Christlicher Fundamentalismus

Es ist wohlfeil, über dem ‚Fundamentalismus‘ die Nase zu rümpfen und deren Vertreter als naive Ideologen scharf zurück zu weisen. Dabei war der Fundamentalismus als christliche Reformbewegung zunächst positiv konnotiert. Auch Grüne hatten anfangs keine Probleme, die Fraktion derer, denen die Grundlagen zentral blieben, als ‚Fundis‘ zu bezeichnen. Dennoch kann man trotz einer inhaltliche Kritik auch zu einem respektvollem Dialog kommen. Hier soll beides versucht werden, der Glanz und Elend des christlichen Fundamentalismus diskutiert werden. Als einer der markantesten Vertreter des christlichen Fundamentalismus wird Tobias Riemenschneider angesehen, der konsequent den christlichen Glauben umsetzen will.

Doch zunächst zur Begriffsklärung …

Definition und Geschichte

Der Duden definiert Fundamentalismus knapp:

  1. geistige Haltung, Anschauung, die durch kompromissloses Festhalten an [ideologischen, religiösen] Grundsätzen gekennzeichnet ist [und das politische Handeln bestimmt]
  2. streng bibelgläubige Richtung des amerikanischen Protestantismus
https://www.duden.de/rechtschreibung/Fundamentalismus

In der öffentlichen Wahrnehmung wird allerdings zumeist der Fundamentalismus mit dem gewalttätigen Islamismus assoziiert, die dann wieder rückwärts übertragen auch dem christlichen Fundamentalismus eine gefährliche Gewalttätigkeit unterstellt. Dies kommt im Politlexikon des bpd eher zum Ausdruck:

Bezeichnung für das Beharren auf festen politischen und v. a. religiösen Grundsätzen, i. d. R. auf der Basis einer buchstäblichen Interpretation göttlicher Überlieferungen (z. B. Bibel, Koran).

So formierten sich etwa zum Ende des 19. Jhs. in den USA (Vereinigte Staaten von Amerika) starke protestantische Bewegungen, die die Heilige Schrift unmittelbar als Gottes Wort ansehen (heute noch von politischer Bedeutung).

Der islamische F. fordert die wörtliche Befolgung der Vorschriften des Korans. Fundamentalistisch verstandene Religionen und daraus entspringende soziale Bewegungen betrachten ihre Überzeugungen und Vorstellungen als umfassende, absolute Lösung für alle (politischen, wirtschaftlichen und sozialen) Lebensfragen. Der F. birgt somit immer die Gefahr eines religiösen oder politischen Fanatismus in sich.

Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 7., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz 2020. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Siehe dazu den Beitrag von Tobias Riemenschneider

Tatsächlich stammt der Begriff – wie Wikipedia erklärt (wenn auch gefärbt) – aus einer christlichen Reformbewegung:

Die Bezeichnung Fundamentalismus wurde erstmals im Zusammenhang mit einer von Reuben Archer Torrey herausgegebenen Schriftenreihe The Fundamentals. A Testimony to the Truth[5] verwendet. Diese Schriftreihe wendete sich gegen liberale Theologie und insbesondere die historisch-kritische Methode. Zu den Autoren gehörten namhafte konservative Theologen wie Benjamin Breckinridge Warfield. Die fünf wesentlichen Punkte ihrer Haltung wurden 1910 von der Generalkonferenz der presbyterianischen Kirche zusammengefasst:[6]

Die in den Fundamentals vertretene Haltung genügt nicht, um den christlichen Fundamentalismus trennscharf zu definieren. Von anderen Strömungen unterscheidet sich der christliche Fundamentalismus durch eine biblizistische Auslegung der Bibel, die so eng mit dem Heilsglauben verbunden ist, dass andersdenkenden Christen ihr Christsein abgesprochen wird.

https://de.wikipedia.org/wiki/Fundamentalismus#Begriff

Bis auf den ersten Punkt entsprechen die Punkte dem apostolischen Glaubensbekenntnis, dass von nahezu allen christlichen Kirchen zumindest nominal Grundlage sein soll.

Wikipedia unterschlägt den Reformgedanken, denn jeder Reformer, im Besonderen Martin Luther, hatte einen ähnlichen Ansatz: Die Kirche oder weite Teile davon irren vom Evangelium, der Botschaft von der Errettung durch Jesus Christus, ab und lehren ein anderes Evangelium. Bei Luther waren es die vierfachen ‚Sola …‘ – Im Besonderen ‚Sola scriptura‘. Torrey sah in der modernen Theologie seiner Zeit eine ähnliche Bedrohung des christlichen Glaubens, wie Luther ihn in der Lehre der römisch-katholischen Kirche seiner Zeit sah.

Motiv und Kerngedanke ist hier die Abwehr einer Beliebigkeit, mit der die Bibel nach den eigenen Wünschen umgedeutet und verdreht würde. So wird von nicht wenigen modernen Theologen und ‚Gläubigen‘ der Offenbarungscharakter der Bibel bestritten. Was aber macht dann das Evangelium noch aus? Worin besteht noch eine normative Kraft und ein klar erkennbarer Glaubensinhalt?

Dieser Ernst, die Bibel als verbindliche Grundlage zu respektieren, ist ein Zeichen der Demut, sein eigenes Denken eben nicht als die letzte Instanz der Erkenntnis zu halten. Fraglos ist es ein respektabler Wunsch, sich Gott unterzuordnen und sein Superiorität anzuerkennen. Bei aller berechtigter Kritik muss sich jeder die Frage stellen lassen, in wie weit der implizite Vorwurf, durch Beliebigkeit die Botschaft der Bibel zu verdrehen, zutreffend sei. Wenigstens darin ist die Mahnung der Fundamentalisten an die eigenen Überzeugungen wertvoll.

Irrtumslosigkeit?

Ohne Frage wurde der Bibel, sowohl im Judentum als auch im Christentum, ein Offenbarungscharakter zugeschrieben. Allerdings ist der Selbstanspruch nur sehr schwach ausgeprägt. So gibt es zwar in mehreren Büchern der Bibel Aussagen, dass es sich zumindest in einigen Aussagen explizit um Offenbarungen handelt, während weite Teile sich um geschichtliche Darstellungen, um Weisheitsliteratur, menschliche Reflektionen und Dichtung handelt. Diese wurden erst rückblickend durch die Kanonisierung in den Rang einer verbindlichen Glaubensgrundlage versetzt.

Im Gegensatz dazu ist der Selbstanspruch des Koran, ein göttliches Buch zu sein, das von Allah direkt stammt und durch den Engel Gabriel herabgesandt wurde. Der Koran nennt auch die Tora und das Evangelium als herabgesandte Bücher. Der Islam ist bereits von der Grundlage her ‚fundamentalistisch‘, denn jede Kritik am Korantext und Zweifel an seiner Göttlichkeit steht ausdrücklich im Gegensatz zu seiner Selbstaussage. Für die Bibel trifft das so aber nicht zu.

Die Vermutung bleibt daher wohl begründet, dass das islamische Schriftverständnis dem christlichen Fundamentalismus Pate gestanden hat – was allerdings dessen Vertreter wohl kaum einräumen würden. Statt dessen werden eine Reihe von Schriftstellen als Kronzeuge dieser Haltung angesehen:

Nicht durch den Willen eines Menschen wurde jemals ein Prophetenwort hervorgebracht, sondern von heiligem Geist getragen, haben heilige Menschen Gottes gesprochen

2.Petrus 1,21

Es ist keine Spitzfindigkeit festzustellen, dass nur wenige Stellen in der Bibel klar als Prophetenworte identifiziert werden. Zudem wird vor falschen Propheten gewarnt und zur Prüfung aufgefordert. Nicht zuletzt sind die Deutungen der Prophetenworte keineswegs trivial. So haben alle Propheten, auch Jesus, oft in Gleichnissen gesprochen, die offensichtlich interpretationsbedürftig sind. Was bedeutet dann die Attribuierung ‚irrtumslos‘ ?

Darum danken wir auch Gott ohne Unterlass dafür, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Wort Gottes, der in euch wirkt, die ihr glaubt.

1.Thessalonicher 2,13

Auch hieraus kann zwar ein Offenbarungsanspruch der Kernlehre hergeleitet werden, die aber keineswegs ohne weiteres für alle Schriften des Paulus, oder gar alle kanonisierte Schriften beansprucht wird. Selbiges gilt auch für:

16 Jesus antwortete ihnen und sprach: Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich aus mir selbst rede. 

Johannes 7

Erkenntnistheoretisch ist dies bemerkenswert, denn Jesus rekurriert offensichtlich nicht auf ‚objektive‘ Beweise, sondern auf ein individuelles Gewahr-Werden, dass an die Haltung des Menschen gebunden ist. Es kann kein Anspruch einer vollständigen irrtumsfreien Offenbarung aller kanonisierten Schriften daraus abgeleitet werden.

… dass du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die dich unterweisen können zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt. 

2.Timotheus 3,16

Dies wird als das stärkste Argument der Fundamentalisten vorgetragen, im Besonderen da es wörtlich heißt: gottgehaucht; griech. theopneustos. Offensichtlich ist aber der Bezugspunkt nicht so klar, denn es kann sich hierin nur um Schriften des alten Testaments halten. Eine Übertragung auf das kanonisierte NT ist bereits eine Interpretation, die keineswegs zwingend ist. Ebenso ist die Diktion auch so interpretierbar, dass nur diese Worte als gottgehaucht gelten, die ’nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit‘ sind. Wenn aber der funktionale Charakter der Schrift ausdrücklich genannt werden, so schließt es keineswegs aus, dass weite Passagen zu recht als Gleichnisse, nicht aber als exklusiv irrtumsfrei berichtete geschichtliche Ereignisse zu verstehen sind. Es wäre demnach eine Überinterpretation, diese Schriftstelle zum Kronzeugen zu erheben.

Warum also behaupten christliche Fundamentalisten dann die wörtliche Deutung, die sie für irrtumsfrei über jede Kritik stellen? Immerhin gilt auch dieses Diktum:

19 Den Geist löscht nicht aus! 20 Weissagungen verachtet nicht, 21 prüft aber alles, das Gute haltet fest! 22 Von aller Art des Bösen haltet euch fern! 

1. Thessalonicher 5

Wenn unter Anderem von Genoziden und Hass im AT die Rede ist, dann lässt sich dies im Kontext der Geschichte zwar verstehen, wird aber heute kaum anders als böse verstanden werden. Fundamentalisten deuten dieses Diktum so, dass die Bibel von der Prüfung ausgeschlossen sei, denn die Texte wurden ja bereits geprüft. Allerdings war bei der Kanonisierung und Textkritik nicht die inhaltliche Prüfung beinhaltet, sondern lediglich die möglichst unverfälschte Überlieferung unterschiedlicher Quellen.

Das Dogma von der Irrtumslosigkeit von allem, was sich zwischen den Buchdeckeln der Bibel befindet, ist somit weder hinreichend belegt, noch plausibel zu vertreten. Es entspricht viel mehr dem Wunsch, eine verlässliche Grundlage zu haben, die sich der Kritik erwehren kann. Also ein zutiefst menschliches Verlangen, dass aber nicht besonders dem Geist der Bibel entspricht.

Wer die Bibel als ernste Grundlage des Glaubens akzeptiert, kann nicht umhin zu erkennen, dass die Bibel in weiten Teilen nicht dem verständlichen Wunsch nach einer widerspruchsfreien Lehre entspricht, sondern einen dialektischen und bruchstückhaften Charakter aufweist. Wenn man ferner davon ausgeht, das sich Gott in der Bibel offenbart hat, zugleich aber allwissend und allmächtig ist, so wird er Form und Inhalt der Bibel als gottgewollt verstehen. Dann aber sind die Unschärfen, (scheinbarer) Widersprüche und der Mangel an systematischer Vollständigkeit kein bedauerlicher Zufall, sondern beinhalten auch in dieser menschlichen Form den Willen Gottes. Die Alternative, nämlich dass die Bibel unbeabsichtigt mangelbehaftet sei, würde dann im Widerspruch zur unterstellten Allmacht und dem Offenbarungswillen Gottes stehen. Zugleich aber ist der Mensch vernunftbegabt, dass er über die Bibel auch krietisch nachdenken kann.

Grundlegendes Schriftverständnis

Alternativ zum fundamentalistischen Verständnis der irrtumsfreien Bibel haben sich in der Theologie mehrere Ansätze herausgebildet. Im Besonderen ist die Historisch-Kritische-Methode in der Kontroverse zentral. Diese ist aber keineswegs leicht und eindeutig erklärbar. Es gibt sehr wohl mache Theologen, die einen wahren Offenbarungscharakter der Bibel methodisch ausschließen und alles aus dem historischen Kontext herleiten wollen. Aus Sicht des Gläubigen ist dies ein Kernangriff auf die Glaubensinhalte und darum die Reaktion der Fundamentalisten gut nachvollziehbar. Diese verstehen Gott als überzeitlich und darum als unwandelbar. Die Bibel hat darum nur in geringem Maße einen bedeutsamen Wandel im Wesen Gottes dokumentiert – denn Gott ist grundsätzlich unwandelbar.

Andere Theologen sehen den historisch-kritischen Ansatz keineswegs als Ersatz für die Offenbarung Gottes, sondern als Verständnishilfe für die Bedeutung der Offenbarung. Diese lehnen darum den fundamentalistischen Ansatz mit guten Gründen ab. Hier passt auch eher der Begriff der fortschreitenden Offenbarung. So konnten die Menschen vor Mose noch nichts von den 10 Geboten wissen und alle Menschen vor Jesus noch nichts vom Evangelium … es gab lediglich Prophetien, die nachvollziehbar auf Jesus hin deuten. Die Funktionen des AT und des Gesetzes wird dann auch entsprechend als ‚Zuchtmeister (oder Erzieher) auf Christus hin‘ (Galater 3,24) verstanden. Darum ist die Bibel keineswegs ein rein göttliches Dokument, sondern ein Zeugnis der Menschen, die einerseits einer fortschreitenden Offenbarung zuteil wurden, andererseits aber vielen Irrtümern über das Wesen und den Willen Gottes anheim fielen. Wieso sollten die Autoren der Bibel vor Irrtum gefeit sein, während alle nicht-kanonisierten Schriften irren können? Mit der späteren Offenbarung wurde keineswegs das vorangegangene vollständig aufgehoben, sondern verfeinert und auf die Essenz konzentriert.

So können grob drei Grundeinstellungen zum Schriftverständnis unterschieden werden:

  1. Fundamentalismus: Wörtliche Bedeutung einer irrtumsfreien Offenbarung
  2. Gläubige Hermeneutik: Gottes Wort (Offenbarung) findet sich in gebrochener Form im Menschenwort. Der Offenbarungscharakter eines transzendenten Gottes bleibt Grundlage.
  3. Soziopsychologische Deutung: Der Bibeltext wird ausschließlich als Menschenwort verstanden und hat darum auch keine Verbindlichkeit. Der Mensch erschafft sich ein Gottesbild.

Die Bibel, im Besonderen das NT, hat einen stark ausgeprägten dialektischen Charakter. In vielen Themenbereichen wird die Spannung aus scheinbaren Gegensätzen immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. So die Frage des Heils: Einerseits ist es ausschließlich die rettende Gnade Gottes, die den Menschen über den natürlichen Zyklus aus Werden und Vergehen herauslöst. Andererseits gibt es einen starken ethischen Impuls, der darin gipfelt: ‚Schafft euer Heil mit Furcht und Zittern‚ (Philipper 2,12).

Aber auch viele andere Grundfragen werden dialektisch behandelt, so unter Anderem die Frage nach der Willensfreiheit, oder ob der völlige Gewaltverzicht christliches Gebot sei.

So gibt es einige fundamentalistische Gruppierungen, die einen absoluten Gewaltverzicht für ein christliches Gebot halten, u.a. die Amish und Hutterer. Andere sehen die Wehrhaftigkeit als christliches Gebot – vor allem für Schutzbefohlene, z.B. Tobias Riemenschneider. Viele Fragen des Glaubens können nur angerissen werden: So ist die Öffnung für die Wirksamkeit des Heiligen Geistes (Charismatik), oder die Betonung der Ordnung und Disziplin als Funktion des Geistes oft ein Streitpunkt.

Entsprechend ist der gleichnishafte Charakter vieler Bibelstellen alles andere als eindeutig, sondern bleibt unscharf. Gerade bei frühgeschichtlichen Erzählungen bleibt unklar, ob diese als Gleichnisgeschichten zu deuten sind oder echte historischen Anspruch haben. Für Viele ist dies eine Schwäche der christlichen Lehre, dass auch Gläubige mit fundamentalistischer Gesinnung zum Teil zu entgegengesetzten Deutungen kommen. Andere verstehen in dem dialektischen Charakter der Bibel – wenngleich auch unbequem – letztlich eine Stärke, die sowohl das Ringen um das gute Verständnis des Glaubens lebendig hielt und die Lehre nie erstarren ließ, als auch die Entwicklung der christlich geprägten Gesellschaften befeuerte. Kernpunkt jeder christlichen Lehre ist allerdings Jesus Christus, so wie sie im apostolischen Glaubensbekenntnis zusammengefasst wird – und dem Doppelgebot der Liebe. Darin sollten sich alle Christen, auch wenn sie in vielen Lehrmeinungen uneins sind, in Liebe zusammenfinden.

In diesem Sinn kann man den fundamentalistischen Ansatz zurück weisen, sollte sich aber durch das Anliegen der Demut vor einer Beliebigkeit warnen lassen. Auch darin ist ein dialektischer Charakter erkennbar. Wenn Fundamentalisten zur unzulässigen Vereinfachung, Rechthaberei und erzwungenen Harmonisierung neigen, so bleiben doch die Beliebigkeit und Unverbindlichkeit, Hybris und fehlende Demut die Gefahren der Fundamentalismusgegner.

Intention und Mitteilungsabsicht

Die Theologie, die von der Realität Gottes und seiner Offenbarung ausgeht, fragt aufgrund von Inhalt und Form der Bibel nach Gottes Wesen und Absicht. Warum will sich Gott offenbaren? Was gibt er über sein Wesen preis?

Zum Einen sind die Erfahrung der Gottesbegegnung hier wegweisend, zum Anderen die Vernunft, die ebenso als Gabe Gottes hier der Erkenntnis beiträgt … zugleich aber keinen untrüglichen Schlüssel liefert. Denn auch für Paulus bleibt jede Erkenntnis Stückwerk (1.Korinther 13,9), ob sie nun auf die eine oder andere Weise gewonnen wird. Beides – die Erfahrung der Gottesbegegnung, als auch der gedanklichen Reflektion – findet sich in der Bibel. Und dies ergibt kein homogenes Bild.

Folglich muss der Gottsucher davon ausgehen, dass es in der Absicht Gottes liegt, keine einfache und beweisbare Lehre zu vermitteln, sondern eine lebendige Beziehung zu den Menschen zu propagieren, die zwar engagiert die existenzielle Hinwendung fordert, aber einer gedanklichen Verfügbarkeit eines Gottesbildes wehrt. Die Bibel lässt kein orthodoxes Lehrgebäude zu, die Gott in ein bestimmtes Verständnis presst, und damit gedanklich verfügbar machen kann. Zugleich aber gibt der Gott der Bibel feste Zusagen und schließt einen Bund mit den Menschen, der ihn als verlässlich vorstellt.

Das Muster der Gottesbegegnung liegt im lebendigen Glauben unter Vorbehalt, der doch alles wagt, auch wenn er keine Garantien außer der Zusage Gottes kennt. Dies findet sich im Inhalt als auch der Form der Bibel. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass genau das die Absicht Gottes ist. Denn die Reflektion über das Wesen Gottes zeigt, dass Gott sich nicht mit unseren Vorstellungen einfangen lässt.

Wenn Gott als Schöpfer aller Dinge auch die Zeit mit dem Universum schuf, so steht dieser notwendig außerhalb der Zeit und ist dem Zeitlauf nicht unterworfen. Somit ist die in der Bibel auch häufig gemachte Aussage, dass Gott unwandelbar bleibt, stringent nachvollziehbar. Andererseits dokumentiert die Bibel aber eine fortschreitende Offenbarung, die im Zeitlauf nicht vollständig sein kann. Es finden sich immer wieder Aussagen, die Gott als zu groß beschreiben, dass wir Menschen ihn völlig verstehen können. Das aber erschwert die Begegnung, denn wie soll man diesem überwältigenden Gott erfahren können, der unsere Vorstellungskraft bei weitem übersteigt? Ein Beispiel liefert Moses Begegnung am brennenden Dornbusch.

Andererseits wird aber auch von Gott berichtet, den es reute, Menschen gemacht zu haben und der das Gericht an ihnen z.B. in der Sintflutgeschichte vollzog. Es wird häufig vom Zorn Gottes berichtet … wie aber passt dies zu einem Gott, der jenseits des Zeitlaufes allwissend die Liebe ist? Die Theologie nennt dazu das Wort ‚Anthropomorphismus‘, also dass Gott in der Gestalt und Wesen eines Menschen gesehen wird. Dies ist auch nach dem biblischen Zeugnis grundsätzlich möglich, denn Gott hat den Menschen nach seinem Bild erschaffen und wurde schließlich in Jesus Christus ganz Mensch. Diese Spannung erscheint kaum überwindbar. Einerseits ein unfassbares Wesen, für das keine menschliche Vorstellung angemessen sein kann, andererseits eine menschenähnlicher Gott, der auch menschliche Gefühle aufweist.

Ein Deutungsansatz ist die Entdeckung des Gleichnisses, die bestimmte Befindlichkeiten im Bild erklärt. Das Bild ist darum nicht mit der Realität zu verwechseln, sondern bringt bestimmte Aspekte nahe, die sich durch formale Beschreibungen nicht mehr erfassen lässt. Die Gefahr jedes Gleichnisses und Bildes bleibt, dass man dieses als ultimativen Ausdruck der Realität erachtet über die Grenzen der Mitteilungsabsicht hinweg. So kann man die Darstellung des Schöpfergottes in der Sixtinischen Kapelle zugleich für angemessen und für unzutreffend halten.

Der Gott des Zorns und der Rache sind offensichtlich anthropomorphe Bilder, die eine begrenzte Bedeutung haben können, denn sie können das Wesen Gottes als unwandelbares Wesen von unfassbarer Größe nicht hinreichend beschreiben. Worin liegt dann die Aussage dieser Bilder? Dies muss im jeweiligen Einzelfall erforscht werden. Offen bleibt, ob diese Bilder auch stets zutreffend sind und in wie weit sich menschliche Irrtümer einschleichen, die die Grenze zwischen Vorstellung und Realität verwischen.

Fundamentalisten haben den verständlichen Wunsch, eine verlässliche Grundlage ihres Glaubens festzuschreiben und sehen dies in der Bibel … ungeachtet der Probleme, die sich aus der realen Gestalt und dem Inhalt der Bibel daraus ergeben. Sie meinen darum, dass die Bibel irrtumsfrei sein müsse. Tatsächlich müssen auch Grundlagen verlässlich sein, denn das ganze Leben eines Menschen hängt davon ab, ob er sich auf das Wagnis des Glaubens einlässt. Aber schließt das auch alle nebensächlichen Aussagen und Gleichnisse mit ein, die nach alternativer Auffassung als menschliche Erkenntnis unter dem Irrtumsvorbehalt stehen?

Bedeutung für das Gottesbild

Wir halten fest: Sowohl jene, die dem christlichen Fundamentalismus anhängen, als auch jene, die dies nicht für einen angemessenen Deutungsschlüssel halten, können in den Kernpunkten des christlichen Glaubens und darüber hinaus in vielen Punkten durchaus eins sein. Aber die Unterschiede zeigen sich in verschiedenen Punkten des Bibelverständnisses und damit des Gottesbildes – und auch der Ethik. Wohl heißt es, dass sich der Mensch kein Bildnis von Gott machen solle, und damit war zunächst die Götzenverehrung gemeint. Natürliche bleibt es unumgänglich, dass sich Menschen irgend eine Vorstellung von Gott machen, denn sonst könnten sie ihm nicht begegnen. Allerdings mahnt das Bildnisverbot vor einer Gleichsetzung der Vorstellung mit dem realen Gott. Es handelt sich also um einen erkenntnistheoretischen und theologischen Vorbehalt. Jede Aussauge, die Gott Seinsqualitäten oder Attribute zuweist, wäre demnach bereits Gegenstand des Bildnisverbotes.

Fundamentalisten negieren diese Betrachtung, in dem sie die Bibel als Offenbarungstext, nicht als menschengemachtes Bildnis verstehen. Darum wäre es gerade eher ein Verstoß gegen das Bildnisverbot, wenn man diverse Vorstellungen von Gott, die sich aus dem Bibeltext herleiten, als bloßes und funktional begrenztes Gleichnis ansähe. Fundamentalisten meinen, dass die Deutung des Bibeltextes hinreichend objektiv sein könne, dass nicht die Vorstellung und Deutung eben die Qualität bestimmt, sondern treulich auf den Bibeltext auf seine literalen Aussage zurück zu führen ist.

Gläubige Nicht-Fundamentalisten sehen in der Bibel vor allem menschliche Texte, die aus der Offenbarung Gottes entstanden und im Kontext der Zeit und Umstände zu verstehen sind … und der Mitteilungsabsicht Gottes in diesem Kontext. Offenbarung in der Bildsprache der Gleichnisse dürfte dann nicht mit literaler Deutung verwechselt werden. Die Vorstellungen von Gott sind dann eher mit jenen Erkenntnissen zu beschreiben, die Paulus in 1. Korinther 13 als Stückwerk und vorläufig beschreibt. Offenbarung richtet sich jeweils an Menschen, die mit der Gabe des Verstandes und des Vorwissens ausgestattet sind. Aber dieser Verstand und das Vorwissen sind über den Zeitlauf der Geschichte und Kulturen nicht völlig gleich. Unterstellt man Gott, dass Gott nicht nur dem konkreten Menschen, an den die Offenbarung ergeht oder die konkrete Zielgruppe, eine Botschaft vermittelt, sondern der Offenbaung Gottes universelle Bedeutung über die Zeiten und Kulturen beimisst. So bedarf es der Deutung, die dies berücksichtigt. Auslegungsschlüssel ist dann die Gesamtsicht der Bibel, die scheinbare Widersprüche aufzulösen versucht. Natürlich will auch dieser Deutungsansatz nicht der Beliebigkeit anheim fallen und der Intention Gottes untreu werden, aber dies bleibt eine Gratwanderung.

Im Folgenden werde ich eine Predigt von Tobias Riemenschneider ‚Der Jesus, den dir die Kirche verschweigt‚ detailliert unter diesen Gesichtspunkten diskutieren. Riemenschneider bekennt sich zum Fundamentalismus, wohl wissend, dass dieser Begriff heute negativ konnotiert wird. Ihm geht es um eine konsequente Umsetzung der Botschaft Gottes, die sich nicht auf eine tote Orthodoxie beschränkt, sondern die Botschaft als leidenschaftliche Grundlage der Liebe versteht.

Diskussion am Beispiel

Riemenschneider eröffnet die Predigt mit

1 Gott der Rache[1], HERR, Gott der Rache[2], strahle hervor! 2 Erhebe dich, Richter der Erde, vergilt den Hochmütigen ihr Tun!

Psalm 94

Damit will er ein weichgespültes Gottesbild eines ‚lieben‘ Gottes zurück weisen und Jesus in der Identität mit eben jenem Gott eine klare Aussage setzen. Erklärungsbedürftig ist aber der Begriff der Rache, denn er hat einen Bedeutungswandel erfahren, was Riemenschneider nicht nennt. Heute wird Rache als ungesetzliche Vergeltung mit einem Akt der Willkür verstanden. Aber in der biblischen Bedeutung ist Rache die Vergeltung als Wiederherstellung des Rechts, die Ausdruck jener Gerechtigkeit gilt, die von Gott her bestimmt ist – also nahezu das Gegenteil von jener Willkür, die man heute gemeinhin damit versteht.

Seht ihr, das Christentum im Westen hat ein Problem, denn viele Christen haben ein falsches Bild von Gott, haben ein falsches Bild von Jesus Christus und darum darum fehlt ihnen Gottesfurcht, Mannhaftigkeit, Stärke.

Darum ist das westliche Christentum so verweichlicht, so erbärmlich, so schwach und wird zum Fraß des linken Progressivismus und des Islam. Das Problem ist besonders ausgeprägt im Protestantismus.

Tobias Riemenschneider ‚Der Jesus, den dir die Kirche verschweigt‚ – ab 1:12

Auch wenn das kämpferisch wirkt, sollten Christen jeder Couleur diese Mahnung ernst nehmen. Die Differenzen liegen an anderer Stelle. Riemenschneider ergeht sich in einer Polemik, die er als Replik auf Vorwürfe gegen Ihn als vorgeblichen Irrlehrer vorträgt. Er setzt den Glauben als einer Verbalinspiration der Bibel als normativ … was zum Problem werden kann. Denn natürlich kann er der Verbalinspiration anhängen, aber zu bestreiten, dass es auch andere gut begründete Ansichten gläubiger Christen geben kann, birgt unnötiges Konfliktpotential.

Und viele junge Männer und Frauen verlassen deshalb das Christentum insgesamt und konvertieren zum Islam, denn der verspricht Männlichkeit und Stärke durch Gruppenzugehörigkeit, durch einen klaren Unterwerfungs- und Herrschaftsanspruch.

ebd. ab 8:45

Laut Riemenschneider ist das falsche Gottesbild für den Missstand der Kirchen verantwortlich, die darum ihrem Auftrag nicht entsprechen. Das Argument wirkt zwar holzschnittartig, hat aber durchaus eine gewisse Berechtigung. Ist nicht aber in der Liebe, die sich durchaus gewaltlos zeigt, eine Stärke, die – je nach Situation – sich als überlegen erweisen kann?

Man kann die Frage nach der Wehrhaftigkeit Riemenschneider zustimmen oder ihm widersprechen. Beides ist in der christlichen Tradition – auch der fundamentalistischen – zu finden und zu rechtfertigen. Aber es dürfte kaum hinreichend sein, daran eine große Kritik der Kirchen alleine festzumachen, zumal auch die Kirchen keine homogene Lehre vertreten. Allerdings trifft Riemenschneiders Vorwurf weite Teile der kirchlichen Lehren zu. Aber auch Pfarrer wie Olaf Latzel verstehen sich als Teil der Kirche, der allerdings ähnlich wie Riemenschneider predigt.

Die Schwäche der christlichen Kirche beginnt mit einem falschen Bild von Gott, als einem stets sanften, einem allliebenden, einem all vergebenden, einem harmlosen Großvater, der auf der Straße steht und bittet: „Bitte, bitte gib mir doch eine Chance. Probier mich doch mal aus.“

ebd. ab 11:28

Riemenschneider überzeichnet, trifft aber den Kern heutiger christlicher Erzählungen, die in der Tat häufig einen derartigen Eindruck von Gott vermittelt.

Gott ist nicht all liebend. Gott liebt nicht alle Menschen. Gott ist nicht allvergebend. Er vergibt nicht allen Menschen. Er liebt die seinen. Er vergibt den Seinen. Und er ist nicht einfach nur ein sanfter und auf gar keinen Fall ein harmloser Gott.

ebd. ab 11:57

Hier wird es problematisch, denn es gibt sehr viele Stellen, die genau Gott als die allumfassende Liebe vorstellen. Gott ist mit der Liebe identisch. Aber diese Stellen sind erklärungsbedürftig und können nicht ignorieren, dass es auch jene Stellen gibt, auf die sich Riemenschneider bezieht.

Fundamentalistische Bibelauslegung hat das Problem, dass sie versucht, alle Stellen zu harmonisieren und kontextuelle Aussagen eben nicht einordnet. Das schlägt dann fehl, denn manche Aussagen der Bibel sind nicht trivial harmonisierbar. Dennoch ist ein direkter Widerspruch zu biblischen Aussagen mehr als fragwürdig – gerade von Fundamentalisten.

So ist die Lehre, das Gott die Liebe ist, ein zentraler Deutungsschlüssel:

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.

1. Johannes 4,16

In diesem Sinn schreibt auch Paulus:

1 Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, 2 für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. 3 Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; 4 er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. 5 Denn: Einer ist Gott, / Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: / der Mensch Christus Jesus,[1] 6 der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle,

1. Timotheus 2,4

Riemenschneider ist aber dann verständlich, wenn er mit seinem Wort von der Liebe ein gefühlsduselige und harmlose Süßlichkeit meint, die es in der Realität offensichtlich nicht gibt. Aus dem Gesamtzeugnis der Bibel ergibt sich eher, dass der Begriff der göttlichen Liebe verstanden werden will:
Die Liebe, die den Menschen in Freiheit und Verantwortung entlässt, ihn bejaht und ihn zurecht weisen will, die rettet, Konsequenzen zeigt, die innige Beziehung sucht und den Menschen respektiert, auch wenn er Gott zurück weist … dann aber weist dieser auch die göttliche Rettung zurück und bleibt in der Konsequenz seines bösen Tuns … und Gott erscheint als unerbittlicher Richter. Denn auch die Gerechtigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Woher sonst kommt der Durst nach Gerechtigkeit, wenn nicht aus Gott? In diesem Sinn ist Gott sehr wohl die allumfassende Liebe.

Riemenschneider adressiert hier aber nicht das falsche Verständnis der Liebe, sondern kritisiert die einseitig verkürzte Darstellung von Gott und Jesus.

Seht ja, mit Jesus kommen diese Christen gut zurecht, denn er ist ja sanftmütig und demütig. Er verurteilt niemand. Er ist Pazifist. Steckt ein Schwert an seinen Platz. Halt die andere Wange hin …
… mit dem Gott des Alten Testaments. Ja, mit dem können sie weniger anfangen. Der ist zu hart. Der ist der ist nicht liebevoll. Der ist ein Kriegstreiber. Gott sei Dank haben wir das Neue Testament. Gott sei Dank haben wir Jesus.

Das Problem ist … wisst ihr, eine Zeit lang dachte ich, das Problem sei, diese Menschen verstehen nicht, wer der Gott des Alten Testaments ist, bis ich verstanden habe, diese Menschen verstehen nicht, wer der Gott des Neuen Testaments ist. Sie verstehen nicht, wer Jesus Christus ist.

Tobias Riemenschneider ‚Der Jesus, den dir die Kirche verschweigt‚ – ab 12:16

Nur fragt sich, ob Riemenschneider mit der Betonung der anderen Seite nicht auch über das Ziel eines umfassenden Verständnisses hinausschießt.

Wir wollen daher heute nachdenken über die harte, strafende, kämpferische, siegende Männlichkeit und Stärke unseres Herrn Jesus Christus. …

Wir werden nicht bestehen gegen den linken Progressivismus oder gegen den Islam, wenn wir ein weiches und schwaches Bild haben von unserem Herrn Jesus Christus.

ebd. ab 13:06

Riemenschneider sieht sich in einem epischen Kampf, und einige Beobachtungen geben ihm recht. Auch Paulus spricht oft vom Kampf und einer Waffenrüstung des Geistes. Ist es nicht tatsächlich so, dass in vermeintlich christlicher Tradition Jungen die Männlichkeit und Wehrhaftigkeit verleidet werden, Feigheit und Schwäche zur Tugend verklärt werden? Man mag entgegen halten, dass auch gewaltfreies Auftreten viel Mut und Stärke erfordert … aber das erleben wir im heutigen Christentum eher selten.

Das erste, was Sie verstehen müssen, ist das Jesus Christus ist der Gott des Alten Testaments, denn es gibt nur einen Gott. Der Alt der Gott des Alten Testaments ist derselbe Gott des neuen Testaments. Er hat sich nicht verändert. Er kann sich nicht verändern. Jesus Christus ist der Gott des Alten Testaments. Und jedes Problem, dass du hast mit dem Gott des Alten Testaments, hast du mit Jesus Christus. Sonst hast du nicht verstanden, wer Jesus Christus ist. Sonst hast du dir ein falsches weiches Bild von ihm gemacht. Hast dir dein eigenen Gott gebastelt.

ebd. ab 13:57

Hier sieht man die Klarheit der fundamentalistischen Auslegung. Einerseits ist das Anliegen deutlich, dass man sich keine eigenes Gottesbild machen darf. Andererseits ist es wohl richtig, dass Gott unveränderliche Identität hat. Was Riemenschneider aber nicht sieht ist, das Jesus als Inkarnation des ewigen Wortes sich seiner göttlichen Eigenschaften zunächst entäußerte. Als menschliches Wesen war er schwach und musste lernen und wachsen. Die Unveränderlichkeit kann sich nicht auf seine menschliche Person beziehen, denn auch er erlebte die menschlichen Bedingtheiten. Jesus unterscheidet zuweilen, wenn er bestimmtes Wissen alleine dem Vater zuweist, andererseits aber spricht er von seiner Einheit mit Gott.

Aber auch im AT erleben wir eine vielgestaltige progressive Offenbarung. Auch wenn das Wesen Gottes überzeitlich ist, so ist doch die Offenbarung sehr unterschiedlich, was einen progressiven Charakter der Gottesvermittlung darstellt. Progressive Offenbarung ist allerdings funktional im Zeitlauf zu verstehen. Eine Identität Gottes kann zwar sehr wohl als überzeitlich verstanden werden, die Offenbarung und Gottesbegegnung ist jedoch immer zeitbezogen.

Im Besonderen gilt hierbei die bruchstückhafte Erkenntnis des Willen Gottes, dass Irrtümer gar nicht ausschließen kann. Probleme, die sich mit einigen Darstellungen des Willens Gottes im AT ergeben, können also auch anders verstanden werden: Es ist nicht die Frage, ob Gott auch hart sein kann, sondern die Frage, ob die Menschen des AT Gott immer richtig verstanden haben. Denn wenn sich Widersprüche auftun, ist eine Erklärung von Nöten.

Er ist, wie wir gerade gelesen haben, der Gott der Rache. Er ist Jahwe, der Herr, der Gott der Rache. Er ist es, der die Menschheit vernichtete in der Sintflut. Er ist es, der unbedingt die Todesstrafe fordert für Mord. Er ist es, der Feuer und Schwefel regnen ließ auf Sodom und Gomorra. Er ist es, der zehn schreckliche Plagen über Ägypten brachte und alle Erstgeborenen tötete.

ebd. ab 15:05

Das es Naturkatastrophen gibt ist unbestritten. Ebenso unbestreitbar ist, dass diese von allen möglichen Religionen als Zeichen für das Handeln Gottes oder der Götter interpretiert wurden. Möglicherweise war dem so, möglicherweise wurde in das Handeln Gottes etwas hineingedeutet. Aber es ist deutlich, dass wenn Gott über diese Möglichkeiten verfügt, er auch ein gerechtes Strafgericht halten kann. Würde es aber dem Glauben an die Gerechtigkeit nicht widersprechen, wenn das Unheil in gleicher Weise den Schuldigen, wie auch den Unschuldigen träfe?

War es wirklich Gott, der die Todesstrafe für Mord forderte? Oder entsprach es nicht einfach dem Gerechtigkeitsempfinden der Menschen, die eine entsprechende Sühne für angemessen hielten … und dies dann auf Gott projizierten? Immerhin finden sich auch Stellen in der Bibel, die wohl kein Mensch für angemessen und gerecht hält … und wohl kaum von Gott stammen können.

Haltet also den Sabbat, denn heilig ist er euch[8]. Wer ihn entweiht, muss getötet werden, ja, jeder, der an ihm eine Arbeit verrichtet, eine solche Seele soll aus der Mitte seiner Völker[9] ausgerottet werden.

2.Mose 31,14

Es ist weder aus biblischen Berichten, noch aus neuerer Zeit bekannt, dass es eine Hinrichtung wegen des Bruchs des Sabbatgebotes kam. Sind nun alle Juden und christlichen Fundamentalisten dem Gebot Gottes untreu? Oder glauben sie nicht wirklich, dass dies ein göttliches Gebot sei? Man kann diese Anweisung als lediglich symbolische Bedeutung auffassen, die keine Umsetzung erwartete, aber den Ernst des Sabbatgebotes ausdrückte. Aber auch das bleibt aus dem Verhalten von Jesus am Sabbat fragwürdig.

Derartige fragwürdige Bestimmungen gibt es mehrere. Warum also sollte dann die Todesstrafe für Mord direkt von Gott kommen?

Er ist es, der seinem Volk befahl, Kriege zu führen, Länder zu erobern, Städte dem Erdboden gleich zu machen und auch nicht einen Leben zu lassen, ganze Völker auszulöschen. 

Tobias Riemenschneider ‚Der Jesus, den dir die Kirche verschweigt‚ – ab 15:32

Ist das so? Zum Einen bezweifeln Historiker die Historizität der biblischen Geschichtsschreibung. Wäre dann eine spätere Historisierung einer Legende eher einer symbolischen Deutung zuträglich, und nicht von historischen Tatsachen zu sprechen?
Und falls sich dies auf reale Ereignisse beziehen sollte: War es wirklich Gott der den Auftrag zum Genozid gab? Denn einerseits wird in den 10 Geboten das Morden verboten. Sollte Gott in seiner uns kaum nachvollziehbarer Gerechtigkeit ein Volk auszulöschen beschlossen haben, so hätte er viele Möglichkeiten, so bereits die o.g. Naturkatastrophen. Ein Genozid, der heute als moralisch verwerflich verstanden wird, würde die Israeliten als Vollstrecker nicht erforderlich machen.
Im Sinne einer fortschreitenden Offenbarung können derartige Berichte entweder symbolisch gedeutet werden – als radikale Ablehnung der eigenen sündhaften Neigung … oder als Irrtümer, die Gott als Rechtfertigung zur Durchsetzung von Interessen der Israeliten missbrauchten. Warum sollte man hier der fundamentalistischen Deutung anhängen?

Riemenschneider nimmt es aber als Tatsache, dass die beschriebenen Vorkommnisse und der Wille Gottes hier korrekt wiedergegeben wird. Und er fährt mit einer Sammlung derartiger Aussagen fort:

Er, Jesus Christus, er ist das verzehrende Feuer. Er ist es, der richtet auf der Erde, der die Zähne der Gottlosen zerschmettert und ihr Gebiss ausbricht. Er ist es, der furchtbar ist. Es ist furchtbar, in seine Hände zu fallen, in die Hände des lebendigen Gottes.

ebd. ab 16:26

Natürlich ist die Realität mit Krankheiten, Katstrophen und Verbrechen zuweilen grausam, viele Menschen haderten mit Gott, auch in den Psalmen sind bittere Anklagen gegen Gott zu lesen, die Gott dafür verantwortlich machen. Aber ob diese Dinge als direkte Intervention Gottes zu verstehen sind, als Strafgericht über Völker, bleibt zunächst ungewiss. Jesus spricht auch vom Gericht und der Wiederherstellung der Gerechtigkeit, aber er bezieht dies auf den Jüngsten Tag, dem Ende der Welt. Er wehrt dagegen Meinungen, das Böse vor der Ernte herauszureißen, denn es würde auch den Weizen treffen.

Gottesfurcht, die hier propagiert wird, hat eine dreifache Funktion:

  1. Anerkennung der Ohnmacht des Menschen. Wir können zwar versuchen, uns gegen schwere Katastrophen so gut als möglich zu wappnen, aber letztlich liegt es nicht in unserer Hand, sondern in der Hand Gottes, welches Schicksal uns ereilt. Es ist wichtig, die Realität zu erkennen und damit die Macht Gottes anzuerkennen.
  2. Die unerbittliche Gerechtigkeit hat nichts weichgespültes. Zwar wird uns die Rettung und Gnade zugesagt, aber dies ist erst auf dem Hintergrund des Schreckens zu schätzen, der uns ohne die Gnade zuteil würde.
  3. Das Gericht ist die Konsequenz aus unvergebenen bösen Taten. Jenen, die die Errettung nicht wollen und die Gnade Gottes ausschlagen, werden nach ihren Taten beurteilt – ein notwendiges Erfordernis der Gerechtigkeit. Und die Konsequenzen sind schrecklich.

C.S.Lewis und einige andere christliche Denker sehen in der Hölle weniger die von Gott auferlegte Strafe, sondern die Selbstverdammnis des unerlösten Menschen. Der strafende Gott ist dann das Symbol für die natürliche Konsequenz, die sich aus der Wahl und Tat des Menschen ergibt, er leidet an sich selbst und hat die Pforten der Hölle in sich selbst geöffnet. Allerdings ist wohl den wenigsten Menschen die Unerbittlichkeit dieser Konsequenz klar, und welche dramatischen Folgen dies hat. Darum benutzt auch Jesus mit eindringlicher Härte das Bild von der Verdammnis und dem Gericht Gottes, denn wenn es auch ein Bild sein mag, so drückt es doch den Ernst der Lage am Besten aus. Die Hölle des C.S.Lewis ist keineswegs harmloser als die Gerichtsvisionen eines Dante  Alighieri oder eines Hieronymus Bosch, wirken aber für manche als weniger bedrohlich.

Wenn aber die eindringlichen Warnungen vor dem Gericht seine Wirkung verlieren, da man diese für unzutreffende Ängste hält, geht den Menschen die Bedeutung der Aussage verloren. Ob da die Predigt von Tobias Riemenschneider oder die Gedanken anderer christlicher Denker die Botschaft den Menschen erreichen, die im Zeitgeist eine völlig andere Prägung erfahren haben, bleibt offen. Vermutlich trifft jede Vermittlung oft genug auf taube Ohren, wie wohl einige auch direkt getroffen werden. Einige Menschen benötigen zur Erkenntnis die Keule, die ihnen die Situation auch unmissverständlich klar macht. Andere hadern mit einer logischen Unzulänglichkeit, die sich aus allzu drastischen Darstellungen ergeben. Sie gewinnen aus der gedanklichen nachvollziehbaren Lehren, die den Zusammenhang erschließen. Und je nach Predigt sind es unterschiedliche Menschen. Es wäre lediglich wünschenswert, wenn die Mitteilungsabsicht den jeweiligen Adressaten auch erreicht, und nicht zur Verwirrung genau der jeweils anderen Zielgruppe beiträgt.

Gottesfurcht als Voraussetzung der Gotteserkenntnis sollte darum nicht gering geschätzt werden. Ist aber die Gottesbeziehung hergestellt und intakt, so ist das Wesen der Liebe erreicht. Und in der Liebe ist keine Furcht, sondern das Vertrauen.

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