Erkenntnis, Glaube und Zweifel

Der Mensch ist neugierig. Er will wahre Antworten, nicht zuletzt auf die Grundfragen der Menschheit. Manche geben sich mit tradierten Antworten zufrieden oder glauben irgend was. Andere resignieren bei der Frage und behaupten, eben nichts zu glauben. Aber manche wollen es genauer wissen, sie wollen nicht resignieren und auch nichts Beliebiges glauben. Sie suchen nach Erkenntnis.

Glauben ist zunächst ein Fürwahrhalten von Dingen und Aussagen, die man nicht hinreichend beweisen kann. Aber wie erlange ich dennoch eine vertretbare Erkenntnis, wenn sich die finale Wahrheit unserem Zugriff entzieht? In zweiter Hinsicht ist Glaube auch Vertrauen auf andere Autoritäten: Glaube ich den Wissenschaftlern? Oder an Gott? oder meiner Peer-Group, den Medien? Ist radikaler Skeptizismus die bessere Option? D.h. ich glaube, es gibt keine verlässliche Informationsquelle? Hier will ich mich mit dem besonderen christlichen Ansatz beschäftigen: Erkenntnis durch Glauben!

Ein Widerspruch in sich?

Erkenntnis ist beim Blick in den Brockhaus selbst ein komplexer und mehrdeutiger Begriff, den man so kaum erkennen kann. Hier wird mit Erkenntnis die zutreffende subjektive Deutung einer objektiven Realität verstanden.

Der Glaube dagegen trägt aber bereits die Unsicherheit in sich: Glaube als Vertrauen impliziert auch die Möglichkeit, dass sich etwas ganz anders als das Geglaubte verhält.

Es wäre fragwürdig, wenn man mit einer festen Vorgabe startet, und alles an dieser Grundthese festmachte. Man würde eine unbegründete a priori Aussage letztlich unhinterfragt lassen. Ein Zirkelschluss, basierend auf einem Dogma?! Aber was ist die Alternative? Bereits an anderer Stelle haben ich diese Themen diskutiert: Ein Dogma ist dann eine zulässige Startbedingung – eine Eingangshypothese – , wenn durch dieses die Kohärenz der Weltdeutung nicht verletzt wird:

Kurz gefasst: Auch die Denkprämisse ist der Konsistenzprüfung zu unterziehen. Hier will ich das fortsetzen mit der Feststellung, dass die Bibel eine Erkenntnis durch ein Dogma propagiert. Bevor wir zu einer inhaltlichen Diskussion kommen, muss der biblische Befund umrissen werden. Denn eine Voraussetzung der Erkenntnis ist bekanntlich, dass eine rein individuelle, selbstgebastelte und beliebige Weltsicht zu vermeiden ist. Dies gilt selbstredend auch für den Glauben und das Verständnis der Bibel.

Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse

Sehr früh für den Bibelleser erscheint dieser rätselhafte Text:

16 Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, 
17 doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.

1.Mose 2

Diese bildhafte Geschichte beschäftigte die Menschen über Jahrtausende. Was ist so schlecht an der Erkenntnis des Guten und des Bösen? Ist es die Erkenntnis an sich, der misstraut wird? Die Todesdrohung scheint ja auch nicht eingetreten zu sein, denn auch nach dem Sündenfall lebten Adam und Eva weiter. Warum wird sie dann aber gerade so erzählt?

Es ist müßig, über die Historizität dieser Geschichte zu diskutieren, denn bei gegebener Historizität könnte die Aussage sich kaum von dem Verständnis als Allegorie unterscheiden. Die Verfechter der Historizität haben dabei einen modernen Wahrheitsbegriff, der dem Faktischen eine überragende Bedeutung zuspricht. Und damit haben eine gleichermaßen verzerrte – dogmatische – Sicht wie deren Gegner, der der Geschichte auf der gleichen Ebene ihre Bedeutung absprechen wollen. Das ‚Sein wollen bestimmt das Bewusstsein‘ erscheint hier nicht minder eng als dessen Gegenteil. Beides aber erschwert das Verständnis der Mitteilungsabsicht, da sie sich in einen Nebenaspekt verliert.

Sogar die Frage, ob es ein von Gott selbst inspirierter Text oder menschliche Erfindung sei, erscheint bei der Deutung zweitrangig, denn die Geschichte spricht für sich selbst. Meines Erachtens spricht einiges für eine besondere Inspiration, denn der Aufbau ist absolut erstaunlich. Überall sonst in der Bibel wird die Erkenntnis – im Besonderen Gottes – als erstrebenswert erachtet. In Bezug auf die moralische Qualität war keineswegs zu erwarten, dass Gott hier dieses Verbot aussprach. Ist es für die menschliche Existenz nicht von zentraler Bedeutung, gut von böse zu unterscheiden? Ein selbstgemachter Gott hätte den Menschen viel eher die Gabe des moralischen Urteils verliehen und als Tugend dargestellt.

So drängt sich die Frage auf, ob mit diesen wenigen Worten nicht ein ganzes Entwicklungsprogramm entfaltet wird: Ohne eine besondere Magie dieser Frucht wird dem Menschen gewahr, dass er sich gegen das Gebot stellte. Es stellt sich so durch den Akt die Erkenntnis dieser Schuld ein. Der Mensch schuldete Gott Gehorsam, was er aber nicht leistete. So begründete sich die Trennung von Gott. Aus der Distanz wird die Vermutung deutlich: Es lag in der Absicht Gottes, das der Mensch ein Eigenleben entwickelt. Und das konnte er nur durch die Abnabelung erreichen. In so weit macht die Geschichte auch einen erstaunlich tiefen Sinn, der augenscheinlich in der Erzählung nicht explizit reflektiert wurde. Auch der Brockhaus deutet die Geschichte als die Wurzel der Eigenverantwortlichkeit des Menschen.

Konnten die antiken Autoren diesen Bedeutungskontext ersonnen haben, als Weg einer frühen gedanklich-kreativen Arbeit, sich zugleich aber der Deutung enthalten haben? Haben sie zufällig hier einen bedeutungsschweren Treffer jenseits aller Erwartungen erzielt? Dies erscheint mir wenig plausibel. Darum liegt der Gedanke nahe, dass es sich wahrlich um einen inspirierten Text handelt.

In der Folge erwähnt das Alte Testament die Erkenntnis vor allem in folgenden Kontexten und Konationen:

… und habe ihn erfüllt mit dem Geist Gottes, mit Weisheit und Verstand und Erkenntnis und mit allerlei Fertigkeiten,

2.Mose 31,3

Eindeutig eine positive Konotation … ebenso

Da sprach Gott zu Salomo: Weil du dies im Sinn hast und nicht gebeten um Reichtum noch um Gut noch um Ehre noch um deiner Feinde Tod noch um langes Leben, sondern hast um Weisheit und Erkenntnis gebeten, mein Volk zu richten, über das ich dich zum König gemacht habe,

2. Chronik 1,11 

Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.

Sprüche 1,7 

Erkenntnis ist klar ein positiver Wert, aber oft im Kontext der Glaubensbeziehung verstanden. Auch die AT-Formel für ehelichen Verkehr ist ‚ … erkannte seine Frau‘ zeigt den Beziehungs -Charakter der Erkenntnis. Das hebräische Verb hier heißt yada` (Nach Strongs Dictionary: to know (properly, to ascertain by seeing); used in a great variety of senses, figuratively, literally, euphemistically and inferentially (including observation, care, recognition; and causatively, instruction, designation, punishment, etc.) acknowledge, acquaintance(-ted with), advise, answer, appoint, assuredly, be aware, (un-)awares, can(-not), certainly, comprehend, consider,could they, cunning, declare, be diligent, (can, cause to) discern, discover, endued with, familiar friend ) Allerdings ist nicht erkennbar, dass ‚Erkenntnis‘ sich auf Beziehungen beschränken würde, da diese sich häufig in Bezug zur Weisheit genannt wird. Es ist zwar nicht ausdrücklich die Erkenntnis als Antwort auf wissenschaftliche Neugier genannt, kann aber auch dieses Verständnis umfassen.

Dies setzt sich auch im Neuen Testament fort:

Das NT und die Erkenntnis

Erkenntnis wird als Gabe Gottes verstanden

4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, 
5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis.

1.Korinther 1

Erkenntnis wird darin nicht als etwas Gott Widerstehendes verstanden, sondern als dessen Gabe. Es werden aber die Grenzen der Erkenntnis klar genannt. Erkenntnis ist nicht ein Selbstzweck, sondern subjektiver Diener der Wahrheit:

8 Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 
9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 

1.Korinther 13

Das hat nicht mit der Verachtung der Erkenntnis an sich zu tun, sondern ist eine bescheidene Mahnung, den erreichten Zwischenstand des Erkennens nicht zu verabsolutieren. Gerade heutzutage neigt man dazu, trotz erheblicher wissenschaftlicher Erkenntinsslücken den Stand der Wissenschaft faktisch als absolutes Maß zu verwenden.

Wie aber erlangt man aus neutestamentlicher Sicht Erkenntnis? Der Verweis auf den Heiligen Geist und das Geschenk Gottes erscheint da doch zu wenig.

Erkennen ist hier nichts, was ein neutraler Beobachter mit Blick auf die Welt herausfindet, sondern stets das persönliche involviert sein. Wer erkennen will, wird auch persönlich herausgefordert:

Darauf antwortete ihnen Jesus: Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. 
17 Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt oder ob ich von mir aus spreche. 

Johannes 7,16

Erkenntnis hat auch stets folgen:

Da sagte er zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.
32 Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.

Johannes 8,31

Weiter im Programm:

Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!

Römer 12,2

Der Glaube ist darin die Zugangsvoraussetzung zur entscheidenden Erkenntnis:

Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. 
69 Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes. 

Johannes 6,68

Zusammenfassend: Das NT ermutigt zu Erkennen, aber dies geht nur durch eine innere Bereitschaft, die Konsequenzen auch zu ergreifen. Ein rein akademisches Interesse ist aus biblischer Sicht nicht fruchtbringend.

Dies steht in der Linie mit der Dualität des Glaubens: Einerseits geht es um das fürwahrhalten von Aussagen. Andererseits geht es um Beziehung, einer Person zu vertrauen und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Sprachgebrauch Zweifel

Unter Zweifel verstehen wir heute den Prüfbedarf von Aussagen, von denen wir noch nicht vollständig überzeugt sind. Aber auch vermeintliche Sicherheiten erweisen sich zuweilen als trügerisch. Zweifel wird auch oft mit seinem Synonym Skepsis benannt.

Es gibt auch eine andere Lesart des Wortes Zweifel, nämlich die des negativen Glaubens. In diesem Sinn sind beides gegensätzliche Positionen, die des positiv Glaubenden, und des negativen Zweiflers. Negativ und positiv sind hier keine qualitative der moralische Urteile, sondern beschreiben lediglich die zustimmende oder ablehnende Haltung zu einer Aussage oder Person. Dies ist der Kontext der meisten Worte in der Bibel: Zweifel führt hier nicht in die Prüfung, sondern in Ablehnung. Die Aufforderung zu Prüfen ist dagegen wiederholt positiv konnotiert. Es wäre darum falsch, die Warnung vor dem Zweifel in der Bibel als Aufforderung zum blinden Glauben zu verstehen. Denn eine positive oder negative Glaubensentscheidung kann erst dann Bestand haben, wenn die Mittel der Prüfung ausgeschöpft sind und kein klares Ergebnis brachten.

Der Wissende hegt zumeist keine Zweifel, denn sein Urteil beruht aus seiner Perspektive letztlich nicht auf Präferenz, sondern auf robusten Argumenten -zumindest ist der Wissende davon selbst überzeugt. Aber auch Jener, der zu wissen meint und sich damit im Besitz der Erkenntnis betrachtet, kann irren. Er unterscheidet sich dann vom Zweifler nur in der Überzeugung, die Realität hinreichend sicher erkannt zu haben und entsprechend zu deuten. Nicht selten tarnen sich jene, die sich faktisch für Wissende halten, in den Mantel des Skeptikers. Denn es gilt ja als chic, keine letzten Wahrheiten zu beanspruchen, aber dennoch verhalten sie sich so, als ob sie genau das täten. Auch wenn die Gnostiker eine Bezeichnung für eine antike Denkrichtung galt, können wir diesen Zug heute in veränderter Wortbedeutung heute für jene verwenden, die sich faktisch im Besitz wahrer Erkenntnis wähnen, ohne diese mit einer Glaubensentscheidung zu begründen.

Sprechen wir dagegen von zwei sich gegenseitig ausschließende Aussagen, die jeweils einen oder mehrer positiv Gläubige finden, so muss wenigstens einer dieser positiven Glaubenden im Irrtum sein. Er würde darum zu recht des Irrglaubens beschuldigt. Aber diese Vorwürfe kommen bis zu einer finalen Klärung offen und können darum auch wechselseitig erfolgen.

Das Profil des Gläubigen, der sich zum Vertrauen auf eine Aussage entschieden hat, bzw. zum Vertrauen in eine Person, kann und muss jedoch wiederholt auf den Weg der Prüfung gehen. In diesem erstgenannten Sinn ist dann ein prüfender Zweifel, der ein positives Ergebnis nicht von vornherein ausschließt, die Kehrseite der Münze des Glaubens.

Entscheidungen

Angesichts dessen, dass wir auch nach sorgfältigster Prüfung oft keine hinreichend abgesicherte Entscheidung aus den Fakten alleine treffen können, ist der Glaube dann doch etwas ähnliches wie eine Wette. Siehe die Pascalsche Wette. Andere würden sagen: Eine existenzielle Entscheidung! Denn wenn die Mittel der Ratio – die Prüfung – ausgeschöpft wurden, ist es unabdingbar, zu existenziellen Fragen auch eine Position einzunehmen. So die Frage: Will ich Gott vertrauen?

Sogenannte Agnostiker lehnen eine Entscheidung ab, denn sie sagen, dass sie ja gar nicht erkennen können, ob jener Gott überhaupt existiert. Aber de facto haben sie damit eine negative Entscheidung getroffen: Sie vertrauen nicht auf Gott. Die Begründung ist weder zwingend noch wichtig. Entscheidend ist hier, dass sie ihr Leben ohne Gott gestalten. Ich nenne Agnostiker ’sogenannt‘ , denn wir alle haben keine Möglichkeit, eine sichere Erkenntnis ohne eine Glaubensentscheidung zu erlangen. In diesem Sinn sind wir alle Agnostiker. Wer sich bewusst zu einem Glauben bekennt, beansprucht ja kein wasserdichtes Wissen und bekennt sich damit auch dazu, dass er jene unwiderlegbare Erkenntnis nicht hat. Auch Jener, der einer tradierten Entscheidung folgt, und hier keinen bewussten Akt vollzieht, trifft eine implizite Entscheidung.

Faktisch kann man ähnlich dem 1. Axiom von Paul WatzlawickMan kann nicht nicht kommunizieren – auch nicht in Glaubensfragen unentschieden sein. Man kann bestenfalls die Stärke der Glaubensentscheidung beschreiben. Halbherzige oder implizite Entscheidungen mag man anders bewerten als starke Bekenntnisse, aber sie wirken sich mitunter gleich aus.

Sogenannte Glaubensbeweise wurden zumeist abgelehnt, denn sie verlieren ihren notwendig zwingenden Charakter, da man nicht stets alle Zweifel eliminieren kann. Kant lehnte u.A. den kosmologischen Gottesbeweis ab:

Die Wirklichkeit selbst bzw. die Dinge an sich können wir hingegen nicht erfassen. Insofern entzieht sich unserem Erkenntnisvermögen auch die Feststellung, ob nicht bloß unsere eigene Vorstellung, sondern auch die Wirklichkeit ihrerseits den Regeln der Kausalität gehorcht, wie sie als Verstandeskategorie unser Denken beherrscht. Mithin lässt sich laut Kant bereits die Prämisse des kosmologischen Gottesbeweises nicht überprüfen.

Die Kant’sche Kritik am kosmologischen Gottesbeweis

Man mag nun zustimmen, aber die Konsequenz, dass die Kausalität möglicherweise nicht gültig sei, ist doch ein sehr schwaches Argument gegen den Gottesglauben. Denn viele glauben zweifellos, dass die Kausalität zu den Grundfesten des Universums gehört. Die rationale Beschäftigung mit diesen Fragen mag zwar keine unbezweifelbare Antwort liefern, aber sie steckt ein Feld der Möglichkeiten und der Plausibilität ab, die uns unsere Entscheidungen erleichtern können. Viele Vorstellungen können somit als unplausibel eliminiert werden, aber ein Entscheidungsfeld bleibt übrig.

Sicher mag man fragen, was denn das Wesen dieser Entscheidung sei, wenn alle bestimmenden Gründe zwingender Logik keine Notwendigkeit liefern? Ist es dann der reine Zufall, der uns in die eine oder andere Richtung lenkt? Abgesehen davon, dass uns die rationale Beschäftigung auf dem Weg der Entscheidungsfindung helfen kann, so haben doch vorzügliche Denker in Geschichte und Gegenwart zu gegensätzlichen Entscheidungen gefunden. Der letzte Grund muss darum auf einer anderen Ebene zu suchen sein:

Das Wesen des Menschen

Im naturwissenschaftlichen Denken unserer Zeit sieht man in den Gründen von Ereignissen zumeist eine Skala, an deren Enden die Pole Zufall und Gesetzmäßigkeit steht. Der Fall eines Würfels ist weit auf der Seite des Zufalls, wenngleich man aus dem Ausgangszustand, dem Anfangsimpuls, den Materialeigenschaften uvm. die Bewegung und den Endzustand möglicherweise berechnen kann. Auf dieser Skala fehlt aber das Wesentliche: Das intentionale Handeln.

Wenn ein Akteur, sei es ein Mensch, ein Tier oder Gott, etwas bewirken will, dann wird er Aktionen zur Zielerreichung durchführen. Der Würfel fällt nur, weil vorher ein Mensch den Würfel konstruierte, und ein Mensch den Würfel zur Ermittlung der Zahl warf. Das naturwissenschaftliche Denken tut sich mit dieser Beobachtung sehr schwer. Man versucht darum, die Bestimmungsgründe jenes Akteurs wieder auf die Skala zwischen Zufall und Notwendigkeit aufzulösen.

Dies ist der Ansatz der Neurowissenschaften: Über die Funktionsweise des Gehirns und kybernetischer Modelle davon versucht man dem Wesen der Entscheidung nicht nur auf die Spur zu kommen, sondern einen Erklärungsansatz in jener Skala zu realisieren. Dies aber geht nur auf Grundlage einiger fragwürdiger Prämissen, vor allem: Aus der Materie und der Kausalität bestimmen sich alle Ereignisse, auch die Entscheidungen von denkenden Wesen. Dies ist aber ein unbegründetes Dogma, denn wir können die Natur des Menschens a priori gar nicht kennen. Sie steht im Kontext der Arbeitshypothesen der Naturwissenschaften, die eine immanente Erklärung der untersuchten Phänomene voraussetzt. Dieser Ansatz erwies sich in vielen Bereichen der Forschung als erfolgreich, aber nichts spricht dafür, dass dieses Prinzip grenzenlose Gültigkeit hat.

Da diese Prämisse letztlich die Grundlage der Existenz schlechthin nicht erklärt, kann man die Gültigkeit dieses Dogmas getrost ablehnen.

Aus der Selbstwahrnehmung und dem Eigenbewusstsein können wir mit Descartes auf die eigene Existenz schließen, und uns selbst als substanziell wahrnehmen. Auch wenn wir uns selbst als vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung mit vielen Einflüssen ansehen. So denken wir uns doch als ein Selbst, dass über eine gewisse Entscheidungsfreiheit verfügt. Menschen aus sehr ähnlichen Umständen, vielleicht Zwillinge, entwickeln doch eine weit divergierende Entscheidungslinie und Lebensläufe.

Der Kern unserer Persönlichkeit mag auch jener letzten Aufklärung verborgen sein, aber die biblische Perspektive ist die der Schöpfung:
Das im Kern unabhängige Menschenwesen wurde von Gott gewollt und in die Freiheit entlassen.

Ausgehend von diesem Glauben kann sich die weitere Erkenntnis entfalten … wohl wissend, dass diese an die genannte Prämisse gebunden sind.

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