Einheit und Vielfalt der Christen

DAS Christentum … gibt es das überhaupt? Wo doch die Christen so unterschiedlich sind? Und wie kann man diese überhaupt fassen? Offensichtlich gibt es Gemeinsamkeiten, die sie von anderen, namentlich Buddhisten, Muslimen oder Atheisten unterscheiden, aber was macht diese Kategorie wirklich aus? Zunächst aber vom Ziel und Sinn einer Kategorienbildung: Zu welchem Zweck will ich diese Kategorie überhaupt nutzen? Geht es darum, ein historisches Urteil zu bilden, eine geistesgeschichtliche Strömung zu beschreiben, den Glauben von einer Gruppe von Menschen diskutieren?

Zunächst einmal hat sich die frühe Kirche mit dem Problem der Identifikation in Abgrenzung von Sekten und stark abweichenden Lehrmeinungen herausgefordert erkannt. Ergebnis war schließlich das apostolische Glaubensbekenntnis, das bis heute Bestand hat und die Kernpunkte der christlichen Lehre umreißt. Aber auch unter Christen ist dies oft nicht mehr unumstritten. Ist das Gesuchte der kleinste gemeinsame Nenner? Es geht im Folgenden um die Relevanz von Abgrenzungen, und warum dennoch vehement die Einheit beschworen wird, obwohl doch die Unschärfe evident ist. Besonderen Anlass zu diesem Text lieferte Kurt Flasch Warum ich kein Christ bin:

Ich nehme das Christentum nicht als Einheit, sondern differenziere.

Flasch, S.23

Warum sollte man das als Einheit der Lehre verstehen? Geht es einem Menschen mit existenziellen Fragen nicht darum, was DAS Christentum lehrt, sondern was ich selbst für glaubwürdig halte, bzw. welche Antworten werden mir angeboten. Das Christentum kann man dagegen als breite und vielfältige Bewegung durch die Geschichte erkennen, die sich letztlich nie auf eine einzige konsistente Sicht reduzieren ließe. Vielfältige theologische Diskussionen, Abspaltungen, Reformationen zehen sich durch die gesamte Geschichte, die sich in Aussagen und Zielrichtung veränderte.

Motive und Existenzielles

Darum ist es wenig sinnvoll, zur Beantwortung existenzieller Fragen eine Art Synopsis quer über Geschichte und Bewegungen zu analysieren, sondern den für die jeweilige Frage relevanten Kontext zu finden.

Ich will die Quellen des christlichen Denkens genau lesen und fragen, wo heute für mich einlösbare Wahrheitschancen liegen.

Flasch, S.18

Ein löblicher Ansatz, der eine ergebnisoffene Untersuchung verspricht. Die Suche nach Wahrheit ist existenziell. Sie ist kein Hobby für die Freizeit, sondern der Schlüssel zum Selbst- und Weltverständnis. Doch warum die Betonung der Quellen? Ist nicht auch die geistesgeschichtliche Entwicklung ein Aspekt, der ein besonderes Licht auf die Quellen und Ursprünge wirft?

Ich will als Philosoph aus Interesse an Wahrheit historisch exakt über das Christentum als geschichtlich vorgegebene Serie von Komplexen sprechen.

Flasch, S.18

Dies is kein performativer Widerspruch, aber eine andere Fragestellung. Denn wer Wahrheit im existenziellen Sinn sucht, sieht die Historie als einen möglicher methodischer Ansatz, seine Untersuchung zu starten. Aber die Arbeit eines Historikers nimmt die persönliche Betroffenheit aus der Untersuchung heraus. Wer diese beiden Ebenen vermischt, kann sich leicht aus der jeweils erforderlichen Präzision entfernen. Im Besonderen ist das Christentum im Kern eine Bewegung der Beziehung und der Liebe. Ein Sezieren einer Lehre hat dann etwas von Vivisektion, die genau das Wesentliche – nämlich das Leben – versäumt. Existenzielle Fragen erfordern dagegen eine Betroffenheit, ein Sich-Einlassen auf die mögliche Wahrheit.

Wer historisch arbeitet, legt nicht seine Herzensangelegenheiten in die Dokumente der christlichen Religion.

Flasch, S.18

So würde es der Historiker auch beschreiben, aber es passt nicht zu jemanden, der nach Wahrheit im existenziellen Sinn sucht, denn dazu muss er sich zu seiner Herzensangelegenheit bekennen. Nun kann jener durchaus einen methodischen Exkurs in die Geschichte betreiben, sofern er die existenzielle Fragen nicht dabei vergisst.

Skepsis verdienen philosophierende Autoren, die erst das Christentum verändern, verbessern, also reformieren wollen, um es dann von ganzem Herzen zu bejahen.

Flasch, S.18

Abgesehen davon, dass jedem Text, also auch diesem, eine Skepsis gut steht, ist diese Betonung wohl eher als Ablehnung dieses Ansatzes zu verstehen. Warum aber? Das Christentum ist weder monolithisch, homogen noch historisch konstant. Es trägt die inhärente Aufgabe in sich sich selbst stetig zu reformieren, was es auch permanent tut. Reformation heißt dann nicht eine beliebige Permutation, sondern eine Aktualisierung der Ursprünge durch die Brille der Geschichte in die heutige Zeit und den Lebensvollzug des Denkenden. Sicher ist die Gefahr der subjektiven Umdeutung nicht leicht von der Hand zu wischen, vor allem wenn der Anspruch der Wahrheit auch stets das Objektive zum Ziel hat. Aber diese Gefahr lässt sich nicht durch eine beliebige Methode scheinbarer Objektivierung bannen. Sie erfordert Demut und Disziplin des Denkens, Offenheit und Reflektion. Der Erfolg dieser abenteuerlichen Unternehmung ist nie garantiert. Wer also jene, die zu einem lebendigen Christusglauben gekommen ist apriori diskreditiert, folgt nicht mehr seinem Wahrheitsanspruch.

Flasch bekennt sich zum Agnostizismus.

Daher bin ich auch nicht verpflichtet, an die Stelle des Christlichen Glaubens etwas besseres zu setzen

Flasch, S.23

Natürlich ist niemand zu irgendetwas verpflichtet, weder zur Konsistenz und Logik, noch zur Wahrheit … es sei denn er erkennt die Verpflichtung vor Gott oder sich selbst. Wer aber die existenzielle Frage nach Wahrheit stellt und schließlich nur dürren Agnostizismus erntet, muss sich über diese Konsequenzen im Klaren sein. Radikaler Skeptizismus und Agnostizismus schließen keinen Solipsismus aus, keine Religion, kein Faustrecht, keinen beliebigen Subjektivismus … nichts. In der Perspektive sind es Unentschiedene, die letztlich im Nihilismus oder Beliebigkeit landen. Sie mögen die Skepsis, die man stets begründen kann, als komfortable Position verstehen, die jede Verweigerung einer Entscheidung rechtfertigt. Faktisch ist dies aber auch eine Entscheidung. Tatsächlich aber fordert gerade die existenzielle Unschärfe der Welt die Entscheidung und Wagnis, sich auf das einzulassen, das eben nicht wasserdicht bewiesen oder begründet werden kann.

Kann ich wissen, ob die Frau oder der Mann, mit dem ich mein Leben teilen will, mich wirklich liebt? Oder dass ich sie oder ihn liebe? Ist es nur Begierde, Eitelkeit, ein emotionales Defizit, eine Torschlusspanik … ich kann es mit letzter Gewissheit nicht wissen. Bleibe ich Agnostiker, bleibe ich auch alleine. Letztlich eine lebensverneinende Position, die den Hosenträger zum Gürtel wählt. Die Offenbarung spricht die vermeintlich unentschlossenen so an:

15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 

Offenbarung 3, 15 ff

Zur Orientierung einige Thesen:

  1. Es gibt eine christliche Kernlehre, die eine Inklusion unterschiedlicher Richtungen ebenso rechtfertigt, wie ein Exklusion anderer Lehren.
  2. Die Differenzierung von Lehren, die sich zwar auf die Kernlehre beziehen, dennoch in vielen Punkten stark abweichende bis hin zu gegensätzliche Positionen vertreten, bedarf der jeweils einzelnen Erklärung.
  3. Das Grundproblem der Bandbreite christlicher Lehre hat einerseits perspektivische Aspekte: Stark abweichende Lehren müssen sich nicht unauflösbar widersprechen, sondern können unterschiedliche Blickwinkel auf die eine Wahrheit sein.
  4. Andererseits: Wo menschliche Erkenntnis ist, da ist der Irrtum nicht fern. Manche Unterschied erklären sich durch diese Unzulänglichkeit.
  5. Entscheidende Bedeutung hat der Glaube und Leben des Einzelnen, nicht die Orthodoxie der Lehre.
  6. Die Lehre hat Einfluss auf den Glauben des Einzelnen, darum bleibt sie wichtig. Aber der Glaube des Einzelnen ist nicht vollständig durch die Lehre geprägt.

Wer also, wie Flesch, nach der Relevanz von Antworten auf existenzielle Fragen prüfen will, sollte die Kategoriebildung zurückhaltender in Betracht stellen. Denn eine Unterscheidung nach DER christlichen Lehre kann hier nur eingeschränkt helfen. Es macht darum eher ein ergebnisorientiertes Verfahren aus, jene Positionen, die völlig unakzeptabel erscheinen, im Vorfeld zu eliminieren.

Beispiele des Ausschlusses

Wer eine Schöpfung durch Gott von vornherein für ausgeschlossen hält, brauch sch mit christlichen Antworten gar nicht zu beschäftigen. Eine ernsthafte Prüfung christlicher Antworten ist nur möglich, der zumindest Gott, eine Schöpfung und Offenbarung für denkmöglich hält. Ein vorlaufendes Bekenntnis ist nicht erforderlich.

Wer glaubt, dass eine Antwort nur wahr sein kann, wenn sie keine unauflösbaren Widersprüche enthält, muss einen Lösungspfad verwerfen, auf dem derartige Widersprüche nicht aufgelöst werden können. Dies schließt ein, dass sich Widersprüche zu gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis auftun können.

Wunder sind Ereignisse, die aufgrund bekannter Naturgesetze nicht zu erwarten sind. Viele christliche Strömungen setzen diese grundsätzlich voraus, wiewohl nicht jede Wundererzählung auch wahr sein muss. Manche Strömungen wollen den Wunderglauben grundsätzlich nicht teilen. Bleibt die Möglichkeit des Wunders bestehen, so können die Richtungen, die jene lehren, nicht ausgeschlossen werden, anderenfalls sehr wohl.

Radikale Ablehnung jeder Rationalität und Forderung nach einem Autoritätsglauben dürften jenen, die die christlichen Antworten prüfen wollen, ein begründetes Ausschlusskriterium zu sein.

Wenn das, was als moralisch schlecht erkannt wurde, gelehrt wird, kann eine Elimination dieser Lehre vertreten werden. Wird z.B. eine Gewaltausübung an Dritte mit einer theologischen Rechtfertigung versehen, kann man dies auch als unakzeptabel zurück weisen. So sind die Genozidbefehle an einigen Stellen im AT für viele heutige Menschen untragbar. Viele Christen sehen diese aber ebensowenig als wahre Offenbarung an.

Kernlehre: Trinität?

Ein großes Thema der christlichen Lehre war im 3. und 4. Jahrhundert die Frage nach em Verhältnis von Jesus zu Gott, dem Vater und dem heiligen Geist. Am bekanntest entzündete sich der Streit um den Arianismus, der Jesus und den heiligen Geist Gott untergeordnet verstanden. Die Trinitarische Lehre versteht Jesus dagegen als wesensgleich und darum in Einheit mit Gott – es bleibt darum nach Tertullian und Origenes beim Monotheismus, aber in verschiedenen Erscheinungsformen. Dieser Streit war Auslöser zu der Formulierung der frühchristlichen Bekenntnisse, wie sie sich auch heute im Apostolischen Glaubensbekenntnis wiederfindet, welches von nahezu allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften anerkannt wird. Zuweilen wird dies aber for allem traditionell verstanden und umgedeutet, dass es seinen verbindenden Kern nicht mehr vollständig ausfüllt.

Eine begriffliche Schärfe der Formulierung der Trinität wird zuweilen nicht mehr vorrausgesetzt und stattdessen eine Unschärfe über innergöttliche Verhältnisse akzeptiert: Wie wohl Christen die Trinität als zutreffende Beschreibung Gottes verstehen können, bleibt das menschliche Verstehen notwendig über derartige Gegenstände begrenzt. Christen wird darum dies auch nicht mehr als Kernkriterium abverlangt, aber die Kernelemente des christlichen Glaubens bleiben Menschwerdung (Inkarnation), Opfertod und Auferstehung.

Ethisch wird auf die jüdischen 10 Gebote Bezug genommen, aber Jesus nannte das Doppelgebot der Liebe als dasjenige, in dem alle Gebote enthalten sind:

37 Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). 38 Dies ist das höchste und erste Gebot. 39 Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). 40 In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Matthäus 22,37-40

Einheit der Christen

Christen war trotz der offensichtlichen Abspaltungen und theologischen Streitereien die Einheit stets ein wichtiges Anliegen. Die römisch-katholische Kirche verbindet das mit einer vereinigten Kirche in der apostolischen Sukzession, also einer in der Welt sichtbaren Organisation. Nicht-katholiken verstehen dagegen eher die unsichtbare Einheit als innere Verbindung zwischen den Christen, die sich nicht an den Differenzen, die sich nicht auflösen lassen, stört.

Diese christliche Einheit kann man darum auch nicht als theologische Lehre festzurren, auch wenn dies immer wieder versucht wurde. Besonders Beachtlich ist der Versuch Clive Stable Lewis im Buch ‚Mere Christianity‚ – in deutsch zunächst als ‚Christentum schlechthin‚ erschienen, dann unter dem Titel Pardon, ich bin Christ.

Wichtig ist vielmehr die Beziehung und persönliche Glauben, der allein die Einheit erst begründet, wobei aber der Gläubige eher von der Gnade Gottes als dem Grund der Einheit spricht. Objektive Formalien und Präzision der Lehre können keine hinreichende Einheit begründen.

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