Identität

Wer bin ich? Diese Grundfrage, die zugleich auch als Konkretisierung der Frage ‚Was ist der Mensch?‘ angesehen werden kann, beschäftigt das Denken nicht nur in der Adoleszenz. Einige sehen es als ihre Aufgabe, ihrem Leben einen Sinn zu geben, sich selbst zu erfinden und damit zu Werden. Die Frage der eigenen Identität ist untrennbar mit der Sinnfrage verknüpft – vielleicht die Kehrseite der Medaille. Manche erkennen ihre Bestimmung als Lebensziel. Viele begnügen sich mit unbefriedigenden Antworten, perpetuieren ihre offenen Fragen oder resignieren an dieser Frage.

Man kann die Frage nach der eigenen Identität als Schlüssel zu vielen menschlichen Motiven ansehen, sozusagen als blinder Fleck, um den sich alles dreht, aber kaum als zentral wahrgenommen wird. Alle Eitelkeiten … ein Wunsch, sich selbst zu identifizieren. Streben nach Macht, respektiert zu werden, geliebt zu werden, reich zu sein … alles letztlich Ausdruck davon, eine substanzielle Person sein zu wollen.

Diejenigen, die diese Frage individuell bedenken, werden als Philosophen angesehen. Andere suchen ihre Identität als Teil einer Bewegung, Mitglied einer Gruppe. Man sucht weniger nach Wahrheit und Erkenntnis, sondern nach sinnstiftendem Selbstverständnis, Anerkennung und Eitelkeit, Reichtum, Macht und Glück. Hier wollen wir nach der Bedeutung der relevanten Ideologien der Zeit fragen. Doch vorher wollen wir Einwände diskutieren

Irrelevanz der Identität und Sinnfrage?

Wer den Menschen als entwickeltes Tier ansieht, als biologische Maschine, wird die Triebsteuerung als Überlebensmechanismus postulieren. Solange Erhalt und Vermehrung nicht gesichert sind, ist alles andere sekundär. Bei Grundbefriedigung setzen Luxusprobleme ein: Das Wesen hat plötzlich überschüssiges Potential, sich mit eigentlich Überflüssigen zu beschäftigen … und das wäre hier die Frage nach Identität und Sinn.

Dieser Ansatz hat aber einige innere Schwächen:

  • Er hat die Identitätsfrage apriori per Postulat gelöst. Wer den Menschen rein kontingent evolutionäre biologische Existenz definiert, blendet viele Aspekte der Grundfragen aus: Warum existiert überhaupt etwas und nicht nichts? Kann die unglaubliche Komplexität des Universums und des Lebens auf einen ungeschaffenen Zufall basieren? Und wieso existiert dann dieser Zufall … und nicht nichts?
  • Die Evolutionsbiologie versucht die menschliche Existenz aus einem Prozess zu erklären, der keinen anderen Einfluss benötigt. Die Annahme jener Mechanismen, die zur Entstehung des Lebens führten und die evolutive Entwicklung trieben, beruhen auf bloßen Annahmen. Eine empirische Bestätigung besteht lediglich in Ähnlichkeiten rezenter und ausgestorbener Lebensformen. Die Mechanismen der Artentstehung selbst sind empirisch nicht fassbar.
  • Selbst wenn man von der Wirksamkeit immanenter Mechanismen ausgeht, ist die These eines übergeordneten Planes, der sehr wohl Sinn und eine erweiterte Identität stiften kann, keineswegs auszuschließen.
  • Ein Selbstverständnis als kontingentes Produkt einer Evolutionsreihe ist also nicht zwingend, aber eine Verarmung des Selbst, die der eigenen Entwicklung wenig Bedeutungsraum gibt.

Es ist darum wenig hilfreich, sich diesen Ansatz ohne Not zu eigen zu machen. Es ist vielmehr ein Akt der Denkfaulheit, die Frage mit einem armen Postulat bei Seite schieben zu wollen.

Ähnlich dem biologisch-evolutiven Ansatz ist der psychologisierende Ansatz: Neben der Triebsteuerung – Streben nach Befriedigung und Lust – gibt es das Über-Ich, das teils unbewusste Affekte jener Triebsteuerung entgegen setzt. Denn die Vielfalt menschlichen Begehrens ist in der Tat mit reinen biologischen Deutungen kaum beizukommen. Auch wenn es Homosexualität auch in der Natur gibt, so ist doch dieses Verhalten schwerlich im evolutiven Prozess einzuordnen. Noch schwieriger wird der Bereich des Sado-Masochismus. Hier wird von manchen Menschen Praktiken als lusterzeugend angesehen, die von Anderen als im höchsten Maße schmerzhaft und als unbedingt zu vermeidendes Übel gilt. Die Bandbreite der Bedürfnisse kann also kaum im rein Biologischen eingeordnet werden, aber auch eine psychologische Deutung wirkt oftmals aufgesetzt.

Dagegen kann auch nahezu jedes Verhalten aus einem Prozess zwischen unbewussten und unterschwelligen Umständen unter der Moderation der Identitätssuche verstanden werden. Die enorme Plastizität menschlichen Lustempfindens ist unter diesem Gesichtspunkt neu zu verstehen.

Lust alleine erscheint Vielen aber keineswegs als Ausdruck des erstrebenswerten Glücks – sie ist ihnen eher ein Hilfsmittel zum Glück oder eine Versuchung, von dem Wege anzukommen. Das Glück ist auch nicht leicht zu fassen, denn kurzfristige Erfolge und Lusterfahrungen hinterlassen oft Leere und Katzenjammer. Ist es nun ein Glück, zur Selbsterkenntnis, und damit die eigene Identität zu finden?

Das Aufbegehren als Selbstfindungsphase

Es galt als jugendtypisch und entwicklungsbezogen, ein Aufbegehren zu kultivieren. Ein Aufbegehren gegen Vorgegebenes, gegen Konservatives, gegen die Eltern und die Gesellschaft. Dies funktionierte immer dann gut, wenn eben jene Gegner hinreichende Reibungspunkte lieferten, die eine Gegnerschaft lohnenswert erscheinen ließ. Manchen erschien dieses progressive Element geradezu wertvoll und für den Fortschritt der Menschheit unabdingbar. Werden hier nicht Kräfte freigesetzt, die zur Verbesserung der Welt beitragen … ja, gerade zur Rettung der Welt?

Es galt als normal und verpflichtend, sich als Gegner des Establishments zu verstehen. Ob in zaghaften Jugendkulturen des Rock’n’Roll oder in den 68’er-Bewegungen. Vieles lässt sich in diesem Kontext verstehen. Aber auch ältere geschichtliche Bewegungen passen mehr oder minder in das Muster. Ob es sich dabei um religiöse Bewegungen handelte – Stichwort Kinderkreuzzug – oder nationalsozialistische Jugendbewegungen: Immer können wir die Suche nach Identität, Aufgabe und Sinn als roten Faden erkennen. Und diese waren keineswegs stets der Gestalt, dass sie reale Missstände adressierte und damit unbenommen ein Moment des Guten war.

Wie ist es heute? Welche Trends existieren in der Postmoderne? Auffällig ist, dass Philosophie und Religion im Westen eine eher schwindende Bedeutung haben, aber das Momentum bleibt. Traditionelle Identifikationsfiguren, wie die dörfliche Gemeinschaft, Vereinsmitgliedschaften, familiäre Bindungen, eheliche Verlässlichkeit und auch die beruflich Existenz gehen in der Bedeutung zurück. Denn die Wirtschaftsprozesse und Rollenprofile werden oft nicht mehr verstanden. Geschäftsmodelle im Internet-Zeitalter und hoher Rotationprozesse in Firmenkonstellationen verringern Bindung. Der traditionelle Handwerker oder Arbeiter existiert noch, aber in reduziertem Umfang.

Die Jugend steckt im Spannungsfeld von Zukunftsängsten und dem Willen, die Welt zu retten. Aktuell sind es Klimaretter und Energiewender, Schulstreiker und Gesellschaftsveränderer, Flüchtlingshelfer … eben Gutmenschen aller Art, die die öffentliche Aufmerksamkeit erlangen. Erstaunlich daran ist, dass es kein klassisches Aufbegehren gegenüber traditionellen Formen ist, sondern eine Art vorgegebener Inline-Protesten ist. Man will das gleiche wie die herrschenden Eliten, nur eben ein Bisschen mehr davon. Sich derartig instrumentalisieren zu lassen ist dem Ziel einer eigen Identität nicht nur abträglich und lächerlich, sondern auch hinsichtlich der konkreten Inhalte auch massiv schädlich.

Das Vakuum sinnstiftender Angebote bleibt in der Postmoderne nicht ohne Wirkung. Während große Bewegungen in der Vergangenheit offensichtlich oft nicht ungefährlich blieben – man denke an nationalistische Bewegungen – bekommt der Trend in der Postmoderne eine neue Dimension. Es mag darum zwar nicht neu zu sein, wenn der Fußballverein oder das Musik-Idol eine dominante Rolle im Leben des Fans bekommt. Selbstverständlich bleibt es schrullig, das als Identität und Lebenssinn zu erküren, aber zugleich doch harmlos. Durch die Ablehnung aller anderen identitäts- und sinnstiftender Erzählungen – im besonderen die das religiösen Glaubens – bekommt jedoch Moral und Kontext ein stark verändertes Gewicht. Das Motiv des Gut-Sein-Wollens begnügt sich oft nicht mehr mit weniger als der Weltrettung.

Konkret sind die aktuellen Bestrebungen, die Welt zu retten, durch Verbote und Verzichtserklärung charakterisiert. Abgesehen davon, dass sich die Protagonisten der Verzichtsbewegung oft als überdurchschnittlich konsumfreudig zeigen, könnte man diesem Ansinnen durchaus eine gewisse Romantik bescheinigen: Wer will denn nicht die Welt retten, vor allem, wenn es einem überschaubar wenig kostet. Das Problem ist eher die Logik: Wenn auch das Hüpfen für das Klima sicher keine Bedeutung hat, so schädigt es doch niemanden. Wenn aber durch Umbau der Energiewirtschaft nicht nur die Kosten für Lebenshaltung und Industrieproduktion dramatisch steigen, zugleich aber die Versorgungssicherheit gefährdet wird, dann wird es für den Wohlstand in Deutschland eng. Wenn zugleich die bundesdeutschen CO2-Emissionen nur unwesentlich reduziert wird, ist eine Klimarelevanz nur schwerlich zu vertreten. Außer eine theatralischen Geste des Gutmenschen bleibt nicht viel übrig außer der Gefährdung des Astes, auf dem wir alle sitzen, und Naturzerstörung durch flächendeckende Installation von Vogelhäckslern.

Einwand: Ist es nicht vernünftig, Gefahren zu bekämpfen?

Wäre es nicht verwerflich, jenen eine verblendete Ideologie vorzuwerfen, die schlicht angemessene Lösungen für reale Herausforderungen propagieren? Das setzt eine rationale Beschäftigung mit dem Thema vorraus, oder zumindest eine emotionalisierte Behandlung auf rationaler Grundlage. Die bloße Möglichkeit einer Katastrophe beliebiger Art ist ohne klare Indizien sicher kein Motiv, sein Leben zu ändern. Denn es könnten beliebige Gefahren herbei fantasiert werden.

Die Klimaretter behaupten darum, dass es derartig klare Indizien gäbe. Zuweilen wird dies durch beständige Wiederholung von unbelegten Behauptungen suggeriert, die darum Wahrheitscharakter annehmen – zumindest in den Augen vieler, die sich mit den Themen unzureichend beschäftigen. Die Zunahme von Extremwetterereignissen wird dadurch propagiert, dass jedes Extremwetterereignis, Sürme, Dürren, Hitzewellen, aber auch Kälteeinbrüche als herausragende Veränderung stilisiert werden. Wissenschaftliche Untersuchungen – auch die vom IPCC publizierten – können hingegen keine statistisch signifikanten Trends feststellen – eher einen negativen Trend. Stattdessen werden spekulative Modelle fragwürdiger Grundlage zitiert, die eben jene dramatische Verschlechterung in die Zukunft projizieren. Wissenschaftler, die auf die Schwächen derartiger Modelle verweisen und dass diese überhaupt nicht robuste Prognosen liefern können, werden zurückgewiesen und diskreditiert: Es seien ja keine Prognosen, sondern lediglich Szenarien … bloß, um dann weiter damit zu argumentieren, als wären es verlässliche Prognosen. Vergleichsweise kann auch ein Kaffeesatzleser Behauptungen über zukünftige Ereignisse machen, und vielleicht bewahrheitet sich sogar die eine oder andere Behauptung.

Ähnlich sind Behauptungen zu den steigenden Meeresspiegeln: Küstenregionen und Inselns werden vom Meer verschlungen. Tatsächlich steigen die weltweiten Meeresspiegel seit dem Ende der kleinen Eiszeit mit einer relativ konstanten, aber niedrigen Rate, die nicht wirklich besorgniserregend ist. Darum wird behauptet, dass ein dramatische Anstieg in naher Zukunft erwartet wird, den man aber jetzt nicht empirisch feststellen kann. Grundlage sind dafür wiederum wissenschaftlich anmutende Spekulationen, die einer Überprüfung regelmäßig nicht standhalten.

Reale Gefahren durch den Klimawandel sind also im Gegensatz zu realen Naturkatastrophen, die sich mehr oder minder wiederholt ereignen, nicht sicher zu prognostizieren. Ebensowenig ist der Grund der befürchteten Erderwärmung wissenschaftlich gesichert. Der Anstieg der sogenannten Treibhausgase in der Atmosphäre kann tatsächlich die bodennahen Temperaturen erhöhen, aber über den Beitrag dieses Einflusses herrscht in der Wissenschaft kein Einvernehmen. Die Annahmen reichen von einem marginalen Einfluss bis zu dramatischen Wirkungen. Eine verlässliche Klärung dieses Zusammenhangs ist trotz immenser Forschungsaufwände nicht erreicht worden.

Ein weiteres Argument der Klimaretter ist, sofern sie die wissenschaftliche Unzulänglichkeit einräumen, dass ein Handeln erst nach einer Klärung zu einem ‚Zu spät‘ führen würde. Handeln sei trotz bestehender Unsicherheit auch heute geboten, denn mit dem Eintritt der behaupteten katastrophalen Veränderungen wären keine Optionen mehr vorhanden, dieses noch zu bekämpfen. Dies führt zum nächsten Themenkomplex, der ebenso erschreckende Irrationalität zeigt: Sind die Maßnahmen überhaupt dazu geeignet, wirksam jene Katastrophen zu verhindern, die man annimmt und deren Ursachen man im Anstieg der Treibhausgase man behauptet?

Selbst unter diesen Annahmen erscheint es bei näherer Betrachtung völlig aussichtslos, mit noch so kräftigen Maßnahmen, die bis an den Suizid heranreichen, irgend eine spürbare Wirkung zu entfalten. Angesichts dessen, dass die Bundesrepublik für kaum mehr als 2 % der weltweiten anthropogenen Emissionen verantwortlich sind, und das das jährlich Wachstum der Emissionen weltweit oft weit darüber liegt, wäre ein äußerst schmerzhafter Totalverzicht weitgehend wirkungslos. Man behauptet, dass man darum die sogenannte Vorreiter-Rolle einnehmen müsse in dem Glauben, dass der Rest der Welt diesem folgt. Diese Annahme erweist sich offensichtlich als irrig, da man den Nachholbedarf des Wohlstandes einer wachsenden Weltbevölkerung akzeptiert. Vielmehr wird die suizidale Attitüde Deutschlands weltweit als abschreckendes Beispiel erkannt, das zudem die ambitionierten Ziele stets krass verfehlt. Das Verhalten wirkt dann ähnlich lächerlich wie die berüchtigten 5-Jahrespläne unter sozialistischer Herrschaft, die regelmäßig als propagandistische Erfolge gefeiert wurden.

Sollen wir darum gar nichts zur Klimarettung tun? Ein ressourcenschonender Lebensstil ohne suizidale Radikalität und ideologische Überhöhung kann durchaus empfohlen werden. Aber das rettet selbstverständlich weder Klima noch Welt. Immerhin kann man sich von einem wahrscheinlich nicht existenten Problem mit nachweislich ungeeigneten Maßnahmen so oder so nicht retten.

Unbeachtet der Gefahren und des Mangels an erkennbaren Nutzen werden diese Trends aber unbeirrt fortgesetzt. Warum also? Abgesehen von der Wirksamkeit von Propaganda, die viele Menschen durchaus wirksam erreichen kann, amalgamiert diese mit der Frage nach Identität und Sinnsuche schließlich in einen Megatrend, der zu massiven Änderungen in der politischen Landschaft beiträgt. Viele Rückkopplungen, die auch die betroffenen Menschen erfasst, die es eigentlich besser wissen müssten, führen zu einer Verstärkung dieses Trends.

Fatale Konsequenzen

Dieser Trend der Klima- und Weltrettung hat Auswirkungen auf viele Bereiche des Lebens. Die Maßnahmen werden nichts Messbares zur Verbesserung der Klima-Situation beitragen, selbst wenn – wider Erwarten – die Propheten des Untergangs recht behalten sollten. Aber die Lebensqualität wird rein objektiv dramatisch verschlechtert: Die Wirtschaft und Lebensgrundlage wird nachhaltig geschwächt, was auf kurz oder lang zum Zusammenbruch der Gesellschaften führen wird. Damit sind nicht nur die Menschen im Einzelnen und im Kollektiv gefährdet, sondern auch die gesamten gesellschaftlichen Errungenschaften wie Demokratie, soziale Sicherheit und bürgerliche Freiheiten. Andere Bewegungen werden Macht erhalten.

Aber auch die inneren Triebkräfte, die durch die Identitätsbestimmung Befriedigung erhalten sollen, bleiben verzerrend. Gewollt ist, dass der säkulare und neureligiöse Mensch, durch seine Teilnahme an der Klimarettung sich als positiver Weltenretter inszeniert. Auch diese Hoffnung ähnelt einer unerfüllten Jenseitserwartung: Die Zeiträume, in denen man eine Wirksamkeit der Maßnahmen erwartet, liegen meist weit hinter der irdischen Lebensspanne. Selbst wenn es aller Logik zum Trotz eine zutreffende Analyse einer realen Bedrohung gegeben hätte und die Maßnahmen sich als wirksam erweisen sollten, so bliebe doch die Bestätigung dieser erhofften Erfolge nicht mehr erfahrbar. Im Besonderen nicht für den säkularen Menschen, der nicht an ein Weiterleben nach dem Tode glaubt. Dies ist vielen Menschen mehr oder minder bewusst, verbunden mit der Erwartung der Unabwendbarkeit jener kommenden Katastrophe. Es bleibt nur der irrationale Glaube, dass das eigene Handeln eben doch irgendwie zur Rettung der Welt beiträgt.

Es ist darum eher ein Motiv eines eher hoffnungslosen Gut-Sein-Wollens, dass man es zumindest versucht habe, die Welt zu retten – auch wenn sich das als völlig nutzlos erweisen sollte. Aus dieser mageren Erwartung saugen sich die Vertreter der Klimarettungsbewegung einen emotionalen Nutzen: Ich gehöre zu den Guten, die nicht tatenlos mit ansehen, wie die Welt zugrunde geht!

Dabei bleibt die negative Bestimmung dürr: Die Erwartung des Untergangs erzeugt Ängste und eine depressive Grundstimmung, die sich in seltsamer Verbindung parallel zum Klimarettungsakivismus zu einer Art Genussucht verdichtet: Ich erwarte für die Zukunft nichts Gutes, darum lasst uns die Gegenwart nutzen!

Unabhängig davon, dass diese beiden Momente gegensätzlich sind, beruhen beide auf fragwürdigen Annahmen, die durch nichts hinreichend belegt werden. Die Katastrophe kommt, und ich werde mit Garantie nicht erfahren können, dass ich die Welt tatsächlich retten konnte, oder auch nur an der Weltrettung teilhaben könnte. Vielmehr ist es ebenso möglich oder gar wahrscheinlicher, dass sich all das als falsch erweist. Die Welt wird diese fatale Entwicklung auch ohne den wilden Aktivismus überleben. Auch die Frage, ob mit dem physischen Ableben alles aus ist, bleibt offen.

Definitiv versauert diese Einstellung das Lebensgefühl der Anhänger und führt zu einer pessimistischen Weltsicht und einem fatalen Lebensvollzug und Zielverfehlung aus Sicht anderer Weltanschauungen.

Alternative Weltanschauungen und Identität

Im Westen und im Besonderen in Deutschland scheinen diese Ansichten fast flächendeckend alles zu durchdringen, im Besonderen die Medien und die Politik. Dagegen existieren aber noch weiter Bewegungen, die davon weitgehend unbeeindruckt sind und in weiten Teilen der Welt auch dominant sind. Ein Momentum hat aus deutscher Perspektive vor allem der Islam, aber das Christentum hat in vielen Teilen der Welt eine ebenso große, vielleicht sogar eine stärkere Kraft, zu einer Identifizierung beizutragen. Politische Bewegungen wie der Kommunismus haben mit dem Scheitern des real existierenden Sozialismus schon lange ihre Kraft verloren. Die Trends zu fernöstlicher Spiritualität hat ebenso wenig trendbildende Kraft.

Der Islam setzt eine dichte, letztlich totalitär gemeinte Lehre, die das Denken und den Lebensvollzug nahezu vollständig reguliert, gegen die Postmoderne. Alle Errungenschaften der Sozialgeschichte und Wissenschaft sind in jener bedeutungslos. Anstelle der Menschenrechte und Humanismus tritt die Scharia. Durch die Einfachheit der Vorstellung und klaren Regeln, der schieren Masse der Protagonisten, einer Mischung aus Gewalt und vermeintlicher Toleranz wird die Bedeutungslosigkeit der Rationalität geradezu atemberaubend. Selbst Frauen, die eine inferiore Rolle mit wenigen Verheißungen, und einer Rolle als züchtige Gebärerin zugedacht wird, werden zu glühenden Anhängerinnen. Als Erklärung bietet die Vermittlung der Identität einer orientierungslosen Gesellschaft eine schlüssige Grundlage. Der Moslem findet sich in einer Allah-regierten Welt an einem vorherbestimmten Platz und findet darum den verzweifelt gesuchten Sinn.

Vielleicht ist es gerade die plakative Irrationalität, die nur schwache Versuche der Apologetik neben einer massiven Unterdrückung der Kritiker liefert, die zum Erfolgsrezept beiträgt. In einer komplizierten Welt erscheint ein Christentum, dass sich dem Diskurs der Wissenschaften stellt, eher verwirrend. Was soll nun in einer Welt der unzähligen Pro- und Kontra-Argumente verlässlich sein? Besser, den gesamten Diskurs einfach ausblenden und zu einfachen und klaren Rezepten greifen.

Auffällig ist auch der Unterschied in den Einstellungen der wenig praktizierenden Gläubigen. Während traditionelle Christen, die mehr oder minder mit Kirche und nomineller Zugehörigkeit nicht brechen wollen, offen und klar ihre Distanz, gar Ablehnung und Verachtung zu Glaubensinhalten zum Ausdruck bringen, bleiben säkulare Moslems doch gegenüber dem Islam eher stumm. Eine offene Kritik oder Ablehnung bleibt selten. Innerlich bleibt man der Identifikation als Moslem treu. Im Zweifel akzeptiert man dennoch die bestimmende Rolle der Lehre, auch wenn man eine Distanz halten will.

Die Geburtenrate der säkularen Moslems sinkt, bleibt aber dennoch deutlich über der Geburtenrate der postmodernen Menschen. Allein der demographische Aspekt, der hohen Bindung moslemisch geborener Kinder zu der Glaubensgemeinschaft sorgt für ein weiteres sicheres Wachstum. Nicht nur in den überwiegend moslemisch besiedelten Ländern der Erde, sondern auch in den Ländern, in denen Moslems eine wachsende Minderheit bilden, bestimmen immer mehr moslemische Vorstellungen die Gesellschaft und gewinnen prägende Kraft. Die identitätsstiftende Lehre zieht auch Konvertiten mit anderen Wurzeln an.

Es zeichnet sich ab, dass das zu erwartende Scheitern der neureligiösen Klimarettungsbewegung zu einem weitere Erstarken des Islams führen wird. Ob dagegen politisch rechte Bewegungen tatsächliche eine Alternative sein können, kann bezweifelt werden. Auch das Christentum erscheint zumindest im Westen geschwächt. Dennoch mögen jene, die allesamt den Islam für ein mindestens ebenso großes Übel wie die irrationale Weltrettungslehre halten, die Zukunft den Muslimen nicht kampflos überlassen. Doch warum sollten sie das tun? Eine negative Bestimmung, den Übeln zu widerstehen, ist als Motiv unzureichend, wenn keine positive Identität dem überzeugend vertreten wird. Ein säkularisierter Postmoderner wird kaum Sinn und sichere Identität sogar sich selbst gegenüber sein können. Er oder Sie benötigt ein Selbstverständnis und Orientierung, von dem aus er sein Leben gegen verderbliche Trends bewahren kann, ohne von negativen Polarisierungen bestimmt zu sein. Eine positive identitätsstiftende Kraft ist notwendiger denn je!

Ist Jesus die Antwort?

Das Christentum ist in westlichen Gesellschaften in Rückzugsscharmützeln begriffen. Einerseits amalgamiert es sich mit hedonistischen Trends der Freiheit, den sozialen Bestrebungen des säkularen Sozialismus, den Weltrettungsphantasien der vermeintlichen Schöpfungsbewahrung und einer Anbiederung an den Islam unter dem Titel des interreligiösen Dialogs. Andererseits existiert ein rückwärtsgewandter Fundamentalismus, der zumindest in der Grundeinstellung tatsächlich Ähnlichkeiten zum Islam aufweist. Ein lebendiger Glaube an den auferstandenen Jesus, der sich nicht durch Trends und Negativbestimmung vereinnahmen lassen will, existiert weiterhin, wenngleich es sich nicht als dominierende Bewegung erkennen lässt. Liegt das Christentum nun im Sterben, wie eben so viele andere Ideologien vor diesem.

Dialektik ist quasi das Kernkonzept der Lehre von Jesus. Das Leben in Fülle hindurch durch das Sterben. Menschliche Vernunft, die einen Niedergang eben jenes zu erkennen glaubt, hat sich Jahrtausende lang geirrt. Die ersten Jahrhunderte waren durch Verfolgungswellen gekennzeichnet, und auch heute werden viele Christen direkt und indirekt verfolgt oder bedroht. Einerseits durch brutale Gewalt, vor der die Welt oft genug die Augen verschließt, andererseits durch gesellschaftliche Ausgrenzung und soziale Ächtung. Christen passen genau dann nicht in die Zeit und die Gesellschaft, wenn sie sich nicht von akzeptierten Strömungen bestimmen lassen. Und per Definition des Glaubens dürfen sie das nie.

Selbst in Phasen, in denen die Kirche die dominierende Macht der Gesellschaft war, standen immer wieder Christen auf und erkannten die Korruption dieser scheinbar christlichen Kräfte. Reformbewegungen durchziehen die gesamte Kirchengeschichte. Ein traditionalisiertes Christentum steht selbstredend in Gefahr, ihren lebendigen Glaubenskern zu verlieren – auch dann wenn er mit Festungsdenken eine Identifikationsfigur liefert. Ebenso wird ein Glaube sich auflösen, wenn er sich in Synkretismus der Welt gleich macht und nach Zustimmung heischt.

Dialektik des Evangeliums in Tod und Leben ist die Kraft, die nicht aus dem Denken allein kommt. Sie baut auf der Realität eines sich offenbarenden Gottes, der über den Verstand hinaus keine abgeschlossene Lehre und statisches Modell liefert, sondern die Kraft der Erneuerung verkündet. Auch das Weizenkorn, das in seiner Existenz sterben muss, um durch Verwandlung die Kraft des Lebens repräsentiert … das unscheinbare Senfkorn das die Grundlage eines mächtigen Baumes wird … dies alles sind die Hoffnungselemente, die Jesus selbst präsentierte. Jesus lehrte, nicht dem Anschein zu folgen. Paulus erläuterte:

Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. 

Philipper 4,12

Es bleibt ein scheinbarer Widerspruch, einerseits eine Lehre als Identifikationsfigur zu propagieren, die zugleich sich selbst nicht als abgeschlossen versteht. Auch an anderer Stelle heißt es bei Paulus:

Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. 

1.Korinther 13,9 + 10

Diese scheinbare Verachtung der Prophetie und Erkenntnis lehnt aber das Streben nach Erkenntnis keineswegs ab, sondern fördert diese. Konservative Kräfte neigen dazu, das Erreichte zu bewahren und gegen jegliche Veränderung zu schützen. Und über weite Teile blieb die christliche Bewegung starr und konservativ, auch wenn die Lehre sich zum Weg und zur beständigen Veränderung bekannte. Das Gleichnis vom breiten Weg, der ins Verderben führt, und den schmalen Weg in den Himmel hat vordergründig mit moralischen Lebenswandel zu tun. Zugleich ist der Weg aber immer immer auch der Fortschritt und die Veränderung. Ein Fortschritt ist unvermeidbar, selbst wenn manche lieber verharren wollen. Aber nicht jeder Fortschritt führt zum Guten. Auch darin liegt die Dialektik, den Fortschritt nicht um des Fortschritts Willen zu suchen.

Auch wenn sich das Leben in letzter Konsequenz mit rationalen Mitteln nicht erfassen lässt, so ist der christliche Glaube doch nicht irrational. Der Bereich, soweit der Verstand reicht, wurde unter die Herrschaft des Menschen und seiner Erkenntnis gestellt. Die Ratio als Geschenk Gottes ist eine wertvolle Gabe, die es zu nutzen gilt. Aber die rationale Erkenntnis muss ihre Grenzen erkennen. Eine entgrenzte Ratio wird über die Anmaßung zur Dummheit, denn Selbstüberschätzung ist mit der Suche nach Wahrheit nicht zu vereinbaren.

Christlicher Glaube basiert auf dem Alten Testament. Dieser Identifiziert den Menschen als Schöpfung Gottes und sein Ebenbild. Gott selbst stellt den Menschen in den Mittelpunkt, ja … wird in Jesus selbst zum Menschen. Dieser christliche Humanismus liefert den Menschen eine Identität und Verantwortung zur Gestaltung … aber auch Hoffnung in seiner Wahl:

19 Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. 

5. Mose 30,19

Ein Gedanke zu „Identität“

  1. Was aber folgt aus dieser Betrachtung? Gibt es nun eine ’natürliche‘ Identität, die ich ’nur‘ erkennen muss? Oder ist Identität und Sinn etwas, die es nicht ‚an sich‘ gibt, die sich aber entwickeln lassen? Interessant an dieser Zuspitzung, die man in gewisser Hinsicht auch dialektisch verstehen kann, das sie oft eben nicht einfach auflösbar ist und ohne ontologische Bezüge nicht auskommt. Denn wenn es den realen Sinn gibt, muss dieser einen Grund haben … was wieder auf Gott zurück führt. Ist die Existenz an sich aber nicht-zielbestimmt, dann ist die Identität beliebig und letztlich bedeutungslos. Diesen Sinn kann man auch nicht rückwirkend erzeugen und erfinden, denn jede Deutung wäre dann ebenso beliebig und bedeutungslos. Ein Münchhausen-Problem, dass man sich nicht selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann.

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