Böse Philosophie

Dem Namen nach sind Philosophen die Freunde der Weisheit. Können diese überhaupt böse sein? Denn der Anspruch, das Wahre und Gute zu suchen wird keineswegs stets erfüllt. Ob nun Philosophen fatalen Irrtümern aufsitzen oder gar von einem perfiden Motiv getrieben sein können, so bleibt doch unbestritten, dass es böse Ideologien gibt, die sich von gewissen Philosophien nicht trennen lassen. Rechtfertigung von Massenmord fängt zumeist nicht mit einer offensichtlichen Abscheulichkeit an sondern kommt zuweilen Unschuldig, vielleicht in Anlehnung an das wahre Gute daher, aber verführt zunächst unmerklich auf einen Weg, der in den Abgrund führen kann. Ist Nietzsches Philosophie böse, denn er war offensichtlich ein Wegbereiter des Nationalsozialismus? Hat der Nominalismus einen verderblichen Kern? Ist jeder, auch noch so kleine Ansatz zur Differenzierung von Menschen und Kulturen im Kern bereits rassistisch?

Alexander Dugin hält den Liberalismus 2.0 für verderblich. Johannes Hartl, vielbeachteter spiritueller Impulsgeber und Philosoph, erhob den Vorwurf, Alexander Dugins Philosophie sei böse. Apriori kann dies nicht beurteilt werden, sondern muss genauer geprüft werden …

Konkret geht es um Putins Philosophie | Hartls Senf #1, indem sich Hartl über die letzte Publikation von Alexander Dugin Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset von 2021 kritisch äußert. Sicher ist hier viel Polemik im Spiel, zu dem auch einige Bemerkungen notwendig sind, aber hier geht es im Kern um den philosophischen Gehalt. Hartl meint, dass Dugin vor allem der Ideengeber Putins sei, was aber vielleicht eine Überbewertung Dugins ist, den andere für randständig im russischen Diskurs halten.

Zu Dugin und seinen Kernthesen habe ich bereits zwei Essays geschrieben: Dugins politische Philosophie
Universalien und der Nominalismus
Hier geht es vor allem um die umfassende kritische Auseinandersetzung Joannes Hartls mit dem Buch Dugins, was diese Reihe abschließt

Hartls seltsames Textverständnis

Hartl ab 2:40: ‚Was lernt jemand im KGB?  Verhören, inhaftieren, foltern  … Menschen klein halten. Das ist das Handwerkszeug des KGB …‘

Ich weiß nicht, woher Hartl Kenntnisse über den KGB hat. Vielleicht James Bond, John LeCarree … aber auch da war klar, dass ein Spion in der Regel völlig andere Aufgaben hatte: Informationsbeschaffung, Vertrauen gewinnen, Schlüsse ziehen … Agenten führen, schützen, organisieren … im Besonderen dürften KGB-Mitabeiter, die in die Hierarchie aufsteigen, selten Verhörspezialisten sein. Denn diese machen bestenfalls nur einen kleinen Teil der Arbeit eines Geheimdienstes aus. Ich frage mich nun: Was treibt Hartl zu dieser seltsamen Aussage über Putin und den KGB? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ein Abteilungsleiter im KGB nichts mit Gewalttaten zu tun hatte. Auch Gorbatschow hatte enge Kontakte zum KGB.  Welche belastbaren Fakten gibt es zu Hartls Aussagen zu Putin in seiner Tätigkeit im KGB? Ich vermute: keine … Bekannt über Putin ist:

Putin absolvierte ein Jurastudium an der Universität Leningrad. Zu seinen Lehrern gehörten dort der spätere Bürgermeister von St. PetersburgAnatoli Alexandrowitsch Sobtschak, und die Rechtstheoretikerin Dschenewra Lukowskaja.[13] Seine Diplomarbeit über das Meistbegünstigungsprinzip im Völkerrecht fertigte er 1975 bei Ljudmila Galenskaja an.

Putins Tätigkeit in der DDR umfasste Personalgewinnung, Ausbildung in Funkkommunikation und die Überwachung von Besuchergruppen des in Dresden ansässigen Kombinats Robotron.

Wladimir Wladimirowitsch Putin

Dass Putin als besonders blutrünstig bekannt gewesen sei, was Hartl ab 2:36 behauptete, findet sich nicht in Wikipedia, das keineswegs für Putin-freundliche Darstellungen bekannt ist.

Hartl bezeichnet Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset von Beginn an (3:56) als gefährlich.

Hartl ab 4:17. Er äußert sich nur zum letzten Kapitel, dass er nicht wörtlich, sondern schlicht falsch zitiert. Tatsächlich ist es in der deutschen Übersetzung überschrieben: ‚Amerika ist auf dem Rückzug. Wir müssen angreifen.‘

In der Tat ist der 4 seitige Text m.E. nicht gut und wohl eher ein Aufsatz in einer Aufsatzsammlung, datiert vom 27.09.2025. Aber Hartl charakterisiert ihn falsch. Denn Dugin sieht die USA als den Hegemon, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 weltweit die unipolare Herrschaft ausübte. Dugin propagiert dagegen eine multipolare Welt, in der ‚Russland eine völlig souveräne und unabhängige geopolitische Einheit‘ zurück gewinnen solle. Im Gegensatz zum Titel des Aufsatzes schreibt Dugin fast ausschließlich eine Analyse zur Politik Bidens.

Um realistisch (d. h. ein wenig zynisch) zu sein: Lieber einen schwachen und hilflosen Feind wie Biden als einen rationalen und selbstbewussten Partner wie Trump. Sicher, Biden ist das pure Böse und ein epischer Misserfolg für die USA. Aber für alle anderen… Sieh an, sieh an, sieh an. Es gibt etwas, das wir an dem alten Joe zu mögen beginnen.

Genau das sollte sich Russland jetzt aktiv zunutze machen. Der rasche Niedergang der globalen Hegemonie der USA eröffnet enorme Möglichkeiten auf der ganzen Welt — für Gebiete, Länder, Nationen, ganze Zivilisationen.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset Seite 122

Dugin führt nicht aus, was er mit ‚angreifen‘ hier meint. Denn er erwähnt keine militärische Aktion, sondern lediglich Geopolitik als Emanzipation von dem Hegemon. Nach der Kritik an der US Hegemonie schreibt er:

Ihre Hegemonie schrumpft und ist überall auf dem Rückzug. Hier bietet sich die Gelegenheit für ein großes kontinentales Projekt von Lissabon bis Wladiwostok (im Geiste von Thiriart-Putin), für ein russisch-chinesisches eurasisches Bündnis, für eine neue Runde in den Beziehungen zwischen Russland und der islamischen Welt und für einen Schritt nach Afrika und Lateinamerika.

Dies erfordert Strategie, Entschlossenheit, Willen und Konzentration der Kräfte. Und das Wichtigste: Es braucht eine Ideologie. Große Geopolitik erfordert große Ideen. Im Moment — solange in den USA ein Idiot an der Macht ist — hat Russland die historische Chance, nicht nur die Multipolarität unumkehrbar zu machen, sondern auch seinen Einflussbereich fast weltweit dramatisch auszuweiten. Die Hegemonie schwindet. Ja, er ist ein verwundeter Drache, und er kann immer noch hart und schmerzhaft zuschlagen. Aber es ist eine Qual. Wir müssen uns also vor den Phantomschmerzen des Imperialismus hüten, aber wir müssen auch einen kühlen Kopf bewahren. Wir müssen uns auf eine Gegenoffensive vorbereiten. Solange die Dinge so sind, wie sie sind, ist dies unsere historische Chance. Es wäre ein Verbrechen, sie zu verpassen. Unser Imperium ist 1991 gefallen. Heute sind sie an der Reihe. Und es ist unsere Pflicht, als völlig souveräne und unabhängige geopolitische Einheit in die Geschichte zurückzukehren.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset Seite 123

Er spricht von Gegenoffensive, was sich klar nicht auf eine militärische Offensive bezieht. Sicher will Dugin die Rolle Russlands in einer multipolaren Welt ausweiten, aber er spricht von Bündnissen und Zusammenarbeit, von Souveränität, nicht von militärischer Intervention.

Ab 4:33 zitiert Hartl sinnentstellend: ‚Und deswegen sei es jetzt Zeit anzugreifen und er erwähnt unter anderem die Ukraine‘. Tatsächlich erwähnt Dugin die Ukraine nur ein mal – im Kontext einer nicht besonders klaren Analyse der US Politik, aber in keinem Kontext eines Angriffes.

Die Neocons sind wütend über den Abzug aus Afghanistan und über Bidens Versprechen, die Truppen aus dem Nahen Osten — insbesondere aus Syrien und dem Irak — abzuziehen. In Verbindung mit seiner eklatanten Feigheit in der Ukraine hat Biden bereits sein Bestes getan, um die Hälfte der Elite, die ihn unterstützt, zu entfremden — die Falken.

Das Grosse Erwachen gegen den Great Reset Seite 121

Über die EU und Deutschland sagt er in diesem Kapitel gar nichts, auch Merkel wird nicht erwähnt. Warum also behauptet Hartl das? Es ist mir unbegreiflich. Hartls Behauptung, es sei sehr leicht, eine gedankliche Beziehung zur Ukraine-Krise und diesem Buch herzustellen, ist völlig unbegründet.

Im vorletzten Kapitel schreibt Dugin über Merkel, aber nicht in der von Hartl beschriebenen Weise, sondern äußert eine gewisse Anerkennung für sie, kritisiert aber, dass sie Deutschland zum Vasallen der USA machte.

Ab 4:58 meint Hartl, dass Dugin hahnebüchen schreibt und tut so, als ob er die erwähnten 30 Bücher kennt. Hartl spricht von ‚offensichtlich bösen Gedanken‚ (5:14) ohne zu nennen, welch das nun sein sollten. Auch ohne jene anderen Bücher zu kennen wird aber bereits bei diesem Buch deutlich, dass Dugins Texte sehr unterschiedliche Qualität haben und nur schwerlich pauschal zu beurteilen sind.

Hartl behauptet, dass die Nähe zu konservativen und werteorientierten Gedanken nur oberflächlich sei (5:30). Das ist nicht nachvollziehbar. Denn die Kritik Dugins am neuen Globalismus / Wokeismus / Genderismus ist aus der konservativen Weltsicht Dugins nachzuvollziehen, auch wenn man diese Weltsicht nicht vollständig teilt. Gerade seine Kritik an der Geschichte des Liberalismus leitet Dugin her, dass der Liberalismus 2.0 verheerende Konsequenzen hat – siehe hier. Überraschend ist eher, dass er dem Gedanken der der Werte-Pluralität einen großen Stellenwert beimisst und Anknüpfungen an andere Kulturen sucht.

Vier Hauptthesen nach Hartl

Ab 5:30 identifiziert Hartl vier Hauptthesen Dugins, die allerdings vor allem aus einer sehr partiellen Rezeption des Buches geschuldet sind.

1. Dugin sieht eine historisch besondere Rolle Russlands: Hat nicht jeder Mensch und jedes Land eine besondere Rolle? Das geht doch aus dem Gedanken der Verantwortung hervor. Keine besondere Rolle zu spielen hieße doch, dass alles indifferent und beliebig sei. Viele sehen Deutschland in besonderer Verantwortung für den Holocaust, häufig wird Deutschland die Vorreiterrolle zum Klimawandel zugewiesen. ‚Am deutschen Wesen wird die Welt genesen‘ aus dem Kaiserreich findet sich in einer ‚feministischen‘ Außenpolitik wieder. Die USA sieht sich als Anwalt und Treiber für Demokratie und Menschenrechte – auch wenn das viele lediglich für Fassade halten. Warum also kritisiert das Hartl? Hartl zieht hier einen Bogen von Dschingis Khan, der bekanntlich kein Russe, sondern Mongole war und Russland überrannte. Im Kontext wird nicht klar, was Dugin angeblich mit der besonderen Rolle Russlands verband. Dugin ist jedoch kein Anwalt für eine russische Hegemonie, sondern für Multikulturalismus.

2. Der Westen, im Besonderen die USA sind imperialistisch, auch kulturimperialistisch. Was kritisiert Hartl hier? Es ist schlicht ein Fakt, wie nicht zuletzt die Ereignisse in Venezuela erneut belegen. Dugin hat in der Tat eine seltsame Wortbedeutung von Liberalismus im Sinn, bezieht sich hier aber auf die USA, die jene moderne Ideologie ebenfalls als liberal bezeichnen, obwohl sie aus vielerlei Hinsicht tatsächlich antiliberal ist. Dugin spricht hier vom Liberalismus 2.0, der den Liberalismus 1.0 zum Feind erklärte. Es wäre besser, hier eher vom Post-Liberalismus zu sprechen.

3. Der Great Reset sei ein antichristliche System (ab 7:37), getrieben von Globalisten wie ‚George Soros und wie sie alle heißen, Schwab …‘. Man muss diesen Ansatz nicht völlig teilen, aber Dugin kann sich hier auf eine Fülle von Fakten und soliden Urteilen beziehen. Hartl stellt dies hier einfach dar, wobei nicht erkennbar ist, was daran hanebüchen sein soll. Hier kann man tatsächlich von einer Hauptthese sprechen, die aber besser auf 3 Thesen aufzuteilen wären.

4. Kritik am Individualismus als Folge des Nominalismus und Liberalismus: Hartl bezeichnet diese als philosophiegeschichtlich hanebüchen – ohne dies näher zu begründen. Hartl stellt ansonsten diese Hauptthese weitgehend korrekt dar, auch wenn der Individualismus nur eine Ausdrucksform des Liberalismus sei, die sich nach Dugin durchaus philosophiegeschichtlich herleiten ließ. Die Grundproblematik, die Dugin hier überspitzt zeichnet, ist nachvollziehbar, aber unterschlägt den zumeist den dialektischen Charakter des Spannungsfeldes und die Bedeutung neuer Kollektive der aktuellen Identitätspolitik. Menschen sind soziale Wesen, die einer Dimension beraubt werden, wenn man sie isoliert. Und seltsamerweise ist das Prinzip Teile und herrschegerade in einem Totalitarismus effektiv, wenn soziale Strukturen zerschlagen sind und man Individuen isoliert beherrschen kann.

Hartls Einordnungen

Hartl ab 9:20: ‚Es lässt sich auf den ersten Blick nicht einordnen – wo steht das jetzt politisch‚ … ja und? Warum sollte es das? Ist nicht die Politik Ausfluss einer weltanschaulichen Position, nicht umgekehrt?

Hartls Versuch, Dugin und auch anderes immer in seine Denkschubladen einzuordnen ist enttäuschend und stellt Hartls Anspruch, philosophisch zu denken, in Frage.

Ab 9:48 Hartl will für ‚Aussagen, die ganz offensichtlich höchst gefährlich sind‘, Beispiele nennen. Er spricht zuerst vom nationalen Selbstverständnis, wobei Hartl auch viele andere Beispiele nennt und man sich eher fragen muss: Ist es nicht völlig normal, das eigene Land in besonderer Verantwortung zu sehen?
Wir wissen, das MAGA in den USA Konjunktur hat, Franzosen ihr Land als Grande Nation bezeichnen … Hartl nennt diese Beispiele auch und fragt sich nicht, wer also ein völlig anderes Grundverständnis vom eigenen Land hat. Wohl nur Nachkriegsdeutschland, und das will auch überall Vorreiter sein … beim Klimaschutz, beim Feminismus, bei den Menschenrechten.  Was kritisiert Hartl da eigentlich als ‚höchst gefährlich‘ ?

Unstrittig ist ein ‚überzogener Nationalismus‘ schädlich. Nur, wo ist die Grenze zwischen jenem ‚überzogenen Nationalismus‘ und gesundem Patriotismus, der fast überall auf der Welt als Tugend betrachtet wird. Warum sollte das, was offensichtlich überall normal ist, eine Versuchung sein? Unten kommt er noch mal darauf zurück, aber bleibt eine klare Abgrenzung schuldig. In Deutschland wirkt das Nachkriegstrauma, das zwischen einer schizophrenen Rolle aus Sündenstolz, Schuldkult und dem manischen Drang, Vorreiter sein zu wollen, schwankt. Hartl nimmt diesen Ansatz Dugins jedoch nicht zum Anlass, das eigene Selbstverständnis zu reflektieren, sondern nur, um unausgegorene eigene Ansichten zu projizieren.

Wertepluralismus und Relativismus

Hartl diskutiert ab 10:55 den Wertepluralismus im kulturellen Kontext. In der Tat wird es hier schillernd. Denn Dugin ging zuerst von einem Universalienrealismus aus, also der Vorstellung, dass Begriffe wie Gerechtigkeit und Recht eben nicht beliebig sei, sondern reale und übergreifende Normen, denen man entsprechen kann, oder sich zu diesen in Opposition stellen kann. Wenn Dugin nun die jeweilige Kultur, ebenso ein Abstraktum in ständigem Wandel aber geschichtlicher Kontinuität, als alleiniges Kriterium der Werte ansieht, geht er auf dünnes Eis – er bewegt sich hier auf eine Inkonsistenz zu. Natürlich könnte man hier differenzieren zwischen bindenden und übergreifenden Universalien und den Freiheitsgraden in einer kulturellen Umsetzung … aber das tut Dugin hier nicht. Denn auch dann müssten sich Kulturen von übergeordneten Kriterien beurteilen lassen, die keineswegs per se nur westlich geprägt seien. Hartl aber bewegt sich ebenso auf dünnem Eis, denn er setzt hier implizit bindende kulturübergreifende Normen voraus, die er vorher bei Dugin noch kritisierte.

Hartl kritisiert ab 11:39 den Relativismus, der eine absolute Moral als Orientierungsrichtlinie ablehnt. IEs ist hier weder Hartl, noch Dugin zuzustimmen – zumindest in dieser Darstellung. Hartl hat hier eher ein küchenphilosophischen Anspruch, der nicht wirklich reflektiert ist, und auch Dugin erscheint inkonsequent. Denn ein Christ geht mit Kant von einer Moral aus, die im Absoluten verwurzelt ist. Es ist also nicht der Beliebigkeit anheim gestellt – und auch nicht einer ausschließlich kulturbestimmten Tradition – , welche Werte und Politik betrieben werden. Andererseits ist die Erkenntnis jener göttlichen Ordnung und Ethik keineswegs zweifelsfrei möglich, so dass es eine Reihe von unterschiedlichen, sich scheinbar widersprechenden System dennoch gültig sein kann. Wenn Dugin also auf das Erkenntnisproblem des absolut Guten verweist, kann man das wohl kaum als ‚hanebüchen‚ bezeichnen, sondern eine Diskussionsbeitrag, der keineswegs Apriori zu verdammen ist. Vielmehr lohnt es sich, hier weiter zu denken.

In 12:25 unterstellt Hartl Dugin, dass Russen angrenzenden Staaten das Selbstbestimmungsrecht absprechen würde, obwohl Dugin vorher gerade deren Souveränität im Kontext der Multipolarität gefordert hat. Es ist an keiner Stelle erkennbar, dass dies russische Politik sei. In der Russischen Föderation gibt es bis zu 120 unterschiedliche Ethnien mit weitgehender kulturellen Autonomie. Multikulturalität gehört zum russischen Selbstverständnis. Einige Staaten haben sich nach dem Zerfall der UdSSR abgespalten und dies wurde von der RF auch problemlos akzeptiert.

Hartl meint, dass dieser Gedanke sowohl postmodern, als auch faschistisch sei. Er scheint nicht zu bemerken, dass sein normativer Ansatz, andere Menschen und Kulturen seinem absoluten Anspruch unterzuordnen, natürlich einen kulturimperialistischen Impetus hat und seinerseits etwas mit dem von ihm kritisierten Faschismus gemein hat, andere Sichtweisen pauschal zu verdammen. Vielmehr sind wir hier in einer Grauzone, die zwar eine engagierte Position durchaus erfordert, aber sich davor hüten muss, mit Unterstellungen den Vertretern anderer Positionen grundsätzlich die Legitimität abzusprechen. 

Sowohl Dugin als auch Hartl versäumen es, gedanklich abzugrenzen, wo es übergreifende Normen geben sollte und wo kulturelle Selbstbestimmung eben gerade das Recht übergreifender Normen ist. Natürlich ist es schwierig, genau das das Ziel der Bestimmung zu erkennen. So kann man sehr wohl einen massiven Repressionsapparat und Massentötungen als übergreifend verwerflich verurteilen, aber ist es nicht übergriffig, wenn man hier in die Formen des Rechts beurteilen will, die keine übergreifende Rechtsnormen verletzen? Das führt zu der Schwierigkeit abzugrenzen, was nun kulturübergreifende Rechtsnormen sind und was nicht. Ohne diese Abgrenzung bleiben sowohl die Forderungen noch Kulturpluralismus, als auch das Recht, andere Kulturen zu kritisieren, fragwürdig. Rein kasuistische Ad Hoc Entscheidungen sind mangels nachvollziehbarer Kriterien wenig geeignet, zu einer konstruktiven Lösung zu kommen. Die Menschenrechte stellten durchaus den Versuch dar, hier kulturübergreifende Normen zu etablieren, wurden aber durch eine Machtdominanz bei deren Ausprägung in Frage gestellt. Dugins Ablehnung der Menschenrechte als Rechtsnorm könnte diskutiert werden, wenn er denn konkrete Kritikpunkte vortragen würde, aber seine pauschale Ablehnung stößt ab. Siehe weiter unten …

Wenn man es zu Ende denkt … ich finde diese toxische Mischung absolut gefährlich wenn man sagt, jede Kultur erkennt bisschen so ihre eigenen Werte und niemand darf da rein reden. Hier sehen wir, wie ein ganz postmoderner Gedanke sich berührt mit einem zutiefst faschistischen Gedanken. Es ist haarsträubend.

Hartl ab 13:33

Hartl hat hier anscheinend nicht zu Ende gedacht, sondern will das Selbstbestimmungsrecht den Menschen absprechen ohne einen Verweis auf einen bindenden Rechtskanon. Das werden Dritte wiederum als absolut gefährlich und haarsträubend halten. Auch wenn Postmoderne den Werterelativismus vertreten, so ist hier Dugins Argument eben nicht postmodern, sondern traditionell und schon gar nicht faschistoid. Hartl bemüht sich hier um diskriminierende Phrasen, um nur halb verstandene Positionen zu diskreditieren. Einmischung in innere Angelegenheiten ist auch im Völkerrecht verboten. Aber auch Dugin versäumt es, hier übergreifende Kriterien zu etablieren. Darum entwickeln sich beide Positionen zum Grabenkampf, die offensichtlich beide nicht zu Ende gedacht sind.

Ab 14:25 argumentiert Hartl im Sinn einer moralischen Wahrheitserkenntnis, die ich keineswegs ablehne, aber er schein nicht zu erkennen, auf wie dünnem philosophischen Eis er sich bewegt. Weiter unten mehr dazu. Er nennt die weibliche Genitalverstümmelung, die man angeblich dann nicht kritisieren dürfe. Natürlich kann eine Kritik nicht verboten werden, aber es bleibt die Frage, welche Form eine derartige Kritik annehmen darf, wenn wir an moralische Normen gebunden sind. Ist hier eine maßvolle Kritik angemessen, die es Vertretern jener anderen Kultur ermöglicht, auch ihre Position zu vertreten? Oder ist eine harte Strafverfolgung auch über Landesgrenzen oder Sanktionen geboten? Hier finden wir uns leicht in einer moralischen Grauzone, in der absolut jede Entscheidung von Meinungsgegnern als verwerflich bezeichnet werden kann, und zwar jeweils mit nachvollziehbaren Gründen.

Natürlich gibt es Kriterien, nach denen du beurteilen kannst, was ethisch vertretbar ist und was ethisch nicht vertretbar ist.

Hartl ab 13:33

Eine steile These, denn selbst zwischen christlichen Denkern wird man kaum zu einem Konsens über jene Kriterien kommen, geschweige denn von anderen Weltanschauungen. Wer also sollte hier die Autorität haben, diese Kriterien verbindlich zu bestimmen? Erstaunlich, dass Hartl das nicht zu wissen scheint. Auch das Beispiel Hartls, dass Folter nie akzeptabel sei, ist keineswegs so leicht zu beantworten. Bei der Abwehr großer Gefahren sind viele Menschen der Ansicht, dass Folter zu einem gewissen Anteil gerechtfertigt sein kann. Im konkreten Fall werden möglicher Weise jedoch Prinzipien ausgehebelt, die einem Dammbruch gleichen.

Hartl unterstellt Dugin und Russland, dass diese es angeblich für richtig halten, wenn ein anderes Volk ohne guten Grund angegriffen wird. Das aber hat weder Dugin gefordert und entspricht auch nicht dem russischen Selbstverständnis. Allerdings bleiben hier Fragen bezüglich der USA und aktuell Venezuela. Es wird dann zu unerträglicher Heuchelei, wenn mit doppelten Standards Dritte beurteilt werden.

Kritische Entwicklungen und deren Zuspitzung

Hartl kommt erheblich ins schwimmen, wenn er erkennt, dass Dugin durchaus auf gefährliche Entwicklungen im Kontext der Postmoderne und dem Great Reset aufmerksam macht. Ob eine Zuspitzung auf zwei gegensätzliche Pole in dieser Frage vielleicht notwendig ist, oder ob man die Existenz von Grauzonen nicht bestreiten darf, kann diskutiert werden. Hier aber wäre eine eher offene Diskussion angezeigt, die nichts mit Apriori-Pauschalurteilen zu tun hat. Dugin überzieht mit seinen Zuspitzungen, aber sein Argument fußt auf der These, dass sich der Liberalismus 2.0 / Globalismus schleichend zur Existenzbedrohung der Menschheit auswächst. Hartl sieht hier durchaus reale Gefahren, relativiert diese in punktuelle Kritik und erkennt hier kein generelles Muster. Dugin würde vermutlich eine weichgespülte Kritik im Sinne Hartls als wirkungslose de facto Einwilligung in den Untergang deuten, da die Ursachen verschleiert bleiben.

Somit stellt sich weniger die Frage, ob die Zuspitzung Dugins auf eine Dichotomie faktisch korrekt ist – das ist sie nicht – sondern die Frage, ob es tatsächliche ein existenzbedrohendes Problem existiert, das entschieden bekämpft werden muss. Man kann Dugin nicht verstehen, wenn man nicht die Dringlichkeit seiner Problemanalyse erkennt.

Im Bild gesprochen: Handelt es sich bei der Apollo-Mission um einen Schönheitsfehler, oder um ein kleines Leck, durch das die Luft langsam entweicht, bis schließlich alle sterben? Oder ein andere Bild: Haben wir eine Magenverstimmung oder Bauspeicheldrüsenkrebs? Sowohl Hartl als auch Dugin erkennen, dass hier vieles nicht in Ordnung ist. Der eine wird dem Anderen Dramatisierung vorwerfen, und anders herum Verharmlosung.

Kurz: Die Verve, mit der Hartl Dugin verurteilt, richtet sich schlicht gegen ihn selbst. Hier muss an das Wort von Jesus werden: Richtet nicht, auf das auch ihr nicht gerichtet werdet. Denn falls das Problem so dramatisch ist, wie es Dugin beschreibt, wäre die Verharmlosung Hartls fatal und unverantwortlich.

Natürlich kann man die Zuspitzung und Überzeichnung Dugins in vielen Details berechtigt kritisieren, aber wenn Dugins Analyse hinsichtlich der Transhumanz eines Liberalismus 2.0 nur halbwegs zutreffend ist, wirkt diese für die Menschheit suizidal und entschiedenes Gegensteuern wäre erforderlich.

Rechts-Links-Schema

Was an Hartl auffällt (ab 17:00) ist dies unreflektierte Manie, mit der er das politische Rechts-Mitte-Links-Schema als Grundlage seines Denkens wählt, in dem er sich selbst als normative Mitte versteht und alles einordnen will. Richtig ist dagegen, dass es viele politische Skalen gibt, die nicht in das Rechts-Links-Schema passen, Beispiele:

  • Bürgerliche Freiheit vs. Gleichheit und Antdiskriminierung
  • Marktwirtschaft vs. zentrale Planwirtschaft
  • starker Staat vs. Minimalstaat
  • Nationale Souveränität vs. internationale Herrschaft
  • Multikulturalismus vs. Globalismus und kulturelle Dominanz
  • Konservatives Gesellschaftsverständnis vs. Gesellschaftsveränderung
  • Haushaltsdisziplin vs. Sozialstaat und Wirtschaftsankurbelung
  • Friedenspolitik ohne Waffen vs. bewaffnete Abschreckung.

Wer dagegen nach der Wahrheit fragt, nach gut und böse, nach richtig und falsch, wird sich wohl kaum einem unpassenden Deutungsschema unterwerfen.

Ich sehe nicht eindeutig, dass bei Dugin jene postulierte Schwelle (17:40) überschritten worden sei. Vielmehr erscheinen mir die Ausführungen von Hartl unausgegoren und überheblich unreflektiert. Wie sehr er schwimmt zeigt sich um 18:15: Der great Reset, die mediale Manipulierbarkeit und der Werteverfall seien auch aus Hartls Sicht problematisch, aber das entschieden Eintreten dagegen im Sinne Dugins lehnt er noch viel schärfer ab, denn er unterstellt Dugin – völlig ohne Beleg -, dass er sich für eine weitgehend unbegründete militärische Intervention einsetzen würde. Der reale Krieg seit dem Einmarsch der Russen in die Ukraine hat aber weit weniger mit einer ideologischen Begründung zu tun, sondern mit der historischen Entwicklung mit Schwerpunkt Geopolitik. Hartl meinte Eingangs, dass er sich mit Geopolitik nicht auskennen würde und die auch nicht behandeln wolle. Wenn er dann aber den Krieg ohne Berücksichtigung der Geopolitik und konkreten Geschichte zu deuten versucht, kommt dann nur Laienphilosophie heraus. Die vorher selbst festgestellten Probleme werden dann mit dem Krieg in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt. Schließlich läuft es darauf hinaus , dass Hartl genau jene verhängnisvollen Entwicklungen, die unabhängig vom Ukrainekrieg bedrohlich werden, faktisch toleriert.

Das christliche Menschenbild

Hartl meint, das Dugin, und mit ihm Putin und die orthodoxe Kirche nicht dem christlichen Menschenbild entsprechen. Hartl verweist auf die Trennung zwischen Kirche und Staat, aber seine Kritik versandet in seinem eigenen Argument. Denn er weist darauf hin, dass sowohl die katholische Kirche als auch die evangelische Kirche sich vom Staat vereinnahmen ließ. Hartl meint aber, bei der orthodoxen Kirche sei das stärker als bei den westlichen Kirchen der Fall. Allerdings kann sowohl angesichts der geschichtlichen Erfahrung als auch der aktuellen Unterwerfung der Kirchen unter den Zeitgeis und staatlichen Lehren nicht überzeugend vermittelt werden, dass dies in Russland eben schlimmer sei, sondern bleibt eine unbelegte Behauptung.

Auch wenn man Hartls Sicht vom christlichen Menschenbild (19:30 – 21:40) zustimmen möchte, so gilt dies offensichtlich nicht für die praktische Politik der EKD und RKK. Kritik an Dugin, Putin und der orthodoxen Kirche bleibt dann substanzlos. Denn es bleibt auch unter Christen eher eine Minderheitsmeinung, ob radikaler Pazifismus ein christliches Gebot sei. Natürlich ist Gewaltlosigkeit ein Ideal, aber unter realen Bedingungen nicht immer zu verantworten.

Bis 24:35 stellt Hartl die Geschichte des Christentums in Deutschland in Bezug zu der Beziehung zwischen Kirche und Staat dar. Allerdings hat das nichts mit den Verhältnissen in Russland zu tun, denn hier wurde die Religionsfreiheit als Selbstverständlichkeit umgesetzt und der Respekt vor dem jeweiligen Bekenntnis ist gesetzlich verankert. Verboten ist nur alles, was den Religionsfrieden verletzt, wie z.B. aggressives Missionieren der Zeugen Jehovas. Die Christenverfolgung unter dem Kommunismus ist schon lange überwunden. Dass Hartl dann wieder zu dem Vorwurf des Faschismus durch Putin kommt, erscheint ignorant und durch nichts begründet. Dagegen scheint Hartl die Forderungen der 10 Gebote vergessen zu haben, dass man nicht falsch Zeugnis wider seinen Nächsten ablegen solle.

Hartl wird dann völlig wirr, wenn er die Kritik Dugins am Great Reset, die zu einer Gleichheit zwischen allen Menschen führen würde, beschreibt. Heißt das nun, dass Hartl diese Gefahr des Great Reset auch sieht und ebenso mit Verweis auf das christliche Menschenbild ablehnt, oder meint er, dass er Dugins Warnungen weit übertrieben seien, weil doch das christliche Menschenbild im Westen wirkmächtig sei?

Die Wahrheitsfähigkeit des Menschen

Hartl postuliert ab 25:10 die ‚Wahrheitsfähigkeit‘ als Möglichkeit, die absolute Wahrheit auch in Bezug auf die Moral sicher erkennen zu können. Das erstaunt, denn bereits Kant meinte, dass es eine sichere Erkenntnis in den rationalen Gottesbeweisen nicht gäbe und seit Popper hat das wohl kein Philosoph mehr vertreten. Der kritische Rationalismus basiert auf dem grundsätzlichen Irrtumsvorbehalt. Wie kann sich Hartl auch angesichts der Empirie des Meinungspluralismus vorstellen, die Wahrheit sicher erkennen zu können? Wähnt er sich im Besitz der Wahrheit, und alle, die seine Sicht nicht teilen, sind eben im Irrtum? Hartl versteigt sich weiter in die Behauptung, dass Dugin für einen Faschismus stehe, für den er keinen einzigen Beleg oder sachliches Argument aufführt. Der Faschismus ist aber keine beliebiges Schlagwort, dass für die ultimative Diskreditierung des Meinungsgegners stünde.

Sicher mag man die Indifferenz Dugins hinsichtlich der Universalie Wahrheit bemängeln, wenn man die Erkenntnis der Wahrheit als einen fortschreitenden Prozess ansieht – wie bereits oben ausgeführt. Aber es ist wohl nicht vertretbar, einfach die Wahrheit argumentfrei für sich zu reklamieren. Im Besonderen ist dieser Ansatz Dugins, der philosophiegeschichtlich weit robuster ist als Hartls Ansicht unter einem strategischen Gesichtspunkt zu verstehen. Dugin geht von der Gültigkeit der Wahrheitserkenntnis als geschichtlich-kulturellen Prozess aus. In diesem meint er, in der Gefahr des Liberalismus 2.0 und des Globalismus – also dem Great Reset – eine Menschheitsbedrohung zu erkennen, dass eine Gemeinschaft aller Bedrohten erfordert. So ist sein Verzicht auf trennende Ansichten nachvollziehbar, die er dann die 4. politische Theorie nennt, was im Westen auch als Querfront bezeichnet wird. Man kann dies sehr wohl kritisch sehen, aber wohl kaum mit maximaler Polemik, mit der man lediglich seinen eigenen Standpunkt diskreditiert. Dugin ist weit von der Postmoderne entfernt, da er dessen Grundlagen scharf ablehnt – für ihn ist dieser Great Reset eben nicht eine beliebige postmoderne Ansicht, die genau so gerechtfertigt sei wie anderer gewachsene Kulturen. Aus Dugins Sicht würde Hartl die aufkommende Gefahr jenes postmodernen Globalismus, der alle Wahrheitserkenntnis obsolet macht, bagatellisieren und damit faktisch jenem Postmodernismus den Weg bereiten, den er vordergründig kritisiert.

Hartl bemüht ab 26:00 das biblische Verständnis für seine anachronistische Wahrheitsfähigkeit. Aber das wird durch die Bibel nicht gedeckt. Denn Jesus spricht zu seinen Nachfolgern:

31 Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger 32 und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Johannes 8,32

Demnach ist die Erkenntnis der Wahrheit an den Glauben an Jesus gebunden, der per Definition bereits auf Vertrauen, nicht auf einem Beweis beruht. Auch ist diese Wahrheitserkenntnis nicht im Präsens, sondern im Futur, was im Einklang mit der Annahme der fortschreitenden Erkenntnis und mit dem kritischen Rationalismus bleibt. Hartl irrt, wenn er meint, den christlichen Glauben als Rechtfertigung für seinen eigenen absoluten Wahrheitsanspruch rekrutieren zu können.

Hartl entfernt sich weiter von der biblischen Lehre und dem allgemeinen Menschenverstand wenn er meint:

Wir können aber durch Gespräch, durch Diskurs, durch gemeinsame Orientierung an Etwas uns verständigen. Nur das rettet uns vor Huntingtons Clash of Civilisations.

Hartl ab 26:24

Natürlich ist der Diskurs das Mittel der Wahl, aber es ist naiv zu glauben, dass dieser ein Allheilmittel ist. Im Besonderen, wenn die Regeln des Diskurses missachtet werden … Hartls unbegründete Faschismusvorwürfe an Dugin sind gerade Beispiele, wie ein Diskurs nicht funktionieren kann.

Individuum vor dem Kollektiv

Die Priorisierung des Individuum vor dem Kollektiv wird von Hartl ab 27:18 ist aus biblischer Sicht nicht eindeutig. So wird dem Opfern des Einzelnen für das Kollektiv in der Bibel einen zentralen Stellenwert eingeräumt. Auch sind Begriffe wie Volk und Gemeinschaft der Heiligen, die den Tempel Gottes bilden Kernkonzepte, die natürlich nicht die Stellung des Einzelnen zu Gott in Frage stellen. Dugins Kritik am Individualismus erscheint nicht als grundsätzlich Verachtung des Individuums schlechthin, sondern als Reaktion auf die Ausblendung gewachsener Kollektive, zu der er ein Gegengewicht darstellen möchte. Individualismus ist aus Dugins Sicht eben die Ablehnung des Kollektivs als Denkfigur.

Hartl betont die bürgerliche Freiheit als vor allem individuell bestimmt. Ob man allerdings diese einseitig betonen sollte, bleibt fraglich, denn auch das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das im Völkerrecht substanziell ist, ist auch im alttestamentarischen Verständnis fest verankert. Vielmehr wäre eine Balance zu fordern, die die individuelle Freiheit nicht gegen die Freiheit des Kollektivs ausspielt – und genau so kann man Dugin verstehen.

Es ist erstaunlich, dass Hartl gerade die Diskussion um die Covid-Maßnahmen anführt und in diesem Kontext von Diktatur spricht. Diese fanden mit der Überhöhung des Kollektivs gerade im Westen statt, nicht in Russland. Diese fehlende Orientierung an den Grundrechten, die sich im Westen eklatant unter Beweis stellten, zeigt eher, wie weit der Great Reset bereits das Fundament einer werteoreintierten Fundaments zersetzte, dass beliebige Parolen bestimmend sein können.

Der Ansatz Dugins, der aus dem Nominalismus den Individualismus herleitet, bezieht sich nicht auf das Absprechen individueller Rechte, sondern auf die exklusive Überhöhung des Individuums und der Ablehnung von jeglichen Kollektiven, die dem Nominalismus gemäß nicht substanziell sind. Hartls Kritik an Dugin geht ins Leere, wenn er hier nur in Dichotomien denkt und nicht in dialektischer Balance und geistesgeschichtlichen Entwicklungen. Dugin wäre lediglich vorzuwerfen, dass er diese dialektischen Beziehungen zwischen Einzelnen und Kollektiv auch nicht klar ausformuliert, sondern sich seinerseits in einer Polemik verzettelt, die derartige Missverständnisse wie die Hartls Tür und Tor öffnet. Erst durch kontextuelles Lesen wird klar, dass Hartl Dugin falsch interpretiert.

Menschenrechte

Hartl bemüht 28:44 die Menschenrechte, die überwiegend als Rechte der Individuen formuliert wurden und mit großer Mehrheit von der UN angenommen wurden. Dieser universelle Ansatz ist sehr wohl ernst zu nehmen, als hier ein Kriterienkatalog von interkulturellen Werten etabliert wurde. Dies kann kaum hoch genug beurteilt werden. Allerdings sind auch die Menschenrechte und deren Interpretation nicht unbestritten, sondern eher als Diskussionsvorgabe. siehe auch den Menschenrechtsdiskurs.

Dugin stellt sich scharf ablehnend zu den Menschrechten, ohne jedoch eine Kritik seinerseits auszuformulieren – zumindest nicht im vorliegenden Buch. Lediglich ein unscharf formulierter Vorwurf, die westliche Dominanz der Formulierungen der Menschenrechte würden die multikulturellen Aspekte zu wenig sicher stellen. Auch wenn der Menschenrechtsdiskurs durchaus auf Probleme deutet, ist Dugins unspezifische Ablehnung sicher zurückzuweisen. Denn ein unkritischer Wertepluralismus, der sich eines Instrumentes gegen Gewaltherrschaft und Massenmord beraubt, kann wohl kaum den Solidarisierungseffekt begründen, mit der er seine sogenannte 4. Politische Theorie etablieren will. Möglicherweise wehrt sich Dugin aber weniger gegen die einzelnen Bestimmungen und Artikel, sondern eher gegen die Idee, diese universell festschreiben zu wollen.

Individuum nur im Netz der Beziehungen

Hartl erkennt ab 28:56 den Menschen nicht atomisiert, sondern eingebunden in soziale Bezüge und identifiziert sich über seine Sozialisation und Genetik in der Kultur. Allerdings widerstrebt ihm dies als Kollektiv zu bezeichnen, denn das war ja die Begrifflichkeit Dugins, den er ablehnt. Dann stellt er die Frage, ob die Beziehung durch Macht hergestellt, im Besonderen physischer Gewalt … oder nicht:

Bis zu welchem Grad dürfen dir deine Eltern alles befehlen, bis zu welchem Grad darf dir dein Staat dir alles befehlen?

Was steht am Schluss: Die persönliche, individuelle Entscheidungsfreiheit oder ein oppressives Irgendwas.

Hartl ab 30:28

Man müsste Hartl nun fragen, wieso diese spezielle pädagogisch-politische Frage die auch innerhalb einer Gruppe und Familie bereits fallweise kontrovers diskutiert wird, hier für die Grundbestimmung des Menschen relevant sei. Denn selbst in üblen Diktaturen gibt es Bereiche, in denen die Menschen ihre Entscheidungsfreiheit bewahren, und in libertären Gesellschaften gibt es Unterdrückung von sozialschädlichen Verhalten und Verbrechen. Die Grenzziehung erscheint äußerst schwierig und nicht pauschal anhand von universellen Kriterien lösbar. Eine gesamte Disziplin, die Rechtsphilosophie und Jurisdiktion beschäftigt sich mit diesen Fragen. Vor allem ändert es nichts an der Grundsätzlichen Bedeutung des Menschen als soziales Wesen.

Ab 31:05 bemüht Hartl das biblische Motiv ‚Götzendienst‚, um Dugin abzulehnen. Er unterstellt darin Dugin, dass für Dugin die Nation das Höchste sei und damit der Götze des Nationalismus. Der gesunde Patriotismus ist von jenem Nationalismus zu unterscheiden der alles andere der Nation unterordnet. Das aber erscheint bezüglich Dugins mehr als fragwürdig, denn gerade in seinem Multikulturalismus sind ja andere Kulturen weitgehend gleichberechtigt und damit seine eigene Nation relativiert.

Hartl führt in Bezug auf den Götzendienst aus, dass es für Christen und Juden nichts geben darf, dass das Höchste über Gott stellt, keine Nation, keine Kirche, keine konservativen Werte. So weit bleibt Hartl bei einer korrekten Schriftauslegung. Allerdings bleibt die Frage, wie weit es auch wichtige Werte unterhalb Gottes zu verteidigen gilt, also die eigene Freiheit, das eigene Leben, die Familie, das Volk oder die Nation. Gerade weil Hartl dies nicht beantwortet verwendet er es als polemische Figur, den Meinungsgegner – hier Dugin – genau das Negative zu unterstellen.

Lüge und Propaganda

Wahrheit ist für Hartl ein wichtiges Ideal, das er nicht aufgeben will. Oben wurde bereits diskutiert, wie problematisch die Wahrheitserkenntnis ist. Ab 34:14 spricht Hartl von Propaganda und setzt diese mit Lüge gleich. Tatsächlich kann eine tendenzöse Darstellung und Weglassungen bereits als Propaganda bezeichnet werden. Der Übergang zwischen einer ehrlichen und reflektierten Überzeugung, Propaganda und bewusster Lüge ist eher fließend. Es ist keine Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, wenn man die gegenseitige Propaganda als Faktum erkennt, aber erst aus dem Diskurs und der gegenseitigen Überprüfung lässt sich die Wahrheit ermitteln, da ja jeder Mensch irrtumsanfällig ist und die vermeintliche eigene Ansicht Ergebnis der ‚eigenen‘ Propaganda und Lüge ist. Bereits das Reklamieren der ungeprüften eigenen Ansicht als Wahrheit rückt gefährlich nahe an Propaganda. Die Erkenntnis der Wahrheit ist ein sehr herausfordernder Prozess und man sollte sich hüten, sich exklusiv im Besitz der Wahrheit zu wähnen. Im Besonderen die Unterstellung, dass der Gegner eben nicht wahrheitssuchend sei, ohne dafür robuste Belege zu bringen, qualifiziert zu der Einordnung unter ‚Propaganda‘. Wahrheit ist eine Universalie, die darum auch absolut ist, und es fällt schwer, einem Universalienrealisten zu unterstellen, dass er die Suche nach der Wahrheit verachte.

Hartl setzt die bewusste Lüge mit Götzendienst gleich, da der Grund, etwas anderes über die Wahrheit zu stellen, dann vermutlich das Höchste, der Götze, sei. Aber zumeist stellt sich diese Frage so nicht, denn auch unter Propagandisten gibt es häufig Überzeugungstäter, die keineswegs bewusst die Lüge wählen. Sie sind meist Opfer von vorlaufender Propaganda und Selbstlügen, zuweilen aber auch schlicht von Irrtümern. Fraglos ist es moralisch verwerflich, die bewusste Lüge als Mittel der Propaganda zu rekrutieren, aber ohne robuste Belege bleibt die Unterstellung, der Gegner tue das, moralisch fragwürdig.

Hartl beschäftigt sich mit der Frage, ob der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine moralisch verwerflich sei, wobei doch der Westen, im Besonderen die USA, ebenso Angriffskriege führe. Hartl bemüht hier erst gar nicht das Völkerrecht, nachdem jeder Krieg, der nicht vom UN-Sicherheitsrat beschlossen wurde, illegal ist. Er diskutiert auch nicht die komplexe Frage, ob es einen gerechten Krieg geben könne, und was ein moralisch vertretbarer Casus Belli sei. Hartls Argument hier ist, dass die Meinungsfreiheit einen Unterschied mache. Diese sei in den USA gegeben, in der Russischen Föderation aber nicht. Hartl behauptet, dass eine Kritik an Putin zu 15 Jahren Gulag führe. Das aber ist wohl eher der Propaganda zuzurechnen. Denn die Fälle, in denen Dissidenten tatsächlich inhaftiert wurden, sind genauer zu überprüfen. So wurde der prominente Fall von Nawalny durch einen nachgewiesenen Betrug und Veruntreuung begründet. Die Verurteilung von Pussy Riot basierte auf einer Verletzung des gesetzlich garantierten Religionsfriedens. Kritik an Putin findet dagegen täglich statt, ohne dass es zu einer Verfolgung käme. Dagegen werden im Westen nüchterne Analysten wie Jaques Baud mit existenzbedrohenden Sanktionen belastet, die den Rechtsstaat außer Kraft setzen. Hartls Argument wendet sich dann eher gegen ihn. Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass eine Meinungsfreiheit, die aber die Entscheidungen der Politik nicht beeinflusst und folgenlos bleibt, möglicherweise nur einem Feigenblatt des Narratives der Freiheit dient, und damit kein moralisches oder sachliches Argument wäre.

Fazit

Hartl schließt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Freiheit, im Besonderen für die Meinungsfreiheit, wobei er nicht ausschließt, dass jene Freiheit auch im Westen bedroht ist. Darin kann man ihm sicher zustimmen, zumal die Fälle, in denen die Meinungsfreiheit im Westen bereits massiv ausgehebelt wurden, eklatant und besorgniserregend sind. Hartl klagt aber vor allem ferne Länder wie Russland, China oder Indien an, dass dort die Meinungsfreiheit nicht gegeben sei. Das mag zu einem gewissen Grad stimmen, ist aber auf die Distanz schwer zu überprüfen und zu beurteilen, da diese Darstellungen ebenso unter Propaganda-Verdacht stehen und einer Überprüfung oft nicht stand halten. Das erinnert eher an den Splitter im Auge das Nächsten, wobei der Balken im eigenen Auge übersehen wird. Kritik, die sich an die Ferne richtet, lenkt von naheliegenden Problemen ab.

Das Urteil Hartls, dass Dugin oder zumindest einige seiner Thesen ‚offensichtlich‘ böse seien, bleibt unbegründet und zeigt eher ein Missverständnis Hartls. Böse Ideologien sind wohl eher da zu verorten, die zu Massenmorden führten.

Man muss Dugin keineswegs in Allem zustimmen, zumal man ihm auch viele argumentative Schwächen und Fehler nachweisen kann, aber die Polemik von Johannes Hartl ist zumeist unzutreffend und voller problematischer Unterstellungen. Dennoch kann man diesen Diskurs als gewinnbringend ansehen, da er die jeweiligen Argumente prüft und so das eigene Verständnis zu vielen inhaltlichen Fragen schärfen kann.

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