JOSEF PIEPER: Alle Philosophie ist christlich

Ich bin über einen Artikel in der Zeit Online gestolpert, der mich überraschte: Wie kann so was in einem links-liberalen Blatt erscheinen? Des Rätsels Lösung ist, dass die Veröffentlichung das Datum 2. April 1953 trägt. So ist also erstaunlich welcher Wandel in den 63 Jahren geschah, dass bereits ein Titel zu Aufsehen führt.

Ob es eine christliche Philosophie gebe, das zu fragen hat Sinn. Schließlich heißt philosophieren, seine Vernunft auf sehr radikale Weise gebrauchen; philosophieren heißt: fragen, was der Sinn von alledem sei, das wir „das Leben“ nennen oder „die Wirklichkeit“, „die Welt“ oder einfach „dies Ganze da“.

Piper vertieft die Frage und behauptet, es gäbe im Abendland keine nicht-christistliche Philosophie. Er begründet das im Rückgriff auf Platon und Pythagoras – zwei Nicht-Christen – und deren Grundeinstellung zur Philosophie:

Was für eine Art Weisheit ist das, die wir prinzipiell nicht zu erringen vermögen und nach welcher wir dennoch liebend zu suchen nicht ablassen, nicht ablassen können – welcher Art Weisheit soll das sein? Die pythagoreische und platonische Antwort ist völlig klar: es ist die Weisheit wie Gott sie besitzt; Gott allein kann im vollen Sinn weise genannt werden, er allein hat „die Antwort“, die Wirklichkeitsdeutung aus einem Punkte (nämlich von sich selber her)

Es sollte bekannt sein, dass eben jene Philosophen recht interessante Schlussfolgerungen zu Gott erreichten, die weit weniger zu den Religionen ihrer Zeit passte als zum Christentum, dass erst sehr viel später auch in Griechenland Verbreitung fand. Man erinnere sich an die Wertschätzung, die die Scholastik Aristoteles entgegen brachte.

Wenn ich eine philosophische Frage stelle und erwäge, wenn ich also etwa frage Was ist, überhaupt und letzten Grundes, Erkennen?, was ist der Mensch?, was ist Wirklichsein?, aber auch: was ist – überhaupt und letzten Grundes eigentlich dieses Stückchen Materie, das ich in Gestalt eines Blattes Papier in der Hand halte?

So erstaunlich dieser Text ist, man würde ihn heut wohl kaum in einer auflagenstarken Wochenzeitung finden, auch weil er sich mit Fragen beschäftigt, die nicht mehr zur Postmoderne passen:

… wenn einer sich weigern würde, wirklich von Gott und der Welt zu reden: dann würde er im gleichen Augenblick aufhören, wirklich philogleichen zu fragen, er würde einfach gar nicht mehr wirklich nach dem letzten Wesen, nach den tiefsten Wurzeln fragen, das heißt, er würde den eigentlich philosophischen Charakter der Frage zerstört haben.

Dies ist, wohlgemerkt, die Meinung Platons; es handelt sich nicht um eine „christliche“ Interpretation!

Und es kommt noch deutlicher:

Und wenn nun jemand Platon auf die Schulter geklopft hätte, um ihn darauf hinzuweisen: hier liege nun aber eine Grenzüberschreitung vor, das sei nun nicht mehr „reine“ Philosophie, sondern eben Theologie, Glaube, Offenbarung, Mythos – es ist zu vermuten, daß Platon recht verwundert geblickt haben würde; und seine Antwort würde wohl gelautet haben: der wahrhaft Philosophierende interessiert sich nicht für Philosophie, sondern für die Wurzeln der Dinge; und wenn du die Auskunft des Mythos über die Wurzeln der Dinge, über das letztgründige Wesen von Eros, abweisest – wie soll ich dir dann glauben, daß du wirklich, im Ernst, nach den Wurzeln der Dinge forschest?

Und wieso eigentlich könnten solche Ur-Begriffe wie Weisheit, Suche nach Weisheit einer Korrektur bedürftig werden oder einer Anpassung an den Fortschritt der Zeitläufte!

Aber Pieper bleibt sich wohl bewusst, das die zeitgenössische Philosophie oft einen Gegenpol zum Christentum setzt:

Das Verhältnis des Existenzialismus, etwa des Sartreschen, zur christlichen Theologie ist sehr kompliziert, gar nicht leicht zu bestimmen. So widerchristlich Sartre sich gibt – ein Grieche, ein Sophist, ein Nihilist vom Schlage des Gorgias würde ihn nicht haben lesen können; ich meine: ein antiker Mensch würde Sartre nicht verstehen, weil – ja, weil man dazu Christ sein muß! „Es gibt kein Wesen des Menschen, weil es keinen Gott gibt, der es erdenken könnte“ – wie sollte wohl ein vorchristlicher Grieche diesen Sartreschen Satz verstehen?

‚Christlich‘ heißt für Piper also nicht, Christus gemäß, oder dem christlichen Bekenntnis entsprechend,  sondern durch die christliche Lehre und Kultur unentrinnbar geprägt.

Allerdings kommt Piper zum Ende dennoch mit einem Kniff: Alle wahrhaft nichtchristliche Philosophie ist letztlich nicht mehr Philosophie im ursprünglichen Sinn des Wortes.

Ich meine, dass man Pipers Ansatz weitgehend folgen kann, allerdings bleibt der Titel eher der Aufmacher als provokante These, die weniger als Festlegung und Realitätsbeschreibung taugt. Denn Philosophie ist nicht statisch an das Verständnis der Antike und Geschichte gebunden, sondern wird heute wesentlich offener Verstanden und gibt den Fragen keine fixe Vorgaben. Pipers Verdienst ist vor allem, dass er einen grundsätzlichen Rückbezug auf die existenzellen Fragen leistet, die hier sehr wohl Denkanregungen liefert.

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