testaments halten. Eine Übertragung auf das kanonisierte NT ist bereits eine Interpretation, die keineswegs zwingend ist. Ebenso ist die Diktion auch so interpretierbar, dass nur diese Worte als gottgehaucht gelten, die ’nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit‘ sind. Wenn aber der funktionale Charakter der Schrift ausdrücklich genannt werden, so schließt es keineswegs aus, dass weite Passagen zu recht als Gleichnisse, nicht aber als exklusiv irrtumsfrei berichtete geschichtliche Ereignisse zu verstehen sind. Es wäre demnach eine Überinterpretation, diese Schriftstelle zum Kronzeugen zu erheben.
Warum also behaupten christliche Fundamentalisten dann die wörtliche Deutung, die sie für irrtumsfrei über jede Kritik stellen? Immerhin gilt auch dieses Diktum:
19 Den Geist löscht nicht aus! 20 Weissagungen verachtet nicht, 21 prüft aber alles, das Gute haltet fest! 22 Von aller Art des Bösen haltet euch fern!
1. Thessalonicher 5
Wenn unter Anderem von Genoziden und Hass die Rede ist, dann lässt sich dies im Kontext der Geschichte zwar verstehen, wird aber heute kaum anders als böse verstanden werden. Fundamentalisten deuten dieses Diktum so, dass die Bibel von der Prüfung ausgeschlossen sei, denn die Texte wurden ja bereits geprüft. Allerdings war bei der Kanonisierung und Textkritik nicht die inhaltliche Prüfung beinhaltet, sondern lediglich die möglichst unverfälschte Überlieferung unterschiedlicher Quellen.
Das Dogma von der Irrtumslosigkeit von allem, was sich zwischen den Buchdeckeln der Bibel befindet, ist somit weder hinreichend belegt, noch plausibel zu vertreten. Es entspricht viel mehr dem Wunsch, eine verlässliche Grundlage zu haben, die sich der Kritik erwehren kann. Also ein zutiefst menschliches Verlangen, dass aber nicht besonders dem Geist der Bibel entspricht.
Wer die Bibel als ernste Grundlage des Glaubens akzeptiert, kann nicht umhin zu erkennen, dass die Bibel in weiten Teilen nicht dem verständlichen Wunsch nach einer widerspruchsfreien Lehre entspricht, sondern einen dialektischen und bruchstückhaften Charakter aufweist.
Grundlegendes Schriftverständnis
Alternativ zum fundamentalistischen Verständnis der irrtumsfreien Bibel haben sich in der Theologie mehrere Ansätze herausgebildet. Im Besonderen ist die Historisch-Kritische-Methode in der Kontroverse zentral. Diese ist aber keineswegs leicht und eindeutig erklärbar. Es gibt sehr wohl mache Theologen, die einen wahren Offenbarungscharakter der Bibel methodisch ausschließen und alles aus dem historischen Kontext herleiten wollen. Aus Sicht des Gläubigen ist dies ein Kernangriff auf die Glaubensinhalte und darum die Reaktion der Fundamentalisten gut nachvollziehbar. Diese verstehen Gott als überzeitlich und darum als unwandelbar. Die Bibel hat darum nur in geringem Maße einen bedeutsamen Wandel dokumentiert.
Andere Theologen sehen den historisch-kritischen Ansatz keineswegs als Ersatz für die Offenbarung Gottes, sondern als Verständnishilfe für die Bedeutung der Offenbarung. Diese lehnen darum den fundamentalistischen Ansatz mit guten Gründen ab. Hier passt auch eher der Begriff der fortschreitenden Offenbarung. So konnten die Menschen vor Mose noch nichts von den 10 Geboten wissen und alle Menschen vor Jesus noch nichts vom Evangelium … es gab lediglich Prophetien, die nachvollziehbar auf Jesus hin deuten. Die Funktionen des AT und des Gesetzes wird dann auch entsprechend als Zuchtmeister auf Christus hin verstanden. Darum ist die Bibel keineswegs ein rein göttliches Dokument, sondern ein Zeugnis der Menschen, die einerseits einer fortschreitenden Offenbarung zuteil wurden, andererseits aber vielen Irrtümern über das Wesen und den Willen Gottes anheim fielen. Mit der späteren Offenbarung wurde keineswegs das vorangegangene vollständig aufgehoben, sondern verfeinert und auf die Essenz konzentriert.
Die Bibel, im Besonderen das NT, hat einen stark ausgeprägten dialektischen Charakter. In vielen Themenbereichen wird die Spannung aus scheinbaren Gegensätzen immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. So die Frage des Heils: Einerseits ist es ausschließlich die rettende Gnade Gottes, die den Menschen über den natürlichen Zyklus aus Werden und Vergehen herauslöst. Andererseits gibt es einen starken ethischen Impuls, der darin gipfelt: ‚Schafft euer Heil mit Furcht und Zittern‚ (Philipper 2,12).
Aber auch viele andere Grundfragen werden dialektisch behandelt, so unter Anderem die Frage nach der Willensfreiheit, oder ob der völlige Gewaltverzicht christliches Gebot sei.
So gibt es einige fundamentalistische Gruppierungen, die einen absoluten Gewaltverzicht für ein christliches Gebot halten, u.a. die Amish und Hutterer. Andere sehen die Wehrhaftigkeit als christliches Gebot – vor allem für Schutzbefohlene, z.B. Tobias Riemenschneider. Viele Fragen des Glaubens können nur angerissen werden: So ist die Öffnung für die Wirksamkeit des Heiligen Geistes (Charismatik), oder die Betonung der Ordnung und Disziplin als Funktion des Geistes oft ein Streitpunkt.
Entsprechend ist der gleichnishafte Charakter vieler Bibelstellen alles andere als eindeutig, sondern bleibt unscharf. Für Viele ist dies eine Schwäche der christlichen Lehre, dass auch Gläubige mit fundamentalistischer Gesinnung zum Teil zu entgegengesetzten Deutungen kommen. Andere verstehen in dem dialektischen Charakter der Bibel – wenngleich auch unbequem – letztlich eine Stärke, die sowohl das Ringen um das gute Verständnis des Glaubens lebendig hielt und die Lehre nie erstarren ließ, als auch die Entwicklung der christlich geprägten Gesellschaften befeuerte. Kernpunkt jeder christlichen Lehre ist allerdings Jesus Christus, so wie er auch im apostolischen Glaubensbekenntnis zusammengefasst wird – und das Doppelgebot der Liebe. Darin sollten sich alle Christen, auch wenn sie in vielen Lehrmeinungen uneins sind, zusammenfinden.
In diesem Sinn kann man den fundamentalistischen Ansatz zurück weisen, sollte sich aber durch das Anliegen der Demut vor einer Beliebigkeit warnen lassen. Auch darin ist ein dialektischer Charakter erkennbar. Wenn Fundamentalisten zur unzulässigen Vereinfachung, Rechthaberei und erzwungenen Harmonisierung neigen, so bleibt doch die Beliebigkeit und Unverbindlichkeit, Hybris und fehlende Demut die Gefahren der Fundamentalismusgegner.
