Betrachtungen zur Meinungsbildung

Manche haben zu allem eine Meinung, manche zu sehr wenigem. Wo kommt die Meinung eigentlich her?  Oft werden Meinungen tradiert über Kultur, Familie, Schule und Peer-Group. Das rationale Ideal sieht den Prozess der Meinungsbildung so:

  1. Der Mensch wird sich gewahr, dass ihm die Bedeutung eines Sachverhaltes nicht klar ist, er aber dazu Kenntnisse und Meinung erwerben will.
  2. Er macht sich möglichst umfassend sachkundig und studiert Quellen kritisch.
  3. Aus dem Gelernten bildet er sich ein Urteil: Seine Meinung.

Dieser einfache Prozess funktioniert oft nicht.

Das fängt schon damit an, das die Grunderfahrung Platons (Ich weiß, dass ich nicht weiß), zuweilen nicht klar nachvollzogen wird. Man hält dann tradiertes oder vorher aufgeschnapptes für selbstverständlich oder selbstevident. Darum ist der zweite Schritt auch nicht mehr erforderlich, das Urteil steht bereits in einer eher unkritischen Weise. Derjenige, der so denkt, hat für gewöhnlich eine starke Voreingenommenheit (Bias) und nimmt jede Information, die ihm neu begegnet, unter dem Filter des Vorurteils wahr. Das was das Vorurteil bestätigt, muss dann fraglos richtig sein – und das, was ihm widerspricht, muss falsch sein. In der Regel verfestigt sich dann die einmal getroffene Meinung.

Aber auch der, der sich seines Unwissens bewusst ist, liegt damit noch nicht auf dem sicheren Pfad der Erkenntnis. Zwar ist es heut so einfach wie nie, wissen zu erwarben – es liegt oft nur einen Mausklick entfernt. Aber die schiere Menge der Informationen, die eben verfügbar ist, schüchtert den Unwissenden so ein, dass er das Unterfangen des Wissenserwerbs von vorne herein für aussichtslos hält. Er hält es für Vermessen und sucht nach Ersatz für den Wissenserwerb. Denn immerhin gibt es ja Experten, die sich das Wissen in Breite bereits angeeignet haben. Folglich ist lediglich das Vertrauen in die Kompetenz eines Experten hinreichend, um dessen Urteil zu übernehmen … auch wenn es ähnlich kompetente Experten gibt, die wieder das Gegenteil behaupten.

Der Typus des Dilettanten ist weder das Eine, noch das Andere. Bereits minimal Anfangsgründe des Wissens verführen ihn in den Glauben, bereits Experte zu sein. Er bricht sehr schnell den Wissenserwerb ab und wähnt sich bereits am Ziel.

Schließlich haben wir den kritischen Wahrheitssucher, der der Erkenntnis nachjagt, auch wenn er sich nicht wähnt, diese bereits vollständig erfasst zu haben. Aber auch hier noch scheiden sich die Geister: Während Einer in aller Demut und Irrtumsvorbehalt ein vorläufiges Urteil wagt, verwehrt sich der Andere: Sein wissen ist nie hinreichend, um zu einem Urteil zu kommen.

Diese Typen finden sich selten in Reinform, sondern in einer stets individuellen Mischung, in der das Eine oder das Andere Dominanz erhält.

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