Klimakirche

Mich beschäftigen Fragen nach Gott, Kirche und Klimawandel. Darum ist es unvermeidlich, sich mit der Predigt von Luisa Neubauer, prominente Klimaaktivistin, am Abendgottesdienst in der Fastenpredigtreihe, Sonntag Reminiscere, 28.02.2021, 18 Uhr (32:57 bis 50:04 ) zu befassen. Im Umfeld und in der Kritik wurde das jugendliche Alter, der persönliche Lebensstil und die Ideologie kritisiert und die Frage nach der Rolle der Kirche in der Politik. Dies alles mögen berechtigte Fragen sein, aber man muss den Beitrag direkt wahrnehmen, anstelle durch Vorurteile nicht mehr zuzuhören. Darum ist die Originalquelle unverzichtbar.

Vorab: Die Predigt ist besser als zu befürchten war, zumindest formal. Sie hat einen klaren Bezug zum christlichen Glauben und ist rhetorisch kaum zu kritisieren. Sie ist eine differenzierte Beschäftigung mit der Sorge, der Vorsorge und der Fürsorge. Die Kritik muss sich zuerst mit den Inhalten beschäftigen. Theologische Aussagen, Tatsachenbehauptungen und Konsequenzen für das eigene und gesellschaftliche Leben sind zu prüfen. Und da tut sich Bedenkliches auf.

Die Botschaft der Klimakirche

Neubauer passt hervorragend in das Erscheinungsbild der großen Kirchen und repräsentierte Ihre Botschaft perfekt – das heißt: Der Inhalt der Predigt passt zu den Verlautbarungen wie sich EKD und katholische Kirchen darstellen. Die Schöpfung, also der Planet und die Natur, sind Geschenke Gottes an die Menschheit. Es ist die Aufgabe des Menschen, diese Natur zu bewahren und unsere Lebensgrundlage zu erhalten. Aber die Menschen haben sich in ihrer Gier und Boshaftigkeit, ihrem Egoismus und Gedankenlosigkeit zum Raubbau entschlossen. Wir alle sind schuld an dem Unheil, das an unsere Tür klopft. Damit machen sie die Erde zu einem ‚Risikoplaneten‘ am Abgrund. Besonders die westliche Welt hat sich der Ausbeutung und Ungerechtigkeit schuldig gemacht. Der Weg hinaus aus diesem dräuenden Unheil führt über Fasten und Buße zur Erneuerung des eigenen Denkens. Durch Verzicht auf den Raubbau soll ein nachhaltiger Leben eingeübt und vorgelebt werden.

Ist das noch die christliche Botschaft, oder zumindest mit ihr zu vereinbaren? Wenn die Diagnose stimmt, dass das eigene und ererbte schuldhafte Handeln diese Katastrophen verursachte, oder zumindest von uns das Unheil abgewendet werden kann, dann ist es durchaus Aufgabe der Christen, sich dafür einzusetzen und ggf. auch Opfer dafür zu bringen. Auch zählen Behauptungen nicht, dass dies zu politisch sei, und das sich die Kirche politisch neutral zu verhalten habe. Aber all das hängt an der Frage: Steht wirklich eine Katastrophe vor der Tür? Stimmt die Diagnose? Haben ‚wir‘ tatsächlich schuld daran? Können wir die Katastrophe abwenden und die Welt retten?

Falls diese Fragen nicht sicher zu beantworten sind, sondern ihrerseits auf einen ‚Glauben‘ an eine Katastrophe beruhen, die nicht auf soliden Argumenten fußt, sind es Glaubensinhalte, die mit der christlichen Botschaft amalgamieren, man nennt es dann Synkretismus. Dabei wird das Erscheinungsbild und einige wesentliche Botschaften des Christentums erhalten, aber den Kern des Handelns spielt nicht mehr die christliche Botschaft die entscheidende Rolle, sondern die neue Lehre. In der Tat bilden Klimaaktivisten mit oder ohne christliches Bekenntnis eine praktische Einheit, die den christlichen Glauben nur als eine unwesentliche Zutat erkennen lassen. Er ist nicht mehr substanziell und liefert lediglich einen tradierten Rechtfertigungsfilm für eine neue Ideologie.

In der Tat gibt es in der Wissenschaft erhebliche Zweifel an der Dramaturgie der Klimaaktivisten. Die Modelle, mit denen man kommende Katastrophen plausibel darstellen will, sind nicht valide. Aktuelle Anzeichen sind keineswegs eindeutig, und selbst wenn dem so wäre, könnte unser Beitrag wegen der Unwesentlichkeit kein Bisschen die Welt retten. Es gehört tatsächlich eine tiefe Überzeugung – die man kaum anders als Glaube bezeichnen kann – dazu, dass die Botschaft der Klimakirche die Vergangenheit Gegenwart und Zukunft beschreibt.

Von Sorgen und Vorsorge

Konkret setzt Neubauers Predigt bei diesem Text an:

In Matthäus 6, dem biblischen Text, um den es mir heute geht, wird die Sorge so besprochen: ‚Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.‘

Gut, zunächst denken Sie vermutlich wie ich auch: ‚Schön wär’s, aber welche Vögel? Die paar, die wir noch nicht ausgerottet haben?‘ Aber im Ernst …

Luisa Neubauer, zitiert nach: Deutschlandfunk Kultur

Bei dem Textverständnis und Auslegung geht es darum, die eigentliche Botschaft aus dem Text zu verstehen und sie auf unsere Zeit zu übertragen. Die Gefahr besteht allerdings, denn Text zu verdrehen und entgegen der inhärenten Bedeutung eine ganz andere Bedeutung hinein zu legen. Neubauer interpretiert den Text so, als ob es nur um lähmende Sorgen ginge, die uns ängstigen, aber nicht zu notwendigem Handeln animieren. Die vernünftige Vorsorge sei aber nicht gemeint.

Der Text nimmt aber ausdrücklich Bezug auf Saat, Ernte und Vorratshaltung. Also genau das, was man als vernünftiges Wirtschaften mit Vorsorge bezeichnen kann. Warum Jesus hier diese Vorsorge zurück weist, ist sicher schwer verständlich. Denn andererseits hält er den Wert der Arbeit für selbstverständlich. Am nächsten kommt man dem Text, wenn man ihn im Kontext der Bergpredigt und der gesamten Lehre Jesus sieht: Das Ziel des Menschen ist die Gemeinschaft mit Gott, die Buße, Rechtschaffenheit und Hinwendung zu Gott. Die Sorge und Mühe ist nur im Kontext einer klaren Priorisierung des Reiches Gottes möglich. Irdisches, also Vergängliches, darf nicht mit seinen Sorgen den Blick zum Ziel vernebeln.

Das mag unbequem sein und sich mit den eigenen Vorstellungen nicht decken, aber eine seriöse Bibelauslegung kommt eigentlich nicht daran vorbei. Der Text und Kontext ist jedoch hinreichend klar.

„Bei ‚Sorgt euch nicht!‘ geht es um eine bestimmte Qualität der Sorgen. Es geht um die Sorgen, die ins Leere führen, die inhärent unproduktiv sind, die Energie rauben, die Momente stehlen. Wenn wir vorsorgen, muss uns das Versorgen nicht sorgen. Die unendliche Vielfalt der Arten, der Pflanzen und Tiere, ist für uns da. Der Boden, der auch zehn Milliarden Menschen ernähren könnte, ist da.“

Luisa Neubauer, zitiert nach: Deutschlandfunk Kultur

Neubauer ignoriert aber dies klare Aussage und lobt stattdessen die kluge Vorsorge und Nachhaltigkeit. Sie setzt diese in Bezug zur Fürsorge. Dies alle mögen durchaus in einem christlichen Kontext als Auftrag der gebotenen Nächstenliebe verstanden werden, entsprechen aber nicht der Aussage des zitierten Textes. Hier geht es eben um Gottvertrauen und nicht zum Imperativ zum Handeln. Wer geschickt die Bedeutung eines Textes umdreht, um sie für das eigene Denken zu rekrutieren, betreibt ein unlauteres Spiel – bestenfalls handelt es sich dann um Selbstbetrug.

Auch dem Verfasser des Textes fiel das auf, aber er versteckt diese Erkenntnis in eine harmlose Frage:

Aber Moment, geht es Matthäus hier nicht vor allem um Gottvertrauen? Wie Glaube an eine göttliche Fürsorge zum Handeln ermutigen kann, ohne in Fatalismus im Sinne von „Gott wird’s schon richten“ umzuschlagen – dazu fällt Neubauer nichts ein.

Gerd Brendel in Deutschlandfunk Kultur

Die Behauptungen, dass Menschen die Erde zerstören und die Schöpfung in Gefahr bringen, ja auch die Epidemien wie die Covid-19, trägt Neubauer vor. Dazu ein Leserkommentar zum Artikel der Welt:

Fakt ist: Die real existierende Welt war schon immer ein „Riskoplanet“ und auf ihr zu leben lebensgefährlich. Die großen Geißel der Menschheit, Pest und Pocken, haben beide ihren Ursprung in Nagetieren und sind von dort aus auf den Menschen übergesprungen. Das bereits zu Zeiten, als der Mensch noch eine ausgesprochene Minorität unter den Säugetieren darstellte. Alle Grippeviren haben ihren Ursprung in Vögeln. Grippe gibt es seit einer Ewigkeit. Die Polio-Viren (Kinderlähmung), die MERS- und SARS-Erreger haben sich in Fledermäusen entwickelt.

Im Gegensatz zu der aufgestellten Behauptung ist die Wahrheit: Die moderne Zivilisation hat die Wahrscheinlichkeit, an einer Zoonose zu erkranken, gegenüber der „guten alten Zeit“ deutlich verringert. Da die meiste Nahrungsproduktion unter kontrollierten Bedingungen erfolgt ist die Wahrscheinlichkeit, mit einem tierischen Erreger in Kontakt zu kommen, gegenüber dem „natürlichen“ Nahrungserwerb durch die Jagd verschwindend gering. Nicht umsonst kommen alle modernen Zoonosen hauptsächlich aus Regionen, in denen sauberes Wasser Mangelware und Wildtierfang noch verbreitet ist.

Behauptung vs. Tatsachen. Wie war das nochmal mit „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden….“?

Frank Hill

Die Grundlage, auf der Neubauer argumentiert, ist also höchst zweifelhaft. Ex falso quodlibet – Wer auf falschen Grund aufbaut, kommt zu beliebigen Ergebnissen.

Der Artikel in der Welt stellt sich hinter Neubauer:

Luisa Neubauer sorgt sich trotzdem. Um die Umwelt, um das Klima. Sie trauert um all das, was unwiederbringlich zerstört sei. Aber sie spricht nicht als Vertreterin einer grünen Ersatzreligion. Sondern als Christin, die Hoffnung hat und an die Verantwortung für die Schöpfung appelliert. „Wir haben alles, was wir brauchen, um diese Welt zu einem guten Ort zu machen“, sagt sie.

Claudia Becker in der Welt

Was nun das christliche daran sei, bleibt dem Leser verborgen. Denn Ideologien zur menschlichen Weltrettung gibt es zuhauf. Das Christentum fordert auch zum Eintreten für das Gute auf. Aber letztlich bleibt aus biblischer Sicht die Hoffnung auf ein von Menschen gemachte irdisches Paradies ein Trugbild. Jesus bereitet in seinen Endzeit-Reden die Gläubigen auf unvermeidliche Katastrophen vor. Und auch die erschreckenden Visionen aus dem letzten Buch des NT, der Offenbarung, passen nicht zu dieser Vorstellung.

Ebenso ist auch die Weltsicht von Frau Neubauer, unabhängig von ihren Glaubensappellen wenig geeignet, einen derartigen Optimismus als rational anzusehen. Selbst da, wo riesige Errungenschaften der Menschheit erreicht worden sind im Zuge von Wissenschaft, Gesundheitsvorsorge und moderner Agrarmethoden, erwähnt sie diese nicht, sondern sieht überall nur Versagen und Schuld – siehe den Beitrag von Frank Hill. Woher bitte soll dann der Optimismus kommen? Soll das Hüpfen der FFF Kinder das Wunder vollbringen?

Und das ganze steigert sich schließlich zu diesem Satz:

Gott wird uns nicht retten, das werden wir tun.

Luisa Neubauer, Online Predigt 49:25

Sind das Worte einer gläubigen Christin oder die Hybris einer neuen Weltretterin? Kritik seitens jener Christen, die auf Gott, nicht aber auf Luisa Neubauer vertrauen? Nicht erkennbar. Der feierliche Rahmen, mit hervorragendem Orchester und großartigen Solisten bleibt erhalten, aber die christliche Botschaft ist entkernt.

Schuld und Aktivismus

Ohne hier eine klare Zuordnung zu machen, ist Neubauers Predigt durchsetzt von einem allgegenwärtigen Schuldbewusstsein, der uns zum Handeln bringen soll. Unklar bleibt in diesem Verständnis, in wie weit hier persönliche Schuld durch eigenes schuldhaftes Handeln gemeint ist. Kein Wort zum exzessiven Reisen Neubauers, die zu der vermeintlichen Klimakrise beitrug. Immerhin wird sie ständig mit diesbezüglichen Vorwürfen konfrontiert. Vielmehr wird eine Kollektivschuld intendiert, die sich durch ein über Jahrhunderte aufgebaute Struktur ergibt. Persönliche Schuld gibt es darin nicht, aber ein allgegenwärtiges Schuldbewusstsein.

Dieses soll dann zu dem Aktivismus führen, eben die historische Schuld abtragen. Im Kern steht darin nicht eine kluge Problemlösung, die nach Nutzen und Effizienz fragt, sondern vor allem Bewusstsein und Haltung zum Ziel hat. Mit der Beteiligung am Weltrettungsaktivismus, mit dem Verkünden von grundlosen Optimismus alles zu retten, schafft man eine Gegenkultur, die aus der Kollektivschuld heraus löst: Ja, wir (das Kollektiv) ist an allem schuld, aber durch unseren Aktivismus und der Sehnsucht, alles besser zu machen, sind wir entschuldet.

Sicher ist in dieser Haltung eine kulturchristliches Moment erkennbar. Vor allem im Judentum ist der Begriff der Kollektivschuld überall greifbar. Im NT jedoch wird die Gottesbeziehung vor allem individualisiert. Das Kollektiv ist lediglich die Versammlung der Individuen. Heiligung geschieht daher für den Einzelnen. Heuchelei gilt als eine schwere Sünde. Ein Abschieben von persönlicher Verantwortung und Schuld auf das Kollektiv ist dem christlichen Kerngedanken fremd.

Persönliche Buße ist das Imperativ des NT:

  • Erkennen persönlichen Fehlverhalten
  • Akzeptanz der Vergebung durch die Sühne durch Christus
  • Ernster Entschluss zur Verhaltensänderung

Dies ist in der Predigt Neubauers so nicht erkennbar. Eine Vergebung kommt schlicht nicht vor, und auch die persönliche Dimension von Schuld ist bestenfalls zu erahnen, nicht aber explizit genannt. Es gibt also, obgleich einen Schuld-Bezug zur christlichen Morallehre unverkennbar ist, signifikante Unterschiede zur biblischen Botschaft. Die Frage des Nutzens des Klimaaktivismus wird durch einen nicht näher begründeten Optimismus beantwortet.

Wenn aber völlig unklar bleibt, wie stark die CO2 Emissionen das Klima beeinflusst, oder ob dieses überhaupt eine schädliche Wirkung hat, ist klar, dass der CO2-Anstieg erheblich zur Steigerung der Nahrungsmittel-Produktion beitrug. Eine sogenannte Klimaneutralität Deutschlands, die von den Klimaaktivisten vehement gefordert wird, ist angesichts des Anteils von lediglich 2 % der weltweiten Emissionen, die weiterhin bei einer wachsenden Bevölkerung mit steigenden Konsum- und Wohlstandserwartungen weiter wachsen, nicht erkennbar zielführend.

Die Hoffnung, damit ein weltweites Zeichen zu setzen, ist illusorisch. Vielmehr wird es als wohlstandsverwöhntes Hobby angesehen, mit einem vermeintlichen Schuld-Kult den eigenen Wohlstand zu pulverisieren. Wer dem überhaupt außerhalb der westlichen Welt zuhört und glauben schenkt, wird vielmehr deuten: Der Westen ist schuld an der Misere … soll der doch dafür büßen. Wir jedoch müssen erst einmal dieses Wohlstandsniveau erreichen, bevor wir uns um den Klimaschutz kümmern können. Angesichts eines Bevölkerungswachstum, das oft das Wirtschaftswachstum übersteigt, ein hoffnungsloses Unterfangen, dass nicht in absehbarer Zeit zu lösen ist. Durch die Fixierung der finanziellen Mittel auf den sogenannten Klimaschutz stehen weitere Mittel zur Adressierung anderer realer Problem nur in stark eingeschränktem Umfang zu Verfügung. Dass viele sogenannte Entwicklungsländer dennoch bei dem Paris-Abkommen mitmachen, ist wohl ausschließlich dem Umstand geschuldet, dass damit finanzieller Nutzen für das eigene Klientel erwartet wird.

Kurz: Die Klimakirche erschöpft sich in einer Ideologie der pathetischen Gesten, und Befriedigung eines selbst-gezüchteten Schuldbewusstsein … und verlässt die Lehre des Neuen Testaments, die auf die Gottesbeziehung und das Gottvertrauen setzt. Eine erkennbare reale Verbesserung hinsichtlich des behaupteten Katastrophen-Risikos ist auch dann nicht zu erwarten, wenn die Diagnose stimmen würde. Die Predigt Neubauers drückt das in Reinform aus.

Die Welt-Autorin vermeldet kritisch den Beitrag von Fernsehmoderator Peter Hahne, die EKD kröne mit dem Kanzelauftritt der Klimaaktivistin „den Irrsinn als rot-rot-grüne NGO“. Die Fastenpredigt sei die Spitze eines Irrwegs, der die Kirche zu „einer belanglosen NGO“ mache. Er behielt recht!

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