Hass

Ein menschliches Gefühl, dass heutzutage leidenschaftlich abgelehnt wird, als gäbe es ein neues Gebot; Du darfst nicht hassen! Was ist da dran? Ist Hasskriminalität die böse Tat, die wegen des Hasses erst entsteht – oder ist bereits der Hass selbst, auch ohne dass er zur Tat wird, bereits ein Verbrechen? Was macht der Mensch, der selbst Hass empfindet, mit seinem Hass? Kann er diesen einfach in Liebe verwandeln oder muss er sich selbst belügen und seinen Hass verbrämen?

Haß (odium = feindliche Verfolgung) ist die leidenschaftliche Abneigung gegen daß, was uns Unlust bereitet hat. Der Haß, das Gegenteil der Liebe, verabscheut nicht nur einen Menschen, sondern möchte ihm auch schaden. Er entspringt oft dem Eigennutz, dem Neide, dem gekränkten Ehrgeiz, der Eifersucht oder der verschmähten Liebe. Insofern er dem Gehaßten Wichtigkeit beilegt, unterscheidet er sich von der Verachtung. Dinge kann man im Grunde nicht hassen, sondern nur Abneigung gegen sie, Abscheu vor ihnen empfinden; denn man vermag sie wohl zu zerstören, aber nicht ihnen zu schaden. Auch der Haß gegen das Böse ist nur der Abscheu vor demselben.

Kirchner/Michaëlis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe

Auch wenn manche eher die Gleichgültigkeit als das Gegenteil der Liebe betrachten, wollen wir diese Definition zur der Grundlage akzeptieren: Verachtung ist kein Hass, Abscheu eben sowenig. Indem aber Dritten Hass unterstellt wird, auch wenn dies oft schlecht belegt wird, macht man sie damit oft wiederum zum Objekt des Hasses. Fraglos schadet eine derartige Attributierung.

In einer Auseinandersetzung, bis hin zum Krieg, gilt der Hass als ein Motiv oder auch als Instrument, mit dem die eigene Partei sich rüstet zum Kampf auf den Feind. Der Hass wird darum geschürt, ob nun aus eigenem Hass oder Berechnung.

Geht man davon aus, dass der Feind nun wahrhaft böse und eine existenzielle Bedrohung darstellt, und der Hass auf diesen Kräfte freisetzt, so wäre dies doch eine nützliche Funktion. Hier wäre die Feindesliebe – die kein geringerer als Jesus gebot – eine Schwächung der Wehrhaftigkeit. Dies Möglichkeit darf man auch dann nicht ignorieren, selbst wenn man davon ausgeht, dass der – vermeintliche – Feind meist gar nicht so böse ist. Auch er ist Opfer der Umstände, des Irrtums, der Manipulation und Propaganda. Kann man eine legitime Auseinandersetzung auch ohne Hass effektiv gewinnen? Ich meine Ja.

Hass in der Bibel

Auch die Bibel sieht denn Hass gemeinhin als Übel an, als Motiv für die böse Tat.

Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst. Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.

3.Mose 19,17 f

Diese Forderung ist nicht zuletzt durch die Bergpredigt ein hohes Imperativ. Wie wäre das zu erreichen? Der Text verweist auf Bruder, Nächsten und Volk. Das könnte zunächst auch exklusiv verstanden werden. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25 – 37) weist jesus dies als Spitzfindigkeit zurück: Im nächsten, der eben nicht zu dem eigenen Volk gehört, wird der Bruder erkannt. Und auch der Feind ist letztlich auch ein Geschöpf Gottes, keine Inkarnation des Bösen schlechthin. Dennoch bleibt hier offen, wie denn ein Feind, der Leib und Leben von Schutzbefohlenen bedroht, zugleich bekämpft und doch geliebt werden kann. Im Feind dennoch einen Menschen wie du und ich zu entdecken ist sicher ein wertvoller Ansatz, der nicht zwingend zur Wehrlosigkeit führt. Aber Hass ist dazu nicht erforderlich. Verteidigung und Schutz ist ein hinreichendes Motiv, auch das Notwendige zu ergreifen, auch wenn man im Feind den Nächsten erkennt.

Fatal ist dagegen, die Dinge nicht mehr beim Namen zu nennen. Natürlich gibt es Feinde und nicht nur Verführte. Natürlich gibt es nicht nur aufgebaute Feindbilder, sondern reale Bedrohungen durch andere Menschen. Auch Jesus leugnet nicht, dass es Feinde gibt, die Übles für einen wollen. Sein Rezept, sie dennoch zu lieben, kann zur Deeskalation führen, muss es aber nicht. Und es muss auch nicht die Wehrhaftigkeit beschädigen.

Aber der Hass wird nicht dadurch besiegt, in dem man ihn leugnet:

Wer Hass verdeckt, hat Lügen auf den Lippen, und wer Verleumdung ausstreut, der ist ein Narr.

Sprüche 10,18

Das erinnert doch stark an heutige öffentliche Kommunikationen, mit der viele in Presse und Politik dem Meinungsgegner eben den Hass unterstellen, ihn aber selbst gar zu hassen scheinen. Nicht, dass es auch den echten Hass in all seiner Schändlichkeit nicht gäbe, aber der Vorwurf selbst ist zweischneidig, vor allem, wenn er unzureichend belegt ist.

Feindesliebe?

Es steht also einem Menschen nicht wohl an, beliebiges Verhalten als Hass oder Liebe zu deklarieren, je nach Opportunität. Die Liebe sucht das Beste für den Anderen, sie will ihn als Gegenüber erkennen. Wenn er dennoch bekämpft werden muss – was keineswegs immer so sein muss -, dann ist das mindeste, die Regeln der Fairness zu beachten. Die Motive des Anderen zu befragen ist kein Zeichen von Schwäche. Eine Verletzung des Gebots der Feindesliebe ist es fraglos, Diffamierungen und Verleumdungen zu unternehmen. Ausgrenzen und den Feind zu dämonisieren bleiben offensichtlich unzulässige Mittel.

Vergebung ist vor allem dann sehr schwer, wenn schlimmes Leid widerfahren ist. Aber auch bei kleinen Verstößen tun sich manche Menschen sehr schwer, einem anderen zu verzeihen. Feindesliebe ist aber ohne Vergebung nicht möglich. Vergebung kann durchaus an die Reue des Täters geknüpft werden. Denn wenn der Täter kein Einsehen hat, das sein handeln falsch war, würde eine unbedingte Vergebung nur als Freibrief verstanden werden, weiter Böses zu tun. Eine vorgebliche Reue. die sich in Lippenbekenntnissen erschöpft, muss darin nicht akzeptiert werden. Vergeltung ist nach wie vor die rechtlich nachvollziehbare Konsequenz, da eine Vergebung nicht gefordert werden kann, es sei denn von Gott.

Andererseits ist die Vergebung keineswegs nur auf in Hinsicht auf den Täter wirksam. Die böse Tat führt auch beim Opfer nicht nur zu einem unmittelbaren Schaden, sondern besteht durch die Rolle als Opfer fort und kann zu Traumatisierungen führen. Das ganze Leben des Opfers wird dann von diesem Ereignis bestimmt. Vergebung kann darin wesentlich zur Heilung beitragen und Traumatisierungen lösen, selbst wenn eine Reue des Täters nicht erkennbar ist.

Hass bekämpfen?

Es ist nachvollziehbar, dass man nicht untätig einem Bestreben, dass den Hass schürt, tatenlos zusieht. Denn zumeist ist es nicht nur eine noch berechtigte Verteidigung oder Vergeltung, die diesen treibt, sondern Propaganda, Verleumdung und üble Gerüchte. Hass kann sich dann auf Menschengruppen beziehen, bei denen die Gruppe insgesamt, zumindest aber die einzelnen Mitglieder völlig unschuldig an den Vorwürfen sind. Dem gilt es zu wehren.

In der Charta des PEN- Clubs findet sich die Formulierung:

Mitglieder des PEN … verpflichten sich, mit äußerster Kraft für die Bekämpfung jedweder Form von Hass und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken.

PEN-Charta

Jedwede Form‚ erscheint angesichts von ausufernden Vorwürfen wie der Freibrief von Missbrauch, denn im Zweifel ist die Unterstellung des Hasses letztlich der Willkür des Urteilenden unterlegen. Ebenso erscheint die Formulierung ‚mit äußerster Kraft‚ eine Priorisierung der Unbedingtheit zu fordern. Dies ist geeignet, seinerseits zu Polarisieren und Hass auf diejenigen zu befördern, die nun vermeintlich oder in Wahrheit den Hass propagieren. Dann aber wird die Forderung inkonsistent. Denn wenn es in jenem ‚Bekämpfen‚ zur Förderung des Hasses auf den Gegner kommt, hat man bereits die Charta gebrochen.

Im Besonderen stellt sich auch ein Zielkonflikt ein: Meinungsfreiheit ist ebenso ein hohes Gut. Wenn nun jene Meinung aber einen Hass ausdrückt oder diesen vermeintlich oder faktisch fördert, ist die Meinung ja nicht mehr frei zu äußern. Wer urteilt nun, was im Konkreten zutrifft oder stärkeres Gewicht hat? Ebenso die Religions- und Bekenntnisfreiheit : Im Koran sind an vielen Stellen Imperative zum Hass und zur Bekämpfung der Ungläubigen fixiert .. und werden auch so verstanden. Immerhin sei es das unwandelbare Wort allahs, dass nicht beschnitten werden dürfe. Muss daraus nicht jedes PEN-Mitglied sich verpflichtet sehen, den Islam mit äußersten Kraft zu bekämpfen? Das wird offensichtlich nicht praktiziert. Was soll also eine derartige Formulierung in der Charta eines Vereins, der sich im Besonderen der Sprache verschrieben hat?

Hass und Hetze

Im gesellschaftlichen Sinn bezeichnet man als Hetze unsachliche und verunglimpfende Äußerungen[3] zu dem Zweck, Hass gegen Personen oder Gruppen hervorzurufen, Ängste vor ihnen zu schüren, sie zu diffamieren oder zu dämonisieren.

Ein historisch bedeutsames Beispiel ist die Judenhetze in der Zeit des Nationalsozialismus, die die schrittweise Ausgrenzung der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland mit sorgfältig durchdachten Mitteln der Propaganda vorantrieb, z. B. durch die Zeitung Der Stürmer.

Bedeutend für den politischen Repressionsapparat der DDR war der Straftatbestand der so genannten „Boykotthetze“ bzw. „staatsfeindlichen Hetze“. Er wurde jedoch nicht nur zur Bekämpfung tatsächlicher Hetze angewandt, sondern zu dem Zweck missbraucht, Meinungsfreiheit zu unterdrücken, indem opponierende Äußerungen jedweder Art gegenüber der Politik der SED-Diktatur als „Hetze“ kriminalisiert und mit schweren Strafen belegt wurden.

Hetze bei Wikipedia

Nun gibt es ja reale Bedrohungen durch andere Menschen oder Menschengruppen. Diese als gefährlich zu titulieren und die Gefahren zu beschreiben kann demnach nicht als Hetze verstanden werden. So ist politischer und religiöser Extremismus sehr wohl geeignet, seinerseits zu Gewalttätigkeiten oder zu Hasspropaganda zu motivieren. Dies trifft dann auch auf die Anhänger jener Ideologien zu. Darüber hinaus werden die Meinungen der Meinungsgegner – oft entstellend dargestellt (Strohmann) – nicht selten als Hetze bezeichnet und damit der zulässige Meinungskorridor beliebig verengt.

Diese Formulierung findet sich in jüngerer Zeit verstärkt auch in den Parlamenten und Medien:

Hass und Hetze werden in Deutschland künftig stärker verfolgt und bestraft. …Ihr Vorschlag sieht unter anderem härtere Strafen für Beleidigungen und Drohungen im Internet vor sowie für Kommentare, die Drohungen anderer öffentlich befürworten.
Das Attentat von Hanau habe gezeigt, dass der Schritt von Wort zu Tat oft nicht weit sei. Bei dem Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher im vergangenen Jahr neun Menschen mit ausländischen Wurzeln und später sich selbst erschossen. Der Täter hatte zuvor im Internet eine Reihe wirrer, rassistisch motivierter Schriften veröffentlicht.

Die Zeit

Gab es nicht bereits Strafen gegen Beleidigung und Drohungen? Wurden diese in der Vergangenheit auch konsequent verfolgt? Oder dient das neue Gesetz nicht noch anderen Zwecken?

Nun ist das Beispiel denkbar schlecht geeignet, eine Verschärfung der Gesetze zu begründen. Der Täter – als Sohn eine Grünen-Politikers – hat in seinem Manifest seine psychische Störung dokumentiert. Wäre er vor Gericht gestellt worden, hätte man ihm seine Unzurechnungsfähigkeit bescheinigen müssen. Das alles ist bekannt. Darüber hinaus rassistische Motive zu unterstellen lässt eine andere Agenda zu. Der Verdacht der Instrumentalisierung einer Bluttat eines gestörten Menschen ist kaum von der Hand zu weisen.

„Es zieht sich eine schreckliche Blutspur durch unser Land – denken Sie an die Morde des NSU, an Halle und Hanau, die Ermordung Walter Lübckes und die im Netz kursierenden Listen mit Morddrohungen gegen Menschen, die sich in der Politik oder zivilgesellschaftlich engagieren. Das dürfen wir nicht hinnehmen …“

Regula Venske, PEN-Vorsitzende im Hamburger Abendblatt nach B. Lassahn

Und wieder die Bluttat von Hanau, nun als Beleg, die abweichende Meinung eines Schriftstellers durch Assoziation zu denunzieren. Shakespeare scheint ein großer Prophet unserer Zeit zu sein: Ist es zwar Wahnsinn, so hat es doch Methode!

Wie gehe ich selbst mit Hass um?

Es wäre eine Lüge, wollte ich ich pauschal als immun und frei von Hass inszenieren. Die bloße Leugnung, das Zeigen auf Andere etc. befreit mich nicht davor, selbst Hass zu empfinden. Das eigene Eingeständnis des Gefühls ist die Voraussetzung der Überwindung und des reflektierten Umgangs mit jenem. Denn Nachdenken kann helfen, die Quelle des Hasses zu durchleuchten: Ist der Andere nicht ebenso ein Mensch wie ich? Wurde er verführt, Böses zu tun? Oder ist er persönlich gar unschuldig und nur durch Assoziation in Verdacht geraten? Die Mahnung zur Liebe tut ein Weiteres.

Aber diese Liebe ist nicht die Munition des Feindes, mir oder den mir Anvertrauten weiterhin zu schaden. Sie lähmt nicht, sondern sucht nach kreativen und wirksamen mitteln Beides zu vereinen: Die Liebe des mir anvertrauten und die Liebe zum Feind. Wie kann ich entschieden das Übel einhegen, ohne selbst dem Hass zu verfallen?

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