Intellektuelle, im Besonderen Philosophen, sind geneigt, das Denken schlechthin für die vornehmste Tätigkeit des Menschen zu halten. Es setzt den Menschen vom Tier ab. Wie sonst könnte Wahrheit, Erkenntnis und Weisheit gewonnen werden?
Andere halten das für naiv, denn Denken wird allzu oft als Instrument der Durchsetzung von Interessen verwendet, zur Rechtfertigung von Motiven die nicht im Denken ihren Ursprung haben. Denken sei vielmehr der Überbau, die Firnis auf irrationalen Beweggründen, die nur die Oberfläche veredelt.
In der Tat stellt Denken an sich noch keine moralische Qualität dar. Es gibt sowohl das Motiv des reinen Erkenntnisgewinns und Suche nach dem Guten, als auch die Perfektion des Bösen, das mit intelligenter Anreicherung um so mächtiger wirkt. Intelligente und gebildete Menschen sind darum in moralischer Hinsicht keineswegs dem schlichten Menschen überlegen. Aber auch die Arten des Denkens, ein Nachdenken, Vordenken, Querdenken – mal mehr oder weniger originell, mögen je eine Rolle spielen. Neben dem Selbstbetrug kommen wir schließlich zu den wirkmächtigen Kerngedanken …
Spontane Einfälle und Schnapsideen
Wer kennt es nicht, dass ein plötzlicher Einfall zu weiteren Gedanken führte. Zuweilen entwickelten sich diese weiter zu bedeutenden Entwicklungen … oder entpuppten sich zu bedeutungslosen Phantasmen. Die Offenheit, sich derartigen spontanen Ideen, die aus dem Nichts erscheinen, einer Beobachtung entstammen oder einer Inspiration folgen, ist sicher unabdingbar, um überhaupt das Denken des Menschen zu würdigen.
Diese sind zuweilen aber kaum zu unterscheiden von induziertem Denken, bei dem eine Quelle beabsichtigt, diese als vermeintlich eigene Gedanken im Menschen zu erwecken. Jeder Kommunikator, Werbende und Politiker will gerne Wirkungen im anderen Menschen hervorbringen. Dies muss nicht unbedingt schlecht sein, denn gute Gedanken sollten auch ihre Verbreitung finden. Wenn also ein Sokrates mittels einer Aporie einen Denkprozess in einem Menschen anstoßen will, so wird man dies wohl eher als wertvoll erachten, aber der finstere Sozialingenieur der Macht wird seine Propagandainstrumente sehr wohl manipulativ einsetzen.
Erkenntnisprozesse können also von unterschiedlichen Startpunkten ausgehen und dennoch zu ähnlichen Ergebnissen führen. Das Urteil darüber, ob es sich um höchst wertvolle Gedanken handelt oder die Verführung in eine Scheinrealität, kann oftmals nicht leicht getroffen werden.
Originales und Halbgares
Ein Gedanke, der auf eigener Erkenntnis oder Kreativität beruht, erscheint wertvoller als jener, der auf vorher gebahnten Wegen gewonnen wird. Allerdings ist daran unklar, ob jener ein kaum durchdachter Gedanke bleibt, während der Schüler von den Besten lernen kann. Ein guter Lehrer kann den Vorteil des freien Denkens schnell in den Schatten stellen, denn jene, die das Rad neu erfinden, liefern keineswegs immer einen Mehrwert. Aber auch der Schüler, der auf bereits gemachter Erkenntnis aufbaut, kann diese ebenso als halbverstanden fragwürdiger Qualität sein. Die Autorität von Lehrern ist kein sicheres Qualitätsmerkmal.
Für die Qualität der Erkenntnis ist darum weder die Originalität, noch das Folgen einer Schule von finaler Bedeutung, sondern wie dieser Gedanke durchdacht und verstanden wird. Ebenso wenig ist es von wirklicher Bedeutung, ob man sich einer jüngeren Schule anschließt oder ob man antike Denker zum Lehrer erwählt. Zwar mag es ein Fortschritt sein, veraltete Erkenntnis durch weiterentwickeltes zu ersetzen, aber so manche Entwicklung des Denkens folgt Irrwegen, die vom Pfad wahrer Erkenntnis weg führen. Modernität um ihrer Selbst willen ist ein schwaches Argument.
Instrumentelles und Selbstbetrug
Natürlich ist ein Denken, dass Ziele erreichen will, nicht zwangsläufig schlecht, denn das ist ein wesentliches Moment des Denkens. Die reine Erkenntnis und den Erwerb von Weisheit mögen edlere Motive sein, aber nicht unter allen Umständen. Nicht selten betrügt der Denker sich selbst, in dem er seine Motive für rein und ehrlich hält, aber andere Motive unerkannt das Denken prägen.
Gut und Böse
Denken kann also ausgesprochen gut sein, oder aber zum Bösen führen und darum toxisch sein. Die Unterscheidung drängt sich zuweilen auf, ist aber nicht immer klar zu erkennen. Denn eine Gedanke, der in schmerzhafter Klarheit eine negativen Eindruck erweckt, mag gerade in seiner Unbequemlichkeit zu einer Reife führen, die man ohne den Schmerz nicht erreichen kann. Aber so manch anderer Denkschmerz ist tatsächlich zerstörerisch. Allein das Empfinden, dass ein Gedanke schmerzhaft ist, sagt noch nichts darüber, ob er notwendig und gut ist oder sein Gegenteil.
Ob ein Gedanke tatsächlich unter ein moralisches Urteil von gut und böse zu klassifizieren ist, zeigt sich oftmals erst in einer langen Konsequenz von Denkprozessen. So vertritt Alexander Dugin die These, dass der Universalienstreit im Hochmittelalter die Wurzel einer fatalen Entwicklung der Geistesgeschichte sei. Während die eine Partei der Scholastiker die Ansicht vertrat, dass zentrale Begriffe wie Gerechtigkeit, Wahrheit und ähnliches (Universalien) auf einer tiefen Realität beruhten, die es zu erkennen galt, meinten die Nominalisten, das diese Begriffe nur Namen seien und damit Konstrukte des Denkens, die keineswegs dem Anspruch einer Realität genügen müssten. Letzteres führt nach Dugin zu einem Subjektivismus und Werterealismus, der erst nach Jahrhunderten eine zerstörerische Kraft entfaltet.
Johannes Hartl verriss das Konzept Dugins und nannte es offensichtlich böse. Es hilft dann herzlich wenig, wenn man einen Dritten als Autorität erachtet und das Urteil jener unkritisch übernimmt. Sicher können Argumente helfen, ein sachgerechtes Urteil zu treffen, aber auch das setzt voraus, die Gedanken und Argumente zu verstehen und gegebenenfalls Lücken in der Argumentation zu entdecken. Eine Referenz auf scheinbar Offensichtliches macht das Argument nicht vertrauenswürdig.
Prüfung und Reflektion
Neben der Idee und dem Argument, der Durchdachtheit, Logik und Konsequenz bleibt der Gedanke der Prüfung zentral. Hier geht es nicht mehr um Originalität oder den Eindruck, den ein Gedanke erweckt, sondern dass rigorose Überprüfen dessen, was ein Anderer vorgedacht hat oder was einem selbst einfiel. Nicht nur die Stringenz und Prüfung auf Denkfehler, auf Lücken in der Argumentationskette, auf alternative Deutungen, sondern auch die darunter liegenden Motive, die zu einem Betrug führen können, sind unverzichtbar.
Erst dann gewinnt der Gedanke die Reife, die auch Vorgedachtes in die eigene Schatzkammer der Erkenntnis überführt. Ein Kerngedanke der Aufklärung im Sinne Kants ist, dass man eben nicht blindes Vertrauen in Autoritäten setzen darf, sondern dass man Mut haben muss, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Aber auch Kant ist damit kein Erfinder dieses wichtigen Prinzips. Er baut darauf auf, was bereits in antiken Denkschulen vorgedacht wurde, und was Paulus im 1. Brief an die Thessalonicher 5,21 prominent formulierte:
Prüft alles, das Gute behaltet!
Auch wenn die Formulierung knapp und prägnant ist und gar als selbstverständlich erscheint, so erschließt sich die Radikalität der Formulierung erst durch tieferes Nachdenken. Denn ALLES beinhaltet eben, dass Nichts von der Prüfung ausgenommen wird. Manche Ausleger wollten dann jene Einschränkungen hinzufügen, was man eben nicht hinterfragen dürfte – und kämmen damit die Forderung gegen den Strich. Man kann natürlich umfassend elaborieren, was denn unter einer Prüfung zu verstehen sei, wie diese durchzuführen sei etc. Hier sei verkürzt zu antworten: Die Prüfung muss dem Prüfgegenstand angemessen sein. Also auch das Prüfverfahren ist jeweils einer Prüfung auf Angemessenheit zu unterziehen.
Ferner ist die Frage, was denn das Gute sei, ebenso einer iterativen Prüfung zu unterziehen und keineswegs ein vorgegebener absoluter Endpunkt. Notwendig, aber nicht hinreichend ist die Feststellung, dass das Gute wohl der Wahrheit entsprechen müsse und nicht einer Lüge oder betrügerischen Interessen dienen dürfe, auch nicht eigener Interessen.
Prägende Kerngedanken
Der Gedanke der radikalen Prüfung mag gerade in seiner Selbstverständlichkeit, die manche damit verbinden, als unauffälliger Kerngedanke dienen. Denn nicht jeder Gedanke entfaltet gleiche Maßen Wirkmächtigkeit. Geistreiche Ideen, überraschende Argument und folgerichtige Herleitung mögen samt und sonders ihren Wert haben, aber nur wenige davon erweisen sich als prägende Prinzipien. Kerngedanken mögen nur im Einzelnen diese Bedeutung erlangen oder gar ganze Epochen nachhaltig beeinflussen.
Kerngedanken sind auch nicht stets gut aus einem moralischen Blickwinkel, und auch nicht immer der Wahrheit entsprechen. Die Propaganda versucht, ebenso prägende Kerngedanken zu installieren, die die Wurzel weiterer Urteile darstellen. So gehört der Kerngedanke zum Standardrepertoire der Propaganda:
Der Gegner ist böse. Unser Kampf ist gut
Dies wird in vielen Varianten durchexerziert: so kann das Wort ‚böse‘ ersetzt werden durch ‚faschistisch‘, menschenfeindlich‘, ‚grausam‘, klassenfeindlich‘, ‚kapitalistisch‘, ‚reaktionär‘ oder was auch immer in der konkreten Situation als synonym für das Böse gilt. Es ist dann unerheblich, ob das zugeordnete Attribut tatsächlich einer zutreffenden Analyse entspricht, oder ob es sich lediglich um eine funktionale Lüge handelt. Ist der Gedanke erfolgreich installiert, so entfaltet er seine Wirkmacht und blockiert weitere Analysen, di ggf. zu anderen Urteilen kommen könnte.
Denn selbstverständlich gibt es tatsächlich böse Menschen und Kräfte, und selbstverständlich kann ein Kampf gegen das Böse notwendig und gut sein. Aber es ist weder von vorne herein klar, ob das zugrunde liegende Urteile zutreffend ist oder ob man sich selbst auf der Seite des Bösen befindet, noch ist klar, ob dieser Grundgedanke hilfreich für den Kampf gegen das Böse ist. Jesus weist zwar sehr wohl darauf hin, dass man dem Bösen widerstehen müsste, aber dass das Böse eben nicht sogleich ausgemerzt werden kann. Selbst wenn das Böse tatsächlich beim Gegner zu identifizieren ist, sollte dieser Gedanke dennoch reflektiert werden, um Hintergründe und passende Strategien zu entwickeln. Der pure Kampfeswille, sich des Bösen zu erwehren, kann allzu leicht instrumentalisiert werden, selbst einem anderen Bösen zu dienen.
Kerngedanken sind meist schlicht und prägend, auch wenn diese zuweilen nicht bewusst sind. Sie können gut sein, wie das Beispiel der radikalen Prüfung zeigt, oder böse, wie an der propagandistischen Zuspitzung erkennbar wird. Es ist eher selten, einen Kerngedanken im eigenen Denken oder dem Denken anderer zu installieren, auch wenn diese gut sein sollten.
Beispiele für Kerngedanken, wie sie oftmals Bedeutung erlangten:
- Gott ist gut. Er liebt mich.
- Ich bin ein Sünder und von mir aus nicht mächtig, das Gute zu tun
- Alles ist relativ. Es gibt keine Wahrheit, der ich mich unterordnen müsste
- Das Kollektiv (Familie, Sippe, Gemeinschaft, Volk) ist wichtiger als ich selbst. Es kann erforderlich sein, dass ich mich dafür opfere.
- Loyalität ist das wichtigste im Leben. Ich bin nur dann wertvoll, wenn ich dem König, dem Herrn, dem Führer oder der Ideologie diene.
- Ich bin der Mittelpunkt meiner Welt. Alles hat mir zu dienen.
Diese Beispiele zeigen, dass auch gegensätzliche Gedanken zu Kerngedanken werden können. Ein Urteil darüber kann natürlich auch mittels Reflektion und Prüfung gefällt werden, aber das Wesen der Kerngedanken ist, dass diese eben nicht mehr überprüft werden, sondern dann, wenn sie den Status des Kerngedankens erlangen, auch ungeprüft seine Wirkmacht entfalten.
Zum Abschluss sei an einen Kerngedanken erinnert, der in letzter Zeit immer mehr seine Wirkmacht verliert:
Audiatur et altera pars (lateinisch für „Gehört werde auch der andere Teil.“ bzw. „Man höre auch die andere Seite.“) ist ein dem römischen Recht entstammender Grundsatz. Er steht für den Anspruch auf rechtliches Gehör. Der Grundsatz bedeutet, dass der Richter alle am Prozess Beteiligten zu hören hat, bevor er sein Urteil fällt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Audiatur_et_altera_pars
Dieser Kerngedanke galt eigentlich nicht nur vor Gericht, sondern in jeder Kontroverse. Entsprechend im Journalismus und der Philosophie. Er gilt ausdrücklich nicht in der Propaganda, die ein Gegensatz zu diesem Prinzip darstellt. Was aber vor wenigen Jahren noch als selbstverständlich galt, wird zunehmend als moralisch verwerflich markiert. So werden jene, die sich dem Argument verpflichtet sehen, zunehmen als Leugner, Verräter, Verschwörungstheoretiker oder Kollaborateur mit dem Feind (z.B. Putinversteher) denunziert.
Welche Kerngedanken prägen nun zunehmend die Gesellschaft? Welche Kerngedanken prägen mich?
