Mythen, Parabeln und die Realität

Was Wahrheit und Realität sei, meinen viele Menschen intuitiv zu wissen, zumindest so ungefähr. Auch wenn es in den Rändern noch Unklarheiten gibt, so meint man doch zumeist in einer stabilen Welt und Realität zuhause zu sein. Aber diese Gewissheiten zerbröckeln oft bei genauerem Hinsehen. Persönliche Lebenskrisen, massive Verunsicherungen bei der Faktenlage, erkannte Propagandamechanismen und philosophische Reflektionen wecken grundsätzliche Zweifel. Der Wunsch nach Erkenntnis ohne Fremdbestimmung oder selbstgemachter Projektionen ist dann zu einem handlungsbestimmenden Motiv … nicht zuletzt auch der Wissenschaften.

Heute ist es Allgemeingut, das Weltbild nicht von Märchenerzählungen prägen zu lassen, sondern auf robuste Fakten zu setzen. Bezogen auf die Vergangenheit wird die Faktenlage aber recht dünn: Was ist denn die reale Geschichte? Entsteht diese nicht eher in der Projektion von mehr oder minder gut belegten historischen Zeugnissen und dem gerade gültigen Weltbild? Es gilt als Allgemeinplatz, Ansichten, die man für falsch hält, als Mythos zu bezeichnen und so in die Nähe von Märchen und Fantasie zu rücken. Dies trifft auch auf den Glauben an Gott zu. Aber jede unreflektierte Ansicht – auch wenn sie sich noch so sehr als modern und wissenschaftlich tarnt – kann dem Anspruch der Erkenntnis nicht genügen und führt zu fatalen Irrtümern. Eine systematische Durchdringung der Grundfragen mag mühsam und unmodern erscheinen, bleibt aber unabdingbar notwendig, wenn man Irrtümern und Selbstlügen nicht zum Opfer fallen will.

Sinneswahrnehmungen und Empirie

Wir nehmen die Welt durch unsere Sinne wahr. Diese Wahrnehmungen werden durch die fortgesetzte Erfahrung und gesellschaftliche Prägung zu einem Interpretationsfilm, der unser Weltbild bestimmt. Allerdings wissen wir, dass gerade das Weltbild, Vorurteile und sozial tradierte Ansichten ein immer größeren Anteil an der Deutung erhalten und somit zu einer selektiven Wahrnehmung und Verzerrung führen. Zudem wissen wir, dass unsere Wahrnehmung und unsere Sinne sehr begrenzt sind und nur einen kleinen Ausschnitt der Realität zeigen.

Wissenschaftliche Empirie versucht diese Einschränkungen so gut wie möglich zu beheben. Mit systematischen Aufzeichnungen, die sich subjektiven Einschätzungen so weit als möglich entledigen, und einem erweiterten Messinstrumentarium versucht man, die Realität objektiv zu fassen. Aber auch in der Wissenschaft bleibt es nicht bei der reinen Empirie. Man versucht, aus den Beobachtungen Schlüsse zu ziehen und das Wesen der Realität als ein Spiel von Gesetzmäßigkeiten zu konstruieren. Dazu bedient man sich der Modelle, die die Beobachtungen in einen vereinfachten Zusammenhang stellen, die aber die Beobachtungen im Wesentlichen in ihrem naturgesetzlichen Rahmen beschreiben. Darin war man auch überraschend erfolgreich und kam zu Erkenntnissen, die den erwarteten Rahmen überstiegen. Technik und Detailwissen feierte Triumphe und ließ dabei vergessen, dass wir uns keinen Millimeter den Grundfragen näherten. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer oder was sind wir eigentlich? Die vorläufigen und materialistischen Antworten blieben hohl, beriefen sich auf unwahrscheinliche Zufälle und blendeten viele Erfahrungen aus, die nicht zu den simplifizierenden Antworten passten.

Mit zunehmender Komplexität oder Menge der offenen Fragen ergeben sich aber immer größere Unsicherheiten über die Welt im Ganzen und die Vollständigkeit unserer Vorstellungen. So gehen wir von der Stabilität der uns umgebenden Objekte aus … obwohl wir mittlerweile wissen, dass diese aus komplexen Molekülen bestehen, deren Atome aus eine Vielzahl von subatomaren Teichen, bzw. Wellen bestehen, die mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten kreisen und sich transformieren. Klassische Mechanik und Quantenmechanik haben nur noch wenige Berührungspunkte.

Und gerade bei den zentralen Grundfragen der Menschen ist unser Wissen nicht mehr belastbar. Kurz: Die entscheidenden Dinge wissen wir nicht. Aber wir haben dennoch recht feste Überzeugungen, die nur nicht mehr auf soliden Fakten, sondern auf Weltbildern beruhen. Da die Weltbilder sehr wenig einer kritischen Prüfung standhalten, diese aber unsere Wahrnehmung bis zur wissenschaftliche Modellbildung prägen, wurde das Konzept der Phänomenologie entwickelt. Hier tritt man einen Schritt zurück und versucht, die Modelle bei der Empirie weitgehend unberücksichtigt zu lassen und möglichst der ungefilterte Wahrnehmung die unvorbelastete Deutung zu überlasten. Auch wenn dieser Ansatz zu recht systematische Fehler ausschließen will, kann dieser nur zu begrenztem Erfolg führen, denn eine völlig neutrale Wahrnehmung kann es nicht geben und jede Deutung, die aus eine möglichst objektivierten Beobachtung erwächst, führt notwendig zu einem Modell, dass wieder einen Deutungsfilm der Phänomen erzeugt. Die Methode der Deduktion, also der Ableitung aus der Beobachtung, führt letztlich in die Sackgasse, die auch keine Antworten zu den Grundfragen liefern kann.

Höhlengleichnis: Was ist die Wirklichkeit?

Das Höhlengleichnis des Platon prägte und irritierte die Geistesgeschichte. Heute scheint es aus der Mode gekommen zu sein, aber es wirkt überall fort.

Das Ziel ist der Aufstieg aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt der vergänglichen Dinge – die mit einer unterirdischen Höhle verglichen wird – in die rein geistige Welt des Seins der unwandelbaren Ideen. Das Ringen um Befreiung von der Anhaftung an die Welt der alltäglichen Wahrnehmungen muss zwar jeder für sich vollziehen, da aber der Mensch gemäß Platons Staat ein sozial-politisches Lebewesen darstellt, ist es zugleich auch ein gemeinschaftliches Bemühen.

Der Idealismus wird zwar gemeinhin im engeren Sinn nicht mehr als das Deutungsmuster der Welt gesehen, aber die Vorstellung, dass hinter den erkennbaren Erscheinungen ein anderer, tieferer Grund besteht, prägt nicht nur Enthüllungsjournalisten und Teile der Wissenschaften, sondern das Denken der Menschen im allgemeinen … nur nicht konsequent und durchgängig. Der vordergründige Schein ist für die Deutung der Welt unzureichend, viele wahren Motive und Mechanismen bleiben zunächst verborgen und müssen erst erschlossen werden. Eine moderne Variante des Höhlengleichnisses findet sich in der Filmreihe Matrix. Der Protagonist steht vor der Frage, ob er die Welt der Illusionen, die ihm durchaus Sicherheit und ein auskömmliches Leben gewährt, der Realität vorziehen sollte, die allerdings erschreckend und bedrohlich ist.

Aber die Grundidee Sokrates / Platons, dass die Welt und die Physik lediglich Abbild der Idee sei, wird heute weitgehend ignoriert. Die Nähe zum christlichen Schöpfungsgedanken, nach dem die Welt und Kosmos auf dem Logos beruht, haben lediglich im Kreise der Christen eine Bedeutung … und die sind deutlich in der Minderzahl.

Statt dessen teilen sich Vorstellungen der Postmoderne und des Naturalismus den Streit um die Deutungshoheit in modernen Industriegesellschaften. Der Naturalismus, der trotz erkennbaren Erklärungsschwächen an dem Dogma klebt, die Welt sei durch ihrer innere Mechanik plus dem blinden Zufall hinreichend erklärbar, auch wenn viele Fragen ungeklärt bleiben, hat nach wie vor Konjunktur und wird implizit als moderne Grundeinstellung unkritisch unterstellt. Die Postmoderne lehnt jede Deutung und Wahrheitsanspruch ab, hat aber mit dem Naturalismus einen Burgfrieden geschlossen. Denn ähnlich wie die Postmoderne, die letztlich das Fehlen großer Ideen zum Programm hat, fehlt auch im Naturalismus eine Sinnbildung, sondern postuliert lediglich einen bedeutungslosen Zufall als Grund der Existenz.

Die Postmoderne geht einen Schritt weiter: Aller Wirklichkeitsanspruch beruhe lediglich auf der gedanklichen Konstruktion, die allerdings nicht auf einer normativen Wahrheit beruht, sondern als subjektive oder kulturelle Bildung keinen universellen Anspruch erheben kann. Wenn dann von subjektiven Wahrheiten gesprochen wird, so ist dies folgerichtig und meint letztlich gar keine Wahrheit mehr, sondern lediglich die Überzeugung, dass irgend etwas – mehr oder weniger zufälliges – als Wahrheit angesehen wird. Kurios ist dann die Koexistenz zu naturalistischen Vorstellungen, die allerdings sehr wohl eine normative und objektiv gegebene Realität als gegeben annimmt. Aber dieser Widerspruch, zugleich implizit eine absolute Wahrheit als objektive Realität anzunehmen, dann aber die Absolutheit dieser Wahrheit zu bestreiten, ist vielen Zeitgenossen nicht bewusst, sondern wird systematisch ausgeblendet.

Allerdings gibt es keinen faktischen Grund, warum die Ideenlehre Platons heute weitgehend abgelehnt wird. Der Verweis auf wissenschaftliche Erkenntnis vermag nur oberflächlich der Ideen Platons zu widersprechen. Denn gerade die Naturwissenschaften zeigen eine wundervolle Komplexität der Welt, bei der sich Ideen als Grundlage geradezu aufdrängen. Das Fehlen der Erklärungen aus naturalistische Perspektive wird vor allem durch einen Dogmatismus überlagert, die dem Zufall eine magische und kreative Kraft zuschreibt. Diese Skurrilität wird nur erklärbar, wenn man den Gottesglauben partout zurückweisen will. Wissenschaftlich kann aber kein Zufall als jene Grundlage nachgewiesen werden, oder auch nur im entferntesten als plausibel gezeigt werden. Die einzige Rechtfertigung, dem Zufall eine derartig dominante Bedeutung zuzuweisen, dass eine klare Gotteserkenntnis nicht existiert und nur durch einen postulierten Zufall zurückgewiesen werden kann.

Erkenntnis der Wahrheit

Im Folgenden wird die Postmoderne als leere Idee zurückgewiesen und vielmehr von einer verbindlichen und normativen Realität ausgegangen, die eben nicht subjektiv bestimmt ist. Wahrheit ist demnach die Summe aller Sätze, die diese Realität zutreffend beschreiben – dies entspricht der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Allerdings existieren parallel zu diesen wahren Sätzen auch perspektivische Verkürzungen, die lediglich nur eine Ansicht der Wahrheit, nicht aber die vollständige Wahrheit abbildet. Erschwert wird dies Abweichung der Wahrheitserkenntnis noch darin, dass es schlicht den Irrtum gibt, also Sätze, die nicht der Realität entsprechen und im Prozess der Erkenntnis eliminiert werden müssten. Nicht genug damit, es gibt auch die bewusste Lüge, die Sätze irrtumsfrei falsch konstruiert, um damit bestimmten Interessen zu dienen. Das hat zur Folge, dass Wahrheit nicht leicht erkannt, und schon gar nicht vollständig erkannt werden kann, wobei aber die Hoffnung bestehen bleibt dass der Weg der Erkenntnis eine Annäherung an die Wahrheit darstellt.

Durch die Schwäche der Empirie, die zu vielen Fragen grundsätzlich keine vollständigen Antworten liefern kann, haben sich Weltanschauungen oder Ideologien (im wertfreiem Sinn) gebildet, die als Schlüssel der Welterkenntnis dienen sollen. Daran bleibt zu erwarten, dass auch Ideologien wohl kaum vollständig sein können und darum bestenfalls Näherungen der Wahrheitserkenntnis liefern. Ideologien liefern ein mehr oder minder vollständigen Deutungsschlüssel der beobachtbaren Phänomene. Fehlen plausble Erklärungen oder stehen die Beobachtungen im Widerspruch zu der Ideologie, werden die Beobachtung entweder unterdrückt oder ignoriert.

Aus diesen Betrachtungen folgt, dass es offensichtlich mehrere Weltanschauungen gibt, die sich zum Teil unauflösbare Widersprüche liefern. Es wäre der Weg der Postmoderne, diese Anschauungen ungeklärt als gleichberechtigt stehen zu lassen und damit den universellen Wahrheitsanspruch fallen zu lassen. Auch wenn dies vielfach vertreten wird, so wird es selten in seiner vollen Konsequenz umgesetzt. Denn dann hätten Nazis und Kulturen, die Menschenopfer darbringen, moralisch nicht weniger oder mehr Existenzberechtigung wie Demokratien, die auf der Menschenwürde und der christlichen Tradition aufbauen. Selbst die glühendsten Vertreter des Kulturrelativismus schrecken aber vor der Rechtfertigung einer völkermordenden Nazi-Ideologie zurück. Wenn aber an einer Stelle differenziert und gewertet wird, bedarf es übergeordneter Kriterien, die ihrerseits einer robusten Begründung bedürfen.

Dilemma der Erkenntnis und Kohärenz

Wo aber sollte sich übergeordnet Kriterien der Wahrheit finden lassen, wenn doch jene vermeintliche Wahrheit nur durch widerstreitende Ideologien vermittelt wird. Es müsste einer Ideologie eine Priorität eingeräumt werden. Das praktizieren auch die Vertreter jeder Ideologie zugunsten ihrer eigenen Ideologie. Wodurch sollte aber die Präferenz der eigenen Ideologie gerechtfertigt sein? Die kulturelle Prägung kann zwar weitgehende Unterschiede erklären, aber keine übergeordnete Präferenz begründen. Wir dann die Bildung von Kriterien nicht reine Willkür und bleibt dies der Idee der Wahrheit fremd? Die Kriterien, die eine übergeordnete Rolle spielen, dürfen dem nach nicht in einer der konkurrierenden Weltsichten verankert sein.

Allerdings bleibt die Grundannahme, dass es eine objektive Realität gibt, denen die unterschiedlichen Weltsichten untergeordnet sind, ein plausibler Gedanke. Daraus ist zu fordern, dass diese Realität kohärent ist und keine selbstwidersprüchlichen Fakten liefert. Entsprechend sind Ansichten, die zu selbstwidersprüchlichen Aussagen und Beobachtungen führen offensichtlich nicht vollständig eine zutreffende Abbildung jener Realität. Das besagt die Kohärenztheorie der Wahrheit: Man kann Unwahrheit aus der Inkohärenz erkennen und eliminieren. Dieses Kriterium setzt lediglich die Gültigkeit der Logik, ansonsten keine dogmatischen Setzungen voraus. Es ist darum geeignet, als übergeordnetes Kriterium zwischen unterschiedlichen Weltsichten ein Urteil zu ermöglichen.

Die Feststellung von Widersprüchen ist allerdings keineswegs trivial. Denn zum einen sind scheinbare und behebbare Widersprüche von unheilbaren Widersprüchen zu unterscheiden. Scheinbare Widersprüche beruhen auf dem Irrtum, dass es sich überhaupt um einen Widerspruch handelt – hier ist eine methodisch klare Prüfung erforderlich. Behebbare Wiedersprüche sind echte Widersprüche, die sich aber durch Korrektur oder Definition von Gültigkeitsbereichen nicht zum Zusammenbruch eines ansonsten kohärenten Weltbild führen. Auf diese Weise werden unspezifische und variantenreiche Weltbilder verfeinert und nähern sich dem Ideal der Wahrheit. Werden behebbare Widersprüche erkannt, so bleibt zunächst die Frage, welche der beiden widersprüchlichen Aussagen der Korrektur bedarf. Dies wird in Verknüpfung zu einem Netz aus weiteren Aussagen herausdestilliert. Der Prozess ähnelt der Bearbeitung von Sudoku-Rätseln: Es werden Annahmen gesetzt und auf Widersprüche geprüft. Erkannte Widersprüche führen zum Verwerfen von Annahmen.

Eine Annahme könnte sein, dass durch beliebig viele Hilfsannahmen die Kohärenz nahezu jeder Ideologie hergestellt werden können. Diese These erscheint allerdings wenig plausibel, da bei Systemen steigender Komplexität das Hinzufügen kohärenter Beobachtungen und Schlüssen immer weniger Freiheitsgrade haben, denn sie stehen durch eine exponentiell wachsenden Möglichkeiten der Widersprüche gegenüber.

Dieser Prozess der Wahrheitserkenntnis ist ein progressiver, der jedoch keine Finalisierung erwarten kann, denn die Menge der verfügbaren Informationen, die Inkohärenzen aufspüren könnte, bleibt vermutlich hinter dem erforderlichen Maß zurück um sämtliche Irrtümer zu erkennen. Zunächst aber entstehen durch den Prozess der Erkenntnis eine stark reduzierte Anzahl von zunächst kohärenten Weltbildern. Bei hinreichender Erkenntnis aller Fakten und deren korrekten Verknüpfung steht die Erwartung, eine einzige gültige und kohärente Weltsicht zu erhalten.

Beispiel scheinbarer Widerspüche

Die Theodizee ist das Paradebeispiel der Prüfung nach Kohärenz und scheinbarer Widersprüche. So meinen einige Menschen, dass die Existenz des Übels der Güte eines allmächtigen und allwissenden Gottes widersprechen würde. Hier wurde die Kohärenzprüfung versucht, allerdings nicht sorgfältig. Denn Leibniz konnte zeigen, dass das Übel in der Welt durchaus eine notwendige, und darum unvermeidbare Existenzberechtigung haben könne und somit keinen unheilbaren Wiederspruch darstellt. Er formulierte die These von der Besten aller möglichen Welten, die völlig kohärent mit der Güte Gottes ist. Dabei ist selbstredend nicht der Zustand der Welt im Wandel gemeint, sondern seine Grundverfasstheit, die vom Ende her gedacht werden muss. Allerdings musst Leibniz nicht beweisen, dass die Welt faktisch die Beste aller möglichen Welten ist, sondern lediglich, dass dies sein könne – womit der Wiederspruch aufgelöst ist. Anders gesagt: Wenn die Prämisse der Güte Gottes beibehalten wird, führt dies notwendig zum Schluss, dass dies die Beste aller möglichen Welten sei. Natürlich kann man die Prämisse zurückweisen, hat aber dafür keine zwingenden Gründe, wenn man keine Bessere mögliche Welt zeigen kann.

Siehe auch: Replik auf ‘Unlösbarkeit des Theodizee-Problems‘ von Norbert Hoerster

Plausibilität

Das Kriterium der Plausibilität ist kein starkes Kriterium, denn auch unplausibel erscheinende Deutungen können nicht per se eliminiert werden, sondern sind gegebenenfalls erst durch eine verfestigte Weltsicht, die auf fragwürdigen Dogmen beruht, wenig plausibel. Dennoch kann es helfen, in unklaren Lagen bei unzureichender Information Präferenzen nach Plausibilität zu setzen. So gilt Ockhams Rasiermesser – auch Prinzip der Parsimonielex parsimoniae oder Sparsamkeitsprinzip – als ein prominentes Kriterium der Plausibilität.

Das nach Wilhelm von Ockham (1288–1347) benannte Prinzip findet seine Anwendung in der Wissenschaftstheorie und der wissenschaftlichen Methodologie als heuristisches Prinzip. Vereinfacht ausgedrückt besagt es:

  1. Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und diese in logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt folgt.

Mit der ockhamschen Regel verbunden ist die Forderung, für jeden Untersuchungsgegenstand nur eine einzige hinreichende Erklärung anzuerkennen.

Auch wenn es plausibel ist, dieses Prinzip der Deutung heranzuziehen, kann die Realität durchaus komplexer gestaltet sein. Da aber die Suche nach der Kohärenz durch viele unauflösbare Lücken der Erkenntnis zu keiner klar beweisbaren Lösung kommt, ist es durchaus vernünftig, die Plausibilität als Hilfskriterium zu akzeptieren.

Angesichts der verbleibenden Unsicherheiten, die Wahrheit zu erkennen, ist es erforderlich, möglichst umfassend alle möglichen Quellen der Wahrheit zu erschließen. Damit kehren wir zur Ausgangsfrage zurück und untersuchen die Gültigkeit von Mythen und Parabeln als mögliche Erkenntnisquellen.

Mythen und das Geschichtsverständnis

Die heute vorherrschende Meinung, die Realgeschichte sei von überragender Bedeutung für das Selbstverständnis und die Erkenntnis der Realität, ist keineswegs überzeitlich und überkulturell bindend. Sogar einfache Überlegungen zeigen die Fragwürdigkeit. So gilt das Wort, dass die Sieger die Geschichte schreiben, als massiven Grund, dass objektive Geschichtsschreibung kaum möglich ist. Zwar mag das bemühen, dies Objektivität zu erlangen, ehrenhaft sein, kann aber auch von seriösen Historikern aufgrund mangelnder Faktenlage und eigenem weltanschaulichem Bias kaum näherungsweise erreicht werden. Zudem würden Erzählungen, die mehr oder minder für wahr gehalten werden und zum Allgemeingut werden auch dann, geschichtliche Wirksamkeit erlangen, selbst wenn diese sich so nicht zugetragen haben. Die Realhistorie bliebe dann weitgehend bedeutungslos.

Ein Mythos (seltener der Mythus, veraltend die MythePlural Mythen, von altgriechisch μῦθος, „LautWortRede, Erzählungsagenhafte Geschichte, Mär“, lateinisch mythus) ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung, die natürliche oder soziale Phänomene erklären oder veranschaulichen soll. Im religiösen Mythos wird das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter, Geister und übernatürlichen Kräften verknüpft.[1]

Mythen erheben einen Anspruch auf Geltung der von ihnen behaupteten Wahrheit. 

Wikipedia: Mythos

Diese ursprüngliche Wortbedeutung ist aber im modernen Sprachgebrauch weitgehend verloren gegangen. Beispielhaft sei hier zitiert:

Die Energiewende ist eine der größten Herausforderungen und zugleich Chancen unserer Zeit. Sie ist nicht nur entscheidend für den Klimaschutz, sondern auch ein zentraler Treiber für Energiesicherheit, Innovation, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Stabilität. Dennoch wird sie immer wieder von Mythen und Missverständnissen wie auch von gezielten Falschinformationen begleitet, die ihre gesellschaftliche Akzeptanz gefährden.

mythen-entlarven …

In diesem Stil werden die Begriffe mittlerweile so oft gebraucht, dass man kaum noch erkennt, dass es sich hier gar nicht um Mythen handelt. Eine ernsthafte Beschäftigung mit echten Mythen und dem Geschichtsverständnis wird damit erschwert, dass der Begriff nur noch in ablehnender Konnotation auftaucht. Der Bedeutungswandel führt nun nicht dazu, dass die Sprache eben im Wandel sei, sondern dass die ursprünglichen Inhalte kaum noch gedacht und kommun

Folgende vereinfachte Definition:

Ein Mythos ist eine wirkmächtige Erzählung. Diese entfaltet seine Kraft nicht aus Wahrheit oder vermeintlicher Unwahrheit, sondern allein dadurch, dass sie von vielen Menschen für bedeutsam gehalten wird.

Dies entspricht eher dem heute gebräuchlichen Wort des Narratives – also schlicht: Erzählung – das aber heute auch überwiegend negativ konnotiert wird. Warum aber sollten Mythen oder Narrative nicht schlicht die Wahrheit vermitteln? Immerhin sind in einer komplexen Welt die wesentlichen Dinge zuweilen schwer erkennbar. ‚Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht‘ drückt dies aus. Warum sollte also das Narrativ des Waldes als ein organisches Geflecht aus Flora und Fauna, Wetter und Mikroklima, Boden und Bewirtschaftung hier nicht wahrhaft erhellendes bilden?

Mythos als literarische Gattung
Für Platon kann mythos Wahres und Falsches enthalten; Dichter werden dazu aufgefordert, möglichst wahre mythoi zu dichten. Die literarische Gattung des so genannten platonischen Mythos hingegen kann ganz Unterschiedliches umfassen: ein Gleichnis, eine Metapher oder ein Gedankenexperiment.

Aristoteles billigt einem Mythos nur die Möglichkeit einer Annäherung an die Wahrheit zu. Er verstand unter Mythos die Nachahmung von Handlung, also von etwas Bewegtem, im Unterschied zu den statischen Charakteren, die seiner Auffassung nach noch keine Dichtung ausmachen.

wikipedia: Mythos

Sicher liegt es in der Macht des Erzählers, eine Weltsicht zu vermitteln, die bestimmten Interessen oder Ideologien dient, oder schlicht Irrtümer verfestigt. Darum ist eine kritische Herangehensweise an Erzählungen durchaus geboten, aber eine Voreingenommenheit, die bereits ausschließt, dass hier Wahrheit vermittelt wird, beraubt sich eines Erkenntnisweges. Noch immer gilt das paulinische Imperativ:

Prüft alles und behaltet das Gute

1. Thessalonicher 5:21

Leider ist dieser selbst-evidente Satz allzu oft nicht umgesetzt worden. Manche präferierten Einstellungen und Positionen werden nicht geprüft oder die Prüfung findet nicht mit der erforderlichen Offenheit und Gründlichkeit statt. Eine ergebnisoffene Prüfung schließt aus, von vorne herein zu wissen, ob etwas gut oder ungut ist. Oder es wird gar das Gute gefunden, aus persönlicher Präferenz dann dennoch ignoriert.

Das im heutigen Sprachgebrauch übliche Transportieren von Werturteilen durch markieren und konnotieren nimmt mittlerweile einen dominanten Anteil ein. Einordnen, positionieren und distanzieren ist heut weit wichtiger als zu prüfen, zu durchdenken und zu diskutieren. Wer dies erkennt, sollte einen Schritt zurück treten, die manipulative Sprache selbst entlarven und ernsthaft in Betracht ziehen, dass bereits gebildete Meinungen auch falsch sein können.

Klassische Mythen begegnen uns in griechischen Sagen und Geschichtsdarstellungen. So ist die Erzählung von Ödipus durch seine Aufbereitung durch Sigmund Freud zu einer verbreiteten Erzählung des Vatermordes geworden. Kaum einer fragt noch, ob es diese Person und die Ereignisse im historischen Sinn überhaupt gab, und das ist auch gut so – denn es ändert nichts an der Bedeutung. Ob es nun um Götter, Halbgötter oder Helden ging: Stets sind es Geschichten, deren historischer Gehalt fragwürdig bleibt, aber dennoch durch seine umfassende Rezeption historisch prägende Bedeutung erlangte.

Möglicherweise glaubten viele Menschen an die Historizität auch der phantastischsten Geschichten. Vielleicht war der moderne Begriff der Historizität für viele Menschen aber weit weniger relevant. Auch Anhänger eines griechischen Pantheons waren möglicherweis nicht von dem geschichtlichen Gehalt der Sagen überzeugt, hielten diese aber für gültigen Ausdruck einer zutreffenden Wahrheitsschau, die aber eher symbolisch verstanden wurde. Die Hybris, sich selbst jenen überlegen zu wähnen, die vorgeblich einem Aberglauben anhängen, ist jedoch eher schädlich für das eigene Erkennen.

Die Bedeutung einer Geschichte wird wenig davon beeinflusst, ob sie im historischen Sinn wahr ist, kann aber auch in seiner abstrakten Form sowohl Wahrheit als auch Irrtum vermitteln. Wahrheit und Wirksamkeit sind nicht zwangsläufig einander entsprechend. Es gibt bekannte Erzählungen von einer Überlegenheit eines Volkes, die heute als fatale Lügen und Irrtümer erkannt werden.

Auch erfüllt die Erzählung, dass der menschengemachte Klimawandelt eine existenzielle Bedrohung der Menschheit sei, den Kriterien eines Mythos, auch ohne den Wahrheitsgehalt davon zu überprüfen. Denn die Erzählung hat nachweisliche Wirkmacht, ist aber wissenschaftlich umstritten, auch wenn die Vertreter dieser Erzählung mit manipulativen Mitteln glauben machen wollen, dass hier eine robuste wissenschaftliche Grundlage bestünde. Die Kritik an der aufziehenden Klimakatastrophe ist allerdings kein Mythos, denn diese entspricht nicht dem Kriterium der Erzählung und hat auch keine Wirkmacht. Schlimmstenfalls könnte es sich hierin um invalide oder widerlegbare Argumente handeln.

Parabeln und Gleichnisse

Die Parabel (altgriechisch παραβολή parabolḗ „Vergleichung, Gleichnis, Gleichheit“, lateinisch parabole und parabola) ist eine mit dem Gleichnis verwandte Form von Literatur, eine lehrhafte und kurze Erzählung. Sie wirft Fragen über die Moral und ethische Grundsätze auf, welche durch Übertragung in einen anderen Vorstellungsbereich begreifbar werden. Das im Vordergrund stehende Geschehen (Bildebene) hat eine übertragene Bedeutung (ähnlich der Allegorie). Die Lehre kann sowohl explizit als auch implizit enthalten sein. Die Parabel soll durch die Herleitung des gemeinten Allgemeinen (Sachebene) den Leser zum Nachdenken und zu einer Erkenntnis bringen.

Wikipedia: Parabel

Eine verfeinerte Unterscheidung zwischen den vermeintlich unterschiedlichen Formen und Begriffen ist eher akademisch und ohne praktischen Nutzen:

Oft wird als Unterschied zwischen Gleichnis und Parabel betont, das Gleichnis sei kurz, ohne selbständige Handlung und mit Deutung; die Parabel dagegen sei lang, mit selbständiger Handlung und ohne Deutung. Die Sinnhaftigkeit dieser Unterscheidung wird bestritten. Sie lasse sich nicht konsequent durchführen, da die Übergänge fließend seien und nicht nur umgangssprachlich, sondern auch in der Literatur der Begriff „Gleichnis“ oft synonym für „Parabel, Abbild, Bild, Beispielerzählung“ und sogar für „Fabel“ und „Metapher“ benutzt werde.

Abgrenzung zu anderen Textarten

Auch der Mythos kann in vielen Ausprägungen als Gleichnis aufgefasst werden. Auch wenn klassische Mythen oftmals keine Erklärung eines klar intendierten Gleichnisses aufdrängen, gewinnt der Mythos offensichtlich nicht seine Kraft aus einer belegten Historizität, sondern weil man diese Erzählung für bedeutsam hält. – auch wenn sich Zweifel an der historischen Faktizität aufdrängen. In diesem Sinn werden Mythen oft als Gleichnisse und Parabeln verstanden, wie es auch Platon beschrieb.

Während ein analytischer Text und klare logische Abhandlung oft Anforderungen an den Rezipienten setzt, die selten erfüllt werden – intellektuelles Potential und diszipliniertes Interesse – stellen Mythen und Parabeln oft eingängigere Formen der Inhaltsvermittlung dar, die zwar eine gedankliche Beschäftigung anregen, aber oft auch intuitiv verstanden werden können. Auch schlichtere Menschen können so an Inhalten teilhaben, die ansonsten schwer vermittelt werden können. Allerdings bleiben auch Missverständnissen Tür und Tor geöffnet. Denn die Auffassung, dass es sich bei den Erzählungen um etwas anderes als dem Erzählten handelt, ist keineswegs stets offensichtlich und erst in der Interpretation erkennbar. Man könnte auch derartige Erzählungen quer zur vermuteten Intention deuten, denn der Wahrheitsgehalt und Gültigkeitsbereich der zu Vermittelnden Aussage kann sich meist nur in Unschärfen erschlossen werden.

Bildhafte biblische Sprache

Die Bibel ist voll von Gleichniserzählungen, sowohl im Alten, als auch im Neuen Testament. Bei vielen dieser dieser Darstellungen wird explizit auf den Gleichnischarakter hingewiesen, und teilweise auch Deutungen geliefert. Aber ist nur das ein Gleichnis in der Bibel, was auch als solches benannt ist, oder sind auch andere Erzählungen, die zum Teil als Geschichtsschreibung verstanden wurden, ebenso vor allem Gleichniserzählungen?

Der heutige Stand der Naturgeschichte, vom Beginn mit dem Urknall und weiterer evolutiver Prozesse über fast 14 Milliarden Jahre ist oftmals kaum zu erfassen, und auch unser heutiges Verständnis ist nur vorläufig und mit erheblichen Unsicherheiten belastet. Eine Erzählung, die zumindest dem heutigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis entspräche, wäre wohl kaum verständlich vermittelbar – vor allem nicht über alle Kulturen, Bildungsgrade und kognitive Potentiale. Muss darum die Schöpfungserzählung nicht als naturhistorisches Dokument, sondern als Gleichniserzählung verstanden werden? Immerhin wird die Bibel als Offenbarungsschrift verstanden, in der Gott den Menschen für ihn und seine Gottesbeziehung wichtige Inhalte vermittelt bekommen soll. Auch wenn 1. Mose 1 nicht explizit als Gleichniserzählung ausgewiesen wurde, so ergibt sich aus der Analyse nahezu zwangsläufig dieses Verständnis, vor allem wenn man davon ausgeht, dass hier eine Mitteilungsabsicht Gottes vorliegt.

Auch bei vielen anderen Geschichten des alten Testamentes, die zuweilen als historische Berichterstattung gedeutet wurden, oder als mythologische Erzählung relativiert gedeutet wurden, dängt sich der Eindruck auf, dass der Gleichnischarakter die zentrale Bedeutung hat, nicht die objektive Geschichtsvermittlung. Auch jene, die von der Historizität der Ereignisse ausgehen, deuten sie oft als Muster, dass einen Gleichnischarakter hat.

Im Gegensatz dazu vertreten jene, die nicht von von realhistorischen Berichten ausgehen, eher die Ansicht, dass es sich mehr oder minder um Phantasieprodukte ohne legitimen Anspruch auf verbindliche Bedeutung handelt. Auch das würde der Intention des Mythos zuwider laufen, sondern eher die Brisanz der Texte bis zur Unkenntlichkeit entschärfen.

Allerdings ist die Auffassung der Gläubigen – mache wählen auch die Selbstbezeichnung ‚Bibeltreue‘ – dass es sich in der Bibel im Kern um die Selbstoffenbarung Gottes handelt. Die literarische Form des Gleichnisses oder Mythos erscheint darin durchaus angemessen oder gar zwingend, ohne die Bedeutung der Aussage zu relativieren, sondern sie erst recht umfänglich zu erschließen. Allerdings entstand ein Streit über Wortwahl und Bedeutung, der sich durch Missverständnisse und divergierende Begriffsbedeutungen geprägt war.

Die christliche Theologie sah in den Heldensagen der Antike eine weitgehend phantastische Erzählung ohne Offenbarungscharakter, aber mit heidnischer Botschaft. In der biblischen Überlieferung wird dagegen eine verlässliche Grundlage der Offenbarung Gottes geglaubt. Darum wurde die Deutung vieler biblischer Geschichten als mythische Gleichniserzählung zurück gewiesen, denn man fürchtet, man könne diese dann schlicht nicht mehr für ‚wahr‘ halten. Dem Glaube würde das Fundament unter den Füssen entfernt. Die Gegenbewegung nannte sich entsprechend Fundamentalismus, der vor allem eine historische Deutung für unverzichtbar hielt. Darum hatte man große Bedenken, biblische Erzählungen als Mythos zu bezeichnen – insbesondere, da dieser Begriff auch meist als unwahr konnotiert wurde. Durch die Begriffsverschiebungen, also sowohl jener Bibeltreuen als auch der bibelkritischen (ungläubigen) Vertreter entwickelten sich Scheingefechte, die von vorne herein ausschlossen, dass es sich bei den geschichtsähnlichen Erzählungen um zutreffende Gleichnisse handelt. Die Konfliktlinie liegt verstärkt in der Begriffsbedeutung. Allerdings führte der Konflikt auch zu verhärteten Fronten, die einen Dialog mit dem Ziel des Erkenntnisgewinns erheblich erschwerte.

Wir erinnern uns, dass der Wahrheitsbegriff bei Gleichniserzählungen sich aber zuerst und zuletzt auf die zu vermittelnde Aussage bezieht, nicht auf detaillierte Erzählformen. Würde ein Bibeltreuer die Gleichnisse von Jesus für weniger verbindlich und bedeutsam halten, wenn jene Geschichten sich so nie realhistorisch ereignet haben? Wohl kaum.

Mythen und Archetypen

Bereits in dem Artikel Grundfragen oder Grundausrichtung? habe ich auf einige Mythen verwiesen, die ohne jeden Anspruch auf Historizität wesentliches über das Leben sagen. So finden wir einen Archetypus in dem Mythos des Phönix:

Jener Mythos lässt den verbrennenden Vogel aus seiner Asche neu entstehen. Zugleich ist der Mythos ein Element des Motives der Ewigkeitshoffnung, die über die Bedingtheiten der Zeit und seiner Vergänglichkeit triumphiert. Aus diesem Gedanken wird der dialektische Materialismus nicht als geistfeindliche Bedrohung verstanden, sondern eher wie das läuternde Feuer, dass hilft, Illusionen abzustreifen und ein Wegweiser durch das Labyrinth zu sein, in dem vielleicht ein Minotaurus lauert.

Der Verweis auf antike Mythen kann als Schicht des kollektiven Unbewussten im Sinne C.G. Jungs verstanden werden, oder lediglich als Ideenensemble, auf das zur Illustration von Gedanken zurück gegriffen werden kann. So auch im zweiten Beispiel:

Der tragische Held Odysseus, der zwar ideenreich von fragwürdiger Moralität bleibt, wird auf seiner Irrfahrt auf den Weg nach Hause vor vielfältige Probleme gestellt, die durchaus Ähnlichkeiten mit dem Labyrinth haben, dass die Aufgabe des Theseus darstellte. Ob nun Odyseues, Theseus, Phönix oder sonstige Identifikationsfiguren: Das Grundproblem des Menschen, sich dem scheinbar unlösbaren gordischen Knoten zu stellen, ist nicht als hoffnungslos im Mythos des Sisyphos aufzufassen, sondern bleibt die offene Mission, das Rätsel des Lebens zu lösen.

Wie dürr und profan erscheint da der ontologische Naturalismus, in dem letztlich nichts eine Bedeutung hat.

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