Christentum unethisch?

Philipp Möller, bei Sandra Maischberger (ab 4:50): ‚Ich persönlich halte das Christentum vor allen für eine unethische Lehre, weil sie die Selbstbestimmung verhindert, und damit auch persönliches Glück verhindert.‘ Es erscheint vor dem inneren Auge ein verknöchertes und moralinsaures Männchen, das anderen Menschen und sich selbst das Leben schwer macht und in ein rigides Joch zwängen will. Eine zulässige Meinungsäußerung, gar eine treffende Analyse, oder doch ein absurdes Zerrbild?

Fraglos gibt es offensichtlich auch unglückliche Christen, die unter Zwangsstörungen leiden, oder die Positionen vertreten, die diesem Bild entsprechen können. Nur gibt es das weltweit in allen Kulturen. Die Frage ist dann: Was ist ursächlich an diesem Bild? Ist es tatsächlich die Lehre? Ist es der Misserfolg der Lehre, die diese negative Einstellung eben nicht beseitigen konnte? Ist es nur eine gewisse Lesart des Christentums, die keineswegs repräsentativ ist, oder begünstigt die christliche Lehre insgesamt eine derartige Haltung?

Formalia und Faktencheck

Der Ausdruck ‚unethisch‘ lässt verwundern, denn das Christentum gilt ja gerade als Grundlage vieler ethischen Systeme, und auch Atheisten sind oftmals maßgeblich gerade von den ethischen Aspekten der christlichen Lehre geprägt.

Unethisch heißt: ’nicht der Ethik und Moral entsprechend‘. Bekanntlich gibt es aber nicht die Moral und Ethik, die unbestritten einen Maßstab liefert, sondern teils divergente Ansichten, die ggf. über mehr oder minder große Schnittmengen verfügen. Die Feststellung, welche Vorstellungen in einer Gesellschaft prägend sind, lässt sich aus geistesgeschichtlichen Analysen und soziologischen Untersuchungen ermitteln, sind damit aber nicht automatisch normativ.

Ich halte diesen Ausdruck aber nicht als ablehnende Meinung zu einer moralischen Position, sondern für ein Urteil über die grundsätzliche Haltung zu den Maximen des Lebens. Wenn jemand ohne Reflektion oder ohne moralischen Leitsätzen handelt, sondern lediglich seinen Bedürfnissen folgt oder fremdgesteuerten Vorgaben entspricht, für unethisch. Daran ändert sich auch nichts, wenn man eine ethische Diskussion vorträgt, die letztlich nur genau das kaschiert. Ethisch wäre dann das Verhalten, das aus einem Wertesystem geprägt ist.  Grenzwertig wäre eine Ethik, die im Sinne von Vasallentreue oder Kadavergehorsam den Befehlsempfänger seiner ethischen Verantwortung für sein konkretes Verhalten enthebt.

Tatsächlich gibt es aber neben jenen verknöcherten Christen viele, vielleicht die überwältigende Mehrheit jener, die Zufriedenheit und Erfüllung durch den christlichen Glauben fanden. Für diese trifft der Vorwurf offensichtlich nicht zu.

Die Grundlage des moralischen Urteils Möllers ist offensichtlich sein Vorstellung, dass persönliches Glück und Selbstverwirklichung in der Tradition der Eudaimonie das wichtigste überhaupt sei. In diesem Sinn ist nicht das Allgemeinwohl oder das Seelenheil, der Weltfriede oder die Liebe, das Gute schlechthin oder Anderes das höchste Ziel, sondern eben das persönliche irdische Wohl. Insgesamt wirkt diese Lehre der Postmoderne nicht nur verflachend und geschichtsvergessenen Egoismus befördernd, dem man sehr wohl die Frage nach einer durchdachten Ethik stellen kann: Wenn es dem Sadisten als das höchste Gut der Selbstverwirklichung erscheinen mag, seinen Trieben zu folgen, dann ist darin kein ethischer Ansatz erkennbar.

Viele philosophische Grundfragen bleiben mit diesem fragwürdigen Ansatz ausgeschlossen.

Selbstbestimmung

Häufig erscheint die Selbstbestimmung als ein unhinterfragter positiver Wert, der ganz oben in der Prioritätenliste der Postmoderne steht. Die Fremdbestimmung ist der Gegensatz, der abschreckt. Weder Kirche noch Staat, Despot oder Regel soll den persönlichen Lebensvollzug bestimmen, sondern man selbst. Zugleich gilt es aber als anerkannt, die eigene Freiheit und Gestaltungsmacht im Leben zu hinterfragen: Durch Gesellschaft und Sozialisation, wirtschaftliche Verhältnisse uns psychische Zwänge, Werbung und Anpassungsdruck steht der Mensch eher als Opfer der Verhältnisse keineswegs als Herr da, der sein Leben selbst bestimmen kann. Was aber ist denn dieses Selbst, dass dann – wenn auch nur eingeschränkt – bestimmen kann?

Was ist der Mensch? Wer bin ich? Diese philosophische Grundfrage wird heutzutage zumeist durch die Biologie verstanden. Als Kind der Evolution, die unintendiert eine breite Vielfalt – auch mich – ohne Plan und Ziel hervorbrachte, ist die eigene Existenz erst möglich, zugleich aber auch überflüssig. Diese Ansicht kennt keine Vorherbestimmung, kein Schicksal, sondern nur blinden Zufall. Es ist dann auch ziemlich gleichgültig, ob ich dies als Freiheitsraum nutze oder nicht, ob ich gut oder böse sei, ob ich das Glück finde oder verzweifle.  Es ist eigentlich egal, was ich vor meinem Tod denke. Ich kann mich in diesem Möglichkeitsraum selbst erfinden, einem gesellschaftlich vorgegebenen Bild entsprechen, selbstgesteckten Zielen folgen oder das Glück suchen … aber die alles verbindende Idee der politischen Ideologie oder des Heils im Religiösen ist kaum mehr als Fassade, eine wahlfreie Präferenz.

Diese Ansicht konkurriert mit einem Determinismus im Kielwasser eines physikalischen Determinismus eine Laplace, der in der Neurophilosophie einen neuen Aufguss erhielt: Die Physik bedinge das So-sein und letztlich entsteht als als Folge notwendiger Umstände die neue Realität der Zukunft. Das gilt dann auch für jeden Spike im Neuron, der ausnahmslos jeden Gedanken im eigenen Hirn letztlich erzeugt. Die Freiheit sei lediglich eine Illusion, die letztlich den Verbrecher entlastet und den Wohltäter seines Ruhmes beraubt. Die Realität ist dann nur ein äußerst komplexes Gewebe, das ein nicht mehr vorhersehbares Zusammenspiel von unzähligen notwendigen Einzelereignissen emergiert. Was ist dann dieses ominöse Selbst, dass eben nicht von persönlicher Entscheidungsmacht, sondern von den zwingenden Umständen getrieben ist?

Die Frage nach der Freiheit und Selbstbestimmung ist also keineswegs so klar, wie häufig in Ignoranz genau jener als Selbstverständlichkeit und Inkonsistenz vorgetragen werden, die zugleich die anderen postmodernen Ansichten kolportieren, die jene ad absurdum führen.

Auch im Christentum ist die Frage nach Freiheit und Bestimmung, nach Determinismus und Verantwortung keineswegs eindeutig geklärt. Im Kontext von Reformation und Luthers wirken wird dem allmächtigen Gott genau diese Macht personalisiert zugeschrieben, die zuweilen als Schicksal und Bestimmung, der man sich zu ergeben habe. Dies kann auch durchaus als persönliche Entlastung verstanden werden, denn es befreit von der Verantwortung, sich selbst stets neu erfinden zu müssen, sondern liefert einen Orientierungsrahmen, in dem es sowohl gesellschaftlichen Fortschritt als auch persönliches Glück geben mag.

Zugleich betonen andere Fraktionen der Christenheit, dass gerade in der Geschöpflichkeit der Mensch zum Ebenbilde Gottes und damit in das substanzielle Selbst, dass zu verantwortlichem Handeln erst befähigt wurde. In Christus wird der Mensch aus den Zwängen seiner Bedingtheit befreit und bekommt eine neue Unbedingtheit, die es letztlich ihm anheim stellen, diesem verliehenen Freiraum auch zu Nutzen, eigentlich zum Guten, aber der Freiheit wegen auch stehts in der Potenz zum Bösen.

Ein pragmatischer Humanismus, der dem Menschen die Möglichkeit zur Selbstbestimmung und Verantwortung zubilligt, bleibt zwar sympathisch, ist aber stets in Gratwanderung zwischen eine inkonsistenten Weltanschauung, die sich selbst widerspricht, und einer Rechtfertigung dieser Ansicht. Alleine ein Rückgriff auf die Denker der Antike ist fraglos unzureichend.

Dabei liefern Physik und Neurologie keineswegs eine zwingende Vorgabe: Durch die Quantenmechanik und die Kopenhagener Deutung ist ein strenger Determinismus keineswegs mehr zwingende Voraussetzung. Ob der somit aufgespannte Freiheitsraum vom blinden Zufall bestimmt sei, der mittels Chaosforschung zu völlig offenen Ergebnissen führt, ist denkmöglich. Ebenso kann hier ein Denkraum für ein substanzielles Selbst, eine Seele, begründet sein. Der Mensch entscheidet, was für stimmig und vertrauenswürdig hält. Er gewinnt dadurch seine Selbstbestimmung.

Der Humanismus der Antike basierte auf schwachen Grundlagen. Der Renaissance-Humanismus amalgierte untrennbar mit christlichem Denken – auch dann, wenn er den metaphysischen Überbau ablehnte. Zeitgenössischer Humanismus, der sich oft in Opposition zu den christlichen Grundlagen versteht, ist dennoch kaum ohne diese konsistent zu verstehen und wirkt zuweilen spätpubertär. Der Jesus der Evangelien beruft sich auf die zeitlose Wahrheit Gottes von dem die Tradition des Tanach zeugt. Sein Wirken bleibt bis heute eine schwer verdauliches Zeugnis eine Humanität, das stets unvollständig zu vereinnahmen gesucht wurde. Keine Kirche kann die dialektische Präsenz vollständig und exklusiv beanspruchen. Jesus war nie ein Philosoph, der etwas neues erfinden wollte, sondern der die Wahrheit selbst repräsentierte. Er forderte Nachfolge, und verhieß die Wahrheit, die frei macht.

Der biblische Befund zum Gehorsam

Somit wäre es auch hier die Frage zu präzisieren: Lehrt das Christentum unbedingten Gehorsam? Eben jener, der eine moralische Verantwortung weg delegiert? Ein Gehorsam, der dem persönlichen Glück im Wege steht?

Tatsächlich gilt Unterordnung – unter Gott – als christliche Tugend. Angesichts dessen, dass die biblischen Vorgaben hier ein sehr weites Feld liefern und sogar gerade die Freiheit betonen, ist dieser Verdacht zurück zu weisen:

1.Korinther 6,12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

Bei der Unterordnung unter die Menschen gilt die gegenseitige Unterordnung:

Epheser 5,21 Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.

Dies ist kein grundsätzlicher Verzicht auf persönliche Freiheit, sondern eine Empfehlung über das Leben in der Gemeinschaft. Aber auch gesellschaftliche Realitäten werden nicht revolutionär umgewälzt, sondern der äußeren Form halber bedient. So auch diese Empfehlung innerhalb der antiken Gesellschaft.:

 Kolosser 3
22 Ihr Sklaven, seid gehorsam in allen Dingen euren irdischen Herren; dient nicht allein vor ihren Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern in Einfalt des Herzens und in der Furcht des Herrn.
23 Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen,
24 denn ihr wisst, dass ihr von dem Herrn als Lohn das Erbe empfangen werdet. Dient dem Herrn Christus!

Die neue Ordnung spricht hier vor allem von einer inneren Freiheit der Erlösten, die über die Banalität eines Dienstverhältnisses hinaus eine Möglichkeit bekommen, aus eine Fixierung zwischen Servilität und Auflehnung heraus eine andere Wertedimension zu erreichen:

Galater 3,28: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Menschliche Ordnungen werden somit nicht aufgelöst, sondern treten hinter einer inneren Verfassung zurück, die eine neue Freiheit ermöglicht. Es ist darum auch geistesgeschichtlich nicht verwunderlich, dass gerade dieses Programm der Emanzipationsbewegung eine Langzeitwirkung entfaltete, die vor allem in der Neuzeit, mitten im christlichen Kulturkreis, politische Realität werden ließ.

Das heroische Opfer

Ein zweites christliches Motiv mag Möller zu seinem harschen Urteil führen: Die Heroisierung des Opfers. Jesus Christus selbst ist das Opferlamm, dass sich zur Rettung der Menschen selbst schlachten lässt. Seine Nachfolger sollen bereit sein, ihm auf diesem Wege zu folgen. Das Motiv lässt sich aber durchaus auch im Sinne des persönlichen Glücks und Selbstverwirklichung deuten:

Matthäus 16,25 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Diese dialektische Spannung fordert zum Einen die Hingabe ohne das Ziel des eigentlichen Lohnes, denn eine Berechnung zum eigenen Glück hin erschiene hier wie ein schales Versprechen. Vielmehr handelt es sich zum Anderen um einen folgerichtigen Schluss, der das Leben in der Ewigkeitsperspektive versteht. Es ist dem Menschen nicht möglich, sein eigenes irdisches Leben dauerhaft zu erhalten. Er kann lediglich sein Leben ein wenig verlängern, bevor das Alter und der unvermeidliche Tod ihn einholt. Ekstatische Erlebnisse sind dann ebenso zerronnen wie eine vermeintliche Selbstverwirklichung.

Alttestamentliche Weisheitsliteratur beurteilt dies so:

Prediger 4
13 Ein Knabe, der arm, aber weise ist, ist besser als ein König, der alt, aber töricht ist und nicht mehr versteht, sich warnen zu lassen.
14 Es kommt einer aus dem Gefängnis auf den Thron, und einer, der in seinem Königreich geboren ist, verarmt.
15 Und ich sah alle Lebenden, die unter der Sonne wandelten, bei dem zweiten Knaben, der an jenes Stelle treten sollte.
16 Und es war kein Ende des Volks, vor dem er herzog. Und doch wurden seiner nicht froh, die später kamen. Das ist auch eitel und Haschen nach Wind.
Aber auch unabhängig von der christlichen Ewigkeitshoffnung mag es den Menschen, der zum Opfer bereit ist, mit der Zufriedenheit und Glück belohnen, das Richtige getan zu haben. Ist dies nicht auch eine Form der Selbstverwirklichung? Freilich kann es kein Opfer um des Opfers willen geben. Auch sind fragwürdige Taten wie Selbstmordanschläge nicht geeignet, das Gefühl der Gerechtigkeit zu vermitteln, so lange man nicht vorher ein kräftig verbogenes Wertesystem vermittelt bekam. Ein mündiger Mensch wird sich darum nicht zum Werkzeug der Ungerechtigkeit machen. Aber nicht nur die Mutter, die sich für ihr Kind opfert – wie man es zuweilen auch im Tierreich beobachten kann – , sondern der Mensch, der für die Gemeinschaft zum Äußersten geht, erhält Anerkennung. Ein Soldat, der für die Verteidigung der Lieben sein Leben lässt, hat allerdings eine andere Bedeutung als jener, der sich als Kanonenfutter für die Machtgelüste eines Potentaten verheizt wird.
Opferbereitschaft steht somit nicht zwingend einer Selbstverwirklichung im Wege, sondern kann – unter besonderen Umständen – genau diese bedeuten.

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