Das Böse und der zweite Hauptsatz der Thermodynamik

Das Böse wurde zuweilen in Form des Satans, als Person und treibende Kraft verstanden. Andere Generationen und Denker nannten es als die Abwesenheit des Guten (PlotinAugustinus und Thomas von Aquin). Manche bezweifeln, dass es sinnvoll sei, von dem Bösen überhaupt zu sprechen. Es ist eine Frage des Selbstverständnisses, ob man sich selbst im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse versteht, oder – mangels der Existenz des Bösen – eben keine Polarisierung zwischen richtig und falsch annimmt. Die dualistische Weltsicht vs. die monistische Weltsicht. Hier will ich als These des Bösen als Herleitung aus der Naturbetrachtung ziehen.

Der Seinsmodus des Bösen ist zweitrangig

Mein Ansatz hier schließt nicht aus, dass es ein personalisiertes Böses – ob nun real oder als Metapher – gibt. Mein Ansatz schließt aber aus, dass man die Existenz des Bösen ausschließen kann. Und zwar bereits durch die Definition: Das Böse ist bekannter Weise eine Denkfigur vieler Menschen und Kulturen. Es ist dann sekundär, ob man hier eine Materialisierung (der Leibhaftige)  denkt, oder das Böse abstrakt nennt. Es ist ein realer Bezugspunkt im Leben der Menschen, sowohl hinsichtlich der Metaphysik als auch der Moral. Diese Realität ist bereits durch das Denken der Menschen konstituiert. Die Ausprägung des Bösen, und warum dessen Vorstellung sekundär ist, werden wir weiter unten besprechen. Zuerst geht es darum, ein Verständnis zu entwickeln, für was dieser Begriff steht.

Wer Opfer von Verbrechen, Grausamkeiten und schweren Schicksalsschlägen geworden ist oder kennt, wer Ungerechtigkeit erfahren hat, wer Missgunst, Hass und Neid erlebt, der erkennt etwas Verbindendes: Dem Übel in der Welt gibt er einen Namen. Ähnlich die Frage nach der Moral: Wenn es das Gute und Richtige im menschlichen Verhalten gibt, dann bedarf es eines Namens, um jenes vom Falschen zu unterscheiden.

Nähere Ausführungen, was das Böse denn sei, wurden in breiter Vielfalt gemacht: Der Gegenspieler Gottes, ein gefallener Engel / die Selbstsucht und das Destruktive im Menschen … um die Pole des Denkens zu markieren. Der Buddhismus identifiziert das Begehren schlechthin als die Wurzel des Bösen. In der Philosophie kann dieser Begriff als dialektischer Pol zur Beschreibung des Ganzen angesehen werden.

Eine Erklärung der Physik?

Es wird als naturalistischer Fehlschluss bezeichnet, wenn aus dem Sein auf das Sollen geschlossen wird. Also, dass man den Kategoriefehler beginge, eine Wertkategorie aus dem So-Sein herleiten zu wollen. Dieser Einwand ist genau dann richtig, wenn das So-Sein keiner Moral und Intention folgt. Dahinter steht die Frage, ob die Welt denn gottgewollt sei und ein Ziel habe. Die Philosophie kann hier natürlich die Gegenthese behaupten, hat aber keine Grundlage, diese gegen die Eingangsthese der Teleologie mehr als einen Glaubenssatz oder Hypothese auf gleicher Ebene zu stellen.

Praktisch ergibt sich eine Ordnung aus der natürlichen Beobachtung aus dem Recht des Stärkeren: Wenn jener die Macht habe, dann habe er auch das Recht, jenes auszuüben. Dies führt aber die Ethik ad absurdum. Man könne dann alles tun ohne ethische Bedenken, da sich aus der Möglichkeit zur Machtausübung diese auch unbedingt rechtfertigt. Allerdings ist ein Bezug vom Sein auf das Sollen weder notwendig in der Konsequenz des Faustrechts, noch lässt sich ein Erklärungsansatz aus der Natur sich auf derartige Assoziation reduzieren. Naturalistisch meint ja auch, dass ein Gedanke an Geistiges und Metaphysisches ausgeschlossen wäre, und dass die Erklärung eine Vollständige sei, die nicht über sich selbst hinaus verweist. Dies ist hier auch nicht gemeint.

Einen Naturalismus, der das Sein als unbedingt gegeben voraussetzt, lehne ich scharf ab. Darum ist die Gefahr des naturalistischen Fehlschlusses nicht virulent, sondern die These bleibt gültig, dass jedes Sein in einem Sinnkontext steht, der auch ethische Konsequenzen mit sich führt. Gültig im Sinne einer Möglichkeit, die hier als Prämisse gewählt wurde. Dies könnte sich dann als falsch erweisen, wenn sie zu nicht auflösbaren Widersprüchen führt.

Ein Bezug auf Gott oder dessen konkrete Vorstellung darüber hinaus soll im Folgenden weder zentral vorausgesetzt, noch ausgeschlossen werden, sondern von der einfachen Grundsetzung ausgegangen werden, die kompatibel zu unterschiedlichen Metaphysiken ist:

Die Existenz und das Leben sind gut!

Dies ist ein Urteil, das sich nicht aus dem Sein schlechthin zwingend ableiten lässt, aber einen Schlüssel liefert, um daraus weitgehende Betrachtungen der Natur anzustellen. So, dass Zerfall, Tod und Nicht-Existenz als böse verstanden werden können. Diese Schlüsse sind aber bei weitem nicht so trivial, denn ein Zyklus aus werden und Vergehen kann durchaus als notwendig erkannt werden, und darum muss ein isoliert betrachteter Tod keineswegs fest mit dem Bösen verbunden werden. Also: Das individuelle Leben sei die These, der individuelle Tod die Antithese und das allgemeine Leben wäre dann die Synthese.

Das Leben schlechthin als gut zu erkennen ist eine Abstraktion. Sie sagt nicht, dass jedes Leben und jede Existenz gleichermaßen gut sei, sondern erst das Ganze jenes Gute repräsentiere. Albert Schweitzers Lebensmotto war die ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘, die auf einer ähnlichen Erkenntnis fußt. Für Schweitzer war es allerdings keine Abstraktion, die auch das Bekämpfen schädlichen Lebens ermöglichte, sondern ein Absolutum, dass auch die Bekämpfung der Mückenplage in Lambaréné, die vor allem eine Ausbreitung schlimmer Krankheiten verursachte, für ihn nicht moralisch erschien.

Wenn die Existenz schlechthin gut ist und damit in einem Sinnzusammenhang steht, dann folgen daraus durchaus Konsequenzen. So ist das, dass dem Leben entgegen steht, keineswegs gut zu nennen und kann als das Böse identifiziert werden. Wir sind hier aber bereits auf einer Abstraktionsebene, de es schwierig macht, dies konkret umzusetzen. Denn wenn der individuelle Tod unter Umständen notwendig ist und dem Leben dient, so das Opfer Einzelner für Andere, so bleibt auch die Frage, was denn das Leben letztlich ist, dem der Dienst gilt. Zunächst erscheint das Leben in seiner biologischen Ausprägung der Bezugspunkt zu sein. Aber nicht nur Jesus verwies auf eine weitere Definition des menschlichen Lebens, dem ewigen Leben. Nicht mehr die Zeitlichkeit und Vergänglichkeit sind für das Leben konstitutiv, sondern eine Zeitlosigkeit. Spätestens nun wird eine klare ethische Ausrichtung als Herleitung des Basissatzes weit weniger eindeutig. Der Einfachheit halber, trotz aller Vorbehalte, werden wir dem biologischen Leben aber die zentrale Stellung zubilligen. In der Konsequenz könntn wir dann sehen, dass sich der vermeintliche Gegensatz so auch auflösen lässt, wenngleich nicht absolut.

Thermodynamik

Aus der Naturbeobachtung von Nicolas Léonard Sadi Carnot gilt die Wärmelehre als ein recht praktischer Zweig der Physik, der sich zunächst mit der Dampfmaschine, später mit allerlei Arten der Wärmekraft-Maschinen beschäftigte. Zugleich aber zeigten diese Betrachtungen Grundsätzliches über die Natur der Dinge, der Physik und dem Energiefluss. Was der menschlichen Grunderfahrung im Allgemeinen entspricht, nämlich, dass die Dinge sich selbst überlassen dem Verfall preisgegeben sind, enthält nun eine theoretische Vertiefung, dass sich als ein Prinzip des Universums zeigt. Einem grundlegenden Verständnis folgend wird auch einsichtig, dass jedes Werden in der Zeit auch ein Vergehen notwendig macht. Die Thermodynamik liefert Einsicht in diese Natur.

Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik (2HS) sagt, dass die Entropie in einem geschlossenen System gleich bleibt oder zunimmt.  Anders formuliert: Alle spontan (in eine Richtung) ablaufenden Prozesse sind irreversibel. Also: Wenn man nichts tut, bleibt es wie es ist oder es zerfällt. Dieses Prinzip erscheint auch der Alltagserfahrung zu entsprechend. Im Zeitalter der Evolution glaubt man dagegen, dass das Chaos kreativ sei und von selbst neues und wertvolles erschafft – ohne eine dahinter stehende Intention. Das glaube ich nicht, sondern dass der 2HS sich nicht nur auf die Physik bezieht, sondern ein Prinzip darstellt, der ebenso auch im kulturell-geistigen gilt. Zerfall und Dekadenz ist ein ganz natürlicher Prozess, der sich vor allem durch die Abwesenheit einer entgegen stehenden Kraft von selbst einstellt – weil es der Natur entspricht. Man könnte es auch als das Prinzip des Todes oder das Böse schlechthin nennen – im Besonderen, wenn man die Übertragung ins Geistige vornimmt. Diese Assoziation ist keineswegs zwingend und lässt fragen: Gibt es auch diese Zerfallsprozesse im Geistigen? In der Kulturgeschichte?

Nun, es ist eine These, die der Überprüfung bedarf. Immerhin gab es in der Kulturgeschichte zuweilen erstaunliche Entwicklungen, die diesen Gedanken eben nicht nahe legen. Mittlerweile weigert man sich, von einer mehr oder minder ständigen Höherentwicklung zu sprechen, denn dies würde eher rückständige Kulturen abschätzig ihres Wertes berauben. Tatsächlich darf man zweifeln, ob die gedankliche Schärfe einer griechischen Kultur von nachfolgenden Generationen tatsächlich vollumfänglich übertroffen wurde. Auch wenn die Technologie und Naturwissenschaften dramatische Fortschritte erzielten, so bleibt doch das innere Leben im Denken der Menschen oft weit hinter den Ansprüchen zurück. Ähnliches kann man auch für das Hochmittelalter oder die beginnende Neuzeit recht praktisch prüfen. Der moderne Mensch in seiner Hybris verweist gerne auf die Errungenschaften der Technik und soziale und zivilisatorischer Leistungen der Mütter und Väter – oder gar, als ob es eigene Erfindungen wären. Er übersieht darin die innere Mechanik und die Substanz jeder anderen Kultur. Auch wenn die Fortschritte immens sind, so gibt es doch zugleich Bibliotheken der Zivilisationskritik, die einem pausbäckigen Optimismus hier die Grenzen des Menschen im Allgemeinen, und im Besonderen der jüngsten Zeit zeigen.

Die These vom natürlichen Zerfall des Geistigen sagt auch nicht, dass es einem unentrinnbarem Schicksal entspräche, dass alles zerfallen müsse. Denn das Leben setzt jenem Zerfall als unerbittliche Kraft ein anderes Prinzip entgegen: Der Wille und Intentention erwehren sich des Zerfalls und suchen das Gute.

Dennoch kann man immer wieder Katastrophen in der Kulturgeschichte erkennen. So entstand gerade in Deutschland, einer Kulturnation par excellence, das Monstrum des Nationalsozialismus, dass sämtliche kulturelle Standards in Frage stellte und beispiellose Inhumanität demonstrierte. Diese gewaltige destruktive Kraft des Bösen, die die windelweiche Hoffnung auf die Rationalität und Humanität als Kraft und Garant des Guten hinweg fegt, muss aber einen Grund haben.

Die These, dass das Prinzip des Zerfalls auch für das Geistige gilt, liefert hier einen Erklärungsansatz, auch wenn es sich im Beispiel nicht um einen schleichenden Prozess handelte. Vielmehr war dieser erschreckend schnelle Wandel des Wertezerfalls ein Implosion, die sich als Initiative des Willens zum vorgeblich Guten darstellte. Für viele erschien Hitler zunächst als ein Engel des Lichts. Um die These eines anscheinend passiven Zerfalls gegen diesen Befund des aktiven und raschen Wandels zu retten, bedarf es vertiefender Betrachtungen. Erweiterte These 2: Auch der Wille zum Guten kann korrumpiert werden und in sein Gegenteil verwandelt werden.

Im Spannungsfeld des Geistigen

Leben, Liebe und Widerstand gegen den Zerfall ist an die Kraft der Intention, dem Willen gebunden. Sie kommen nicht von selbst, sondern man muss sich dafür entscheiden. Und da wo scheinbar zufällig das Leben erwächst, Liebe und Schönheit, steht stets ein Impuls dahinter, so wie die Blume nicht aus dem Nichts entsteht, sondern aus fruchtbarem Samen. So mag es dem oberflächlichen Betrachter nur erscheinen, als würde die Blume auf der Erde auch ohne die Hand des Gärtners gedeihen.

Hier gilt für die Moral und Prioritäten im Wertesystem ähnliches: Es mag eine zufällige Verschiebung im Wertesystem geben, aber ohne Selektion, ohne Wille und Richtung, werden sich zufällige Trends ergeben, die letztlich zum Zerfall führen. Dass nun Rassismus als vielleicht DAS moralische Übel der Menschheit angesehen wird, hinter dem andere Übel verblassen, erscheint mir als merkwürdige Besonderheit der Geistesgeschichte zu sein: Der moralische Kompass gerät zunehmend aus der Eichung und zeigt nun irgendwo hin. Damit werden klare Ziele und Richtung aufgegeben.

Die Gesellschaft ist auf der Suche nach einem verbindenden Konsens und glaubt nun, diesen im Antirassismus als aktives Glied zum Pluralismus gefunden zu haben, ohne dass ihr die performativen Widersprüche bewusst werden. Nicht zuletzt ist der Antirassismus negativ bestimmt: Die Ablehnung vom Übel, also die Negation des Negativen. Daraus wird aber noch kein positiver Wert.

Ein ausgewogenes Wertesystem bedarf der positiven Mitte, z.B. das Leben als Ausdruck des Guten, dass sich gegen den Tod und Zerfall stemmt. Oder Gott als Chiffre für alles das, was eben das Leben ausmacht.  Oder die Gerechtigkeit als Universalie, die zum Dienst verpflichtet. Oder die Liebe, die Kraft und Richtung im Leben gibt. Mithin konvergieren die Ansätze und erscheinen nur als unterschiedliche Formulierungen der gleichen Sache.

Und da erschließt sich das Problem aus grundlegender Sicht: Wenn die Ablehnung von Rassismus (im engen Sinn) und Ausgrenzung eine Konsequenz der Gerechtigkeit ist,  dann ist die Gerechtigkeit der übergeordnete Wert. Eine Ignoranz sämtlicher anderer Aspekte der Gerechtigkeit und Priorisierung des Antirassismus zäumt das Pferd von Hinten auf. Erst eine wohl definiertes System von Werten und Prioritäten kann Verzerrungen, die sich selbst ad absurdum führen, vermeiden.

Dialektik, die Auflösung scheinbarer Widersprüche

Nun blieben eingangs einige offene Fragen in der Behauptung, dass es zweitrangig sei, ob man von einer Abstraktion des Bösen oder einer Konkretisierung einer persönlichen bösen Macht, dem Teufel, ausgehe. In der Tat bleibt die Notwendigkeit, dem Bösen zu widerstehen in jeder Form  als die inhärente Aufgabe des Lebens – und zwar unabhängig von jedweder Denkfigur. So mögen sich die Formen unterscheiden bei gleicher Substanz. Es wäre demnach auch wenig zielführend, sich über die Ausprägung des Bösen, sozusagen dessen Natur, zu streiten. Dies erscheint ebenso abwegig, wie gar AN das Böse zu glauben.

Wenn der Glaube sich am Negativen orientiert, um damit das Positive zu definieren, sind Zweifel angezeigt, ob nicht gerade die Fixierung auf das Böse hier vergiftet. So sagt man der Inquisition und den Hexenjägern, die meinten, dem Guten zu dienen, doch besondere Abscheulichkeiten und die Personifizierung des Bösen nach. Eine Beschäftigung mit dem Bösen birgt die Gefahr der Ansteckung. Dagegen bleibt die blauäugige Ignoranz des Bösen ebenso in der Gefahr, in jenes Loch zu fallen, das man nicht sehen will. So erfordert auch der Gedanke des Bösen sowohl die kritische Distanz durch Orientierung am Guten, als auch das Bewusstsein der Gefahr.

Dieser dualistische Gedanke des Spannungsfeldes wird vom Monismus in Frage gestellt, der uns zuweilen in der Mystik begegnet. Auch wenn wir von Leben als der zentralen positiven Kraft ausgehen, die Schöpfung preisen, und das Böse nur als notwendiges scheinbare Übel durch Negation des Seins verstehen wollen, dass letztlich substanzlos ist, so ist es doch ein falsches Dilemma, den Monismus für unvereinbar mit dem Dualismus zu halten. Die dialektische Formel mag hier dem Verständnis helfen:

These  ./. Antithese = Synthese
Gut ./. Böse = Allgütiger, allmächtiger Gott der Existenz

Während eine eine Seite der Gleichung den Dualismus beschreibt, so symbolisiert die Synthese den Monismus. Es wäre dann nur verwirrend, wenn man in einem dualistischen Denkrahmen monistische Figuren einbauen will, oder anders herum. Hier bedarf es der Disziplin der gedanklichen Trennung. Eine dualistisches Verständnis bildet dann keinen Widerspruch zum monistischen Verständnis. Es ist lediglich wichtig zu verstehen, dass das Prädikat ‚gut‘ in den jeweiligen Kontexten eine unterschiedliche Bedeutung hat. Die Theodizee löst sich dann als gegenstandslos auf.

Man mag aber schier verzweifeln ob des Problems, dies Einsicht zu vermitteln, an der schon größere Geister scheiterten.

Dimensionale Perspektiven

Eine andere Hilfe zum Verständnis ist der Gedanke der Dimensionalität und des Betrachtungswinkel. Eine Einheit von scheinbar völlig unterschiedlichem lässt sich in der Projektion von mehrdimensionalen Objekten vorstellen. Denken sie sich Bleche mit unterschiedlichen Formen, z.B- ein Kreis, Dreieck, Quadrat etc.  Wenn Sie diese dreidimensionalen Objekte auf ein 2-dimensionales Bild projizieren, denken sie wahrscheinlich an eine Abbildung in 90 Grad zur Haupt-Ausbreitungsebene. Sie erkennen deutlich die Unterschiede und die Unvereinbarkeit der Objekte. Eine Projektion von 0 Grad führt dagegen zur Ununterscheidbarkeit der Objekte.

Nun möge man einwenden, dass es sich dennoch um unterschiedliche Objekte handelt, die man in der einen Sicht nur nicht als unterschiedliche erkennen konnte. Allerding übersieht dieser Einwand, dass es eben auch nicht möglich ist, aus den zwei Projektionen eines Objektes die Einheit des Objektes zu erkennen – wenn nicht eine übergeordnete Erklärung die Identität erklären würde.. In der dialektischen Formel wären dann Draufsicht und Seitenansicht wie These und Antithese, das Objekt aber die Synthese.

Anders gesagt: Was unterschiedlich erscheint, muss nicht unterschiedlich sein, und was gleich erscheint kann auch unterschiedlich sein. Dies ist auch konform mit biblischen Denken, dass keinen unvereinbaren Gegensatz zwischen einem monistischen Gott kennt und dennoch eine dualistische Welt beschreibt. Ebenso wird vor einem Satan gewarnt, der wie ein Engel des Lichts erscheint.

Konsequenzen und Alternativen

Ob man nun das Böse schlechthin und / oder den Teufel metaphorisch oder real existent versteht, macht genau dann keinen Unterschied, wenn man es als persönliche Aufgabe ansieht, diesem zu widerstehen. Der Gedanke, dass die Welt so strukturiert sei, dass das Vergehen in die Gestaltlosigkeit als die eigentliche Kraft des Bösen lediglich dadurch bedingt wird, dass die Existenz schlechthin – und damit des Guten – eben des Gegenpols bedarf, mag für Menschen, die sich eine geistige Welt nur schwerlich vorstellen können, ein hilfreicher Zugang sein. Andere mögen es als Ausdrucksform jener geistigen Realität deuten.

Die Alternative, im Besondere ein Monismus, der das Böse als substanzlos völlig ablehnt und keinen Dualismus akzeptiert, findet sich in Orientierungsproblemen wieder. Diese kann er zwar kaschieren – auch vor sich selbst -, aber er bleibt in dem Dilemma, dass seine Grundlage der Ethik schwimmt. Warum sollte er ein Verhalten richtig und das andere falsch nennen? Wenn denn alles erlaubt sei, warum nicht die übelsten Verbrechen? Das Argument, man schädige sich dadurch nur selbst, zieht bei jenen nicht, die eben andere Einschätzungen und Prioritäten vertreten. Dies gilt für einen spirituellen Monismus ebenso wie ein Naturalismus, der sich mit dem Beobachtbaren begnügt. Schließlich kann jener die Erlösungshoffnung tragen, dass mit dem Tode alle Schuld getilgt sei.

Warum sollt man das Leben – sowohl das Eigene als auch das der Anderen, des Volkes, der Menschheit, der Kultur – dem der Nicht-Existenz vorziehen? Nur einfache willkürliche Präferenz? Ein Recht der Wahl, dem man sich auch verweigern kann? Wir wissen, dass es den Suizid gibt, vielleicht aus Überdruss. Es bliebe dann, wenn man den Begriff des Bösen nicht akzeptiert, entweder die Wahlfreiheit, die auf Kurz oder Lang nur ein Weg in die totale Vernichtung wäre, oder eine Bildung von kasierenden Ersatzbegriffen. So mag man den Suizid, ob nun beim Einzelnen oder als gesellschaftliches Phänomen, schlicht als krank bezeichnen. Man hätte dann die Begriffe gut ./. böse gegen das Begriffspaar gesund ./. krank ausgetauscht. Ist das hilfreich und ausreichend?

Krankheit

Wie wohl es einfache und klare Formen gibt, die man als Krankheit und Störung der ’normalen‘ Funktion versteht, so gibt es doch auch ein weites Feld der Grenzfälle. Ob nun der politische Gegner schlicht als krank bezeichnet wird und so in psychiatrische Anstalten weggesperrt wurde – nicht nur in der ex-UdSSR – oder der Potentat seine Macht zu Lasten der Ohnmächtigen ausübt, der Verbrecher sich zu Lasten Dritter bereichert, der Vergewaltiger seine Lust aus der Ohnmacht seiner Opfer saugt … sie alle als krank zu bezeichnen enthebt den Menschen von seiner Verantwortung, sein Handeln aufgrund von seines moralisch begabten Willens selbst zu steuern. Es entmündigt den Menschen.

Darum eignet siche dies Kategorie nicht als Erklärungsansatz: Wer jedweden intolerablen Akt als Ergebnis einer Krankheit ansieht, für die der Täter letztlich nicht verantwortlich ist, für den ist auch der Begriff schuld und Sühne bedeutungslos. Die Strafandrohung und Vollzug ist nicht nur die Verstärkung des moralischen Gebotes, sondern an simples Konditionierungsmittel eigendynamischer Prozesse, für die letztlich auch niemand mehr persönliche Verantwortung trägt. Hier sehe ich die Würde des Menschen verletzt. Denn wenn er keine Verantwortung mehr tragen kann – was unterscheidet ihn dann von einem Stück Holz, dass von den Wellen hin und her geworfen wird?

Ist es aber nicht schlicht hinzunehmen, wenn wir in biologistisch-deterministischer Weise alles Negative als  Krankheit erkennen, weil es die Realität zutreffend beschreibt? Wäre dann die Ablehnung wegen der Konsequenz der Entmündigung nur ideologisches Wunschdenken? Dies setzt voraus, dass wir das Wesen der Welt, seine Determiniertheit, seine Wurzen und Ziel hinreichend sicher erkennen könnten. Woher sonst könnten wir wissen, dass der Begriff Krankheit als etwas zufälliges und unverschuldetes eine zutreffende Beschreibung wäre? Gibt es nicht viel mehr erkennbare Fakten, die dieser Ansicht widersprechen?

Zum Einen ist die Selbsterfahrung, sein Handeln wegen des reflektierten Willens selbst zu steuern und damit auch zu verantworten, ein starkes Argument gegen eine grundsätzliche Unverantwortlichkeit des Menschen. Zum Anderen: Kann eine Situation einen Menschen, der ein bislang geachtetes Mitglied der Gesellschaft zum Monster werden lassen. War jener vorher latent krank? Sind dann nicht alle Menschen latent krank, und bei einigen bricht diese Krankheit nur nicht aus? Kurz, die Generalerklärung der Krankheit für alles mögliche Böse erscheint wenig plausibel und aufgesetzt.

Die Krankheit, die möglicherweise dennoch Auslöser der bösen Tat wird, in dem sie den Geist des Täters verwirrt, ist dann als Störglied der Ordnung Teil jenes allgemeinen Bösen. Sie stellt dann keine Ausnahme dar, sondern lediglich als eine Form des Bösen. Sie bleibt aber in der Regel keine Entschuldigung des verantwortlichen Menschen, denn dieser kann sich gegen Versuchungen aller Arten, auch der krankheitsgetriebenen Trugbilder und verderblicher Begierden, erwehren.

Fazit: Das Böse braucht keine monokausale Erklärung

Wenn die Ausgangsthese vom Zerfall als dem Besen schlechthin geprüft wurde, und zugleich andere Erscheinungsformen des Bösen betrachtet werden, mag man die These relativieren oder eben als Ausdrucksform eines dahinter stehenden Bösen deuten. Die Erkenntnis des Bösen schließt aber auch stets das Gute, in dem viele vor allem Gott sehen, ein. Eine finale Durchdringung und Rückführung auf eine erschöpfende Erklärung ist nicht erforderlich. Der moralische Dualismus hat sich darum als hilfreich erwiesen, der zu ganz pragmatischen Regeln führt:

  1. Strebe nach dem Guten – für manche heißt das: Suche Gott!
  2. Meide das Böse in jeder Gestalt
  3. Wehre dich gegen den Zerfall und den Niedergang
  4. Prüfe das vermeintlich Gute, ob es nicht doch maskiertes Böses sein kann.

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