Das Lob des Undogmatischen

Da war es wieder: In einem kleinen Bericht über einen Vortrag von
Prof. Rolf Lessenich über die Philosophie von Anthony Ashley Cooper, des 3. Grafen von Shaftesbury
war zu es zu lesen.

Der Schüler John Lockes bevorzugte in seinen Schriften den lebendigen Dialog gegenüber der trockenen systematischen Abhandlung. Diese undogmatische, anti-systematische, literarische Form seines Philosophierens faszinierte neben anderen auch bedeutende deutschsprachige Schriftsteller wie Wieland, Herder, Goethe und vor allem Schiller

Aber im gelobten Undogmatischen stecken gleich zwei Ansichten: Zum einen versteht der Leser, dass es eben um eine unmittelbare Erfahrung geht, die sich nicht von vornherein in ein Korsett einer weltanschaulichen Lehre zwängen lässt. Zugleich aber verweigert er sich der Schlussfolgerung aus der Beobachtung. Warum?

Natürlich ist eine starre Weltsicht, die mit einer rigiden Vorgabe die Erfahrung in ein Raster zwängt das, was im allgemeinen als dogmatisch verstanden wird. Und natürlich st das auch abzulehnen, denn es gleicht dem Tod, der nur ein System befriedigen will und neue Erkenntnisse apriori ausschließt. Darum wurde auch explizit die Phänomenologie von Husserl entwickelt

Phänomenologie als „Wesensschau des Gegebenen“ soll die voraussetzungslose Grundlage allen Wissens sein.

So löblich dieser Ansatz auch ist, so sehr wissen wir aber durch Introspektion, dass der Schauende nicht voraussetzungslos existiert und damit seine Schau auch nie völlig voraussetzungslos sein kann. Dennoch ist es hilfreich, sich einem Deutungsraster zunächst zu entschlagen und damit dem Gegebenen näher zu kommen. Aber auch jene Schau, die methodisch eine wesentliche Hilfe der Erkenntnis ist, bleibt fruchtlos, wenn sie nicht a posteriori zu Urteilen führt, die eben auch als Schlussfolgerungen oder Lehrsätze – und damit Dogmen – verstanden werden können. Denn wenn aus der Beobachtung nichts folgt oder eben eine Deutung verweigert wird, ist der Begriff des Undogmatischen schal. Warum soll eine Reflektion und Deutung verweigert werden?

Der Eindruck entsteht dann vielmehr, dass man sich vor den Konsequenzen aus dem Phänomen scheut. Vor allem die alte Philosophie, nicht zuletzt oder zuerst durch Aristoteles, führte jedes Phänomen auf den unbewegten Beweger zurück, also Gott . Das ist dann kein Dogma im Sinne einer Vorgabe, die das Phänomen deutet, sondern eine Folgerung, die aus dem Phänomen eine kohärente Deutung sucht. Als Herleitung oder die Assoziation kohärenter Sätze kann man den gewonnen Lehrsatz zwar auch als Dogma bezeichnen, aber die ursprünglich negative Wertung entfällt.

Zurück zum Ausgangstext über die Einheit des Schönen und Guten:

Im Unterschied zur Lehre von Thomas Hobbes, der den Menschen als von Natur aus böse ansieht, vertritt Shaftesbury (u. a. in seiner Schrift »The Moralists« von 1709) die These vom angeborenen Sinn des Menschen für das Gute und Schöne. In der Nachfolge Platons sind Schönes und Gutes für ihn letztlich identisch. In diesem Zusammenhang spricht der Graf von »moral beauty«, das heißt, moralischer Schönheit. »Gut« ist ein Mensch für Shaftesbury dann, wenn er sich als Teil eines allumfassenden Ganzen, der schöpferischen Natur (»natura naturans«), versteht und sein Handeln am Wohl des Ganzen ausrichtet – z. B. in der Politik. 

Dieser Streit zwischen der Grundbestimmung des Menschen zwischen Gut und Böse ist eher dialektisch, nicht exklusiv zu verstehen. Denn in jast jedem Menschen wird oft auch das Gute und das Leben wahrgenommen, wiewohl sich auch in den vermeintlich Heiligen zumeist etwas Dunkles findet.

Woher kommt aber jener Sinn für das Gute und Schöne ? Kann man dies als voraussetzungslos als gegeben deuten? Ist es eine Marotte der ungelenkten Evolution, die uns diesen Sinn bescherte? Das klingt eher unplausibel. Aber gerade die ethische und ästhetische Bestimmtheit des Menschen ist ein Moment, der den Gedanken an Schöpfung und Bestimmung nahe legt.

… daß Shaftesburys Morallehre auf theologische Fundierung total verzichtet – was ihm bei so manchem Zeitgenossen den Ruf der »Freidenkerei« einbrachte. »The most ingenious way of becoming foolish is by a system« (dt.: Der beste Weg, ein Narr zu werden, ist das System)

Wo aber sonst sollte die Moral ihren Ursprung haben? Wenn wir eine Vorgabe eines Dogmas auch ablehnen, so sollte doch die Beobachung jener Befindlichkeit zumindest im Nachhinein eine Deutung nicht verweigern. Was also wäre der Grund für eine Moral? Kant schrieb nach Shaftesbury in 
Kritik der praktischen Vernunft (1788) dass er den moralischen Gottesbeweis als gültig anerkenne – und das gilt auch nicht als dogmatisch im negativen Sinn.

In seinem »Letter concerning enthusiasm« (Brief über den Enthusiasmus) von 1708 ist der fiktive »Theokles« Sprachrohr von Shaftesburys Grundgedanken. Er stimmt einen ekstatisch-enthusiastischen Hymnus auf die Natur als Einheit von Ordnung und Schönheit an. Für ihn ist sie Inbegriff der universellen »Sympathie« alles Lebendigen. Der Versuch, sie rational begreifen zu wollen, muss scheitern und mündet in die menschliche Hybris, sich die Natur untertan machen zu wollen. Stattdessen ist sympathetisches Verstehen, Einschwingen in ihren ewigen Rhythmus gefragt. Dass solche scheinbar irrationalen Hymnen nur noch wenig mit aufklärerischer Philosophie gemein haben …

Ist der Wunsch nach rationaler Aufklärung tatsächlich Hybris – also Überheblichkeit? Wer glaubt, in der rationalen Durchdringung eine absolute Erkenntnis zu erlangen, wird tatsächlich scheitern. Wer allerdings in der Demut vor dem Irrtumsvorbehalt ein Suchender ist, der sich den Gründen nähern will, muss keineswegs die Erfolglosigkeit seines Begehrens erkennen. Im Gegenteil, wer die Suche bereits zu Beginn abbricht, weil er glaubt, dass diese erfolglos bleiben müsse, sitzt einem durch nichts begründeten Dogma auf und ist damit ebenso der Hybris anzuklagen. Wem es also erstrebenswert ist, undogmatisch zu sein, darf keinen Weg von vornherein ablehnen. Ansonsten folgt er impliziten Dogmen, die um so gefährlicher sind, wenn sie sich selbst nicht erkennen.

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