Ethik im Zeichen der Pandemie

Tod, Seuchen, Gefahren … wir werden alle sterben. Viele erst in einigen Jahrzehnten. Aber wir werden unser Leben nicht beliebig erhalten können. Manche werden durch das Virus sterben, vielleicht auch ich. Andere sterben wegen schlechter Versorgung, Depressionen, häuslicher Gewalt oder allerlei, was sich durch den gesellschaftlichen Stillstand verschärft. Vielleicht werden die nicht hinreichend zu retten sein, die zu der Risikogruppe gehören, aber die Devise ist die Hoffnung, mit genügend medizinischen und pharmakologischen Fortschritt das Leid zu lindern. Hier aber möchte ich die ethische Problematik erläutern, denn man erkauft sich für diese Hoffnung nicht nur ein wenig Wohlstandsverzicht, sondern letztlich andere Tote.

Welche Maßnahmen sind ethisch geboten? Wenn die Entscheidungen anderes Leid gegen jenes Leid und die Hoffnung auf ein gutes Ende abgewogen wird, neigt der Mensch nicht zu einer nüchternen Überlegung , sondern die emotionale Wahl des Plakativen. Berge von Leichen in China oder Italien wirken schwerer als die zu erwartenden statistischen Auffälligkeiten der anderen Toten. Sie bleiben die eher unsichtbaren Opfer der Entscheidungen, die Dritte treffen.

Natürlich wissen wir nicht hinreichend sicher, womit wir das Leid minimieren können. Dazu gibt es wesentlich zu viele Unsicherheiten. Das führt dazu, dass man Entscheidungen an Experten delegiert. Nur gibt es Experten, die gegensätzliche Ansichten haben – jeweils mit mehr oder weniger guten Gründen. Dann werden nicht die Experten als maßgeblich gewählt, die einfach die besseren Argumente haben, denn man hat sich ja bereits für inkompetent zur Fachentscheidung erklärt. Die Auswahl der Experten und damit des Programms ist dann letztlich wieder die Entscheidung nach fachfremden Erklärungen. Die Warner haben hier meist die besseren Optionen, denn wenn Menschen Angst haben, befürchten sie eine Verharmlosung realer Gefahren mehr als das Aufblasen von überschaubaren Gefahren. Das heißt also nicht, dass die Warner damit mehr recht hätten oder weniger, sondern nur, dass die Entscheidungen eben nicht rational geprägt sind, und damit potentiell falsch.

Ist die Umgehung des Verstandes und des Sachargumentes ethisch zu rechtfertigen? Letztlich werden die Menschen nicht von ihrer Verantwortung getrieben sondern von ihren Ängsten und Gefühlen. Sollten wir nicht eher nach der Vernunft als Ratgeber suchen?

Maßnahmenbeurteilung

Jede Maßnahme hat vereinfacht zwei Aspekte: Kosten und Nutzen. Zu den Kosten zählen keineswegs nur das Geld der Anderen, sondern Leid und Tod, die diese Maßnahme zur Folge hat. Der Nutzen liegt gegebenenfalls in einer Reduktion der Risiken, und damit die Vermeidung von Leid.

Nun gibt es ja offensichtlich viele Maßnahmen, die durchaus geeignet erscheinen, die Risiken zu minimieren … und dennoch wenig kosten. Z.B. eine Plexiglasscheibe an Marktkassen und Postschaltern. Selbst das Niesen eines Infizierten wird dennoch weitgehend abgehalten. Andere Maßnahmen erscheinen dagegen wenig wirksam. Z.B. die Schließung von Abfallentsorgungsbetrieben, bei denen die Menschen ohnehin nur distanzierten Kontakt haben. Aber die Kosten durch negative Folgewirkungen sind hoch.

Andere Beispiele: Das Kontaktverbot reduziert die Ansteckungsmöglichkeiten und ist wohl eher wirksam, aber diese Maßnahme kostet viel Aufwand vermutlich mit negativen Nebenwirkungen. Eine Ausgangssperre bringt dagegen keinen erkennbaren Mehrnutzen, denn wer sollte sich im Freien infizieren, wenn er keinen Kontakt mit Infizierten hat? Dennoch sind die Kosten einer Ausgangssperre ungleich größer.

Was st also mit den politischen Entscheidungen und der Ethik? Einige Regierungen versuchten einen besonnenen Kurs, in dem sie moderate Maßnahmen betrieben. Natürlich war zu erwarten, dass sich auch Todeszahlen, die in die Tausende gehen, nicht zu vermeiden lassen. Und zwar durch jedwede Politik. Lediglich eine restriktive Politik versprach, die Anzahl der Todesfälle zumindest kurzfristig zu reduzieren. Eine mittel- bis langfristige Beurteilung mag zu völlig anderen Ergebnissen kommen. Aber das zählt wenig im Gefühl der beängstigten Massen, die über demokratische Macht verfügen. Moderate Maßnahmen wirken da wie Untätigkeit: Die Regierung versucht nicht alles, um Leben zu schützen! Den Massen ist es nicht bewusst, dass sie sich dieses vermeintlich Weniger an Toten, die an kaum quantifizieren kann, teuer erkaufen.

Empfehlungen

Dem Politiker, dem an seinem Machterhalt gelegen ist, gilt es die Zustimmung der Wähler zu erheischen. Da ist weniger das Wohl der Gemeinschaft und deren Maximierung ein Maß, sondern die emotionale Stimmungslage. In so weit ist es vernünftig für den Politiker, den Volkswillen zufrieden zu stellen, aber nicht für die Gemeinschaft insgesamt. Diese wird mehr von Gefühlen als von Überlegungen getrieben. Der Politiker muss sich nur eine vernünftige Exit-Strategie überlegen, wenn sich die Volksmeinung dreht.

Der Philosoph ist nur der Vernunft und Wahrheit verpflichtet. Er darf nicht auf den Wogen des Zeitgeistes surfen. Er muss daher nach bestem Wissen und Gewissen für die Maßnahmen werben, die ein gutes Kosten/Nutzen-Verhältnis aufweist, aber teure und wenig wirksame Maßnahmen verreißen.

Nachtrag

Nach der Freischaltung dieses Textes habe ich das Video von Gunnar Kaiser gesehen, dass beachtliche Ähnlichkeiten in der Argumentation aufweist. Sehenswert! Interessant auch die Auseinandersetzung mit Den Kritikern von Kaiser: ‚Da sterben Menschen!‘ … dieser emotionale Beitrag so oder in ähnlicher Form als scheinbares Gegenargument dem Verfasser kritischer Gedanken entgegen geschleudert werden. Warum ist dieses Argument nicht valide? Es sterben immer Menschen, und andere durch diese Maßnahmen. Fragt sich nur wie viele und wie sie sterben. Und ohne Faktensammlung und ohne Überlegung lassen sich keine vernünftigen Entscheidungen treffen. Das heißt per se nicht, dass darum alles falsch ist, was aus einem emotionalen Impuls heraus entschieden wird, sondern dass es keiner rationalen Kontrolle folgt.

Hier auch wichtig die Artikel von Gunter Frank: Sterben Coronapatienten auch an falscher Beatmungstechnik? und Bericht zur Coronalage 07.04.2020: Unsere Profis In letzteren verweist er auf andereschwerwiegende Epidemien:

Sicher wird Covid-19 nicht so relativ harmlos verlaufen wie die Schweinegrippe. Wahrscheinlich eher wie eine außergewöhnliche schwere Influenzagrippe, beispielsweise die im Winter 2018, die, wie alle Grippen, im Frühjahr abflacht. Hier noch mal die Zahlen dazu, die bezüglich Corona in Deutschland (und auch weltweit) bei weitem noch nicht erreicht sind:

Bei einer schweren Grippewelle wie in der Saison 2017/2018 wurden rund 45.000 influenzabedingte Krankenhauseinweisungen, 5,3 Millionen Krankenmeldungen und 25.100 Todesfälle aufgrund einer Influenza geschätzt.“

Viele Krankenhauskollegen können sich noch an die überfüllten Stationen aus diesem Winter erinnern. Doch bei der fehlenden Medienpräsenz dieser außergewöhnlichen Grippewelle verstarben viele hochbetagte und multimorbide Patienten in den Pflegeheimen oder im Kreis der sie pflegenden Familien, die schon lange besprochen hatten, wie sie sich vernünftig verhalten, wenn es dem Ende zugeht, nämlich würdig palliativ. Bei der heute verbreiteten Panik vermute ich, dass viele, aus Furcht, etwas falsch zu machen, diese Patienten stationär einweisen lassen, wo sie dann in der Atmosphäre eines überfüllten und unter Quarantäne stehenden Krankenhauses isoliert sterben müssen. 

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