Identität des Konvertiten

Konvertiten kennt man meist aus der Bestimmung der Religionen. Ein Mensch, der sich zu einem Religionswechsel entschließt, wird als Konvertit bezeichnet. Im Kontext der Islamisierung stehen neue Moslems unter den Verdacht, besonders zur Radikalisierung zu neigen. Christliche Konvertiten, die von einem anderen Bekenntnis zum Christlichen, bzw. einer spezifischen Prägung konvertieren, werden oft ebenso kritisch gesehen. Sollten Moslems zum Christentum konvertieren, wird ihr Leben von ihren ehemaligen Glaubensbrüdern bedroht. Manchmal wird auch das Motiv jener bezweifelt, warum sie konvertieren: Sie könnten andere Motive haben, Stichwort Reischristen. Darum stoßen jene auch bei ihren neuen Glaubensbrüdern auf Misstrauen. Zumeist wird Mission mit dem Ziel der Konversion häufig mit dem Vorwurf der Proselytenmacherei bedacht, als dass es eben nicht ein Sache von Überzeugung und Einsicht sei, den Status der eigenen Sozialisation nicht als schicksalhaft zu erkennen. Aber auch jenseits der Religion ist im Zeitalter der Migration die Frage der ethnischen Zugehörigkeit eine Frage des Bekenntnisses der Zugehörigkeit.

Ist die Herkunft – ob nun genetisch oder kulturell bestimmt – eine Kategorie unwandelbaren Schicksals? Oder bietet die Möglichkeit des Wechsels der Zugehörigkeit eine neue menschliche Dimension, die eben jene schicksalhafte Verknüpfung überwinden kann? … und was bedeutet das für die Identität des Betroffenen?

Gerade Migranten, bzw. auch hier geborene Kinder von Migranten haben oft das Identitätsproblem, mit dem sie sich ihrer Zugehörigkeit weniger gewiss sind. Zuweilen wird eine doppelte Identität oder Zugehörigkeit behauptet, aber ob diese auch gelebt und so verstanden wird, bleibt fraglich. Sie stehen in der Gefahr, im Niemandsland zwischen den Polen verloren zu gehen. Dabei ist es oft genug zweitrangig, ob es nun ein eigener bewusster Schritt war, die Heimat zu verlassen und eine neue Heimat zu suchen, oder ob man sekundär von der Entscheidung der Eltern getrieben war. Letztlich muss sich selbst jeder Mensch in seinem Leben so einrichten, dass er mit seinen relevanten Strukturen in Harmonie steht. Zuweilen sind auch die objektiven Verhältnisse schwierig, die diese erwünschte Harmonie erschweren oder gänzlich unmöglich machen, oder zumindest ernsthaft belasten. Oft aber ist es vorwiegend eine Sache persönlicher Entscheidung und die Wahl dessen, dem seine Loyalität gilt. Ohne Loyalität auch keine Zugehörigkeit.

So mag ein Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland leben und diese Frage an die deutsche Gesellschaft stellen. Sawsan Chebli twitterte:

Man möchte ihr antworten: Sie werden nie zu Deutschland gehören, so lange Sie sich selbst segregieren und gegen jene Deutschen abgrenzen, denen sie pauschal eine Ablehnung unterstellen. Erst wenn Sie sich selbst als Deutsche identifizieren, und sei es als Wahldeutsche, die als Schicksalsgemeinschaft eine durchaus problematische Geschichte, aber auch großartige kulturelle Errungenschaften teilt. Wenn Sie nun durch Bekenntnis sich als Deutsche verstehen, stellt sich diese Frage nicht. Sind sie aber Fremde, so kann sie kein Dritter zur Deutschen gegen ihren Willen machen.

Ressentiments und Ausgrenzungen Einzelner oder Gruppen sind hierfür kein Kriterium, denn auch viele andere Deutsche erfahren radikale Ablehnung, so z.B. Linke erfahren die Ablehnung von Rechten, und Rechte erfahren die Ablehnung von Linken. Der Tweet von Frau Staatssekretärin erscheint ausdrücklich unreflektiert. Das disqualifiziert Sie zwar nicht vom Deutschsein, denn Selbstreflektion ist kein obligatorisches Merkmal der Deutschen, aber es disqualifiziert sie, ernst genommen zu werden. Denn wer seine eigene Verantwortung in dem Prozess der Identifikation nicht erkennt, und sich eben Gefühlen hingibt und mit diesen ohne darüber nachzudenken Politik macht, dürfte gerade als Amtsträgerin nicht akzeptabel sein. Vielmehr scheint sie selbst die Rolle des Outcast zu suchen, vielleicht mit dem Hintergedanken, Solidaritätsbekundungen zu erheischen, obwohl sie sich ihrer privilegierten Stellung durchaus bewusst zu sein scheint.

Was sollte das ‚Wir‘ gemeint sein? Vermutlich jene, die sich als ‚Ausländer‘ und nicht ganz integrierte Deutschen verstehen? Vermutlich die Gruppe der Muslime, deren Loyalität zuerst ihrem nicht-deutschen Bekenntnis und der Glaubensgemeinschaft gilt. Im Grunde ist es dann egal, ob es sich um eine aktives Bekenntnis zum Nicht-Deutsch-Sein oder um einen Mangel an Reflektion handelt – aber es ist deutlich, dass es hier nicht um einen Zugehörigkeitsprozess geht, sondern um eine selbst zu verantwortende Dissonanz. Was sollte der Appell sein? Etwa, dass nicht nur 60%, 90% oder 99% keine Abgrenzung zu der Staatssekretärin sehen wollen, sondern dass der letzte Mensch bekennt: Ich habe dich lieb, auch wenn du dich von uns abgrenzen willst?

Es wäre fatal, wenn es lediglich um jene ging, die trotz einer oberflächlichen Integration letztlich nur die Segregation dokumentieren. Viel mehr schaffen viele Menschen diesen Schritt, ihre neue Heimat auch als ihre Heimat zu verstehen. Heißt es, dass sie sich selbst neu erfinden? Nun sind Menschen als Individuen durchaus vernunftbegabt und entscheidungsbefähigt. Aber das Ankämpfen gegen Widerstände, vor allem wenn diese stetig und in Intensität einprasseln, überfordert viele.

Die sozio-psychologischen Faktoren können aber aktiviert werden, um Gegenkräfte zu rekrutieren. Also den Rückhalt in jenen Gruppierungen zu suchen, die den Mensch mit Orientierungsproblemen stärken können. Ist es also der Wunsch jener, Christ, Moslem, Deutscher, Amerikaner oder sonst was zu werden, dann sollte er sich auch an jene wenden, die ihm dabei helfen können. Es ist die Aufgabe sowohl der Konvertiten als auch der aufnehmenden Gruppe, hier eine Integration zu erreichen. Dabei kann es nicht vorrangig um gegenseitige Fingerpointing gehen, wenn etwas nicht reibungslos funktioniert.

Trotz aller Sympathie für jene, die sich selbst in der Welt einen Platz suchen  und vorgegebene Pfade verlassen, sollten sie nicht pauschal heroisiert werden. Abgesehen von einer unterschiedlichen Motivage ist es auch die Wahl dessen, zu was man konvertiert. Offensichtlich gibt es neue Identifikationspunkte, deren Qualität mehr als zweifelhaft ist. Ebenso kann es eine reife Entscheidung sein, den tradierten Werten zu folgen und die angestammte Herkunft mit Leben und Inhalt zu füllen. Aber es bleibt eine wesentliche Leistung, auszubrechen aus eime vermeintlich engen Schicksalsweg, die auch jene adelt, die bei ihrer Tradition verbleiben. Denn wenn nachweisbar ist, dass es eben kein Vorherbestimmung ist, ob jemand Christ oder Moslem, Deutscher oder Türke ist, sondern dass die Selbstbestimmung des Menschen Früchte trägt, führt dazu, dass der Traditionsbewusste, der dies eben nicht notwendig ist, auch als Entscheider respektiert werden kann.

Und damit ist eine menschliche Dimension der selbstbestimmten Identität eingeleitet. Gerade in Zeiten der Postmoderne, in der alles beliebig und subjektiv erscheint, ist das Bekenntnis zu einer Sache, einer Lehre oder einem Volk ein vitales Zeichen, dass dem Nichts wehrt. Und darum verdient zwar nicht jeder Konvertit Lob, aber zumindest Respekt.

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