Günter Gaus / Rudi Dutschke (1967) / Große Transformation

Rudi Dutschke war der Anführer und Vordenker der Studentenbewegung. Ist es nicht total out, Interviews vor über 50 Jahren zu diskutieren? Ich halte es für top aktuell, denn hier können wir erstaunliches lernen:

  • Inhaltlich: Was hat sich an den Einschätzungen der damaligen und heutigen Zeit geändert? Was hat sich bestätigt? Was hat sich nicht verändert?
  • Stilistisch: Wie war der Umgang in kontroversen Diskussionen? Günter Gaus lässt keinen Zweifel an der Ablehnung von Dutschkes Position … aber was macht er daraus?
  • Philosophisch: Was bedeuten diese Perspektiven für unser Selbstverständnis und unser Urteile zum Zeitgeist?

Schauen sie sich das Video selbst an! 42 Minuten, die sich sehr lohnen.

Zuerst fällt in der Einleitung auf, dass Gaus die Bedeutung Dutschkes herunterspielt. Wir wissen, dass das Hauptjahr der Studentenbewegung 1968 war, also erst danach an Breite gewann. Darum ist es zu diesem Zeitpunkt durchaus zutreffend, von einem kleinen Teil der Studenten zu sprechen. Er ahnt jedoch, dass hinter diesen Ansätzen mehr steckt …

Bemerkenswert ist, dass Gaus trotz offensichtlicher Abscheu vor dem Gedanken der Revolution es nicht für einen Grund hält, sich den Gedanken und Grundlinien der Linken totzuschweigen. Auch heute wird zunehmen davon System Change und radikalen Systemwechsel Gesprochen. Ob nun Greta Thunberg und Fridays for Future dies Proklamieren, oder ob es unter dem Titel der ‚Großen Transformation‘ in höchsten Kreisen diskutiert wird … Parallelen sind unverkennbar. Der Unterscheid: Dutschke war hier Vertreter einer aufbegehrenden Minderheit, die gegen das Establishment kämpfte. Die heutigen Impulse zum Systemwechsel sind weitgehend im Mainstream.

Dutschke spricht von mangelnden Arbeitszeitverkürungen, von den fehlenden Fortschritten der Wiedervereinigung Deutschlands. Er meint, dass die deutschen Regierungen ihre Macht und Herrschaft missbrauchen. Die Hebung des Bewustseins sei Aufgabe der Parteien – und diese erfüllen sie nicht.

Gaus fragt, ob Dutschke das parlamentarische System für unbrauchbar hält. Dieser bestätigt das. Er glaubt, dass diese die wirklichen Interessen der Bevölkerung so nicht representiert werden. Er deutet zwar an, dass diese Ermittlung von Interessen aus jeder Perspektive fragwürdig bleibt, geht aber auf dieses Problem nicht ein. Das Volk werde unmündig gehalten. Ein offener Dialog findet nicht statt. Wenn PEGIDA, die AfD oder andere Systemkritiker das heute so sagen würde, würde der Verfassungsschutz aktiv werden. Das tun sie zwar nicht, sondern stellen sich demonstrativ hinter das Grundgesetz, aber dennoch wird die Verfassungstreue in Frage gestellt. Aber auch Dutschke kritisiert nicht das Prinzip der Demokratie, sondern deren Umsetzung.

Dutschke fragt nach der Sicherung der Staatsfinanzen und Ordnung der Ökonomie. Das hört man von heutigen Linken so nicht mehr.

‚Ich gehe davon aus, dass der Mensch nicht dazu verurteilt ist, dem blinden Spiel der Zufälle in der Geschichte unterworfen zu bleiben ‚

Rudi Dutschke (09:55)

Dies beschwört das Menschenbild des mündigen Bürgers, der sehr wohl die Geschichte bewusst gestalten kann. Dutschkes Ziel ist das Freisetzen der Vernunft, sich nicht mehr manipulieren zu lassen. Das hört sich so gar nicht nach betreutem Denken an, dass den Menschen genau sagt, was sie zu denken haben. Aufklärung gegen die Kritik, die Medien würden Informationen vorenthalten. Heute wird dies ‚Lückenpresse‘ genannt.

Dutschke sieht den Nationalstaat nicht als die Organisation der Selbstbestimmung der Völker, sondern als Hemmnis zur globalen Entwicklung. Damit bilden sich seltsame Parallelen zu Liberalen, die den multinationalen Konzernen den Weg bereiten wollen. Dutschke sieht nicht, dass eine Vergrößerung der Machtbasis der Herrschenden, dieses System noch mehr stützt, sondern glaubt, dass ein international gereiftes Bewusstsein zu mehr Gerechtigkeit führt. Dies wäre durch die verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten nun greifbar. Was würde Dutschke, der das Internet noch gar nicht kannte, und auch nicht die Macht der Medien, wie sie sich immer Mehr als Diener der Macht verfestigen, heute denken? Viele heutige Linke behaupten nach wie vor das selbe, aber die sind auch nicht so analytisch und freiheitsliebend, wie Dutschke es war.

Sind Revolutionen zum Scheitern verurteilt?

Gaus verweist auf die großen Revolutionen und deren Scheiten unter schrecklichen Begleitumständen. Er verweist im Besondern auf die französische und die russische Revolution. Warum sollte es mit der Revolution, die Dutschke anstrebt, anders sein?

Dutschke räumt ein, dass die russische Revolution gescheitert war. Er sieht auch keinen Grant, dass es diesmal besser gelingt und erkennt damit die Risiken des Scheiterns. Er sieht aber nicht, dass es sich hierbei um ein grundsätzliches Problem handelt, sondern um ein Ergebnis von Umständen, die das Scheitern aber nicht determinierten. Es hänge vom Willen der Menschen ab, um die freie Gesellschaft zu erreichen.

Gefängnisse, Konzentrationslager … ein notwendiges Übel auf dem Weg in die paradiesische Gesellschaft? Dutschke meint, dass dies daran läge, dass es Minderheiten waren die die Revolution trieben. Er dagegen meint den langen Marsch der Bewusstwerdung der Menschen und will eben eine Bewegung ohne Machtapparat. Natürlich ohne starkes Argument, ob dies auch gelingen kann.

Ideologiefähig?

Gaus meinte3, dass die (damals 40 bis 50 jährigen um die Verbrauchtheit der Ideologien wüssten. Gemint ist hier die Begeisterung für höhere Zeile, von Träumen und Utopien. In der Postmoderne sind diese nicht mehr tragfähig. Er aber, Dutschke, sei wieder Ideologiefähig. Und das ist hier weitgehend wertfrei gemeint. Dutschke meinte, dass Grunderfahrungen unterschiedlich gedeutet werden können.

Gaus schiebt nach: Jedes ideologische Programm führt zur Menschenfeindlichkeit, denn diese müssen ja einem vorgezeichnetem Bild folgen. Dutschke widerspricht: Es geht um eine Revolution des Bewusstseins auf freiwilliger Basis. Auch wenn das zwar glaubwürdig erscheint zweifelt Gaus, ob dies denn möglich sei und dem Umstand geschuldet ist, dass nun die Bewegung noch eine Minderheit ohne Machtbasis ist. Unausgesprochen bleibt die Beobachtung, dass es stets aufrichtige Revolutionäre gab, die sich mit ganzem Herzen für die gute Sache einsetzten und kämpften. Andere ergriffen dann die Macht, die hier weniger Berührungsängste hatten. Sie nannten die Ersteren ’nützliche Idioten‘.

Langeweile als Ausgangspunkt des politischen Bewusstseins

Gaus wirft die These ein, dass es schlicht die Wohlstandsgesellschaft sei, die Langeweile und damit Unzufriedenheit hervorbringt. Dutschke bestätigt das und sieht darin keinen Makel. Leider wird das nicht vertieft. Denn es fällt gerade in der deutschen Geschichte der Salonrevolutionäre auf, bis hin zur RAF und Folgeorganisationen. Das die Mitglieder zumeist aus saturierten Schichten stammen. Darum ist die These, dass der Wohlstand an sich, nicht die herrschende Ungerechtigkeit bereits ein starker Faktor für die linke Bewegung sei. Gaus fragt folgerichtig, was denn aus der Bewegung würde, wenn dieser Nährboden durch ein Rezession entfällt. Dutschke setzt nur sein Hoffnung dagegen, dass das Bewusstheit die Menschen in de Wahrheit leitet. Es klingt hier ein Subtext an:

Jesus spricht: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Johannes 8,31–32

Im Gegensatz zu vielen Linken war Dutschke klar bekennender Christ. Dies ist zwar nicht die Voraussetzung für die Adaption biblischer Motive, vor allem, wenn sie sich losgelöst von dem biblischen Thema der Nachfolge präsentiert.

„Rudi Dutschke nahm sich Jesus Christus als Vorbild“ Studentenführer Dutschke war Christ. Glaube trieb ihn und viele 68er, sagt Soziologe Wolfgang Kraushaar. Kommune 1, Osterunruhen, RAF – undenkbar ohne Protestantismus.

Die Zeit

Das heißt, wenn die Langeweile das Denken zur Bewusstseinsentwicklung begünstigt, dann ist es gut. Entscheidend aber sei in jedem Fall, auf dem Weg zur Wahrheit zu sein.

Dutschke wollte die Welt gestalten. Er wollte Gewaltfreiheit, keinen Krieg und Hunger für die ganze Welt. Gewalt sei vor allem von der ‚anderen Seite‘ bedingt. Hätte Lenin nicht genau so argumentiert?

Für Dutschke ist die Gegenposition – der Faschismus – wie folgt charakterisiert:

  • Nichtentfaltung der Selbsttätigkeit der Massen
  • Führerprinzip
  • Terroristischer Druck auf alle Menschen

Im Vergleich mit real real existierenden Sozialistischen Systemen ist dann nahezu jedes faschistisch. Auch macht es keinen Deut besser, wenn man diesen oder jenen Führer durch eine anonyme Partei ersetzt, hinter der sich meist ein kleiner Zirkel mehr oder minder namenloser Personen versteckt.

Berufspolitiker?

Dutschke verkörpert den Typus des reinen Idealisten. Er misstraut zutiefst dem Eigeninteresse, dass Menschen wohl haben, wenn sie ihr Engagement zum Eigentumserwerb nutzen. Fraglos liegt darin ein starkes Moment der Korruption. Wenn nicht Ruhmsucht und Machtstreben jene in die Politik treibt und sie an den erworbenen Sesseln kleben lässt, dann sind es spätestens die Pfründe, die damit verbunden sind. Was bleibt dann noch übrig für ihr Mandat? Kann denn der edelste Mensch sich freisprechen, gegen jene Versuchungen gefeit zu sein? Wird man sein Gewissen nicht eher mit wohlfeilen Argumenten zu überzeugen suchen, dass die eigenen Interessen mit denen der Allgemeinheit harmonieren? In der Tat ist es durchaus möglich, dass ein solche Interessenharmonie in einigen Fällen existieren kann, aber gewiss nicht immer.

Angesprochen auf die Finanzierung des SDS gab Dutschke Kleinspenden an. Dies mag für de praktische Arbeit wohl hinreichend sein, aber wenn Menschen einen großen Teil ihre Arbeitszeit für die Politische Arbeit aufwenden, ist diese Antwort unzureichend. Wenn das Geld zum Leben aus der Aufwandsentschädignung resultiert, dann ist die Grenze zum Berufspolitiker sehr fleißend. Manch einer kann einen großzügigen Lebensstil praktizieren, und selbst wenn es ein kleines Salär ist, so ist dieses nicht per se neutral. Für jemanden, der nichts hat, sind auch Kleinbeträge ein Vermögen.

Natürlich ist Geld nicht das einzige Motiv der Korruption. Ideologische Bindung , der Wunsch nach Macht und der Zusammenhalt in der Peer-Group können die bessere Vernunft und die daran gebundene Integrität aushebeln. Es hilft auch wenig zur Aufrichtigkeit, wenn der Betroffene zu sein Gewissen für rein hält, dazu aber entgegen stehende Argumente ignoriert. Diese Art von ideologischer Korruption ist nicht wirklich besser als ein unlauterer Gelderwerb.

Oft sind es aber gerade Eiferer und Ideologen, die man kaum der Korruption der ersten Art anklagen könnte, die das schlimmste Leid über viele Menschn bringen.

Zusammenfassend nimmt man Dutschke durchaus ab, dass er es ernst und ehrlich meint. Seine Argument beruhen aber oftmals auf einer Hoffnung, die sich so kaum erfüllen kann. Die selbst eingeräumten Risiken, dass die Bewegung eben nicht das Gute befördert, sollten zur Vorsicht mahnen.

Stilistische Beobachtungen

Es beindruckt vor allem Günter Gaus, der wohl eher als postmoderner Konservativer gilt. Er misstraut dem gesellschaftlichen Umsturz und sieht die Riesiken. Dennoch sucht er das Gespräch mit Andersdenkenden und behandelt dieses Gespräch außerordentlich fair. Er vermeidet herabsetzende Rgetorik und wüste Polemik. Selbst da wo er offensichtliche Probleme sieht, spricht er diese sehr nüchtern und sachlich an. Er vermeidet völlig persönliche Angriffe. So, wie man sich immer ein kontroverses Gespräch wünschen würde. Dutschke ist ebenso ein guter Gesprächspartner: Er geht auf die Argumente seines Partners ein und redet nicht um den heißen Brei. Auch wenn seine Argument oft etwas schwach sind, trägt er sie doch engagiert ohne unnötige Polemik vor.

Das Verblüffende daran ist, dass man derartiges heute fast nirgends mehr erlebt. Die Medien sehen sich als Akteure in Sachen Vokserziehung und Meinungskampf. Fairness ist ein Schlagwort, dass Medienschaffende gerne beanspruchen, in der Praxis aber meist völlig ignorieren.

Allein darum ist das Interview ein Muss: Man sollte dies mal wahrgenommen haben, um seinen inneren Kompass in Stilfragen neu zu eichen.

Gesellschaftsveränderungen und christlicher Impuls

Nicht nur bei Rudi Dutschke ist ein christlicher Impuls prominent. Der bereits genannte Artikel sieht eine enge Verbindung

Kraushaar: Nein, die Studentenbewegung und deren Fermente sind ohne den Protestantismus überhaupt nicht denkbar. Man kann das auch gut an einem der größten Unterstützer der damaligen Bewegung sehen, Exponenten der Bekennenden Kirche. Teilweise haben prominente Vertreter der Evangelischen Kirche, noch bis tief in die RAF-Zeit, Kontakt mit den Terroristen gehalten. Gustav Heinemann etwa, späterer Bundespräsident, führte einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof, Heinrich Albertz, protestantischer Pfarrer und Bürgermeister von Berlin, begleitete fünf freigepresste Terroristen der Bewegung 2. Juni auf ihrem Flug von Frankfurt nach Aden im Jemen. Vor allem aber Helmut Gollwitzer war einer der großen Mentoren der Studentenbewegung, eng verbunden mit ihr, allerdings niemals unterwürfig, sondern immer selbstbewusst und kritisch. Rudi Dutschke wohnte zeitweise bei ihm.

Die Zeit

Nicht nur das Zeitgeschehen und geschichtliche Belege ziehen hier Verbindungen, sondern theoretische Überlegung zeigen hier Bezüge. Auch Marx und Engels sind ohne die Sozialisierung in einer christlich geprägten Kultur so kaum denkbar. Einer der großen Sozialutopisten, Thomas Morus wird als Heiliger der katholischen und anglikanischen Kirche verehrt. In seinem epochalem Werk fordert er die Abschaffung von Privateigentum:

Indessen … scheint mir – um es offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, dass es überall da, wo es Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben, es sei denn, man wäre der Ansicht, dass es dort gerecht zugehe, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird und auch diese nicht in jeder Beziehung gut gestellt sind, die übrigen jedoch ganz übel …
Wenn ich das, wie gesagt, bedenke, werde ich dem Platon besser gerecht und wundere mich weniger, dass er es verschmäht hat, solchen Leuten überhaupt noch Gesetze zu geben, die die gleichmäßige Verteilung aller Güter ablehnten.

Thomas Morus – Utopia

Hier klingen mehrere christliche Motive an, das vom Paradies, das verloren ging, von der ersten christlichen Gemeinschaft in der Apostelgeschichte und vom Himmel, der sich über die Banalität des Gewinnstrebens erhebt. Die beschworene Gerechtigkeit und die unbedingte Nächstenliebe liefern die Leinwand für diese Bild. Rudi Dutschke befindet sich in guter Tradition, auch wenn Marx das Wort von Opium des Volkes vordergründig prägte. Auch heute sind viele kirchliche Kreise einer linken Gesellschaftsveränderung offen zugetan.

Es wäre verkürzend, wenn man nicht ebenso die christliche Gegenposition nennt: Andere Christen sehen diese Himmelshoffnung eben auf das Jenseits beschränkt. Auf Erden bleibt der Mensch seiner sündigen Natur unterworfen. Erst im anbrechenden Reich Gottes wird er davon befreit. Auch Dutschke sieht den Menschen in seinem aktuellen Zustand als unfähig , jener gerechten Gesellschaft anzugehören. Er sieht die Revolution im Grunde als eine Revolution von Innen, in dem der Mensch sein gesellschaftliches Bewusstsein erweitert. Der Unterschied zum orthodoxen Christentum ist dann lediglich die Erwartung, dass dies auch in diesem Zeitlauf, nicht erst im Jenseits anzustreben wäre.

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